Idar-Oberstein (Rheinland-Pfalz)

  Amt Herrstein  Idar-Oberstein ist heute eine kreisangehörige Stadt mit derzeit ca. 28.500 Einwohnern am südlichen Rand des Hunsrück im Landkreis Birkenfeld - ca. 40 Kilometer nordwestlich von Kaiserslautern gelegen (Ausschnitt aus hist. Karte des Fürstentums Birkenfeld von 1881, aus: wikipedia.org, gemeinfrei  und  Skizze 'Landkreis Birkenfeld', aus: de.academic.com).

Schloss und „Stättlein Oberstein“, M. Merian, um 1650 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

 

Die Herren von Oberstein erlaubten bereits im 16.Jahrhundert die Ansiedlung von Juden in ihrem Dorf; dagegen dürften sich Juden bis 1794 nicht in Idar niederlassen. Für die meisten Juden von Oberstein - und auch von Hoppstädten - waren die Birkenfelder Märkte von zentraler Bedeutung.

[vgl.  Birkenfeld (Rheinland-Pfalz)]

In Oberstein bildeten die Juden lange eine isolierte Bevölkerungsgruppe, die in der „Judengasse“ wohnte; unter Führung von Hayum Herz, dem wohlhabendsten Juden von Oberstein, organisierte sich 1781 die erste jüdische Gemeinde, die sich damals aus 14 Familien zusammensetzte. Erst im Laufe des 19.Jahrhunderts waren die Juden weitgehend in die kleinstädtische Gesellschaft integriert: so waren Juden aktive Mitglieder in lokalen Vereinen und beteiligten sich am kommunalen Geschehen. Zur Obersteiner Judenschaft gehörten auch die jüdischen Familien von Haupersweiler, Herschweiler und Nahbollenbach.

Um 1820 wurde den Obersteiner Juden die Erlaubnis erteilt, in einem Privathaus eine Betstube einzurichten. Als im Laufe der Zeit die Zahl der Gemeindemitglieder wuchs, wurde der Betraum zu klein und der Wunsch nach Errichtung einer eigenen Synagoge kam auf. Schließlich konnte der Synagogenneubau 1876 „Auf der Au“ realisiert werden; im Dezember des gleichen Jahres fand die feierliche Einweihung statt. Zur Finanzierung des Baues verschuldete sich die Gemeinde für ca. 30 Jahre. 1926/1927 wurde die Synagoge total renoviert und anschließend wieder feierlich in Benutzung genommen.

Synagoge in Oberstein, um 1935 - halbrechts im Vordergrund (hist. Aufn., Landesamt für Denkmalpflege)

Religiöse Aufgaben der Gemeinde besorgte ein angestellter Lehrer.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20360/Oberstein%20AZJ%2001111864.jpg  http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20326/Oberstein%20AZJ%2024061873.jpg Anzeigen von 1864 und 1873

                  

Stellenangebote aus: „CV-Zeitung“ vom 17.1.1924 und vom 21.9.1934

Eine jüdische Elementarschule gab es in Oberstein seit Beginn des 19.Jahrhunderts; sie wurde als jüdische Privatschule geführt, d.h. der Lehrer wurde von der Gemeinde bezahlt. Um 1895 wurde die Schule wegen Schülermangels vorübergehend geschlossen, ab 1902 dann wieder betrieben.

Der um 1820 erweiterte Obersteiner jüdische Friedhof befand sich seit Bestehen der Gemeinde in der Seitzenbach; hier wurden auch die Idaer und Sensweilerer Juden beerdigt. Eine hier erbaute Friedhofshofskapelle stammt aus dem Jahre 1914.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20238/Oberstein%20Friedhof%20110.jpg Beerdigungshalle (Aufn. aus: idar-oberstein.de)

Die Gemeinde gehörte zum Landrabbinat Birkenfeld mit Sitz in Hoppstädten. 

Juden in Idar-Oberstein:

                                in Idar:                                                                         in Oberstein:

    --- um 1750                                                  ...............  60 Juden,

    --- 1781                                                     ...............  68   “  (in 14 Familien),

    --- 1808 ................. 24 Juden,                         ...............  44   “  ,

    --- 1871 .................                                   ............... 159   “ ,*      * Bürgermeisterei Oberstein

    --- 1890 ................  64 Juden,**

    --- 1900 ................ 120   “  ,**

    --- 1905 ................ 154   “  ,**

    --- 1910 ................ 192   “  ,** (1,2% d. Bevölk.)

