Binau (Baden-Württemberg)

Datei:Binau in MOS.svg Binau ist eine zum Neckar-Odenwald-Kreis gehörende kleine Kommune mit derzeit kaum 1.500 Einwohnern - ca. 35 Kilometer nördlich von Heilbronn bzw. 40 Kilometer östlich von Heidelberg gelegen (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

In dem durch mehrfachen Besitzwechsel geprägten Dorf Binau geht die Ansiedlung von Juden vermutlich in die Zeit des ausgehenden 17.Jahrhunderts zurück. Eine Gemeinde bildete sich dann im Laufe des 18.Jahrhunderts; ihren personellen Höchststand erreichte sie um 1840/1850. Zu dieser Zeit stellten die jüdischen Bewohner ca. ein Drittel der Dorfbevölkerung, die insgesamt in recht bescheidenen Verhältnissen lebte. Bis um 1830 waren die Binauer Juden auch zu verschiedenen materiellen Abgaben an die gräfliche Verwaltung verpflichtet; darunter fielen das „Judenschutzgeld“, das „Schlagbaumgeld“, das „Weiberbadgeld“ und die Ablieferung der sog. „Judenzungen“; von jedem geschächteten Stück Vieh war die Zunge an die Herrschaft abzugeben.

Im Zusammenleben mit den christlichen Bewohnern hatten die Juden bestimmte Verhaltensregeln einzuhalten; z.B. wurde ihnen im Jahre 1770 auferlegt:

„ ... Euch Juden wird hiermit gebotten, daß ihr auch an christlichen Feyertägen sollet auf der Gassen still, ruhig und ohne alles Getös verhalten, und wenn aber eure Kinder diesem Obrigkeitlichen Gebott nicht nachkämen und dennoch, wie bisher zu hören geweßen, allerhand Gelärm auf der Gassen an bemelten Tägen verüben sollten, so steht euch neben einer Geldstrafe, die von Vermöglichen genommen wird, denen armen aber die Bezenkammer zu Diensten.”

Aus dem Jahre 1792 ist ein Schreiben der jüdischen Gemeinde an den Grafen Riaucour, der damals der Schutzherr war, überliefert, in dem dieser um finanzielle Unterstützung beim Bau einer neuen Schule bzw. Synagoge gebeten wurde. In dem Brief hieß es:

„ ... Es wird Euer Hochgräflichen Excellenz noch gnädigst bekannt seyn, wie baufällig unsere Schule gewesen und wie sehr wir uns alle vor deren täglichem Einsturz zu fürchten hatten. Diesem Ruin, der bey Christen und Juden das größte Unglück hätte verursachen können, mußten wir zuvorkommen und die Hütte von Grund aus wegreißen lassen. Um eine neue Juden-Schule aufbauen zu können, wendeten wir alle unsere Kräfte an und gingen mit einem authentisirten Collectenbuch auswärts collectiren. Wir brachten auch bey unseren jüdischen Mitbrüdern eine artige Beysteuer zusammen, die aber noch lange nicht zulänglich, unser Vorhaben auszuführen. Wir entlehnten daher noch einige Hundert Gulden aus der Nachbarschaft und sezten unser Bauwesen durch hülfreiche Hand unseres Herrn Amtsmanns mit allem Eifer fort. Der bemelte Bau ist auch vom Zimmermann schon ziemlich hergestellt und wird sehr artig. Es fehlt uns aber noch an manchen Stücken, die zu unserem Gottesdienst und zur Vollendung unserer Schule äußerst nöthig, die wir aber aus unseren eigene Mitteln zu bestreiten unvermögend sind.   Wir nehmen uns daher die Freyheit, Euer Hochgräfl. Excellenz in tiefer Submission anzuflehen, uns zu unserem angefangenen Schulbau, in welchem der Allmächtige verehrt und angebetet werden soll, eine milde Beysteuer gnädigst zufließen zu lassen. Diese uns erzeigende Hohe Milde werden wir mit unterthänigstem Dank erkennen und in diesem neuen Gotteshaus ein Gebet zu Gott schicken, daß er seine Segens-Ströme auf das ganze Hochgräfliche Haus noch viele Jahre fließen lassen wollte! Wir werden auch diese uns gnädigst zugehende Wohlthat durch ein aufgestelltes Denkmahl in unserer neuen Schule verewigen.

(Es folgen Unterschriften)

(aus: Heimatbuch Binau, S. 186 f.)

Um 1795 war der Synagogenbau fertiggestellt, und etwa vier Jahrzehnte später verfügte die Gemeinde auch über eine eigene Schule. Im Synagogengebäude - in der oberen Etage befand sich der Betraum - waren eine Wohnung für den Lehrer/Vorsänger der Gemeinde sowie ein Unterrichtsraum untergebracht.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2030/Binau%20Synagoge%20001.jpg Ehem. jüdisches Gemeindehaus nach 1945 (Abb. aus: H. Rullmann, Binau und seine Menschen ...)

Religiös-rituelle Aufgaben der Gemeinde erledigte ein Lehrer, der zeitweise von der Gemeinde angestellt war. Als sich die Kultusgemeinde in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts verkleinert hatte, wurde der Religionsunterricht durch auswärtige Lehrer erteilt.

