Bierstadt (Hessen)

Datei:Bierstadt in Wiesbaden.svg Bierstadt ist seit 1928 ein Stadtteil von Wiesbaden (Karte TUBS, 2012, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Vereinzelt sollen jüdische Familien bereits im 17.Jahrhundert in Bierstadt gelebt haben; der erste Schutzbrief der Nassauischen Landesherren datiert aus dem Jahre 1780. Seit 1817 werden im „Bierstadter Civilstandsregister“ jüdische Familien namentlich dokumentiert. Die kleine jüdische Gemeinde, die sich zu Beginn des 19.Jahrhunderts aus größtenteils in ärmlichen Verhältnissen lebenden Familien zusammensetzte, besaß eine 1827 eingeweihte Synagoge an der Ecke Rathausstraße/Kirchgasse, der heutigen Kirschbornstraße/Poststraße. Zuvor war vermutlich ein Betraum in einem der von Juden bewohnten Häuser vorhanden. 1927 konnte das hundertjährige Bestehen der Synagoge begangen werden. 

   

                        Synagoge in Bierstadt (links: hist. Aufn., Aktives Museum Spiegelgasse, rechts: Bronzerelief auf einer Gedenktafel, Aufn. J. Hahn)

Im Jahre 1927 konnte das hundertjährige Bestehen der Synagoge begangen werden. Ein Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" berichtete wie folgt über die Jubiläumsveranstaltung:

"Bierstadt-Wiesbaden, 11. Juli. Die Gemeinde Bierstadt bei Wiesbaden kann auf ein 100jähriges Bestehen ihres Gotteshauses zurückblicken. Aus diesem Anlaß wurde das Gotteshaus unter großen Opfern seitens auswärtiger Gönner, ehemaliger Bierstädter sowie der hiesigen Mitglieder zu einem seinem Range entsprechenden Raume hergerichtet. Auch die Frauen der Gemeinde trugen zur Verschönerung des Gotteshauses durch Stiftung eines Porauches (Anm.: Vorhang des Thoraschreins) bei. Am Samstag, den 9. Juli, wurde die Wiedereinweihung feierlich begangen. Schon am Freitagabend wurden die Thorarollen feierlich unter den Klängen des Mahtouwo an ihre alte, heilige Stätte gebracht. Am Sabbat fand ein Festgottesdienst statt, bei welchem der Bezirksrabbiner, Herr Dr. Lazarus, Wiesbaden, die Festrede hielt. 
Am Sonntag, den 10. Juli, fand dann die Hauptfeier statt. Verbunden mit der Feier war die Enthüllung einer Gedenktafel für die im Krieg Gefallenen unserer Gemeinde. Der Vorsteher, Herr G. Kahn, begrüßte die Erschienenen, gedachte in bewegten Worten all derer, die in diesen 100 Jahren das Schifflein der Gemeinde steuerten sowie der Gefallenen und flehte Gottes Segen auf die Gemeinde herab. In einer groß angelegten Rede schilderte Herr Bezirksrabbiner Dr. Lazarus die Opferfreudigkeit und den Zukunftsglauben derjenigen, die vor 100 Jahren das Gotteshaus errichtet haben, sowie aller derer, die in diesen 100 Jahren in diesem Gotteshaus in Freud und Leid ihre Gebete gen Himmel richteten. Der Herr Landrat überbrachte die herzlichen Grüße der Behörden und ihre Anteilnahme an dieser Doppelfeier. Der Herr Bürgermeister Irrgang sprach für die politische Gemeinde und betonte …, daß es ihm ein Bedürfnis sei, das gute Verhältnis zwischen der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung hier hervorzuheben. Dasselbe betonte auch der frühere Bürgermeister, Herr Hofmann, der rühmend erwähnte, daß die jüdischen Einwohner Bierstadts stets an erster Stelle standen, wo es galt, Opfer für die Gemeinde zu bringen. Der evangelische Pfarrer überbrachte freundschaftliche Grüße seiner Gemeinde. … Zum Schlusse sprach der Lehrer der Gemeinde, Herr S. J. Rosenberg. Gesänge, vom Wiesbadener Chor unter Leitung des Herrn Lehrer Hees, umrahmten die erhebende Feier, die auf alle einen ersichtlichen Eindruck machte."

Zur Besorgung gemeindlicher religiöser Aufgaben war ein Lehrer angestellt, dessen Tätigkeit auch das Amt eines Vorbeters und Schächters umfasste. Im Gegensatz zu zahlreichen anderen jüdischen Gemeinden war die Lehrerstelle in Bierstadt über Jahrzehnte hinweg von nur einer Person besetzt, so u.a. von Josef Stern, der hier fast 50 Jahre lang tätig war. In einem Nachruf hieß es über ihn:

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20171/Bierstadt%20Israelit%2009021917.jpg  Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9.Febr. 1917

Anm.: In besonderer Erinnerung ist auch der seit 1905 in Bierstadt angestellte Lehrer Jakob Rosenberg, der nach der Deportation mit Frau und Tochter in Auschwitz-Birkenau ermordet wurde.

Begräbnisse fanden zunächst auf dem jüdischen Friedhof in Wiesbaden und ab ca. 1890 auf einem Gelände am Kloppenheimer Weg in Bierstadt statt. 

Der kleinen Gemeinde waren auch die wenigen jüdischen Familien der Ortschaften Dotzheim, Erbenheim und Igstadt*, zeitweise auch Kloppenheim, angeschlossen; seit 1914 nannte diese sich „Jüdische Gemeinde Bierstadt-Erbenheim“. In Erbenheim lebten Ende der 1920er Jahre fast 40 Personen mosaischen Glaubens; sie stellten damit etwa die Hälfte der Gemeindemitglieder. Die Gemeinde gehörte zum Rabbinatsbezirk Wiesbaden.

