Coburg (Oberfranken/Bayern)

 Coburg (Landkreis) Karte Coburg mit derzeit ca. 41.000 Einwohnern ist eine kreisfreie Stadt im bayerischen Regierungsbezirk Oberfranken – ca. 40 Kilometer nördlich von Bamberg gelegen (Karten aus:  bayernkurier.de  und  Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, gemeinfrei  und  aus: ortsdienst.de/bayern/landkreis-coburg).

Vom 17. Jahrhundert bis 1918 war Coburg die Residenzstadt der Herzöge von Sachsen-Coburg.

  Stadtansicht Coburg, um 1610 (Abb. aus: stadtgeschichte-coburg.de)

Bereits im Laufe des 13.Jahrhunderts müssen sich Juden in der Coburger Region angesiedelt haben. Bis Mitte des 14.Jahrhunderts entwickelte sich in der Stadt Coburg eine größere jüdische Gemeinde; darauf verweisen Straßen- bzw. Ortsbezeichnungen aus dieser Zeit wie „Judentor“, „Judengasse“, „Judenschule“ und „Judenberg“. Ob die Coburger Juden von den Pestpogromen betroffen waren, kann wegen fehlender historischer Quellen nicht belegt werden. Coburgs mittelalterliche Synagoge wird erstmals 1393 erwähnt; sie stand nahe dem Judentor an der Stadtmauer; vermutlich soll sich in unmittelbarer Nähe auch eine Mikwe befunden haben; ebenfalls war damals ein Friedhof im Westen der Stadt vorhanden. Gegen Mitte des 15.Jahrhunderts löste sich jüdische Gemeinde in Coburg auf; die Juden wurden auf Befehl des Herzogs Wilhelm von Sachsen 1447 vertrieben; die Synagoge wurde zu einer Kirche umfunktioniert und das um 1410/1420 angelegte Friedhofsareal eingeebnet. 1490 wurde das Niederlassungsverbot für Juden in Coburg nochmals erneuert.

  Judenturm und Judengasse (hist. Postkarte, Sammlung J. Hahn)

           ... und heute (Aufn. S., 2008, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)  

Erst im 19.Jahrhundert ließen sich wieder vereinzelt Juden im nahen Umland von Coburg nieder. Der Magistrat der Stadt Coburg hatte bis dahin erfolgreich versucht, Juden von der Stadt fernzuhalten, um lästige Konkurrenz nicht groß werden zu lassen; dabei wurden die verschiedensten Argumente, oft auch antisemitische Klischees gegen eine jüdische Ansiedlung geltend gemacht; so hieß es z.B. in einem Schreiben von 1804: ... Denn es ist Tatsache: Daß da, wo die Juden Handel treiben, suchen sie das Publikum nicht mit tauglichen, ja kaum mit mittelmäßigen Waren zu versorgen; das Meiste, womit sie handeln, ist auf Trug und Schein eingerichtet. Was Manufakturisten und Fabrikanten nirgends abzusetzen vermögen, nimmt ihnen der Jude ab und betrügt damit die ersten Besten aus der bürgerlichen Gesellschaft. Das Gesagte wird dem Juden umso leichter, da diesen eine gewisse Zudringlichkeit zur zweiten Natur geworden ist, womit er viele zu Käufen zu nötigen vermag, eine Zudringlichkeit, die er überdies noch hinter lauter Überredungen und Anlockungen zu verstecken versteht. ...“ (aus: Hubert Fromm, Die Coburger Juden - Geschichte und Schicksal, S. 165)

Daneben berief sich der Coburger Magistrat auch auf das Siedlungsverbot von Juden in Coburg aus dem 15.Jahrhundert. Der regierende Herzog setzte sich aber in Einzelfällen gegen den Coburger Magistrat durch und gestattete wenigen Juden die Ansiedlung in der Stadt. 1872/1873 wurde die „Israelitische Religionsgenossenschaft“ in Coburg begründet.

Verstorbene Coburger Juden wurden zunächst auf den Friedhöfen in Autenhausen bzw. Untermerzbach begraben. Nach dem Erwerb eines Friedhofsgeländes auf dem Glockenberg und der Umwandlung der Nikolauskapelle in eine Synagoge 1873 verfügte die neue Kultusgemeinde dann auch über die notwendigen religiösen Einrichtungen. Ab Anfang der 1870er Jahre stellte die Gemeinde einen Lehrer an, der auch als Vorbeter und Schächter tätig war.

