Fraustadt (Posen)

 Fraustadt - in einiger Entfernung südwestlich von Posen (Poznan), wenige Kilometer nordöstlich vom schlesischen Glogau (Glogow) gelegen - entwickelte sich seit dem frühen Mittelalter als Handelsniederlassung und erhielt im 13.Jahrhundert Stadtrechte; ihre Blütezeit besaß die Stadt im 18.Jahrhundert. Infolge der 2.Teilung Polens fiel die Stadt an Preußen. Nach 1945 ist die Kleinstadt das polnische Wschowa (in der Woiwodschaft Zielona Góra) mit derzeit ca. 14.000 Einwohnern.

Einer (später verfassten) Chronik des Klosters in Fraustadt zufolge sollen Juden bereits im Mittelalter in der Stadt gelebt haben und wegen einer von ihnen begangenen sog. Hostienschändung von hier vertrieben worden sein; diese Angaben lassen sich aber quellenmäßig nicht eindeutig belegen. Urkundlich nachweisbar sind Juden in Fraustadt erstmals in Prozessunterlagen aus dem 17. und 18.Jahrhundert; mit Sicherheit siedelten sich schon vorher Juden hier an. Mit dem Übergang der Stadt unter geistliche Herrschaft ging die Zahl der jüdischen Bewohner zurück. Dennoch bildete sich eine jüdische Gemeinde, die - was die Geschäfte ihrer Angehörigen anging - mit den christlichen Stadtbewohnern über Jahre hinweg im Streit lag. 1600 beendete ein Schiedsspruch des polnischen Königs diese Auseinandersetzung: Alle Juden hatten innerhalb einer bestimmten Frist Fraustadt zu verlassen. Die vertriebenen Juden ließen sich - unter dem Schutz eines neuen Grundherrn - vorläufig im benachbarten Geiersdorf nieder. Bis ins beginnende 18.Jahrhundert wurden jüdische Bewohner aus Fraustadt ferngehalten. Um 1720 war es einigen Familien gegen Zahlung eines Schutzgeldes erlaubt worden, zeitlich befristet in Fraustadt zu wohnen. Aus diesem begrenzten Aufenthaltsrecht entwickelte sich eine dauerhafte Ansiedlung, was einen starken Anstieg der jüdischen Familien innerhalb weniger Jahrzehnte zur Folge hatte. Trotz königlichen Dekrets, Fraustadt wieder zu verlassen, gelang es den meisten jüdischen Familien, zunächst in der Neustadt zu verbleiben. Die zwischen 1707 und 1713 in der Provinz Posen wütenden Pestepidemie hinerließ auch in Fraustadt tiefe Wunden. Die jüdischen Bewohner mussten den Ort verlassen, kehrten aber Jahre später wieder hierher zurück.

Um 1760/1765 war der hiesigen Judenschaft die Anlage einer eigenen Begräbnisstätte (an der Töpferstraße) gestattet worden; damit musste man die Verstorbenen nicht mehr auf den Friedhof nach Lissa bringen. Doch Proteste der Stadtbewohner – unterstützt vom Posener Bischof – verzögerten fast zwei Jahrzehnte die Nutzung des Begräbnisgeländes, ehe dann ab 1785 der Friedhof nun dauerhaft belegt werden konnte. Um 1860 wurde auf dem Gelände ein neues Taharahaus errichtet.

Im Jahre 1798 (andere Angabe: 1772) wurde in Fraustadt eine Synagoge errichtet, die allerdings 1801 bei einem Stadtbrand vernichtet wurde; fünf Jahre später erfolgte dann der Wiederaufbau. Nach mehreren Jahrzehnten wurde die inzwischen baufällig gewordene Synagoge niedergelegt und an gleicher Stelle ein Neubau errichtet, der im September 1885 eingeweiht wurde.

                     Synagoge in Fraustadt (hist. Aufn.)

In Fraustadt gab es auch eine kleine jüdische Elementarschule, die in den 1820er Jahren geschaffen wurde und bis wenige Jahre vor Beginn des Ersten Weltkrieges existierte; danach besuchten die jüdischen Kinder die örtliche evangelische Schule.

Juden in Fraustadt:

        --- um 1600 .................... ca. 150 Juden,

--- um 1725 ........................  18 jüdische Familien,

--- 1775 ........................... 214 Juden,

    --- 1793 ........................... 418   “  ,

    --- 1817 ........................... 648   “ (ca. 10% d. Bevölk.),

    --- 1840 ........................... 558   “  ,

    --- 1857 ........................... 600   “  ,

    --- 1880 ........................... 328   “  ,

    --- 1890 ........................... 228   “  ,

    --- 1905 ........................... 266   “  ,

--- 1928 ........................... 145   “  ,

    --- 1933 ........................... 125   “  ,

    --- 1939 (Mai) .....................  44   “  ,

--- 1942 ...........................  ein  “ ().

