Billigheim (Rheinland-Pfalz)

Südliche Weinstraße Karte Billigheim-Ingenheim ist mit derzeit fast 4.000 Einwohnern eine Ortsgemeinde im Landkreis Südliche Weinstraße, die der Verbandsgemeinde Landau-Land angehört – etwa zehn Kilometer südlich von Landau gelegen (Karte ohne Eintrag von Billigheim, aus: ortsdienst/rheinland-pfalz/suedliche-weinstrasse).

Aus dem Jahre 1510 stammt die erste urkundliche Erwähnung von Juden in Zusammenhang mit Billigheim. Weitere schriftliche Belege tauchen dann erst 200 Jahre später auf. Zu diesem Zeitpunkt waren ca. zehn jüdische Familien hier ansässig, die unter kurpfälzischer Schutzherrschaft lebten.

Seit 1720/1730 existierte eine Synagoge bzw. ein Betraum. Als das marode Gebäude in den 1840er Jahren renoviert werden sollte, wandte sich die jüdische Kultusgemeinde an die Kommune, die ihrerseits einen finanziellen Zuschuss bereitstellte. Weitere Sanierungsarbeiten an der kleinen Synagoge mit ihren etwa 50 Plätzen fanden um 1880 statt. Teil einer Seite aus dem 1726 begonnenen Memorbuch der Gemeinde Billigheim:

Gegen Mitte des 19.Jahrhunderts erreichte die Kultusgemeinde Billigheim - mit mehr als 100 Angehörigen - ihren personellen Höchststand.

                           Offizielles Gemeindesiegel

Nach 1855 lässt sich für einige Jahrzehnte auch eine jüdische Schule in Billigheim nachweisen, die die religiöse Unterweisung der Kinder sicherte. Ein eigenes ‚Schullocal’ war allerdings nicht vorhanden, und so fand der Unterricht in Privathäusern statt.

Ein eigenes Beerdigungsgelände besaß die Billigheimer Judenschaft zu keiner Zeit; ihre Verstorbenen fanden ihre letzte Ruhe auf dem großen israelitischen Verbandsfriedhof in Ingenheim. Aus dem Jahre 1845 ist ein „Local-Policei-Beschluß” des Bürgermeisteramtes Billigheim überliefert, der das „Leichenbegängniß“ regelte; darin hieß es u.a.:

§ 1.   Die hiesige israelitische Gemeinde, welche mit der isr. Gemeinde zu Ingenheim einen gemeinschaftlichen Friedhof besitzt, ist verbunden einen passenden Leichenwagen auf gemeinschaftliche Kosten herstellen zu lassen, um sich dessen beim Verbringen der Leichen auf den Friedhof zu bedienen.

§ 2.   Wer die Leiche begleiten will, muß anständig gekleidet sein, und die Träger mit einem Hute bedeckt erscheinen.

§ 3.   Leidtragende männlichen Geschlechts ... müssen gleich hinter dem Leichenwagen gehen. Diese folgen die Rabbiner, dann der Lehrer mit der männlichen Schuljugend ... alsdann die Uebrigen langsamen Schrittes im geordneten Zuge. ...

§ 4.   Das bisher übliche Almosen-Sammeln darf nur am Sterbehause, bevor der Leichenzug beginnt, oder außerhalb des Ortes, und überhaupt nur unter der Voraussetzung, daß die eingehenden Geldbeträge zu religiösen oder wohlthätigen Zwecken verwendet werden.

§ 5.   Das Grab muß fertig sein, bevor die Leiche auf dem Friedhof anlangt, damit sie sofort beigesetzt werden kann.

...

Die israelitische Gemeinde Billigheim gehörte zum Rabbinatsbezirk Landau.

Juden in Billigheim (Pfalz):

        --- um 1510 .................... eine jüdische Familie,

    --- 1722 .......................   10   “   n,

    --- 1768 .......................   12   “    ,

    --- 1808 .......................   42 Juden,

    --- 1825 .......................   96   “  (5,5% d. Bevölk.),

    --- 1858 .......................  109   “  ,

    --- 1880 .......................   72   “  ,

    --- 1900 .......................   62   “  ,

    --- 1910 .......................   70   “  ,

    --- 1924 .......................   48   "  (ca. 4% d. Bevölk.),

    --- 1932 .......................   35   “  ,

    --- 1937 .......................   14   “  ,

    --- 1940 .......................    5   “  ,

             (Nov.) ................    keine.

