Gerdauen (Ostpreußen)

  Bereits 1325 errichtete der Deutsche Orden auf dem Boden einer preußischen Burg ein Ordenshaus. 1398 erhielt Gerdauen die Stadtrechte verliehen. Seit 1818 ist es Kreisstadt.

In Gerdauen (poln. Gierdawy, russ. Zeleznodrozhniy / Железнодоро́жный) – wenige Kilometer südöstlich von Friedland – ließen sich die ersten jüdischen Familien nach 1812 nieder. In den 1830er Jahren lebten in der Stadt etwa 140 jüdische Bewohner; 1848 waren es 166 Personen. In den Folgejahrzehnten nahm deren Anzahl wieder deutlich ab.

Während ein jüdischer Friedhof vorhanden war, gab es hier kein eigenes Synagogengebäude, sondern nur einen Betraum in einem Privathause.

Gesamtansicht von Gerdauen (hist. Postkarte)

Nach vor der NS-Machtübernahme führte die antisemitische Stimmung im Ort dazu, dass Juden von hier verzogen. 1932 sollen nur noch 15 Personen mosaischen Glaubens in Gerdauen gelebt haben. Einige jüdische Bewohner konnten noch rechtzeitig das Land verlassen, die anderen fielen dem Holocaust zum Opfer.

Während der Kriegsjahre war Gerdauen Standort eines Arbeitslagers - als Außenlager des KZ Stutthof. Die meisten Gefangenen waren jüdische Frauen aus Ungarn und dem Ghetto Lodz; daneben waren hier auch einige männliche Juden aus Litauen inhaftiert.

Der von einem Bretterzaun umgebene jüdische Friedhof - nahe der neuen Schule - überdauerte den Krieg, wurde aber unter der sowjetischen Administration beseitigt.

Anm.: Der Erste Weltkrieg hatte eine kurzzeitige Besetzung durch die russische Armee gebracht; damit verbunden waren schwere Zerstörungen infolge der Kampfhandlungen. Drei Jahre nach Kriegsende war der Wiederaufbau der kleinen Stadt - dank der Hilfe der Patenstädte Berlin-Wilmersdorf und Budapest - vollendet. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges (Ende Januar 1945) eroberte die Rote Armee die Stadt. Heute gehört Gerdauen (russ. Zelesnodoroshnyi) zum Königsberger Gebiet (Kaliningradskaja oblast) der Russischen Föderation.

Weitere Informationen zur jüdischen Geschichte Ostpreußens:

Stefan Hartmann, Die jüdische Bevölkerung in Ostpreußen von der Emanzipation bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges, in: G. Rhode (Hrg.), Juden in Ostmitteleuropa. Von der Emanzipation bis zum Ersten Weltkrieg, Marburg 1989, S. 23 – 47

Ronny Kabus, Juden in Ostpreußen, Husum 1998

Ulrich Knufinke, Bauwerke jüdischer Friedhöfe in Deutschland, in: Schriftenreihe der Bet Tfila – Forschungsstelle für jüdische Architektur in Europa, Band 3, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2007, S. 286 - 289

Alfred B. Gottwaldt, Die Deportation der Juden aus Ostpreußen 1942/1943, in: „Das war mal unsere Heimat...“. Jüdische Geschichte im preußischen Osten (2013), S.125 - 135