Pardubitz (Böhmen)

http://www.icaris.cz/gallery/385/mapa_pardubice.gif  Das ostböhmische Pardubitz a.d. Elbe besaß seit 1340 Stadtrechte; es ist das tschechische Pardubice mit derzeit ca. 90.000 Einwohnern - ca. 95 Kilometer östlich der Hauptstadt Prag bzw. ca. 20 Kilometer südlich von Königgrätz/Hradec Králové gelegen (Kartenausschnitt aus: tripadvisor.com).

Bis Mitte des 19.Jahrhunderts haben nur vereinzelt - und dann auch nur zeitweise - jüdische Familien in Pardubitz gelebt. Der erste Beleg für Ansiedlungen von Juden stammt aber bereits aus dem Jahre 1492. Die adlige Schutzherrschaft erlaubte im 16.Jahrhundert nur einer begrenzten Zahl jüdischer Familien sich in Pardubitz ansässig zu machen; allerdings mussten sie zeitweise ihre Wohnsitze in gewisser Entfernung von der Stadt nehmen und Sondersteuern zahlen, was christliche Kaufleute - um jüdische Konkurrenz auszuschalten - durchgesetzt hatten. Nach dem Dreißigjährigen Krieg – dieser hatte auch in Pardubitz zu enormen Bevölkerungsverlusten geführt - ließen sich wieder eine Reihe jüdischer Familien nieder, die sich zu einer kleinen jüdischen Gemeinschaft zusammenfanden. Doch die antijüdische Haltung des Magistrats der Stadt führte alsbald zu Vertreibung der jüdischen Bevölkerung, die sich nun in Dörfern des Umlandes ansässig machte. Kurzzeitig lebten dann erneut Juden in Pardubitz. Doch Mitte der 1740er Jahre wurden die gesamt jüdische Bevölkerung - auf Grund eines Dekretes Maria Theresias (künftighin kein Jud mehr in Unserem Erbkönigreich Böheimb geduldet werden‘) - erneut und nun für längere Zeit aus der Stadt vertrieben.

Beschreibende Darstellung 24 Pardubitz.jpg Pardubitz um 1845 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Zu Beginn des 19.Jahrhunderts lebten wieder Juden im Ort, allerdings zunächst nur zwei Familien; die allermeisten zur Gemeinde zählenden Familien lebten in umliegenden Dörfern. Nach 1850 zogen innerhalb weniger Jahre zahlreiche Juden aus dem ländlichen Umland in die Stadt; etwa ein Jahrzehnt später gründete sich hier offiziell eine Kultusgemeinde, die in den Jahren 1878/1880 ihre Synagoge nach Plänen des tschechischen Architektenteams Schmoranz & Sohn u. Machytka errichten ließ; das Bauwerk wies deutliche orientalische Merkmale auf. Etwa 25 Jahre später wurde die Synagoge auf Grund der angewachsenen Zahl der Gemeindeangehörigen vergrößert und 1904 erneut eingeweiht.

 Synagoge in Pardubitz (hist. Aufn., aus: ipardubice.sweb.cz , um 1900)                      

Ende der 1860er Jahre wurde eine private jüdische Schule mit deutscher Unterrichtssprache eröffnet; nach etwa 30 Jahren wurde sie geschlossen. Die jüdischen Kinder besuchten nun die tschechische Volksschule.

In den 1880er Jahren richtete die Gemeinde eine neue Begräbnisstätte ein, weil ein älteres Areal – es war schon in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges angelegt worden - auf der Grund der wachsenden Bevölkerung und damit auch der größer werdenden Zahl der Todesfälle nicht mehr ausreichte.

                                  Eingangstor zum jüdischen Friedhof - Taharahaus (hist. Aufn.)  

Juden in Pardubitz:

        --- um 1650 .........................     7 jüdische Familien,

    --- um 1760 ..................... ca.   200 Juden,*      * in der Region Pardubitz

    --- 1801 ............................     2 jüdische Familien,

             ............................    56     "       "    ,**    ** aus Dörfern des Umlandes

--- 1849 ............................     2     “       “    ,

--- 1851 ............................     5     "       "    ,

    --- 1872 ............................   208 Juden,

    --- 1880 ............................   378   “  (ca. 3% d. Bevölk.),

    --- 1890 ............................   402   “  ,

    --- 1900 ............................   489   “  ,

    --- 1910 ............................   553   “  ,                     

    --- 1921 ............................   554   “  ,

    --- 1930 ............................   518   “  (ca. 2% d. Bevölk.),

    --- 1941 ........................ ca. 1.500   "  ,*     * gesamte Gemeinde (mit umliegenden Ortschaften)

    --- 1944 (Dez.) .....................   194   "  .

Angaben aus: Rudolf M. Wlaschek, Juden in Böhmen - Beiträge zur Geschichte des europäischen Judentums ..., S. 25

und                The Jewish Community of Pardubice, Hrg. Beit Hatfutsot - The Museum of the Jewish People

Pardubice Dolezal 1910 03.jpg Marktplatz von Pardubitz, Postkarte, um 1910 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Blick auf die Synagoge im Hintergrund, um 1910 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Mit der deutschen Besetzung ging der schnelle Niedergang der jüdischen Gemeinde einher; kurz vor der Deportation der noch in Pardubitz lebenden Juden wurde deren Gotteshaus geschlossen. Der alte jüdische Friedhof wurde auf Anweisung der deutschen Besatzungsbehörden eingeebnet; die sterblichen Überreste wurden in einem Massengrab auf dem Gelände des Neuen Friedhofs bestattet.