  Stellenanzeige aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 13.11.1872

Fast 40 Jahre bekleidete Simon Oppenheim dieses Amt und prägte in dieser Zeit weitgehend das Gemeindeleben.

Über die Einweihung der neuen Synagoge erschien ein Bericht des Lehrers Oppenheim in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" am 1. Dezember 1873:

Coburg im November 1873 (Privatm.). Bei den religiösen Wirren der Gegenwart, bei der Unduldsamkeit und Verfolgungssucht, welche die Zeloten aller Confessionen zur Schau tragen, ist es umso erfreulicher, von einem Acte berichten zu können, der als eine That der reinsten Humanität und Toleranz mustergültig dasteht. In hiesiger Stadt wohnten bis vor wenigen Jahren nur 3 jüdische Familien. Durch Zuzug von außen hat sich ihre Anzahl auf 25 erhöht. Die meisten Familien traten vor etwa einem Jahre zu einer Gemeinde zusammen, und sorgten zunächst durch Anstellung eines Lehrers für die Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse. Aber es fehlte an einem geeigneten Locale zur Abhaltung des öffentlichen Gottesdienstes. Da wandte sich denn die junge Gemeinde an den Magistrat mit der Bitte, ihr die Nikolaikirche (städtisches Eigenthum), welche wenig benutzt wird, zu diesem Zweck zu überlassen. Was wohl nur Wenige gehofft hatten, Das geschah, Der Magistrat überließ in wahrhaft hochherziger Weise der jüdischen Gemeinde die genannte Kirche zum alleinigen und ewigen Gebrauche. Die Freude über diesen, von der edelsten reinsten Liebe eingegebenen Beschluß vermag meine Feder nicht zu schildern. Sofort machte sich die jüdische Gemeinde an die Arbeit, die ihr überwiesene Kirche zu restauriren und dem Zwecke gemäß einzurichten, sodass dieselbe bereits am Sabbath vor dem Neujahrsfeste eingeweiht, und ihrem nunmehrigen Zwecke übergeben werden konnte. Die Einweihung selbst wurde von dem unterzeichneten Lehrer der Gemeinde vollzogen. Zu derselben waren die Spitzen der Behörden, das Ministerium, der Magistrat, die Stadtverordneten und die Geistlichkeit geladen und erschienen. Zunächst hieß Herr Friedmann die Behörden etc. im Namen der Gemeinde willkommen, und sprach zugleich den Wunsch aus, daß die wenigen Familien, welche der Gemeinde sich noch nicht angeschlossen, doch bald ihren Beitritt erklären möchten ... Alsdann hielt Unterzeichneter nach vorhergegangener Liturgie die Weiherede mit Zugrundelegung des Textes: 'Mein Haus ist ein Haus der Andacht, für alle Völker'. Möge nun auch die Gemeinde sich der ihr erwiesenen Wohlthat würdig zeigen, dadurch, daß sie in ihrem eigenen Schoße Frieden und Einigkeit zu erhalten sich bestrebt, sowie daß sie Humanität und Toleranz als die würdigsten Ziele ihres Strebens betrachtet. Schließlich sei noch erwähnt, dass der jüdischen Gemeinde auch ein Theil des städtischen Begräbnisplatzes zu ihrem ausschließlichen Gebrauche von dem Magistrat überwiesen worden ist.   S. Oppenheim, Lehrer


 Synagoge in Coburg (hist. Aufn., aus: „Bayerische Israelitische Gemeindezeitung“ von 1929)

Gemeindliches Stellenangebot aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19.12.1907 http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2083/Coburg%20Israelit%2019121907.jpg

Über die Situation der Coburger jüdischen Gemeinde wurde in einem Artikel in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums“ vom 3.8.1880 wie folgt berichtet:

