Werbass/Vrbas (Serbien)

    undefined   Nördlich von Novi Sad (dt. Neusatz, ung. Ujvidek) liegt inmitten des serbischen Teils der Batschka-Region die Kleinstadt Vrbas (dt. Werbass) mit derzeit ca. 24.000 Einwohnern (Kartenskizzen der Region, Abb. aus: wikipedia.org, CCO).

Nach der osmanischen Herrschaft begann im 18.Jahrhundert die Wiederbesiedlung der fast menschenleeren Region. So gründeten im Rahmen der josephinischen Ansiedlungspolitik der Habsburger protestantische Kolonisten aus Süddeutschland, dem Elsass und anderswo (alle als sog. Donauschwabenbezeichnet*) den Ort Neu-Werbass (Novy Vrbas), während in Alt-Werbass überwiegend Serben die Bevölkerung stellten. In der multi-ethnischen Kommune prägten vor allem deutsche Familien in der Folgezeit die Entwicklung: Werbass entwickelte sich im 19.Jahrhundert zu einem Wirtschaftszentrum in der Region; dabei spielten die Errichtung des Großen Batschka-Kanals und die Eröffnung der Bahnlinie zwischen Budapest und Zemum (Semlin) sicherlich eine Rolle.

* „Donauschwaben“ wird als ein Sammelbegriff für die von Ende des 17. bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in die ungarisch-habsburgischen Länder eingewanderten Deutschen benutzt.

 

Einzelne jüdische Familien sollen sich bereits nach der Ansiedlung der ersten „schwäbischen“ Kolonisten hier aufgehalten haben; möglicherweise stammten sie auch aus dem süddeutschen Raum. Spätere Zuzüge von Juden erreichten die Region aus dem österreichischen Mähren und der Slowakei. Ihre Wohnsitze befanden sich zunächst zumeist in Alt-Werbass, ehe sie dann später nach Neu-Werbass übersiedelten.

Anfänglich bestritten die meisten juüdischen Familien ihren Lebensunterhalt im Kleinhandel und -gewerbe; zu Beginn des 20.Jahrhunderts sind auch Unternehmer und Großkaufleute anzutreffen, die die ökonomische Entwicklung mit vorangetrieben und Werbass zu einem Handels- und industriellen Zentrum machten.

Die jüdische Gemeinde von Werbass zählte um 1830/1840 ca. 250 Angehörige.

Das erste Bethaus der Gemeinde – kurzzeitig gab es sowohl in Alt-Werbass als auch in Neu-Werbass eine eigene Gemeinde - befand sich anfänglich in einem Privathaus. Ende der 1850er Jahre wurde dann in der Tempelgasse ein Synagogengebäude errichtet. Etwa sieben Jahrzehnte später wurde in der Wagnergasse die neue Synagoge eingeweiht, in der bis 1943/44 gottesdienstliche Zusammenkünfte abgehalten wurden.

  Vrbas (Stadt) - Wikiwandneue Synagoge (Aufn. Pavle Orbovic, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Die über einen längeren Zeitaum hinweg in Werbass amtierenden Rabbiner waren: Abraham Hochmuth, Leopold Strassere, Dr. Salomon Spira und Dr. Adalbert Krieshaber.

Über Persönlichkeiten, die das Leben innerhalb der jüdischen Gemeinde von Werbass und darüber hinaus prägten siehe: Friedrich Lotz/u.a., Werbass 1785 – 1975. Zur Geschichte der Doppelgemeinde Alt- und Neuwerbaß, S. 122/123

Zu den gemeindlichen Einrichtungen gehörte auch eine Schule, deren Gründung bereits 1838 erfolgt war; wegen ihrer Liberalität genoss sie einen guten Ruf, der auch Schüler aus der Region anzog. In der für alle Konfessionen offenen Schule war Deutsch (später ungarisch) die Unterrichtssprache.

Juden in Werbass /Vrbas):

--- 1820 ....................   14 jüdische Familien,

--- um 1840 .............. ca. 250 Juden,

--- 1858 ....................  252   "  ,

--- 1900 ....................   ?

--- 1931 ....................  209   "  ,

--- 1940 ................ ca.  200   "  .

