Dünsbach (Baden-Württemberg)

Datei:Gerabronn in SHA.svg Dünsbach ist seit seiner Eingemeindung (1973) ein Stadtteil von Gerabronn im Landkreis Schwäbisch-Hall in der Region Hohenlohe (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Wann sich die ersten jüdischen Familien in Dünsbach ansiedelten, kann nicht eindeutig urkundlich belegt werden; vermutlich erfolgten die ersten Ansiedlungen zu Beginn bzw. während des Dreißigjährigen Krieges. Schutzbriefe garantierten den wenigen in Dünsbach lebenden Juden ein Wohnrecht und damit gewisse Sicherheit. Doch bereits um 1645 lebten keine Juden mehr im Ort; jüdische Familien müssen sich erst wieder um 1690/1700 angesiedelt haben.

Als um 1810/1820 die Zahl der Juden in Dünsbach anstieg, versuchte man, deren Personenzahl zu begrenzen; so ist in einem Schreiben des hiesigen Amtmanns zu lesen:

„ ... Übrigens ist es einem etc selber bekannt, daß der Ort Dünsbach bereits schon mit Juden - und zwar mit vielen armen - überschwemmt ist, so daß von mehreren die gutsherrlichen Gefälle nicht mehr entrichtet werden können. Man wird es daher der Gutsherrschaft nicht verdenken, wenn sie auf allen Seiten vorbeugt, daß noch mehrere Häuser in den Besitz der Juden kommen, denn wollte man bei der ganz außerordentlichen Fruchtbarkeit dieser Nation allen ortseingeborenen Juden und Jüdinnen gestatten ... sich anzusiedeln, ... so würde Dünsbach bald ein kleines Jerusalem werden. ..”

Die Juden in dem kleinen Dorfe lebten in recht bescheidenen Verhältnissen; Vieh- und Kleinhandel waren ihr Haupterwerb.

Gottesdienste wurden lange Zeit in einem der Privathäuser der Juden abgehalten, ehe dann 1799 ein einfacher Synagogenbau erstellt wurde.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images12/Duensbach%20Synagoge%20001.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images12/Duensbach%20Synagoge%20002.jpg

Synagoge in Dünsbach (hist. Aufn. um 1930, aus: Jüdische Gotteshäuser und Friedhöfe in Württemberg)

Einen eigenen Rabbiner besaß die Gemeinde nicht; zuständig war der Rabbiner von Braunsbach. Zu den Gemeindeeinrichtungen gehörten auch ein Schulgebäude, eine Mikwe und ein eigener Backofen.

Für die verstorbenen Gemeindeangehörigen stand ab den 1820er Jahren ein kleines Friedhofsgelände am Ort zur Verfügung; zuvor mussten die Toten zum jüdischen Friedhof nach Schopfloch, danach nach Braunsbach überführt werden.

File:Jüdischer Friedhof Dünsbach 986.jpg

Friedhof in Dünsbach (Aufn. Matthias Süßen, 2013, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

Juden in Dünsbach:

--- um 1630 .........................   5 jüdische Familien,

--- um 1650 .........................   keine,

--- um 1700 .........................   2 jüdische Familien,

--- 1806 ............................  11     “        “   (ca. 60 Pers.),

--- 1822 ............................  88 Juden,

--- 1828 ............................ 101   “  (ca. 13% d. Bevölk.),

--- 1841 ............................  91   “  ,

--- 1854 ............................ 100   “  ,

--- 1864 ............................  66   “  ,

--- 1880 ............................  35   “  ,

--- 1900 ............................  20   “  ,

--- 1925 ............................  12   “  ,

--- 1933 ............................  10   “   ,

--- 1936 ............................  10   “  ,

--- 1939 ............................   7   “  ,

--- 1941 ............................   keine.