Coburg, im Juli. (Privatmitth.) Vor einigen Jahren wurde in diesem Blatte erwähnt, daß sich allhier eine jüdische Gemeinde bildete und zwar ohne staatlichen Schutz und Zwang, lediglich aus dem freien Willen und der Opferwilligkeit der Mitglieder. Selbstverständlich traten nicht alle hiesigen Juden bei. Das Werk, gewiß ein gottgefälliges, ist vollständig gelungen und gedeiht von Jahr zu Jahr mehr. Unser Gottesdienst ist ein sehr erhebender und erweckt den innigsten Antheil. Wir haben das Goldschmidt'sche Gebetbuch eingeführt und benutzen zur Ausfüllung für deutsche Gebete das Ihrige. Unsere Schule zeichnet sich durch tüchtige Leistungen aus. Ein Frauenverein sorgt für die ihm zukommenden Wohlthätigkeitszweige. Wir besitzen einen eignen wohlgepflegten Friedhof, in welchem wir zwar die Leichen auch solcher Juden, die sich von der Gemeinde fern halten, aufnehmen, selbstverständlich jedoch gegen eine ausreichende Vergütung. So hoffen wir, daß unter dem Schutze Gottes, unsere Gemeinde immermehr erblühen und wachsen und das schöne Streben, das sich hier bethätigt, niemals erschlaffen wird. Da eben unsere Gemeinde nur ein Werk der Freiwilligkeit ist, halte ich diese Notizen für nicht ohne Interesse."   

Weit über die Stadtgrenzen Coburgs hinaus war das vom Prediger Hermann Hirsch 1917 gegründete „Knabenpensionat“ bekannt, das als „vornehmes Erziehungsinstitut“ bis Ende der 1930er Jahre bestanden hat.

Werbung aus den 1920er Jahren http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2083/Coburg%20Institut%2002.jpg

Anm.: Bereits in den Jahrzehnten zuvor hatte der jüdische Lehrer/Prediger Simon Oppenheim in Coburg eine ähnliche Einrichtung unterhalten.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20270/Coburg%20AZJ%2018011876.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2098/Coburg%20Israelit%2016011878.jpg Anzeigen 1876 / 1878

Juden in Coburg:

         --- 1382 ...........................   4 jüdische Haushalte,

    --- 1418 ...........................   9     “        “    ,

     --- 1806 ...........................   2 jüdische Familien,

    --- 1869 ...........................  68 Juden  (in 12 Familien),

    --- 1880 ........................... 210   “    (1,3% d. Bevölk.),

    --- 1895 ....................... ca. 240   “  ,

    --- 1910 ........................... 313   “  ,

    --- 1925 ........................... 316   “  ,

    --- 1933 ........................... 220   “  ,

    --- 1935 ........................... 168   “  ,

    --- 1936 (Juli) .................... 161   “  ,

    --- 1937 (Jan.) .................... 150   “  ,

    --- 1938 (Sept.) ................... 110   “  ,

    --- 1939 (Mai) .....................  65   “  ,

    --- 1942 (Nov.) ....................   5   “  .

Angaben aus: Hubert Fromm, Die Coburger Juden - Geschichte und Schicksal

und                 Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945, S. 125

Die Coburger Juden hatten erheblichen Einfluss auf das Wirtschaftsleben der Stadt; sie besaßen Fabriken und Handelshäuser, vor allem in der Textilbranche.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20132/Coburg%20Israelit%2023081900.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20132/Coburg%20Israelit%2001081901.jpg

zwei Werbeanzeigen des Coburger Hotels & Restaurant Sander von 1900 und 1901

Die von Anhänger des „Deutsch-Völkischen Schutz- und Trutzbundes” verbreitete antisemitische Propaganda fiel in Coburg schon in der Anfangszeit der Weimarer Republik auf fruchtbaren Boden; so wurde in der Stadt Coburg 1919 eine Ortsgruppe gegründet, die zeitweise mehr als 400 Mitglieder zählte. Die „Coburger Zeitung” galt als Sprachrohr der antisemitischen Hetze. Größere Veranstaltungen der NSDAP fanden schon vor 1923 enormen Zulauf; Coburg wurde einer der Hochburgen der Nationalsozialisten und war 1929 eine der ersten Städte, die von einem NSDAP-Bürgermeister regiert wurden.

Einer der ersten Juden in der Stadt, den die Coburger Nationalsozialisten mit Hasskampagnen überzogen, war Abraham Friedmann, Geschäftsführer der Großschlachterei C.Großmann AG.