* In Igstadt lassen sich einzelne jüdische Familien bereits seit dem 16.Jahrhundert nachweisen (laut einer Urkunde von 1569); doch waren es im Laufe der Jahrhunderte stets nur sehr wenige, so um 1900 fünf Familien und 1933 noch fünf Personen.

Juden in Bierstadt:

    --- um 1750 ........................  2 jüdische Familien,

        --- 1824 ........................... 16     "        "   ,

    --- 1843 ........................... 41 Juden,

    --- 1871 ........................... 56   “  (ca. 4% d. Bevölk.),

    --- 1885 ........................... 70   “  ,

    --- 1895 ........................... 65   "  ,

    --- 1905 ........................... 65   “  (ca. 2% d. Bevölk.),

    --- 1928 ....................... ca. 80   “  (in 17 Familien),*   * gesamte Kultusgemeinde 28 Haushalte,

--- 1933 ........................... 48   “  .**                  ** und Igstadt mit 13 Pers.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 1, S. 74

Bierstadt - Kirche u. Schule, Gemälde von F.Henrich 1898 (aus: wikipedia.org, CCO)

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20171/Bierstadt%20Israelit%2026051921.jpg  zwei gewerbliche Anzeigen von 1921 und 1929

Auf Grund der zunehmenden Entrechtung verließ nach 1933 ein Teil der jüdischen Familien Bierstadt.

Während des Novemberpogroms wurde das noch elf Jahre zuvor vollständig renovierte Synagogengebäude im Inneren verwüstet und damit für eine weitere Nutzung unbrauchbar gemacht. Der jüdische Friedhof - bereits Anfang der 1930er Jahre schwer geschändet - wurde 1938 dann vollends zerstört; die Grabsteine wurden abgeräumt.

Von den in Bierstadt geborenen bzw. länger hier lebenden jüdischen Personen sind nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden ..." nachweislich mindestens 23 Opfer der NS-Gewaltherrschaft geworden; aus dem benachbarten Igstadt sollen es sechs Personen gewesen sein (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/bierstadt_synagoge.htm).

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20171/Bierstadt%20Friedhof%20176.jpg Auf dem jüdischen Friedhof Bierstadts (Kloppenheimer Straße), der heute keine Grabsteine mehr aufweist, steht seit 1974 ein Gedenkstein mit den Namen der deportierten Gemeindeangehörigen (Aufn. J. Hahn, 2008); er trägt die Inschrift:

Hier befand sich der Friedhof der Israelitischen Kultusgemeinde Bierstadt 1890 - 1938

Vernichtet während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

1980 wurde am Standort der abgerissenen Synagoge - es hatte nach dem Krieg als Lagerraum gedient - eine Gedenktafel mit der folgenden Inschrift angebracht:

Hier stand seit 1827 die Synagoge der Israelitischen Kultusgemeinde Bierstadt.

Sie wurde durch politische Verelendung und verbrecherische Gewalttat am 9.November 1938 geschändet

und als Gebetshaus unbrauchbar gemacht.

Den Lebenden zur Mahnung - zukünftigen Generationen als Verpflichtung !

Ein Bronzerelief der Synagoge ist über dem Inschriftentext zu sehen (siehe Abb. oben).

An zwei Standorten erinnern in den Gehwegen Wiesbaden-Bierstadts sog. „Stolpersteine“ an Opfer der Shoa.

     Pauline Kanter, Venatorstr. 1, Wiesbaden-Bierstadt.jpg

verlegt für die Familie Levy, Poststr. und  für Pauline Kanter, Venatorstr. (Abb. vom Erinnerungsblatt Levy, aus: am-spiegelgasse.de)

[vgl. Wiesbaden (Hessen)]

 

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 73/74

Barbara Yurtöven, Leben und Leiden der Juden aus Bierstadt, in: 1075 Jahre Bierstadt, Bierstadt 1995, S. 82 – 85

Studienkreis Deutscher Widerstand (Hrg.), Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt, 1995, S. 348 f.

Erinnerungsblatt an die Familie Rosenberg, hrg. vom "Aktiven Museum Spiegelgasse" (online abrufbar)

Heimat- und Geschichtsverein Igstadt e.V. (Hrg.) Igstadter Geschichte(n). Chronik 1, Thorsten-Reiß-Verlag Wiesbaden 2008

Barbara Yurtöven (Red.), Eine Erinnerung für die Ewigkeit. Stolpersteine für Joseph Kahn, Pauline Kanter und Julchen Blumenthal, in: „Wiesbadener Tagblatt“ vom 29.8.2008

Stolpersteine in Wiesbaden 2011 – 2013, Dritter Band der Reihe "Stolpersteine in Wiesbaden …", Wiesbaden 2013

Bierstadt mit Erbenheim, Igstadt und Kloppenheim, in: alemannia-judaica.de (Textdokumjente zur jüdischen Gemeindehistorie)

Heimat- und Geschichtsverein Igstadt e. V. (Hrg.), Sie waren unsere Nachbarn. Geschichte und Schicksale jüdischer Familien aus Igstadt. Aufsätze – Biografien – Dokumente, Thorsten Reiß Verlag, Wiesbaden 2014

Liste der Stolpersteine in Wiesbaden-Bierstadt, online abrufbar unter: am-spiegelgasse.de/wp-content/html/stolpersteine/ (Anm. mit Informationen zu den einzelnen jüdischen Familien)

Auflistung der Stolpersteine in Bierstadt, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Bierstadt