Tyrnau/Trnava (Slowakei)

Okres trnava.png Tyrnau ist das westslowakische Trnava (ung. Nagyszombat) mit derzeit ca. 65.000 Einwohnern – ca. 50 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Pressburg/Bratislava gelegen.

Nagyszombat03.jpg

Tyrnau um 1600 (Abb. aus: commons.wikimedia.org, gemeinfrei)

Jüdische Niederlassung in Tyrnau reicht bis ins 12./13.Jahrhundert zurück; damit gehört die Stadt zu eine der ältesten jüdischen Ansiedlungen. Die jüdischen Familien lebten in einem eigenen Viertel und bestritten ihren Lebensunterhalt im Weinhandel und im Geldverleih.

Oftmals waren sie Feindseligkeiten der hier (zumeist deutschen) lebenden Bevölkerung ausgesetzt; auch zu Beginn des 16.Jahrhunderts - vor allem nach der Niederlage der Ungarn bei Mohacs - flammten erneut antijüdische Unruhen auf, zumal den Juden die Schuld an der Katastrophe zugeschrieben wurde. Die judenfeindliche Stimmung - durch die Königin Maria noch gefördert - führte schließlich im Jahre 1539 (unter König Ferdinand) zur Vertreibung der jüdischen Familien, auch die aus der Stadt Tyrnau. Synagoge und Friedhof wurden zerstört.

Eine Wiederansiedlung erfolgte erst in den 1780er Jahren (z.Zt. Joseph II.) - allerdings auch hier wieder begleitet von Animositäten der Einwohnerschaft, die dann nach Tode des Kaisers erneut versuchten, die Juden aus der Stadt zu entfernen.

Im Verlaufe des 19.Jahrhunderts stieg die Zahl der jüdischen Bewohner enorm an.

Im Jahre 1831 errichtete die zunächst kleine Gemeinde eine Synagoge; ca. 25 Jahre später wurde eine Schule eingerichtet.

Ende der 1860er Jahre spaltete sich von der Gemeinde ein streng-orthodoxer Zweig ab, der dann auch über eigene gemeindliche Einrichtungen verfügte; so auch über ein im Stile des Historismus um 1885 erstelltes Synagogengebäude.

Im Jahre 1891/1892 ließ die „Mehrheits-Gemeinde“ einen Synagogenneubau nach den Plänen des Wiener Architekten Jakub Gartner errichten.

vizualizácia exteriéru zrekonštruovanej synagógy Synagoge - Computeranimation (aus: gjk.sk/sk)

Gleichzeitig mit der Anlegung eines Friedhofs (um 1800) wurde eine Chewra Kadischa (Beerdigungsgesellschaft) gegründet, die für die Abwicklung bei Begräbnissen verstorbener Gemeindemitglieder Sorge trug.

Juden in Tyrnau/Trnava:

--- 1857 ...........................   524 Juden,

--- 1900 ....................... ca. 1.750   “   (ca. 15% d. Bevölk.),

--- 1910 ....................... ca. 1.800   “  ,

--- 1930 ....................... ca. 2.700   “  ,*   * einschl. umliegender Dörfer

--- 1941 ....................... ca. 3.600   “  ,

--- 1944 (März) ............... ca.   630   “  .

Angaben aus: The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 3), S. 1332/1333

Während der revolutionären Unruhen 1848/49 kam es in der Stadt zu Gewalttätigkeiten gegenüber jüdischen Bewohnern.

In der - auch nach 1900 - noch weiter wachsenden Gemeinde, deren Angehörige einen beachtlichen Anteil am Wirtschaftsleben der Stadt inne hatten, konnten sich um die Jahrhundertwende zionistische Organisationen etablieren, die zu den einflussreichsten auf slowakischen Boden zählten.

Im Jahre 1918 brachen in Tyrnau/Trnava antijüdisch-motivierte Unruhen aus, bei denen Geschäfte geplündert wurden. Jüdische Geschäftsleute - unter ihnen mehr als 180 Ladenbesitzer, 60 Handwerker und 23 Fabrikanten - bestimmten in der Zwischenkriegszeit weitestgehend das wirtschaftliche Leben der Stadt.

Ak Trnava Tyrnau Slowakei, Blick auf Stadt und Kirchen 0 Blick auf Trnava, um 1930 (hist. Postkarte, aus. oldthing.de)

In den Jahren unmittelbar nach der Gründung des slowakischen Nationalstaates wurde die antijüdische Gesetzgebung dahingehend umgesetzt, dass Geschäfte/Unternehmen „arisiert“ und Juden zur Zwangsarbeit verpflichtet wurden.