(Anm.: Im Febr. 1932 verlieh Coburg als erste deutsche Stadt Adolf Hitler die Ehrenbürgerrechte. Ab 1939 durfte Coburg die Ehrenbezeichnung „Erste nationalsozialistische Stadt Deutschlands“ führen!)

Jüdische Einwohner wurden schon 1929/1930 mehrfach auf den Straßen belästigt und tätlich angegriffen. Bereits zwei Jahre vor der NS-Machtübernahme wurden die Coburger Bürger zum Boykott jüdischer Geschäfte aufgerufen; diese antisemitische Kampagne führte die „Coburger National-Zeitung” an. Das NS-Presseorgan wurde von einigen jüdischen Geschäftsleuten verklagt, musste eine geringe Geldstrafe zahlen und sich verpflichten, künftig weitere Boykottaufrufe zu unterlassen. Zu gewalttätigen Übergriffen auf jüdische Häuser kam es nach einer NSDAP-Großkundgebung im November 1932. Im März 1933 kam es zu den ersten Verhaftungen, um die „letzten Schlupfwinkel auszuräuchern und die letzten Schädlinge unschädlich zu machen”. Unter den Verhafteten waren auch prominente jüdische Einwohner. Die Synagoge wurde auf polizeiliche Anordnung Mitte März geschlossen; gottesdienstliche Zusammenkünfte fanden bis November 1938 im Privathause des Predigers Hermann Hirsch in der Hohen Straße statt. Am reichsweiten Boykotttag am 1.4.1933 besetzten SA-Angehörige alle Eingänge zu jüdischen Geschäftshäusern und brachten Plakate mit antijüdischen Parolen an. Eine große Menschenmenge versammelte sich vormittags auf dem Coburger Marktplatz. In einer Ansprache wandten sich NSDAP-Funktionäre an die Massen, wie die „Coburger National-Zeitung” berichtete:

Vom Balkon des Rathauses aus sprachen zu der gespannt lauschenden Menschenmenge Rechtsanwalt Pg. Schmidt und 2.Bürgermeister Pg. Faber. Beide hoben in ihren Ausführungen die Notwendigkeit unseres Kampfes gegen die Greuelpropaganda hervor, der diszipliniert, aber rücksichtslos gegen Juden und Judenschützlinge geführt würde. Zwischenrufe wie ‘Juden aufhängen !’ kennzeichneten die Stimmung im deutschen Volke, das sich nicht mehr länger von den fremdrassigen Hetzern, Schiebern und Schacherern knechten lassen will. ...”

Nachmittägliche Demonstrationszüge durch die Stadt beendeten den Boykotttag. Ab Sommer 1933 wurde Juden der Zutritt zum städtischen Schwimmbad und der Besuch von Theatern und anderen Vergnügungsstätten verboten - lange bevor derartige Maßnahmen in anderen Städten eingeführt wurden. Ab 1935 verschärfte sich die wirtschaftliche Situation der jüdischen Geschäftsleute zusehends. Im August 1935 drohte der Oberbürgermeister den kommunalen Beamten und Angestellten mit sofortiger Entlassung, sollten sie weiterhin geschäftlichen oder gesellschaftlichen Kontakt zu Juden haben. Zwischen 1933 bis September 1938 verließen ca. 110 Coburger Juden die Stadt; die meisten emigrierten, der andere Teil verzog in andere Städte.

In den Morgenstunden des 10.November 1938 wurden die Juden Coburgs von SA-Trupps zusammengetrieben und durch die Stadt geführt; während Frauen und Kinder und alte Männer wieder nach Hause gehen durften, wurden die übrigen in der Turnhalle „Am Anger“ festgehalten. Von hier wurden sie schließlich ins Gefängnis nach Hof gebracht, wo sie mehrere Wochen in Haft blieben. Auch Wohnungen und Geschäfte der Coburger Juden wurden demoliert, ebenfalls ihre Betstube in der Privatwohnung des Predigers Hirsch. Als die jüdischen Bewohner durch die „Arisierungen“ vollends ihre Lebensgrundlagen verloren hatten, verließen weitere ihre Heimatstadt.