    --- 1933 ............ ca. 130   “  ,**

         --- 1939 (Mai) ...........  61   “  ,**

    --- 1941 (Okt) ..........  18   “  ,**

    --- 1944 ................   2   “  .**               ** Stadt Idar-Oberstein

Angaben aus: Dorothee Meigen, Zur Geschichte der Juden in Idar-Oberstein, ..., S. 12

und                  Edgar Mais, Die Verfolgung der Juden in den Landkreisen Bad Kreuznach und ..., S. 266 - 269

undefinedOberstein um 1875 - Ölgemälde van Prouyen (aus: wikipedia.org, CCO)

 

Vor allem in den 1880er Jahren zogen viele Gemeindemitglieder in die Großstädte oder wanderten aus, vor allem in die USA; kompensiert wurde der jüdische Bevölkerungsverlust allerdings durch eine um die Jahrhundertwende verstärkt einsetzende Zuwanderung.

Anm.: Anfang der 1930er Jahre hatte sich Idar-Oberstein zu einer Hochburg der Nationalsozialisten entwickelt; fast 70% (!) der Wähler hatten bei den Reichstagswahlen 1932 für die NSDAP gestimmt.

Zu Beginn der NS-Zeit lebten in Idar-Oberstein noch etwa 45 jüdische Familien mit ca. 130 - 150 Personen, einschließlich der aus Tiefenstein. Schon Mitte März 1933 kam es am Ort zu ersten gewaltsamen Ausschreitungen gegen Juden; vier SA-Angehörige überfielen eine jüdische Familie in ihrem Hause.

Am Morgen des 10.11.1938 verwüsteten SA-Angehörige - verstärkt durch einen NSKK-Sturm - jüdische Anwesen und misshandelten und demütigten die Besitzer. Im Gegensatz zu Idar kam es in Oberstein zu keinen körperlichen Misshandlungen; vermutlich hatten sich die jüdischen Bewohner rechtzeitig in Sicherheit bringen können. Auch die Synagoge in Oberstein wurde von den marodierenden SA-Trupps erheblich zerstört; die Inneneinrichtung wurde mit Äxten zerschlagen und im Innern in Brand gesetzt. Als eine starke Rauchentwicklung einsetzte, wurde die Feuerwehr alarmiert, die den Brand löschte.

                 Am 12.November 1938 berichtete der „Öffentliche Anzeiger” über die Teilzerstörung der Synagoge:

... Die spontanen Demonstrationen gegen die Juden richteten sich im wesentlichen gegen das Haus, in dem den Juden der Haß gepredigt wird - gegen die Synagoge in der Austraße Oberstein. Eine Schar empörter Männer drang in die Synagoge ein, zertrümmerte die Inneneinrichtung mit Äxten und anderen Werkzeugen und legte dann Feuer an, so daß die Synagoge vollkommen ausbrannte. Ein Weitergreifen des Brandes über das Haus hinaus wurde durch die Feuerwehr verhindert. Den ganzen Tag standen große Scharen vor dem ausgebrannten Gebäude, aus dem verkohlte Balken herausragten und gaben ihrer Genugtuung über diese spontane Aktion unverhohlen Ausdruck.

Im Anschluss an die Ausschreitungen versprach der NSDAP-Kreisleiter der „erfolgreichsten“ NS-Formation das Synagogengebäude als künftiges „Heim“. Die Kommune Idar-Oberstein kaufte das beschädigte Gebäude an und übergab es der Ortsgruppe des Reichsluftschutzbundes, die hier eine Luftschutzschule einrichtete. Das durch Luftangriffe leicht beschädigte Gebäude ging 1950 in den Besitz der jüdischen Kultusgemeinde Bad Kreuznach-Birkenfeld über, die es ihrerseits an einen Schmuckwarenfabrikanten veräußerte, der nach Totalumbau eine Fabrik hier einrichtete.

1938/1939 erreichte die Auswanderungswelle Idar-Obersteiner Juden ihren Höhepunkt; zumeist vermögendere Familien emigrierten in die USA. Zurück blieben meist sozial schwächere Personen, sie wurden in den folgenden Jahren deportiert.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des „Gedenkbuches – Opfer der Verfolgung der Juden ...“ wurden 65 gebürtige bzw. länger in Oberstein und Idar ansässig gewesene Bürger mosaischen Glaubens Opfer der NS-Gewaltherrschaft (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/oberstein_synagoge.htm).