  

Anzeigen aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 15.8.1884 und 14.1.1889

Zu den gemeindlichen Einrichtungen zählte auch eine Mikwe, die in einem Anwesen in der Alten Dorfstraße untergebracht war. Gegen Mitte des 19.Jahrhunderts wurde oberhalb der Ortschaft, an der Reichenbucher Straße, nahe dem christlichen Friedhof die Begräbnisstätte der Binauer jüdischen Gemeinde angelegt. Zuvor waren Verstorbene in Heinsheim beigesetzt worden.

Seit 1827 gehörte Binau zum Rabbinatsbezirk Mosbach.

Juden in Binau:

          --- 1788 ...........................   7 jüdische Familien,

    --- 1811 ...........................  15     “       “    ,

    --- 1825 ........................... 113 Juden (ca. 35% d. Dorfbev.),

    --- 1839 ........................... 146   “  ,

    --- 1852 ........................... 127   “  ,

    --- 1875 ...........................  87   “   (ca. 21% d. Dorfbev.),

    --- 1900 ...........................  57   “   (ca. 13% d. Dorfbev.),

    --- 1910 ...........................  40   “  ,

    --- 1925 ...........................  27   “   (ca. 7% d. Dorfbev.),

    --- 1933 ...........................  20   “  ,

    --- 1939 ...........................  15   “  ,

    --- 1940 (Sept.) ...................   7   “  ,

             (Nov.) ....................   keine.

Angaben aus: F. Hundsnurscher/G. Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden, S. 46

Nach 1850/1860 setzte dann auch in Binau eine Abwanderung jüdischer Bewohner ein. Aus diesem Grunde konnten auch die jahrelangen Planungen für den Neubau einer Synagoge nicht mehr realisiert werden.

Um 1930 lebten nur noch wenige jüdische Familien im Dorf; ihren Lebensunterhalt bestritten sie fast ausnahmslos mit dem Viehhandel. So bestanden damals die Viehhandlungen Karl Kaufmann u. Willi Kaufmann (in der Alten Dorfstraße), die Viehhandlung der Fam. Edheimer und die Kleinviehhandlung Jakob Würzburger (in der Reichenbucher Straße) und der Textilladen von Samuel Eisemann (Reichenbucher Straße).

Während des Novemberpogroms zerstörten auswärtige SA-Angehörige den Synagogeninnenraum, und fünf jüdische Männer wurden inhaftiert und ins KZ Dachau gebracht. Mit dem Verlust ihrer Existenz verließ ein Teil der Binauer Juden das Dorf.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20384/Binau%20KK%20MZ%20Strauss%20Simon.jpg J-Kennkarte von Simon Strauß (geb. 1870 in Binau)

Die letzten hier noch verbliebenen sieben Personen wurden Ende Oktober 1940 ins südfranzösische Gurs deportiert.

Von den in Binau geborenen bzw. länger hier lebenden jüdischen Personen sind nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden ..." nachweislich mindestens 22 Opfer der NS-Gewaltherrschaft geworden (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/binau_synagoge.htm).

 Jüdischer Friedhof (Aufn. Sebastian Wallroth, 2006, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Einziges Relikt der untergegangenen jüdischen Gemeinde ist heute der Friedhof an der Reichenbucher Straße. Oberhalb dieses Friedhofgeländes wurde nach Kriegsende auch ein Teil der in den KZ-Außenkommandos Neckargerach und Neckarelz umgekommenen Häftlinge und Zwangsarbeiter begraben. Ein Gedenkstein erinnert an die Opfer der Lager.

Mitglieder der Katholischen "Junge Gemeinde Neckargerach" fertigten den in Neckarzimmern stehenden Memorialstein für die aus Binau verschleppten Jüdinnen und Juden; die vier Fußabdrücke sollen den Weg der Deportierten von Binau via Gurs in den Tod symbolisieren. Eine Doublette des Steins findet man vor dem Eingang des jüdischen Friedhofes in Binau (Aufn. aus: mahnmal-neckarzimmern.de).

In Binau sind bislang zwei „Stolpersteine“ zu finden, die aber erst nach Jahren erheblicher Widerstände seitens der örtlichen Bevölkerung verlegt werden konnten.

Stolperstein für Samuel und Fanny Eisemann verlegt in der Reichenbucher Straße (Aufn. Granpar, 2020, aus: wikipedia.org, CC BY 3.0)

 

Weitere Informationen:

F. Hundsnurscher/G. Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden. Denkmale, Geschichte, Schicksale, in: "Veröffentlichungen der Staatl. Archivverwaltung Baden-Württemberg", Band 19, Stuttgart 1968, S. 45/46

Ernst Brauch (Hrg.), Binau. Kleinod am Neckar (Heimatbuch Binau), Binau 1969, S. 181 - 188

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 379/380

Harald Rullmann, Binau und seine Menschen in alten Aufnahmen, Horb/Neckar 2002

Binau, in: alemannia-judaica.de (mit zumeist personenbezogenen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 46 - 48

Ursula Reuter, Jüdische Gemeinden vom frühen 19. bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts, Bonn 2007, S. 29