Überschriften aus der Coburger Presse:

Die wenigen noch in Coburg zurückgebliebenen Juden wurden in zwei „Judenhäuser“ eingewiesen, wo sie bis zu ihrer Deportation nach Riga, Izbica/Lublin oder Theresienstadt lebten; zudem wurden sie in der Umgebung zu Zwangsarbeiten eingesetzt. Ende November 1941 wurden 26 Mitglieder der Coburger Gemeinde - via Nürnberg - ins Lager Jungfernhof (bei Riga) deportiert; die noch verbliebenen verschleppte man im Laufe des Jahres 1942. Im November 1942 meldeten die Kommunalbehörden Coburg als „judenrein”; nur vier „in Mischehe“ verheiratete Jüdinnen überlebten in Coburg die NS-Zeit. Fast 50 Coburger Juden wurden Opfer des Holocaust.

Die in den unmittelbaren Nachkriegsjahren in Coburg lebenden jüdischen DPs bildeten eine kleine Gemeinde, die sich aber bald wieder auflöste, nachdem ihre Angehörigen emigriert waren. An die jüdische Vergangenheit Coburgs zeugen heute noch die Judengasse und das Judentor. Über dem Eingangsportal der Nikolauskapelle weist eine 1989 angebrachte Inschrift auf die einstige Nutzung als Synagoge.

  Nikolauskapelle, ehem. Synagoge (Aufn. J. Hahn, 2007)

 http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2097/Coburg%20Friedhof%20410.jpg

Blick auf das jüdische Gräberfeld (Aufn. aus: J. Hahn, 2007 und S., 2010, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Auf dem jüdischen Friedhof, einem Teil des städtischen Friedhofs, befindet sich - neben den vorhandenen ca. 200 Grabsteinen - ein Gedenkstein mit den Namen der 48 jüdischen NS-Opfer; daneben erinnert ein Ehrenmal an die Gefallenen des Ersten Weltkrieges.

Gedenkstein mit den Namen der Opfer (Aufn. J. Hahn) http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2097/Coburg%20Friedhof%20401.jpg

In Coburg gibt es noch den ehem. Privatfriedhof der jüdischen Familie Familie Simon, die seit Beginn des 19.Jahrhunderts in der Stadt ansässig war. Die aus Hildburghausen stammenden Brüder Joseph und Salomon Simon (beide Kaufleute) besaßen einen eigenen Betsaal im Wohnhaus in der Herrngasse; ebenfalls verfügte die Familie über einen eigenen Begräbnisplatz - auf freiem Feld vor der Stadt angelegt, der mit einer Mauer umgeben war. Mit dem Wegzug der Familie (1913) endete die Nutzung. Die Steine der Friedhofsmauer wurden später z.g.T. zweckentfremdet. In den 1930er Jahren wurde der Friedhof zerstört, die Reste verwahrlosten, bis 1962 das Areal an der Rodacher Straße zu einer kleinen Grünanlage umgestaltet wurde. Sechs Grabsteine sind bis heute erhalten geblieben (obige Aufn. S., 2010, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

2009 wurde mit der Verlegung der ersten sog. „Stolpersteine“ im Stadtgebiet begonnen; inzwischen gibt es ca. 125 dieser ins Gehwegpflaster Coburger Straßen eingelassenen Gedenktäfelchen (Stand: 2020).

Stolperstein Rosa Stern by 2eight 3SC1319.jpgStolperstein Rosa Rosenthal by 2eight 3SC1316.jpgStolperstein Ignaz Stern by 2eight 3SC1315.jpgverlegt in der Judengasse (Aufn. Stefan Brending, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

... und in der Bahnhofstraße Ludwig, Bella.jpgForchheimer, Max.jpgForchheimer, Helen.jpg (Aufn. X., 2016, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Bildergebnis für Coburg jüdische schule Hirsch "Stolpersteine" für das Ehepaar Hirsch*, Hohe Straße (Abb. aus: stadtgeschichte-coburg.de)

