Hohenau a.d. March (Österreich)

Datei:Karte A Noe GF 2017.svg Hohenau im Bezirk Gänserndorf ist heute eine kleine Marktgemeinde mit derzeit ca. 2.700 Einwohnern am Dreiländereck Österreich – Tschechien – Slowakei (Kartenskizze Bez. Gänserndorf in Niederösterreich mit Hohenau dunkel markiert, A. 2016, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

 

Schon im Mittelalter lebten Juden rechts der March. Nach ihrer Vertreibung aus Preßburg (um 1530) ließen sie sich in slowakischen Landgemeinden nieder.

Jüdische Familien in dem unmittelbar an der Grenze zur Slowakei gelegenen Hohenau fanden erstmals in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges Erwähnung; im Zusammenhang der Ausweisung der „Mährischen Brüder“ - der Habaner - sollen Juden hierher gelangt sein. Die Existenz eines Bethauses lässt sich urkundlich aus dem Jahre 1638 nachweisen. Angeblich sollen sich die Hohenauer Juden zu den wohlhabendsten in der ganzen Region entwickelt haben; sie waren bevorzugt im Handel und Geldverleih tätig. Von der mit kaiserlicher Weisung erfolgten Vertreibung aller Juden aus Niederösterreich (1670) waren aber auch die jüdischen Familien in Hohenau betroffen. Knapp zwei Jahrhunderte lang war der Ort „judenfrei“, ehe gegen Mitte des 19.Jahrhunderts jüdische Familien aus der Slowakei und Mähren wieder zuwanderten. Sie waren im allgemeinen Handel tätig; den Holz- und Viehhandel entlang der March bestimmten die Hohenauer Juden dabei fast monopolartig.

Gottesdienstliche Zusammenkünfte fanden zunächst in einem Betraum eines Privathauses statt; Ende der 1890er Jahre errichtete die Judenschaft nach Plänen des bekannten Wiener Architekten Max Fleischer eine Synagoge in der Dammgasse; über ihrem Eingang waren zwei steinerne Tafeln mit den Zehn Geboten angebracht.

             Synagoge in Hohenau (hist. Aufn. um 1925, Heimatmuseum)

Die Hohenauer Gemeinde war eine Filialgemeinde von Mistelbach. Ihr waren auch die in den umliegenden Dörfern verstreut lebenden jüdischen Familien aus Nieder-Absdorf, Hausbrunn, Palterndorf, Rabenburg u.a. angeschlossen.

Zunächst wurden die verstorbenen Gemeindeangehörigen aus Hohenau auf jüdischen Friedhöfen in der nahen Slowakei bzw. in St. Johann beerdigt. 1879 wurde ein eigener Begräbnisplatz an der Wachtel-/Falkengasse unweit des christlichen Friedhofs angelegt.

Jüdischer Friedhof in Hohenau (hist. Aufn.)

Anm.: Als einer der ersten Friedhöfe Österreichs wurde das Gelände in Hohenau im Jahre 1933 geschändet.

Juden in Hohenau:

         --- um 1665 ..............   6 jüdische Familien,

    --- 1869 .................  23     “       “    ,

    --- 1934 .................  70 Juden,

    --- 1939 .................  keine.

Angaben aus: Robert Zelesnik, Geschichte der Juden in Hohenau

h107_0034Schlosserei/Eisenhandlung Max Löbl (Th. Gaida, aus: "DAVID" - Jüdische Kulturzeitschrift, No. 107/2015)

Im August 1938 mussten alle Juden Hohenau verlassen; zumeist gingen sie nach Wien. Ein Teil konnte von dort noch rechtzeitig emigrieren und damit ihr Leben retten.

In der „Kristallnacht“ vom November 1938 blieb die Hohenauer Synagoge als eines der wenigen jüdischen Gotteshäuser unberührt; doch 1939 wurde das Gebäude - zusammen mit anderen alten Häusern - niedergelegt. Nur die beiden steinernen Gesetzestafeln, die einst das Eingangsportal zierten, sind bis heute erhalten geblieben.

Zudem erinnert eine Gedenktafel an das ehemalige jüdische Bethaus. Nachweislich wurden 26 gebürtige Hohenauer Juden Opfer der „Endlösung“. 2008 wurde an der Umfriedung der Liegenschaft des ehemaligen jüdischen Bethauses in Hohenau (Dammgasse) durch die Marktgemeinde eine Gedenktafel angebracht; daneben sind die beiden originalen Gesetzestafeln eingemauert.