Angaben aus: Gerhard Taddey, Kein kleines Jerusalem - Geschichte der Juden im Landkreis Schwäbisch Hall, S. 278

und                Hansgeorg Kraft, Auf den Spuren der Juden in Dünsbach

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20365/Duensbach%20Dok%20140801a.jpg Gemischtwarenhandlung Rudolf Adler (hist. Karte, Sammlung P.K. Müller)

Nach 1870 ging die Zahl der jüdischen Dorfbewohner stetig zurück; vor allem jüngere Personen wanderten ab, sodass die Gemeinde überalterte. Dies führte schließlich dazu, dass die nur auf wenige Personen geschrumpfte Kultusgemeinde nach dem Ersten Weltkrieg aufgelöst wurde.

Schon vor der NS-Machtübernahme kam es im Dorf zu Belästigungen der noch wenigen jüdischen Bewohner; 1930 wurde auch der jüdische Friedhof geschändet.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20383/Duensbach%20GemZeitung%20Wue%2001031930.jpg aus: "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs" vom 1. 3. 1930

In der Pogromnacht wurde das Synagogengebäude beschädigt, wenig später abgebrochen.

Die letzte jüdische Familie, die bis 1938 am Ort einen Gemischtwarenhandel betrieb, verließ das Dorf und verzog nach Stuttgart; von hier aus wurde sie 1941 deportiert.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden ..." wurden nachweislich zwölf gebürtige bzw. länger in Dünsbach wohnhaft gewesene Juden Opfer der Shoa (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/duensbach_synagoge.htm).

 

Auf dem ehemaligen Synagogengrundstück erinnert heute ein Felsblock mit einer Gedenktafel an den Standort des einstigen jüdischen Gotteshauses.

              http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2027/Duensbach%20Judengasse%20151.jpg (Aufn. J. Hahn, 2003)

2009 wurde am Haus der Familie Adler in der Obersteinacher Straße 2 eine Gedenktafel enthüllt, die folgende Worte trägt:

Wir erinnern an die jüdischen Mitbürger in Dünsbach                                                                                                                                                                            In diesem Haus betrieb Rudolf Anger ein Gemischtwarengeschäft. Heute erinnern auch noch die Judengasse, der Gedenkstein für die Synagoge und der Judenfriedhof an die jüdischen Mitbürger. Seit 1617 lebten Christen und Juden selbstverständlich – wenn auch rechtlich nicht ganz gleichgestellt – zusammen in Dünsbach. Tief traurig macht uns das Ende in der Zeit des Nationalsozialismus: 1941/42 wurden die letzten hier einst lebenden Juden deportiert und später ermordet        ....  es folgen einige Namen ....         Die Erinnerung ist uns Ansporn, Sorge zu tragen für die Verständigung zwischen Juden und Christen und für ein friedliches Zusammenleben im demokratischen Rechtsstaat.

Auf dem ca. 1.050 m² großen jüdischen Friedhofsgelände in Dünsbach findet man noch ca. 75 Grabsteine; der älteste Stein.datiert von 1825.

  ältere Grabsteine (Aufn. Eva Maria Kraiss/Marion Reuter, 2007) http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20180/Duensbach%20Friedhof%20809.jpg

 

Eine der kleinsten jüdischen Gemeinden im Landkreis Svchwäbisch-Hall existierte in Gerabronn; ihre Entstehung geht bis in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts zurück. Gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges lebten keine Juden mehr am Ort; erst Jahrzehnte später siedelten sich erneut Familien an. Um 1830/40 erreichte die Zahl der Gemeindeangehörigen mit ca. 50 Personen ihren Höchststand; infolge von Ab- und Auswanderung sank die Zahl der Familien recht schnell.

Wegen zu geringer Mitgliederzahl wurde die Gemeinde bereits in den 1860er Jahren aufgelöst. Die wenigen Juden Gerabronns schlossen sich dann der immer kleiner werdenden Gemeinde von Dünsbach an; trotzdem fanden in Gerabronn bis 1912 Gottesdienste in privaten Räumlichkeiten statt, die durch Teilnahme jüdischer Männer aus benachbarten Dörfern ermöglicht wurden (Minjan!).