Mit der „Umsiedlung“ der Juden aus Preßburg (Bratislava) erreichten fast 1.200 vertriebene Personen Tyrnau, sodass nun hier die jüdische Bevölkerung mehr als 3.600 Menschen erreichte. Im Folgejahr (1942) veranlassten die slowakischen Behörden den Beginn der Deportationen in die Ghettos und Vernichtungslager auf polnischem Boden; insgesamt wurden im Laufe des Jahres 1942 mehr als 80% der in Tyrnau lebenden Juden verschleppt.

Die ca. 600 in der Stadt verbliebenen jüdischen Bewohner wurden dann seitens der deutschen Besatzungsbehörden im September 1944 ebenfalls deportiert.

Nach Ende des Krieges bildete sich in Trnava eine neue jüdische Gemeinde; doch ein Großteil ihrer Angehörigen emigrierte bis 1949 nach Israel und andere Länder.

Vor der Synagoge erinnert ein Mahnmal an die Opfer des Holocaust.

Trnava synagoga Status Quo Ante.JPG Slovakia Trnava Synagoga spredu.JPG

Aufn. Jiri Matejicek, 2011, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0 und Aufn. 2006, aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Im Synagogengebäude (auf der ehem. Frauenempore) ist eine Judaica-Ausstellung des Museums für Jüdische Kultur zu sehen; ansonsten finden im Gebäude Ausstellungen zeitgenössischer Kunst statt.

Das Gebetshaus der ehem. orthodoxen Gemeinde – hier wurden bis in die 1950er Jahre Gottesdienste abgehalten, danach als Lagerhaus benutzt - ist auch erhalten und befindet sich nach einer umfassenden Restaurierung in einem sehr guten Zustand.

Aufn. Sokoljan, 2013, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0

 

In Nadasch (bis 1948 slow. Nádaš, heute Trstín, ung. Pozsonynádas) - ca. 20 Kilometer von Tyrnau/Trnava entfernt - liegen Anfänge jüdischer Ansässigkeit im 17.Jahrhundert, als Flüchtlinge aus Mähren sich in Nadasch niederließen und eine Gemeinde bildeten. Zu deren Einrichtungen zählten eine Synagoge und eine Schule.

In der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts unterstanden 17 umliegende kleinere Ortschaften dem in Nadasch eingerichteten Regional-Rabbinat.

Juden in Nadasch/Nádaš:

--- 1790 ...................... ca. 150 Juden,

--- um 1835 ................... ca. 230   “  ,

--- 1910 .......................... 123   “  ,

--- 1940 ........................... 49   “  .

Angaben aus: The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), S. 866

Während der sog. "Oster-Unruhen" (1848) waren die Juden von Nadasch Gewalttätigkeiten des Mob ausgesetzt, der Wohnungen und Läden demolierte. Infolge Abwanderung vor allem jüngerer Angehörigen verkleinerte sich die Gemeinde nach 1850/60 zusehends.

Unter der Regierung des slowakischen Staates setzte die Verfolgung ein; die wenigen noch im Ort lebenden jüdischen Bewohner verloren ihre Erwerbsgrundlage („Arisierung“) und wurden zu Zwangsarbeit verpflichtet. Im April 1942 erfolgte ihre Deportation in die Ghetto-/Vernichtungslager auf polnischem Boden.

Abandoned Jewish cemetry in Trstín 03.jpgJüdischer Friedhof (Aufn. Doronenko, 2012, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

 

Weitere Informationen:

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust, New York University Press, Washington Square, New York 2001, Vol. 3, S. 1332/1333 (Trnava/Tyrnau) und Vol. 2, S. 866 (Nadas)

Maros Borský, Synagogue Architecture in Slovakia towards creating a memorial landscape of lost community, Dissertation (Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg), 2005, S. 138/139

The Jewish Community of Trnava, Hrg. Beit Hatfutsot – The Museum of the Jewish People, online abrufbar unter: dbs.bh.org.il/place/trnava

Angaben der Stadtverwaltung Trnava

Trnava – Status Quo Synagogue, online abrufbar unter: slovak-jewish-heritage.org

N.N. (Red.), Slovakia: Renovated Status Quo synagogue reopens in Trnava, aus: „Jewish Heritage Europe“ vom 3.2.2016