Einartshausen (Hessen)
Einartshausen ist mit derzeit kaum 500 Einwohnern ein Stadtteil von Schotten im Vogelsbergkreis - ca. 35 Kilometer östlich von Gießen (Kartenskizze 'Vogelsbergkreis', A. Trepte, 2006, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 2.5).
Im Dörfchen Einartshausen existierte auch eine kleine jüdische Gemeinde, die aber zu keiner Zeit kaum mehr als zwölf Familien umfasste. Die ersten Juden müssen sich um 1700 hier angesiedelt haben; die Grundherrschaft Solms-Rödelheim erlaubte Juden, gegen geringe Schutzgelder im Dorfe zu wohnen; ihren Lebensunterhalt verdienten sie im wenig ertragbringenden Kleinhandel in der Vogelsberg-Region.
Bereits ab etwa 1750/1760 soll es in Einartshausen auch eine Synagoge gegeben haben.
Ehem. Synagogengebäude – Ausschnittsvergrößerung (Sammlung Claudia Merker) 
Bis um 1900 wurden die jüdischen Kinder von einem von der Gemeinde angestellten Lehrer unterrichtet; als deren Zahl zurückging, erteilte ein aus Schotten kommender Lehrer den Religionsunterricht.
Der hiesige, östlich des Dorfes liegende jüdische Friedhof dürfte bereits im beginnenden 18.Jahrhundert angelegt worden sein; eine Vergrößerung der Fläche erfolgte in den 1880er Jahren.
Die kleine Kultusgemeinde gehörte zum liberalen Provinzialrabbinat in Gießen.
Juden in Einartshausen:
--- um 1770 ................... ca. 12 jüdische Familien,
--- 1828 .......................... 52 Juden,
--- 1861 .......................... 69 “ ,
--- 1880 .......................... 51 “ (ca. 13% d. Bevölk.),
--- 1900 .......................... 40 “ ,
--- 1910 .......................... 28 “ ,
--- 1924 .......................... 16 “ (in 6 Familien),
--- 1933 .......................... 7 “ ,
--- 1940 .......................... keine.
Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 2, S. 283
Die jüdischen Familien lebten zumeist in recht bescheidenen Verhältnissen. Noch Anfang der 1930er Jahre wohnten einige jüdische Familien im Dorf.
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge stark beschädigt; das Gebäude diente danach als Wirtschaftsgebäude und wurde in den 1960er Jahren abgerissen; das Gelände wurde anschließend überbaut.
Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem wurden 13 gebürtige bzw. länger am Ort lebende jüdische Personen deportiert und kamen gewaltsam ums Leben (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/einartshausen_synagoge.htm).
Am Standort der ehemaligen Synagoge erinnert seit 1999 eine Gedenktafel.
An drei Stellen im Dorf erinnern seit 2018 insgesamt sechs sog. „Stolpersteine“ an jüdische NS-Opfer - davon allein vier Steinquader „In der Ecke“, dem letzten Wohnsitz der Familie Brodreich.
Der jüdische Friedhof von Einartshausen, der in der NS-Zeit schwer geschändet worden war (Grabmale wurden zerstört), weist heute noch ca. 35 Grabsteine auf.
Jüdischer Friedhof von Einartshausen (Aufn. J. Hahn, 2008, aus: alemannia-judaica.de)
teilzerstörte Grabsteine (Aufn. J. Hahn, 2008 und H. Hausmann, 2005)
Weitere Informationen:
Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 152/153,
H.Enders/H.Hysky-Dambmann, Die Geschichte der Juden in der Stadt Schotten, in: Schotten und seine Stadtteile im Wandel der Zeiten, Hrg. Magistrat der Stadt Schotten, o.J., S. 137 ff.
A. Wiesemüller/M. Krauss, Jüdische Friedhöfe im Vogelsbergkreis, in: Kulturverein Lauterbach e.V. (Hrg.), Fragmente ... jüdischen Lebens im Vogelsberg, Lauterbach 1994, S. 84/85
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945, Hessen II - Regierungsbezirke Gießen und Kassel, Hrg. Studienkreis Deutscher Widerstand, VAS-Verlag, Frankfurt/M. 1996, S. 203
Thea Altaras, Das jüdische Rituelle Tauchbad und Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945?, Königstein i. Ts. 2007 (Neubearbeitung)
Einartshausen, in: alemannia-judaica.de
E. Maresch (Red.), Einst Mitbürger – dann „unerwünscht“, in: „Kreisanzeiger“ vom 16.6.2016
Hanno Müller/Monica Kingreen/Frank Eckhardt (Bearb.), Juden in Schotten 1629 – 1945 und Einartshausen 1800 – 1942, hrg. von der Ernst-Ludwig Chambré Stiftung in Lich, Neustadt/Aisch 2016
sw (Red.), Das Gedenken wach halten: Stolpersteine werden verlegt, in: „Kreis-Anzeiger“ vom 29.10.2018
Initiative Stolpersteine (Hrg.), Stolpersteine in Schotten, Einartshausen und Rainrod - Dokumentation, Schotten 2022