Gesetzestafeln (aus: Kultur in der Flur, in: marterl.at) 

2021 wurde am Platz der ehemaligen, 1939 abgetragenen Synagoge eine Erinnerungstafel enthüllt

Auf dem bis Ende der 1930er Jahre genutzten, mit einer Mauer umgebenen jüdischen Friedhof in Hohenau befinden sich nahezu 100 Grabsteine, von denen ein Teil jüngst restauriert wurde.

 Friedhof in Hohenau (Aufn. Clemens Mosch, 2020, aus: wikipedia.org, CC-BY 4.0)

 

http://www.bibliothekderprovinz.at/media/img_autor/Heilig.jpg Bruno Heilig wurde 1888 in Hohenau als Sohn eines jüdischen Dorfkaufmannes geboren. Nach dem Ersten Weltkrieg machte er sich als außenpolitischer Redakteur bei namhaften Zeitungen in Budapest, Berlin und Wien einen Namen. Im März 1938 wurde er als Antifaschist von der Gestapo verhaftet und nach Dachau, später nach Buchenwald verbracht. Nach seiner Freilassung (April 1939) emigrierte er mit seiner Familie nach London. Mangelnde englische Sprachkenntnisse erlaubten ihm hier keine journalistische Betätigung. So begann er eine Schlosserlehre in eine der von der Regierung errichteten Lehrwerkstätten und arbeitete anschließend bis zum Sommer 1944 in Kriegsbetrieben. 1941 erschien sein Buch »Men Crucified«, worin er seine Erlebnisse in den Konzentrationslagern schilderte. Nach Kriegsende war er bei einer US-Nachrichtenagentur tätig. 1947 übersiedelte er nach Ost-Berlin und setzte seine journalistische Tätigkeit fort. 1952 verlor er – seit Jahren überzeugter Kommunist - seine Stellung. Fortan machte er sich als Übersetzer aus dem Ungarischen einen Namen und wurde dafür 1960 mit der PEN-Medaille des ungarischen P.E.N. ausgezeichnet. 1968 verstarb er in Ost-Berlin.

 

 

 

Weitere Informationen:

Robert Zelesnik (Bearb.), Geschichte der Juden in Hohenau, in: Hugo Gold (Hrg.), Geschichte der Juden in Österreich - ein Gedenkbuch, Olemanu-Verlag, Tel Aviv 1971, S. 25/ 26

Klaus Lohrmann, Die Wurzeln lebendiger Tradition - Niederösterreich im Spiegel jüdischer Friedhöfe, in: Mahnmale - Friedhöfe in Wien, Niederösterreich und Burgenland, Wien 1992, S. 73 f.

Pierre Genée, Synagogen in Österreich, Löcker Verlag, Wien 1992, S. 80

Die Juden in Hohenau, aus: Ortschronik, o.J., S. 464 ff.

Ida Olga Höffler, Ehemaliges Jüdisches Bethaus in Hohenau – Errichtung einer Gedenktafel, in: "DAVID - Jüdische Kulturzeitschrift", Heft 54 (Sept. 2002)

Tina Walzer, Jüdisches Niederösterreich erfahren - eine Reise durch das Weinviertel der vergangenen 150 Jahre, in: "DAVID - Jüdische Kulturzeitschrift", Heft 62 (Sept. 2004)

Christoph Lind, “Der letzte Jude hat den Tempel verlassen ...” Juden in Niederösterreich 1938 - 1945, Mandelbaum-Verlag, Wien 2004, S. 145 f.

Christoph Lind, Die Zerstörung der jüdischen Gemeinden Niederösterreichs 1938-1945, in: Heinz Arnberger/Claudia Kuretsidis-Haider (Hrg.), Gedenken und Mahnen in Niederösterreich. Erinnerungszeichen zu Widerstand, Verfolgung, Exil und Befreiung, Mandelbaum Verlag, Wien 2011, S. 46 ff.

Thomas Gaida, "11.März 1938: Heil Hitler! Endlich frei! Ein Volk, ein Reich, ein Führer!" - Judenverfolgung in Niederösterreich während des Nationalsozialismus, in: "DAVID - Jüdische Kulturzeitschrift", Heft 107 (Dez. 2015)

Vera Coursolle (Red.), Judenvertreibung: Plötzlich waren sie weg …, in: „NÖN - Niederösterreichische Nachrichten“ vom 1.7.2021

Ulrike Potmesil (Red.), Erinerungskultur Hohenau. Erinnerungstafel am Ort der Synagoge, in: meinbezirk.at vom 16.8.2021

Eva Hinterer (Red.), Jüdische Friedhöfe in NÖ: Rettug vor dem Verfall, in: „NÖN – Niederösterreichische Nachrichten“ vom 2.10.2022