Im Dezember 1942 wurden vom Pardubicer Bahnhof aus in zwei Transporten jeweils etwa 600 Juden aus der Region nach Theresienstadt deportiert; von hier aus führte für die meisten der Weg in die Vernichtungslager.

 

Nur 28 Personen überlebten den Holocaust und kehrten in die Stadt zurück. Man gründete eine neue Gemeinde, die alsbald in einen Synagogenverein umgewandelt wurde, allerdings Jahre später sich ganz auflöste. Nach Kriegsende wandelte man das Synagogengebäude in ein städtisches Kunstmuseum um; Ende der 1950er Jahre erfolgte im Rahmen der Stadtsanierung dessen Abriss. Als einziges Relikt blieb eine marmorne Inschriftentafel erhalten, die 1900 am Synagogengebäude angebracht worden war.

          Inschriftentafel von 1900

Im Gedenken an den 50.Jahrestag der Deportationen aus Pardubitz erinnert seit 1992 eine Gedenktafel sowohl an die Synagoge als auch an die ehemaligen Gemeindemitglieder. Auf einer großen schwarzen steinernen Gedenktafel - auf dem Friedhofsgelände - sind die Namen der 542 jüdischen Opfer festgehalten. Auf demselben Gelände stehen 65 wertvolle historische Grabsteine aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die von dem älteren jüdischen Begräbnisplatz stammen und hierher verbracht wurden.

Eingangstor zum jüdischen Friedhof (Aufn. Fet'our, 2014, aus: wikipedia.org, CCO)

Nový židovský hřbitov v Pardubicích 18.JPG

ältere Grabsteine (Aufn. Michal Louc, 2011 und Eva Skálová, 2005, beide aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 4.0 bzw. 2.5)

Außerhalb der Stadt - an der ehemaligen Hinrichtungsstätte der Gestapo - befindet sich heute ein Denkmal für die Opfer des faschistischen Terrors.

2020 wurden in der Stadt die ersten sechs sog. „Stolpersteine“ verlegt, die an Angehörige der Familien Munk und Weiner erinnern.

 

In der ca. 15 Kilometer südlich von Pardubitz liegenden Ortschaft Slatinian (tsch. Slatiňany, derzeit ca. 4.000 Einw.) erinnern mehrere sog. "Stolpersteine" an ermordete jüdische Bewohner.

Stolperstein für Gustav Herrmann (Slatiňany).jpgStolperstein für Vilma Herrmannova (Slatiňany).jpgStolperstein für Otto Herrmann (Slatiňany).jpgStolperstein für Ervin Herrmann (Slatiňany).jpg

vier Stolpersteine für Angehörige der Fam. Herrmann (Aufn. F.P. Torrejón, 2018, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 4.0)

 

Weitere Informationen:

Jaroslav Rokycana, Zur Geschichte der Juden in Pardubitz, in: "Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Cechoslowakischen Republik", 4/1932

J. Sakar (Bearb.), Pardubitz, in: Hugo Gold (Hrg.), Židé a židovské obce v Cechách v minulosti a prítomnosti, Židovské nakladatelství, Brno - Praha 1934, S. 465 - 472

Ferdinand Seibt (Hrg.), Die Juden in den böhmischen Ländern. Vorträge der Tagung des Collegium Carolinum in Bad Wiessee (November 1981), München/Wien 1983

Rudolf M.Wlaschek, Zur Geschichte der Juden in Nordostböhmen unter besonderer Berücksichtigung des südlichen Riesengebirgsvorlandes, in: "Historische und landeskundliche Ostmitteleuropa-Studien", Band 2, Marburg/Lahn 1987

Rudolf M. Wlaschek, Juden in Böhmen - Beiträge zur Geschichte des europäischen Judentums im 19. und 20.Jahrhundert, in: "Veröffentlichungen des Collegium Carolinum", Band 66, R.Oldenbourg-Verlag, München 1997

Jitka Rychlíková, Židovská komunita v Pardubicích 1859 – 1942, Hrg. Pardubice - Východočeské muzeum, 1997

The Jewish Community of Pardubice (Pardubitz), Hrg. Beit Hatfutsot – The Museum of the Jewish People, online abrufbar unter: dbs.bh.org.il/place/pardubice-73615

Jewish Families from Pardubice (Pardubitz), Bohemia, Czech Republic, online abrufbar unter: geni.com/projects/Jewish-families-from-Pardubice-Pardubitz-Bohemia-Czech-Republic/15315

Namentliche Auflistung der Holocaust-Opfer aus Pardubice, online abrufbar unter: vets.cz/vpm/10142-pametni-deska-obetem-holokaustu/

Daniela Honigmann (Red.), Erinnerung an den Holocaust: Stolpersteine gibt es jetzt auch in Pardubice, in: deutsch.radio.cz vom 2.9.2020

Julia Bauer, Virtuelle Rekonstruktion der Synagoge von Pardubice, Diplomarbeit an der TU Wien – Fakultät für Architektur und Raumplanung, Wien 2019

Julia Bauer (Bearb.), Die Synagoge von Padubice und Rekonstruktion der Synagoge Pardubice, in: „DAVID – Jüdische Kulturzeitschrift“, Heft 127/Dez. 2020

Daniela Honigmann (Red.), Erinnerung an den Holocaust: Stolpersteine gibt es jetzt auch in Pardubice, online abrufbar unter: deutsch.radio.cz vom 2.9.2020