Borken (Hessen)

Datei:Borken (Hessen) in HR.svg Borken ist heute eine aus mehreren Stadtteilen bestehende Kommune im Schwalm-Eder-Kreis mit ca. 13.000 Einwohnern (Karte NNW, 2008, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Vereinzelt sollen sich Juden bereits im 14. und 15.Jahrhundert in Borken aufgehalten haben. Nach der Emanzipation wuchs die jüdische Bevölkerung Borkens im Laufe des 19.Jahrhunderts auf mehr als 200 Personen an; in den beiden Jahrhunderten zuvor sollen ständig ca. fünf jüdische Familien in Borken gelebt haben.

Vermutlich seit Anfang des 19.Jahrhunderts verfügte die Gemeinde auch über ein Synagogengebäude mit fast 100 Plätzen. Die ab ca. 1830 bestehende jüdische Religionsschule wurde um 1870 als staatliche Elementarschule anerkannt, und um 1895 besuchten immerhin fast 70 Kinder diese Schule. Als dann mit der Abwanderung auch die Zahl der Kinder stark zurückging, wurde die Schule schließlich geschlossen, die wenigen verbliebenen Schulkinder besuchten fortan die hiesige Volksschule.

Der zweite jüdische Friedhof wurde 1912 an der Jahnstraße angelegt. Zuvor hatte man den seit Mitte des 16.Jahrhunderts bestehenden Verbandsfriedhof im heutigen Stadtteil Haarhausen „Am Eichholz” genutzt, der ursprünglich etwa einem Dutzend anderer kleiner Gemeinden aus der Region um Borken als Begräbnisgelände gedient hatte. Mit der Anlegung eigener Friedhöfe in den umliegenden Dörfern im Laufe des 19. Jahrhunderts gingen Nutzung und Pflege immer weiter zurück, so dass das großflächige Begräbnisgelände in einen beklagenswerten Zustand geraten war. Um den Friedhof in Haarhausen vor Verwüstungen und weiterem Verfall zu bewahren, erging vom Landrabbiner Dr. Prager 1902 ein Aufruf:

Anzeige im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 27.Febr.1903

Derzeit findet man auf dem verkleinerten, doch immerhin noch ca. 8.000 m² großen Gelände in Haarhausen etwa 370 Grabsteine.


Jüdischer Friedhof Haarhausen (links: Beschilderung vor dem Eingang  -  rechts: Teilansicht des Areals, Aufn. J. Hahn, um 2005)

Die Kultusgemeinde Borken unterstand dem Provinzial-Rabbinat Kassel. Zu ihr gehörten auch die Juden aus Freudenthal, Großenenglis, Mühlbach und Raboldshausen. In Raboldshausen lebten relativ viele Juden, um 1860 waren es immerhin fast 100 Personen.

Juden in Borken (Hessen):

        --- um 1780 .......................   7 jüdische Familien,

    --- 1827 ..........................  83 Juden (ca. 7% d. Bevölk.)

--- 1835 ..........................  66   "  ,

    --- 1842 ..........................  70   “   (ca. 5% d. Bevölk.),

    --- 1852 .......................... 120   "  ,

    --- 1861 .......................... 164   “  ,

    --- 1880 .......................... 154   “   (ca. 12% d. Bevölk.),

    --- 1895 .......................... 204   “   (ca. 16% d. Bevölk.),

    --- 1905 .......................... 171   “  ,

    --- 1925 .......................... 145   "  ,

    --- 1933 ...................... ca. 130   “  ,*    * Kultusgemeinde

    --- 1937 ...................... ca.  60   "  ,

    --- 1939 ...................... ca.  20   “  ,

    --- 1942 (Dez.) ...................  keine.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 1, S. 86

Ihren Lebensunterhalt bestritten die Borkener Juden als „Handelsmänner“ mit Kleinwaren, als Metzger und als Pferdehändler.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20159/Borken%20Israelit%2007061900.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20159/Borken%20FrfIsrFambl%2015051908.jpg zwei gewerbliche Anzeigen von 1900 u. 1908

In den Jahren nach 1933 verließ der Großteil der noch in Borken lebenden Juden seinen Heimatort, vor allem die USA boten vielen eine Zuflucht. Innerhalb Deutschlands zogen sie meisten Borkener Juden nach Kassel um.

              aus: "Jüdisches Gemeindeblatt Kassel" vom 8.4.1938

Während des Novemberpogroms wurde die Synagoge geschändet und der Innenraum demoliert. Das äußerlich unversehrte Gebäude wurde wenige Monate später an die Stadt Borken verkauft, die es als Lagerraum benutzte. Vier Jahre nach Kriegsende ging es in Privatbesitz über; Mitte der 1950er Jahre ließ der Eigentümer das baufällig gewordene Synagogengebäude abreißen. Mit der Abmeldung des letzten jüdischen Bewohners im September 1942 war Borken „judenrein“.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des "Gedenkbuches  -Opfer der Verfolgung der Juden ..." sind 67 aus Borken stammende bzw. hier längere Zeit ansässig gewesene jüdische Bürger Opfer der NS-Gewaltherrschaft geworden (namentliche Nnnung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/borken_synagoge.htm).