Angaben aus: Vrbas, in: The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust, Vol. 3, New York University Press, Washington/New York 2001, S. 1415

 

Bis gegen 1920 bestanden zwischen den Konfessionen und Ethnien einvernehmliche Beziehungen, ehe dann zunehmend die israelitische Gemeinschaft immer mehr ausgegrenzt wurde und ihre Angehörigen von Teilen der einheimischen Bevölkerung sich antisemitischen Affronts ausgesetzt sahen: Belästigungen, Diskriminierungen und auch Tätlichkeiten (Häuser und Geschäfte jüdischer Bewohner wurden mit NS-Parolen beschmiert) waren zu verzeichnen. In diesem Zusammenhang fanden nun zionistische Ideen unter der Judenschaft immer mehr Anklang. Auch die politische Entwicklung in Deutschland nach 1933 blieb nicht ohne Auswirkung auf das Zusammenleben der Werbasser Bevölkerung. Besonders nach dem Einmarsch ungarischer Truppen (1941) in die Batschka begann für die Angehörigen der jüdischen Gemeinde die Schreckenszeit: fortan wurden sie völlig an den Rand der Gesellschaft gedrängt, ihre Geschäfte wurden boykottiert, tätliche Angriffe waren nun an der Tagesordnung; auch ihre Gottesdienste in der Synagoge wurden verboten; so musste man auf Privaträumlichkeiten ausweichen. Eine Folge war die Abwanderung eines Teils der jüdischen Bevölkerung in andere Städte.

Diejenigen, die verblieben waren, wurden festgenommen und die Männer zur Zwangsarbeit herangezogen, zahlreiche kamen dabei ums Leben. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen (März 1944) begannen SS-Einheiten zusammen mit der ungarischen Gendarmerie die jüdische Restbevölkerung zu verschleppen; während ein Teil nach Theresienstadt deportiert wurde, wurden die anderen nach Auschwitz abtransportiert. Die Verfolgungsmaßnahmen kosteten etwa 160 ehemaligen Angehörigen der Werbasser Kultusgemeinde das Leben.

Nach Kriegsende kehrten Überlebende (es sollen etwa 15% der jüdischen Vorkriegs-Bevölkerung gewesen sein) nach Vrbas zurück; doch ihr Verbleib war hier nicht dauerhaft; die überlebenden Juden verließen 1948 geschlossen die Stadt, um in Palästina/Israel einen neuen Anfang zu suchen.

1948 wurde das Synagogengebäude zerstört bzw. abgerissen (?), nachdem alle jüdischen Gemeindeangehörigen die Stadt verlassen hatten.

Remembering the Victims Vojvodina Holocaust Memorials | Schriften des  Centrums für Jüdische Studien Am ehemaligen Standort des jüdischen Gotteshauses erinnert heute ein Denkmal - eine Stele, die ehemals sich am Portal des Gebäudes befand (Aufn. aus: vhmproject.org).

Nur der heute stark verwahrloste jüdische Friedhof erinnert noch an die einstige jüdische Bevölkerung der Stadt.

Reste des jüdischen Friedhofs (Aufn. aus: cja.huji.ac.il)

 

 

In den beiden größeren Städten in der Batschka - Subotica und Sombor – gab es vor dem 2.Weltkrieg bedeutende israelitische Gemeinden, deren Synagogenbauwerke heute noch von der Bedeutung der städtischen Judenschaft zeugen.

Restaurierte Synagoge in Subotica (Aufn. Marko Stanojević, 2020   und   Pavle Marjanović, 2018, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

 

Anmerkungen:

Mitte der 1940er Jahre wurden die „Donauschwaben“ aus der Batschka, aus Slawonien, Syrmien und dem Banat vertrieben und Zehntausende auf Befehl Stalins in die UdSSR zwangsdeportiert; viele erlagen den dort herrschenden Lebensbedingungen. Auch der „Antifaschistische Rat der Volksbefreiung Jugoslawiens“ unter Josip Broz Tito ließ Zehntausende Deutsche kollektiv zu „Volksfeinden“ erklären: völlige Rechtlosigkeit und Enteignung, Erschießungen und Einweisung in Straf- und Arbeitslager sollen bis 1948 insgesamt ca. 60.000 Zivilopfer gefordert haben.

In Rumänien der Nachkriegszeit wurden allen hier verbliebenen Banater Schwaben ihre staatsbürgerlichen Rechte entzogen und ihres Besitzes beraubt; zudem deportierte der kommunistische Staat in den 1950er Jahren viele Menschen in die lebensfeindliche Baragan-Steppe. In der Folgezeit gelang durch Flucht und Spätaussiedlung Zehntausenden Banater Schwaben ein Neuanfang in Deutschland.

 

 

 

Weitere Informationen:

Friedrich Lotz/u.a., Werbass 1785 – 1975. Zur Geschichte der Doppelgemeinde Alt- und Neuwerbaß, hrg. vom Werbasser Heimatausschuß, Stuttgart 1975, S. 121 ff.

Vrbas, in: The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust, Vol. 3, New York University Press, 2001, S. 1415

Israel Gutman (Hrg.) Enzyklopädie des Holocaust, - Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden, Verlag Piper München//Zürich, Band 1, S. 147 – 149

Aleksandra Terzić/Željko Bjeljac (Bearb.), The extermination of jewish population and heritage in bačka region of AP Vojvodina (Serbia), Belgrade 2014 (online abrufbar unter: researchgate.net/publication/...)

Stiftung Donauschwäbisches Zentralmuseum (Hrg.), Vrbas, online abrufbar unter: danube-places.eu