1950 fand vor dem Schwurgericht in Bad Kreuznach ein Prozess gegen aktiv Beteiligte des Novemberpogroms statt. Angeklagt waren der ehem. NSDAP-Kreisleiter und 28 Männer wegen „Verbrechens gegen die Menschlichkeit in Tateinheit mit Anstiftung zum Landfriedensbruch und schwerem Hausfriedensbruch, Religionsbeschimpfung und Körperverletzung“. Die meisten Angeklagten wurden schuldig gesprochen und zu kurzzeitigen Haftstrafen verurteilt. Eine Berufungsverhandlung zwei Jahre später führte dazu, dass gegen 17 Angeklagte das Verfahren eingestellt wurde.

 

In der Grünanlage Niederau ließ die Stadt Idar-Oberstein 1985 einen Gedenkstein aufstellen, der den Angehörigen der einstigen jüdischen Gemeinde am Orte gewidmet ist:

Zum Gedenken an die jüdischen Mitbürger

die in den Jahren des Nationalsozialismus vertrieben oder umgebracht wurden

1933 - 1945

Die Bürgerschaft der Stadt Idar-Oberstein 1985

Mahnmal in Oberstein (Aufn. Verein Schalom Idar-Oberstein, aus: LAG, Rheinl.-Pfalz)

Seit 2002 erinnert nahe des Heimatmuseums ein aus drei Steinblöcken gebildetes Mahnmal an die deportierten und ermordeten jüdischen Bürger der Stadt; neben einer stilisierten Menora sind alle Opfer namentlich genannt.

Gedenktafel Synagoge Oberstein.jpg Am Standort der von 1876 bis 1938 genutzten Synagoge von Oberstein-Idar erinnert eine kleine Tafel (Aufn. Marco Loch, 2017, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 4.0)

Der an der Seitzenbachstraße liegende jüdische Friedhof weist heute insgesamt ca. 110 Grabsteine auf; enthalten sind dabei auch die Steine von der alten Begräbnisstätte, die in die den Friedhof umgebende Mauer eingefügt sind.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20179/Oberstein%20Friedhof%20115.jpg

Friedhofsmauer mit älteren Grabsteinen - Jüngere Gräber (Aufn. O. Frühauf, 2008 bzw. Th. Fillmann, 2014, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Auf Initiative der Stadt und des Schalom-Vereins wurden 2011 im Ortsteil Idar die ersten vier sog. „Stolpersteine“ verlegt; in den Folgejahren kamen im Stadtgebiet weitere hinzu, so dass derzeit ca. 40 Steine in den Gehwegen von Idar-Oberstein zu finden sind (Stand 2022).

verlegt für Angehörige der jüdischen Familie Spitzer (Aufn. Bückler, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 4.0)

 

 

In Weierbach - heute ein Ortsteil von Idar-Oberstein, wenige Kilometer östlich der Kernstadt gelegen - zählte die dortige jüdische Gemeinde gegen Mitte des 19.Jahrhundert ca. 70 Angehörige; um die Jahrhundertwende waren am Ort nur noch zehn Juden ansässig. Nur das ca. 500 m große jüdische Friedhofsgelände auf der Anhöhe "Am Winnenberg" mit seinen wenigen, inzwischen stark verwitterten Grabsteinen erinnert noch daran, dass Weierbach einst die Heimat jüdischer Familien war.

  stark verwitterte Grabsteine (Aufn. Otmar Frühauf, 2011) http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20291/Weierbach%20Friedhof%202011011a.jpghttp://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20291/Weierbach%20Friedhof%202011015.jpg

 

 

In Nahbollenbach – heute ebenfalls ein Ortsteil der Stadt Idar-Oberstein – erinnert ein kleines Friedhofsgelände an ehemalige jüdische Bewohner. Auf dem gegen Mitte des 19.Jahrhunderts geschaffenen Friedhof sind  zehn Grabstelen vorhanden, die aus dem ersten Viertel des 20.Jahrhunderts datieren.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20179/Nahbollenbach%20Friedhof%20112.jpg Friedhof Nahbollenbach (Aufn. Otmar Frühauf, 2008)

 

 

Weitere Informationen:

Dr. Lewin, Geschichte der Juden in der Herrschaft Oberstein, in: "Idarer Anzeiger" vom 9.3.1927

H.P. Brandt, Die Juden in der Herrschaft Oberstein, o.O. o.J.