Anzeige der Landesproduktenhandlung Hess von 1891 http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20107/Gerabronn%20Israelit%2031081891.jpg

Zu Beginn der 1930er Jahre lebten in Gerabronn keine jüdischen Bewohner mehr

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden ..." sind drei aus Gerabronn stammende Juden Opfer der Shoa geworden (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/gerabronn_synagoge.htm).

 Israel Landauer (geb. 1843 in Gerabronn) - Bankier, Fabrikant und Mäzen - wurde 1909 als erstem Einwohner der Stadt das Ehrenbürgerrecht von Gerabronn verliehen. Wegen seiner vielseitigen Aktivitäten und Initiativen – er war Begründer der Volksbank Gerabronn, der Molkereigenossenschaft, der Hohenloheschen Nährmittelfabrik, Initiator für den Bau der Bahnlinie Blaufelden-Gerabronn, u.a. - machte er sich um die Stadt verdient. Er war es, der Gerabronn von einem bäuerlich geprägten Dorf zu einem regionalen Gewerbe- u. Industriezentrum mitentwickelte. Heute erinnert eine Straße Gerabronns an die Familie Landauer.

https://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20450/Gerabronn%20Postkarte%201913.jpg.Postkarte anlässlich des Todes von Israel Landauer

 

Weitere Informationen:

Paul Sauer, Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und Hohenzollern. Denkmale - Geschichte - Schicksale, Hrg. Archivdirektion Stuttgart, Kohlhammer Verlag Stuttgart 1966, S. 69

S. Haenle, Geschichte der Juden im ehemaligen Fürstentum Ansbach, o.O. 1967, S. 66

Gerhard Wilhelm Daniel Mühlinghaus, Der Synagogenbau des 17. u. 18.Jahrhunderts im aschkenasischen Raum, Dissertation, Philosophische Fakultät Marburg/Lahn, 1986, Band 2, S. 108/109

Joachim Hahn, Synagogen in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1987, S. 24

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 511/512

Gerhard Taddey, Kein kleines Jerusalem. Geschichte der Juden im Landkreis Schwäbisch Hall, Jan Thorbecke Verlag, Sigmaringen 1992, S. 84/85, S. 118 ff., S. 273 - 282 und Abb. 44 - 46

Frowald G.Hüttenmeister (Bearb.), Der jüdische Friedhof Gerabronn-Dünsbach, Unveröffentlichte Grunddokumentation des Landesdenkmalsamtes Baden-Württ., 1996

Dünsbach (Stadt Gerabronn), in: alemannia-judaica.de

Gerabronn, in: alemannia-judaica.de

Eva Maria Kraiss/Marion Reuter, Bet Hachajim - Haus des Lebens. Jüdische Friedhöfe in Württembergisch Franken, Swiridoff Verlag, Künzelsau 2003, S. 58 – 61

Hansgeorg Kraft, 326 Jahre – Juden in Dünsbach, Manuskript 2007

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 147 – 150

Ralf Garmatter (Red.), Nur ein Jude überlebte den Holocaust – Hansgeorg Kraft erforscht die jüdische Ortsgeschichte von Dünsbach, in: „Evangelisches Gemeindeblatt für Württemberg“ vom 19.10.2008

Hansgeorg Kraft, Auf den Spuren der Juden in Dünsbach – Ein Beitrag zur Heimatgeschichte, Hrg. Evangelische Kirchengemeinde Dünsbach, 2009

Historischer Arbeitskreis für Gerabronn (Hrg.), Israel Landauer – Ein Leben für Gerabronn, 2014

Arbeitskreis Jüdischer Kulturweg. Hohenlohe – Tauber (Bearb.), Gerabronn und Dünsbach (und weitere Orte) – Broschüre oder online abrufbar unter: juedischer-kulturweg..de (letzte Aktualisierung Mai 2018)

Nina Piorr (Red.), Gerabronn. Israel Landauer: ein wichtiger Mann für die Stadt, in: “Südwest Presse” vom 27.7.2018