Anm.: Der 1883 in Hanau geborene Hermann Hirsch hatte 1914 die Stelle des Predigers der Israelitischen Kultusgemeinde in Coburg übernommen. 1915 zum Kriegsdienst einberufen kehrte er 1917 von der Front zurück und gründete eine jüdische Internatsschule, die sich zu einem der angesehensten jüdischen „Landschulheime“ in Deutschland entwickelte. Das Ehepaar nahm in den 1920er Jahren aktiv am öffentlichen Leben der Stadt teil. 1933 wurde Hermann Hirsch verhaftet, misshandelt und bei seiner Freilassung unter Drohungen gezwungen, eine öffentliche Erklärung abzugeben, dass alle Gerüchte über angebliche Gräueltaten in Coburg frei erfunden seien. Bis November 1938 konnte das Ehepaar Hirsch den Unterricht trotz häufiger Anfeindungen fortführen (das Internat war inzwischen in eine private jüdische Volksschule umgewandelt worden). In der Reichspogromnacht wurden Fensterscheiben der Schule eingeschlagen; außerdem zerstörten SA-Angehörige die dort befindliche Betstube. Hermann Hirsch wurde nun zum zweiten Mal verhaftet und ins Gefängnis nach Hof verbracht, wo er mehrere Monate eingesperrt war. Nachdem seine Frau die für eine Emigration notwendigen Papiere beschafft hatte, wurde Hermann Hirsch freigelassen. 1939 verließ das Ehepaar dann seine Wirkungsstätte Coburg – Hermann Hirsch war zum damaligen Zeitpunkt bereits ein körperlich und seelisch gebrochener Mann - und ging nach Palästina. Anfang 1942 verstarb Hermann Hirsch. Seine Frau setzte nach seinem Tod dessen Arbeit fort und leitete ein Landschulheim in Palästina.

 

Im etwa 25 Kilometer entfernten thüringischen Sonneberg sind bereits im Spätmittelalter vereinzelt Juden ansässig gewesen; nach vorübergehender Vertreibung soll es im ausgehenden 17.Jahrhundert erneut zu einer Ansiedlung weniger jüdischer Familien gekommen sein; doch ihre Zahl war stets sehr gering. Gemeindliche Einrichtungen gab es keine; Verstorbene wurden zumeist auf dem jüdischen Friedhof in Coburg beerdigt. Erst im ausgehenden 19. und frühen 20.Jahrhundert kann von einer nennenswerten Ansässigkeit jüdischer Familien (maximal ca. 65 Pers.) gesprochen werden; dabei handelte es sich zumeist um Unternehmer und Kaufleute. Für mehr als ein Jahrzehnt übte der jüdische Bewohner Hugo K. Liman das Bürgermeisteramt in Sonneberg aus. Um 1910/1915 lebten ca. 55 jüdische Bewohner in Sonneberg, 20 Jahre später nur noch ca. 35 Personen.

Beim Novemberpogrom 1938 wurden drei jüdische Männer, davon zwei Besitzer von Textilgeschäften, ins KZ Buchenwald verschleppt.

Während die meisten Sonneberger Juden sich im Ausland in Sicherheit bringen konnten, endete der Weg für die anderen in den NS-Vernichtungslagern. Nachweislich wurden 19 gebürtige bzw. länger am Ort wohnhaft gewesene Juden Opfer der Shoa.

Im Jahre 2012 wurde in Sonneberg der erste sog. „Stolperstein“ verlegt, der an die Jüdin Rosa Bibo (geb. 1876 in Offenbach) erinnert; 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert, wo sie im Febr. 1944 starb. 

 

Weitere Informationen:

Über die Entstehung der jüdischen Gemeinde in Coburg, in: Allgemeine Zeitung des Judentums’ vom 25.5.1875

Hermann Hirsch, Eine mittelalterliche Kirche als Synagoge, in: ’Bayrische Israelitische Gemeindezeitung’ vom 28.6.1929

Germania Judaica, Band II/1, Tübingen 1968, S. 150/151 und Band III/1, Tübingen 1987, S. 211 - 214

Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, R.Oldenbourg-Verlag, München/Wien 1979, S. 125 – 129

Jürgen Erdmann, Der Coburg-Pentateuch, ein neuentdecktes Dokument der mittelalterlichen Geistes- und Kultusgeschichte Coburgs, in: Jahrbuch der Coburger Landesstiftung 25/1980, S. 85 – 110

Lothar Mitschke, Das Schicksal der jüdischen Bevölkerung in Coburg zwischen 1929 und 1941, Facharbeit in Geschichte am Gymnasium Alexandrinum, Coburg 1981