 

Auf dem Grundstück, auf dem ehemals die Synagoge stand, wurde eine bescheidene Gedenkstätte eingerichtet.

 http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20252/Borken%20Synagoge%20471.jpgGedenkstätte in Borken (Aufn. J. Hahn, 2010)

Seit 1989 erinnert ein Mahnmal mit der folgenden Inschrift an das jüdische Gotteshaus:

Hier stand die Synagoge der ehemaligen jüdischen Gemeinde.

Sie wurde am 9.November 1938 unter der Herrschaft der Nationalsozialisten verwüstet und später abgerissen.

Dieses Mahnmal soll an die Synagoge und die jüdischen Mitbürger erinnern.

 2014 wurden vier sog. „Stolpersteine“ in Borken verlegt; sie erinnern an die Familie Speier. 2017 fanden weitere Steine ihren Platz im Gehwegpflaster.

Stolperstein Levi Speier, 1, Bahnhofstraße 110, Borken, Schwalm-Eder-Kreis.jpgStolperstein Franziska Speier, 1, Bahnhofstraße 110, Borken, Schwalm-Eder-Kreis.jpgStolperstein Brunhilde Speier, 1, Bahnhofstraße 110, Borken, Schwalm-Eder-Kreis.jpgStolperstein Ursula Speier, 1, Bahnhofstraße 110, Borken, Schwalm-Eder-Kreis.jpg

verlegt in der Bahnhofstraße (Aufn. G., 2018, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

        zwei Steine in der Marktstraße  Stolperstein Haune Rosenbusch, 1, Marktstraße 6, Borken, Schwalm-Eder-Kreis.jpgStolperstein Dorchen Rosenbusch, 1, Marktstraße 6, Borken, Schwalm-Eder-Kreis.jpg

Der nördlich des Stadtzentrums gelegene jüdische Friedhof (Jahnstraße/Teichgartenweg) besitzt auf der ca. 1.250 m² großen Fläche nur relativ wenige Grabstätten, die fast ausnahmslos aus der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts stammen. Das Areal ist in einem guten Pflegezustand.

https://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20252/Borken%20Friedhof%20473.jpg jüdischer Friedhof Borken (Aufn. J. Hahn, 2010)

 

Im heutigen Ortsteil Dillich lebten ebenfalls einige jüdische Familien, die ab ca. 1750 nachweisbar sind. Die Zahl der Gemeindemitglieder erreichte aber kaum mehr als 40 - 50 Personen; 1933 waren es noch 17. Das Synagogengebäude am Kirchring war - nach Auflösung der Gemeinde - bereits vor 1938 an einen Privatmann verkauft worden, der es zu einem Wohnhaus umbaute, und entging deshalb der Zerstörung. Beerdigungen fanden auf dem jüdischen Verbandsfriedhof in Haarhausen statt. 

vgl. Dillich (Hessen)

 

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 86/87 (Borken) und und S. 141 /Dillich)

Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945, Hessen II: Regierungsbezirke Gießen und Kassel, VAS-Verlag, Frankfurt/M. 1996, S. 168/169

Thea Altaras, Synagogen und jüdische Rituelle Tauchbäder in Hessen – Was geschah seit 1945?, Königstein i.Ts. 2007, S. 148

personenbezogene Unterlagen des Standesamtes Borken

Borken (Hessen), in: alemannia-judaica.de (mit zahlreichen, zumeist personenbezogenen Angaben der jüdischen Gemeindehistorie)

Rainer Zirzow (Red.), Gedanken stolpern: Erinnerung an das Schicksal der jüdischen Familie Speier, in: "HNA - Hessisch Niedersächsische Allgemeine" vom 12.7.2014

Stadt Borken, Jüdische Zeitreise: Stolpersteinverlegung in Borken ..., in: localo24.de vom 17.5.2017

Auflistung der in Borken (Hessen) verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Borken_(Hessen)