Angaben aus: Heppner/J.Herzberg, Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden und der jüdischen ..., S. 402

und                The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 1), S. 401

Abwanderung kennzeichnete die Jahre unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg; denn die verschlechterte ökonomische Situation der Stadt – sie lag nun in unmittelbarer Grenzlage zu Polen und war damit von den bisherigen Absatzmärkten isoliert - veranlasste zahlreiche Familien zum Weggang. Trotzdem versuchte die NS-Propaganda, die missliche wirtschaftliche Lage der Bevölkerung mit der „Verjudung“ der Stadt zu erklären, und war damit auch erfolgreich. Die inzwischen nur noch ca. 125 Angehörige zählende Gemeinde war besonders schwer von den 1933 beginnenden Boykottmaßnahmen betroffen.

Während der „Kristallnacht“ wurden die noch vorhandenen jüdischen Geschäfte von SA-Schlägertrupps zerstört, die Synagoge in Brand gesetzt und Juden auf offener Straße verprügelt. Nun versuchten die hier noch verbliebenen Familien zu emigrieren; einem Teil gelang es, die anderen wurden 1941/1942 deportiert und kamen zumeist in den Vernichtungslagern um. Ende 1942 lebte in Fraustadt nur ein einziger Jude, der nur wegen seiner Ehe mit einer „Arierin“ noch Duldung genoss.

Heute sucht man in Wschowa vergeblich nach Zeugnissen jüdischer Geschichte.

Der jüdische Friedhof überstand die Kriegsjahre nahezu ohne größere Schäden. Seit den 1960er Jahren wurde aber damit begonnen, die sichtbaren baulichen Gegebenheiten (Friedhofsmauer, Grabsteine) zu entfernen; so wurden z.B. Grabsteine bei Fundamentarbeiten für neue Gebäude benutzt. Das freigewordene Areal diente dann als Sportplatz. Erst im letzten Jahrzehnt waren Bemühungen zu verzeichnen, die die Öffentlichkeit wieder auf die Existenz des ehemaligen jüdischen Friedhofs hinweisen.

20140411 cmentarz zydowski wschowa ex.jpg Aufn. Marek Argent, 2014, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0

 

In Schlichtingsheim (poln. Szlichtyngowa) – zwischen Fraustadt und Glogau gelegen – gab es zu Beginn des 18.Jahrhunderts eine jüdische Gemeinschaft, die von der hiesigen Gutsbesitzerfamilie (v. Schlichting) das Recht zur Ansässigkeitsmachung erhalten hatte und dafür jährliche Zahlungen zu leisten hatte. Um 1710 war jeder vierte Dorfbewohner mosaischen Glaubens; ihren schmalen Lebenserwerb bestritten die meisten im Kleinhandel in der weiteren Region. Neben dem Friedhof gab es im Dorf auch eine Synagoge, deren Einrichtung die Erlaubnis der Grundherrenfamilie bedurft hatte.

Juden in Schlichtingsheim:

        --- 1713 ........................ 160 Juden,

    --- 1793 ........................ 134   “  ,

    --- 1843 ........................ 110   “  ,

    --- 1858 ........................  67   “  ,

    --- 1890 ........................  21   “  ,

    --- 1937 ........................   3   “  .

Angaben aus: A. Heppner/J. Herzberg, Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden und der jüdischen Gemeinden in den Posener Landen, Bromberg 1909, S. 920

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg löste sich die jüdische Gemeinde auf. Das Synagogengebäude wurde meistbietend versteigert. Nur eine einzige jüdische Familien verblieb bis in die Zeit des Zweiten Weltkrieges im Ort. Der älteste erhaltengebliebene Grabstein des hiesigen Friedhof stammt aus der Zeit um 1750. 

                                 Relikte des jüdischen Friedhofs (Aufn. aus: sztetl.org.pl) 

Weitere Informationen:

A.Heppner/J.Herzberg, Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden und der jüdischen Gemeinden in den Posener Landen, Koschmin - Bromberg 1909, S. 396 – 403 und S.920

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 1), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 400/401

Jewish history of Wschowa (Fraustadt), in: sztetl.org.pl

Wschowa, online abrufbar unter: kirkuty.xip.pl/wschowa (betr. jüdischen Friedhof)