Jürgen Reich, Die Erinnerung verblaßt ... aber es lebten auch in Sonneberg Juden, hrg. von der Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum AG Thüringen, Schalkau 1988

Hubert Fromm/u.a., Die Coburger Juden - Geschichte und Schicksal, Hrg. vom Evangelisches Bildungswerk (EBW) Coburg, Coburg 1990 (2. erg. Aufl. 2001)

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern - Eine Dokumentation, Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, 2.Aufl., München 1992, S. 213 - 216

Theodor Harburger, Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern. Band 2: Adelsdorf - Leutershausen, Hrg. Jüdisches Museum Franken - Fürth & Schnaiitach, Fürth 1998, S. 144 – 146

Thomas Schwämmlein, Jüdische Bürger und jüdisches Leben in Sonnberg, in: Stadt Sonneberg (Hrg.), 650 Jahre Stadt Sonneberg 1349 - 1999, Sonneberg 1999, S. 351/352

Jüdische Geschichte in Sonneberg, in: alemannia-judaica.de

Rainer Axmann, Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde zu Coburg im Mittelalter, in: H. Fromm (Hrg.), Die Coburger Juden. Geschichte und Schicksal, 2. erw. Aufl., Neustadt 2001, S. 137 – 162

Jim G. Tobias, Vorübergehende Heimat im Land der Täter. Jüdische DP-Camps in Franken 1945 – 1949, Nürnberg 2002

Reinhold S. Ruf, Coburg in der jüdischen Geschichte während des Spätmittelalters, in: Coburg 1353: Stadt und Land Coburg im Spätmittelalter, Festschrift, Hrg. Historische Gesellschaft 2003, S. 321 - 327

Christian Boseckert, Spuren jüdischen Lebens in der Judengasse, in: Coburg Magazin - Zu Hause sein in Coburg, Coburg 2006

A. Hager/C. Berger-Dittscheid (Bearb.), Coburg, in: Mehr als Steine ... Synagogengedenkband Bayern, Band 1, Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg/Allgäu 2007, S. 118 – 128

Israel Schwierz, Zeugnisse jüdischer Vergangenheit in Thüringen. Eine Dokumentation, hrg. von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Sömmerda 2007, S. 239 (Sonneberg)

Maike Lämmerhirt, Juden in den wettinischen Herrschaftsgebieten. Recht, Verwaltung und Wirtschaft im Spätmittelalter, in: Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Thüringen, Kleine Reihe Band 21, Böhlau-Verlag, Köln/Weimar/Wien 2007, S. 14, S.153 f. u. S. 400/401

Christian Boseckert, Eine Straße erzählt Coburgs Geschichte: Aus der Vergangenheit der Judengasse und deren Bewohner, in: Schriftenreihe der Historischen Gesellschaft Coburg e.V., Coburg 2008

Hubert Fromm, Die Coburger Juden. Geduldet – Geächtet – Vernichtet, Hrg. Evangelisches Bildungswerk Coburg e.V. und Initiative Stadtmuseum Coburg e.V., 3. überarb. u. erw. Auflage, Coburg 2012

Coburg, in: alemannia-judaica.de (mit zahlreichen Dokumenten zur jüdischen Gemeindehistorie)

Hermann und Berta Hirsch, online abrufbar unter: stadtgeschichte-coburg.de

Miryam Gümbel (Red.), Ein Stolpersteine für Rosa Bibo - Die Kreisstadt erinnert an eine deportierte Bürgerin, in: „Jüdische Allgemeine“ vom 21.5.2012

Sonneberg, in: alemannia-judaica.deStefan Löffler (Red.), „Stolperstein“-Verlegung in Sonneberg, online abrufbar unter: suedthueringen.de vom 29.5.2012

Aktion Stolpersteine“ in Coburg – Flyer, hrg. von der Stadt Coburg (2014)

Auflistung der in Coburg verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Coburg

N.N. (Red.), Coburg setzt weitere Stolpersteine, in: "Coburger Tageblatt" vom 16.1.2020

Helke Renner (Red.), Erinnerung ins Pflaster gelegt, in: „Coburger Tagebblatt“ vom 9.3.2020