Jutroschin (Posen)

 In der Ortschaft Jutroschin (poln. Jutrosin, derzeit ca. 2.000 Einw.) – südwestlich von Krotoschin (Posen) bzw. östlich von Rawitsch – ließen sich in den Jahrzehnten nach Ende des Dreißigjährigen Krieges erstmals Juden nieder. Ihre durch die Grundherrschaft gesicherte Privilegierung mussten sich die jüdischen Familien durch festgelegte Abgaben erkaufen. Um 1800 lebte der Großteil der Juden Jutroschins vom Handel, aber auch vom Handwerk (als Schneider u. Kürschner).

Ein als Fachwerkbau gegen Ende des 18.Jahrhunderts erstelltes Synagogengebäude wurde 1854 bei einem Brand zerstört; Jahre später verfügte die Gemeinde über eine neue Synagoge, die auch durch Spendengelder benachbarter Posener Gemeinden mitfinanziert wurde; die offizielle Einweihung des Neubaus war im Oktober 1861 erfolgt.

               Synagoge in Jutroschin (hist. Aufn., aus: sztetl.org.pl)

Anm.: Im Zusammenhang der Gemeindeauflösung wurde das Synagogengebäude in den 1930er Jahren profaniert und veräußert.

Eine jüdische Schule existierte seit 1840; zuvor besuchten die Kinder die katholische Ortsschule.

Seit ca. 1800 soll nahe des Ortes ein jüdischer Friedhof bestanden haben; heute sind keinerlei Relikte dieser Begräbnisstätte mehr vorhanden, weil das Gelände während der deutschen Okkupation teilzerstört wurde.

Juden in Jutroschin:

--- 1675 .................... ca.  20 Juden,

--- 1800 ........................ 103   “  ,

--- 1837 ........................ 170   “  (ca. 10% d. Bevölk.),

--- 1840 ........................ 207   "  ,

--- 1848 ........................ 185   “  ,

--- 1861 ........................ 254   “  (ca. 13% d. Bevölk.),

--- 1871 ........................ 193   “  ,

--- 1885 ........................ 148   “  (ca. 8% d. Bevölk.),

--- 1900 ........................ 112   “  ,

--- 1912 ........................  74   “  (ca. 4% d. Bevölk.),

--- 1921 ........................  29   “  ,

--- 1924 ........................  15   “  ,

--- 1939 ........................   8   “  .

Angaben aus: Jutrosin, in: sztetl.org.pl

            http://fotopolska.eu/foto/507/507261.jpgMarkt/Breslauer Straße (hist. Postkarte, um 1910)

Um 1860 bestand die jüdische Gemeinde aus ca. 50 Familien. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges löste sie sich auf Grund von Abwanderung fast völlig auf; 1932 lebten noch drei jüdische Familien im Dorf; sie wurden 1939/1940 ins „Generalgouvernement“ deportiert.

1941/1942 befand sich in der Nähe Jutroschin ein Zwangsarbeitslager für Juden; die Insassen wurden zu Meliorationsarbeiten eingesetzt.

 

Die letzten Grabsteinrelikte des jüdischen Friedhofs wurden in den 1970er Jahren entfernt, so dass heute nichts Sichtbares mehr an diese Begräbnisstätte erinnert.

Michael Friedländer – Orientalist und später Leiter des jüdischen College in London - wurde 1833 als Sohn eines jüdischen Lehrers in Jutroschin geboren. Neben dem Besuch der lokalen katholischen Schule erhielt er seine jüdische Bildung in einer Cheder. Nach einem Studium der klassischen Sprachen (und Mathematik) in Berlin und Halle/Saale war er dann später Leiter der Talmud-Schule in Berlin. Von hier ging er nach London, wo er auf dem jüdischen College jüdische Geschichte, Mathematik und arabische Sprache lehrte. 1910 verstarb Michael Friedländer.

 

Weitere Informationen:

A.Heppner/J.Herzberg, Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden und der jüdischen Gemeinden in den Posener Landen, Koschmin - Bromberg 1909

Jutrosin, in: sztetl.org.pl