Bützow (Mecklenburg-Vorpommern)

Bildergebnis für landkreis rostock ortsdienst karte Bützow ist eine Kleinstadt mit derzeit ca. 8.000 Einwohnern im Landkreis Rostock (Karte aus: ortsdienst.de/mecklenburg-vorpommern/landkreis-rostock).

Vermutlich haben sich schon wenige Jahrzehnte nach der ersten urkundlichen Erwähnung Bützows im Jahre 1229 Juden hier aufgehalten. Für diese Annahme spricht, dass der damals regierende Bischof Herrmann I. (Graf von Schladen) den Ausbau des Stiftslandes energisch vorantrieb und jüdische Kaufleute und Geldgeber ihn möglicherweise dabei unterstützt haben. Ein weiteres Beleg dafür, dass sich Juden im späten Mittelalter in Bützow aufgehalten haben könnten, ist die Bezeichnung „Judenstraße“ bzw. „Judendamm“.

Von der Vertreibung aller Juden aus Mecklenburg (1492) waren auch die jüdischen Bewohner Bützows betroffen. Bis in die erste Hälfte des 18.Jahrhunderts schweigen dann die Quellen.

 Bützow – Stich M. Merian, um 1650 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Im Jahre 1738 - früher als das in anderen mecklenburgischen Landstädten der Fall war - nahm die in Bützow lebende Herzogswitwe Sophie Charlotte zwei Juden, nämlich Jochim Gumpert und Nathan Hersch, als „Hofjuden“ auf und erteilte ihnen ein Privileg. Deren Familien und Gefolge bildeten dann alsbald eine kleine jüdische Gemeinde. Bis 1760 erhielten mindestens elf Juden ein Privileg für Bützow.

Mit der Anlage eines Friedhofs auf dem Klüschenberg setzt 1740 dann nachweislich die Geschichte der neuzeitlichen jüdischen Gemeinde Bützows ein. Grabsteine aus dieser Zeit sind aber nicht mehr vorhanden, was daran liegen mag, dass die damals in recht ärmlichen Verhältnissen lebenden Gemeindemitglieder sich keine steinernen Grabmale leisten konnten und deshalb Eichenplanken benutzten, die dann im Laufe der Jahrzehnte verrotteten. Auf Grund der Zunahme der Zahl der jüdischen Einwohner wurde 1821 eine Erweiterung des Friedhofgeländes notwendig; das seit den 1880er Jahren im Eigentum der Stadt befindliche Areal ging dann alsbald ins Eigentum der jüdischen Gemeinde über.

Aus den Anfängen der Gemeinde ist auch eine „Judenschule“ belegt, die Unterricht und Gottesdienst in Räumen ausgewählter Privathäuser abhielt. Von 1738 bis 1770 sind insgesamt 18 (!), zumeist aus Osteuropa stammende jüdische Religionslehrer namentlich bekannt. Der stete Wechsel bzw. ihre nur kurzzeitige Tätigkeit mag an den begrenzten finanziellen Mitteln der Gemeinde gelegen haben.

Um 1790 erhielt die jüdische Gemeinde vom regierenden Herzog Friedrich Franz I. die Erlaubnis, ein Synagogengebäude zu errichten. Das zweigeschossige Fachwerkgebäude in der heutigen Mantzelstraße mit seiner im Stil des Spätbarock/Klassizismus ausgeführten Fassade wurde acht Jahrzehnte später um- bzw. ausgebaut.

An der im 18.Jahrhundert bestehenden kleinen Universität Bützow durften Juden studieren und promovieren. Urkundlich belegt sind einige wenige Studierende, die aber nicht aus Bützow stammten.

Juden in Bützow:

        --- um 1770 ................. ca.  10 jüdische Familien,

    --- 1810 ........................  71 Juden (in 15 Familien),

    --- 1825 ........................ 136   “   (ca. 4% d. Bevölk.),

    --- 1848 .................... ca. 130   “   (in 36 Familien),

    --- 1885 ........................  88   “  ,

    --- 1910 ........................  12   “  ,

    --- 1925 ........................   8   “  ,

    --- 1933 ........................   3   “  . 