Angaben aus: Bernd Kukatzki, Die Billigheimer Juden, S. 11

Die jüdischen Familien in Billigheim lebten um die Mitte des 19.Jahrhunderts in recht bescheidenen Verhältnissen; Handel und Gewerbe waren ihre Lebensgrundlage. Aus- und Abwanderung führten dazu, dass die Zahl der Gemeindemitglieder ab den 1860er Jahren kontinuierlich zurückging. Zu Beginn der NS-Zeit wohnten nur noch 35 jüdische Bewohner in Billigheim, die als Inhaber von kleinen Ladengeschäften und als Viehhändler ihr Brot verdienten.

Ausgrenzung und Entrechtung führten nun verstärkt zu weiterer Abwanderung. Am Morgen des 10.Novembers 1938 legten NS-Brandstifter in der Synagoge Feuer. Löschversuche wurden zunichte gemacht, sodass das Bethaus völlig eingeäschert und anschließend abgerissen wurde. Auch Ausschreitungen gegen die wenigen noch verbliebenen jüdischen Familien wurden verzeichnet.

Die letzten fünf Bewohner jüdischen Glaubens wurden am 22.Oktober 1940 nach Gurs abtransportiert. Alle kamen ums Leben.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem kamen insgesamt 17 gebürtige bzw. länger am Ort lebende Bewohner jüdischen Glaubens während der NS-Verfolgungen gewaltsam ums Leben (namentliche Nennung der betreffenden Personen siehe: alemannia-judaica.de/billigheim_pfalz_synagoge.htm).

 

Seit 1986 erinnert in Billigheim eine Gedenktafel mit folgendem Text an das Geschehen der NS-Zeit:

Hier stand bis zu ihrer Zerstörung durch die Nationalsozialisten in der Nacht vom 9./10.November 1938

die Synagoge der jüdischen Gemeinde Billigheim.

Mit ihrer Zerstörung und der darauf folgenden Deportierung unserer jüdischen Mitbürger in die Todeslager endete jegliches jüdische Leben in unserem Ort.

Diese Gedenktafel soll zur Erinnerung für die Lebenden und zur Mahnung der kommenden Generation sein.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20322/Billigheim%20Synagoge%201211.jpg Aufn. B. Kukatzki, 2012

Eine gleichlautende Inschrift ist auch in Ingenheim angebracht.

Zwei Stolpersteine erinnern an die jüdische Familie Schwarz. 2020 wurden in der Raiffeisenstraße zwei sog. "Stolpersteine" verlegt, die an Angehörige der jüdischen Familie Schwarz erinnern; sie konnten durch die Emigration in die USA ihr Leben retten.

[vgl. Ingenheim (Rheinland-Pfalz)]

 

Im gleichnamigen badischen Billigheim (im Odenwald) existierte ebenfalls eine jüdische Gemeinde. [vgl. Billigheim (Baden-Württemberg)]

 

Weitere Informationen:

Reinhold Herz, Die Juden in der Pfalz, Philippsburg 1937

Gerda Baruch (geb. Schwarz), Augenzeugenbericht: Die Ereignisse des Novembers und Dezembers 1938 (verfasst 1959/60)

Karl Fücks/Michael Jäger, Synagogen der Pfälzer Juden. Vom Untergang ihrer Gotteshäuser und Gemeinden, Hrg. Jüdische Kultusgemeinde der Rheinpfalz, Neustadt/Weinstraße 1988

Alfred Hans Kuby (Hrg.), Pfälzisches Judentum gestern und heute, in: Beiträge zur Regionalgeschichte des 19./20.Jahrhunderts, Verlag Pfälzische Post, Neustadt a.d.Weinstraße 1992

Bernd Kukatzki, Die Billigheimer Juden, Schifferstadt 1993

Bernhard Kukatzki, Die Israelitische Kultusgemeinde, in: 1300 Jahre Billigheim, Billigheim 1993, S. 237 ff.

Ein edler Stein sei sein Baldachin” - Jüdische Friedhöfe in Rheinland-Pfalz. Eine Ausstellung des Landesamtes für Denkmalpflege, Mainz (1996)

Stefan Fischbach/Ingrid Westerhoff (Bearb.), “ ... und dies ist die Pforte des Himmels”. Synagogen. Rheinland-Pfalz Saarland, Hrg. Landesamt für Denkmalpflege, Mainz 2005, S. 104/105

Otmar Weber, Die Synagogen in der Pfalz von 1800 bis heute: unter besonderer Berücksichtigung der Synagogen in der Südwestpfalz, Hrg. Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Pfalz (Landau), Dahn 2005, S. 44/45

Billigheim (Rheinland-Pfalz), in: alemannia-judaica.de

Janina Croissant (Red.), Billigheim-Ingenheim: Erste Stolperstein-Verlegung am Ort, in: „Die Rheinpfalz“ vom 10.2.2020