Alfred Merz, Jüdische Handelssprache in Weierbach, in: "Heimatkalender des Landkreises Birkenfeld 1964"

Willy Franz, Menschen unserer Heimat. Juden an der Nahe, im Westrich und am Glan, in: "Heimatkalender: Beiträge zur Geschichte und Gegenwart des Landes an der oberen Nahe", Idar-Oberstein 1966, S. 91 ff.

Axel Redmer, “Reichskristallnacht” in Idar-Oberstein, in: "Heimatkalender des Landkreises Birkenfeld 1982", S. 54 f.

Max F. Salomon, Erinnerungen an jüdische Familien in Idar-Oberstein und Umgebung um 1933, in: "Heimatkalender Landkreis Birkenfeld 1985"

Dorothee Meigen, Zur Geschichte der Juden in Idar-Oberstein, in: "Schriftenreihe der Kreisvolkshochschule Birkenfeld", 17/1983, Birkenfeld 1986

Edgar Mais, Die Verfolgung der Juden in den Landkreisen Bad Kreuznach und Birkenfeld 1933 - 1945. Eine Dokumentation, in: Heimatkundliche Schriftenreihe des Landkreises Bad Kreuznach, Band 24, Bad Kreuznach 1988

Axel Redmer, Als die Synagoge brannte. Die Reichspogromnacht in Idar-Oberstein, in: A.Redmer, “Es sind nicht immer die Lauten stark ...”, Idar-Oberstein 1993, S. 97 - 105

Cilli Kasper-Holtkotte, Juden im Aufbruch - Zur Sozialgeschichte einer Minderheit im Saar-Mosel-Raum um 1800, in: Forschungen zur Geschichte der Juden, "Schriftenreihe der Gesellschaft zur Erforschung der Juden e.V.", Band 3, Verlag Hahnsche Buchhandlung Hannover, 1996

Rauscher (Stadtarchivar), Bau u. allgemeine Geschichte der ehemaligen Synagoge im Stadtteil Oberstein, Austraße 4, Maschinenmanuskript, Idar-Oberstein 1996

Stefan Fischbach/Ingrid Westerhoff (Bearb.), “ ... und dies ist die Pforte des Himmels “. Synagogen. Rheinland-Pfalz Saarland, Hrg. Landesamt für Denkmalpflege, Mainz 2005, S. 193/194

Reiner Schmitt, Gedenkbuch - Die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung aus den Orten des Birkenfelder Landes 1933 - 1945, o.O. 2011 

Oberstein mit Idar, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Textbeiträgen zur jüdischen Ortshistorie)

Der jüdische Friedhof in Weierbach, in: alemannia-judaica.de (mit zahlreichen Aufnahmen der Grabsteine)

Stadtverwaltung Idar-Oberstein (Hrg.), Stolpersteine erinnern an frühere jüdische Mitbürger, Pressemitteilung vom 28.10.2011

Reiner Schmitt, Das jüdische Bethaus 1780-1876 und die Synagoge 1876 - 1938 in Oberstein/Nahe, 2012

Die Menorah von Idar-Oberstein. Eine deutsch-jüdische Familiengeschichte – nach einem Bericht von Rolf Michael Mayer, in: "Kalonymos – Beiträge zur deutsch-jüdischen Geschichte aus dem Salomon Ludwig Steinheim-Institut", 16.Jg., Heft 3/2013, S. 4 - 8

Jörg Staiber (Red.), Noch elf weitere Steine erinnern an jüdische Bürger, in: „Rhein-Zeitung“ vom 20.3.2013

N.N. (Red.), Gedenken an Nazi-Opfer: In Idar-Oberstein werden weitere sieben Stolpersteine verlegt, in: „Rhein-Zeitung“ vom 21.6.2016

Stadtverwaltung Idar-Oberstein (Hrg.), Weitere Stolpersteine erinnern an Opfer der NS-Zeit, in: idar-oberstein.de/rat-verwaltung/ vom 29.6.2016

Stefan Conradt (Red.), Nur eine Familie überlebte die Verfolgung: Weitere 17 Stolpersteine in Idar-Oberstein verlegt, in: „Nahe-Zeitung“ vom 8.9.2022