Angaben aus: Joachim Steinmann, Juden in Bützow, Bützow 1988 (Manuskript, S. 14)

Gegen Mitte des 19.Jahrhunderts erreichte die jüdische Gemeinde Bützow ihren Höchststand. Ihre Mitglieder gehörten damals zumeist dem Kleinbürgertum an. Neben einer Grundversorgung der Bützower Einwohner war die Mehrzahl der jüdischen Geschäfte auch darauf ausgerichtet, das agrarische Umland mit Waren des allgemeinen Bedarfs zu versorgen.

Mit dem Niedergang der Gemeinde, der sich bereits vor der Jahrhundertwende abgezeichnet hatte, wurde 1921 auch das Synagogengebäude verkauft; es diente dann zunächst als Speicher und stand in der Folgezeit unterschiedlichen Nutzern zur Verfügung. Die sehr wenigen, noch in Bützow verbliebenen jüdischen Bewohner gehörten nach der formellen Auflösung der Kultusgemeinde (1922) der Güstrower Gemeinde an.

In der NS-Zeit lebten in Bützow nur noch drei Einwohner mosaischen Glaubens; nach dem Novemberpogrom von 1938 lebte nur noch ein älteres Ehepaar in der Kleinstadt; es wurde Ende 1942 nach Theresienstadt „umgesiedelt“, wo es 1943 verstarb.

Eine geplante Einebnung des jüdischen Friedhof unterblieb zwar, doch wurden gegen Kriegsende Grabsteine zweckentfremdet und beim Bau von Panzersperren benutzt. Auf Befehl des sowjetischen Stadtkommandanten wurden dann die Steine nach 1945 wieder auf ihren angestammten Platz gebracht.

Auf dem jüdischen Friedhof im heutigen Ortsteil Dreibergen an der Landstraße nach Kröpelin, dessen Fläche in den 1950er Jahren zum größten Teil in den Besitz der Stiftskirche übergegangen ist, befinden sich heute noch ca. 70 Grabsteine. 1918 fand hier die letzte Beerdigung statt.

Bildergebnis für bützow jüdischer friedhofhttp://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20417/Buetzow%20Friedhof%20P1010366.jpg

Grabstätten auf dem jüdischen Friedhof Bützow (Aufn. J. Hahn, 2017)

Ein Gedenkstein trägt folgende Inschrift:

Historischer Friedhof der Jüdischen Gemeinde Bützow

Erste Beerdigung um 1740

letzte Beerdigung um 1920

Tröstet, tröstet mein Volk ...

Prophet Jesaja Kap. 40 V.1

Eine davor liegende Tafel informiert:

Aus Bützow wurden deportiert und kamen im Konzentrationslager um

Julius Horwitz und Frau nach 1942 in Theresienstadt

Gustav Josephy 1944 oder 1945 in Auschwitz

Es sei ihre Seele eingebunden in den Bund des Lebens.

In der Stiftskirche in Bützow ist am Kapitell einer Säule des Mittelschiffs ein aus dem 14.Jahrhundert stammendes Relief einer „Judensau“ angebracht; die figürliche Darstellung zeigt Juden und ein Schwein – eine antijüdische blasphemische Skulptur, wie sie in zahlreichen Kirchen des späten Mittelalters anzutreffen war.

 

Weitere Informationen:

Joachim Steinmann, Juden in Bützow, Bützow 1988 (Manuskript)

M.Brocke/E.Ruthenberg/K.U.Schulenburg, Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin), in: "Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum", Band 22, Berlin 1994, S. 274/275

Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus - eine Dokumentation (Band II), Hrg. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1999, S. 398 f.

Vom Leben und Sterben der Bützower Juden von 1737 bis 1945, Bernitt 2000 

Wolfgang Schmidtbauer (Red.), Ohne Schutzgeld keine Ansiedlung, in: "Schweriner Volkszeitung" vom 12.3.2011

Jürgen Gramenz/Sylvia Ulmer, Bützow – Ehemaliges jüdisches Leben in Bützow, in: Die Geschichte der Juden in Mecklenburg, Aufsatz vom 28.5.2016, in: http://www.juden-in-mecklenburg.de/Orte/Buetzow

Jüdischer Friedhof in Bützow, in: alemannia-judaica.de (mit zahlreichen Aufnahmen von 2017)

Frank Liebetanz (Red.), "Judensau-Relief" in Bützow. Schwerer Umgang mit bösem Spottbild, in: "Bützower Zeitung" vom 1.12.2018

N.N. (Red.), Bützow: Soll antisemitisches Relief bleiben?, in: "Nordmagazin" vom 11.2.2020