Eberstadt a.d. Bergstraße (Hessen)

Jüdische Gemeinde - Heppenheim/Bergstraße (Hessen) Eberstadt ist bereits seit 1937 ein im Süden Darmstadts mit derzeit ca. 23.000 Einwohnern (Ausschnitt aus hist. Karte ohne Eintrag von Eberstadt, aus: wikipedia.org, gemeinfrei  und  Skizze 'Stadtteile von Darmstadt', St. 2010, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0).

 

In Eberstadt sind jüdische Bewohner in nennenswerter Zahl seit Ende des 17.Jahrhundert belegt- Der erste unter landgräflichem Schutz stehende Jude ist für den Ort 1568 urkundlich nachgewiesen. In dem durch den 30jährigen Krieg entvölkerten Dorf sind dann erst wieder 1648/49 einzelne jüdische Familie erwähnt. Eine Gemeinde - bestehend aus nur wenigen Familien - soll aber erst seit dem 18.Jahrhundert existiert haben.

1687 und 1701 fanden in Eberstadt sog. Judenlandtage statt, obwohl zu dieser Zeit hier keine/nur wenige Juden gelebt haben sollen.

Das bereits um 1825 erworbene Gebäude des alten Eberstädter Rathauses an der Modaubrücke war bis in die Zeit des Ersten Weltkrieges der gottesdienstliche Mittelpunkt der jüdischen Gemeinde. 1914/1915 errichtete man - nach dem Abriss des baufälligen Gebäudes - eine neue Synagoge. Der Betsaal verfügte über ca. 50 Männerplätze und auf der Empore ca. 35 für Frauen; im Vorbau befand sich auch ein Schulzimmer. Ein seitens der Gemeinde angestellter Lehrer war neben der religiösen Unterweisung der Kinder auch als Vorbeter und Schächter tätig.

               Synagoge in Eberstadt, Aufn. von 1915 (Hess. Staatsarchiv Darmstadt)

                Stellenanzeigen von 1898 und 1904

Verstorbene Gemeindeangehörige wurden auf dem jüdischen Friedhof in Alsbach (Bergstraße) beerdigt.

Die Kultusgemeinde Eberstadt gehörte dem orthodoxen Rabbinat Darmstadt II an.

Juden in Eberstadt (Hessen):

    --- 1589 .......................   2 Schutzjuden mit Familien,

    --- um 1620 ....................   5      "       "      "   ,

--- um 1770 ....................   6     “        “      "   ,

    --- 1785 .......................   6 jüdische Familien,

    --- 1815 .......................   6    "        "    , 

    --- 1829/30 ....................  66 Juden,

    --- 1861 ................... ca. 120   “   (ca. 5% d. Bevölk.),

    --- 1867 .......................  80   “  ,

    --- 1880 .......................  90   “  ,

    --- 1893 ................... ca. 100   "   (in 20 Familien),

    --- 1905 .......................  95   “   (ca. 1% d. Bevölk.),

    --- 1925 .......................  77   “  ,

    --- 1933 ................... ca.  80   “  ,

    --- 1937 .......................  47   "  ,

    --- 1939 (Mai) .................  28   "  ,

    --- 1942 ...................... .  2   “  .

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 1, S. 146 

und                 Rahel Blum//Cornelia Berger-Dittscheid (Bearb.), Eberstadt (Stadt Darmstadt), in: Zerbrechliche Nachbarschaft …, S. 517

 

Um 1900 erreichte die Zahl der Gemeindeangehörigen mit knapp 100 Personen ihren Höchststand; diese waren Kaufleute, Händler und Angestellte und in die kleinstädtische Gesellschaft integriert.

Kleinanzeigen Eberstädter jüdischer Geschäftsleute (1920/1930):

   

In den ersten sechs Jahre der NS-Herrschaft verließ mehr als die Hälfte der jüdischen Familien Eberstadt; bei Kriegsbeginn lebten nur noch ca. 25 Juden am Ort.

Während des Novemberpogroms wurde die Synagoge in Brand gesetzt und völlig zerstört; die heimische Feuerwehr war vom NSDAP-Ortsgruppenleiter angewiesen worden, jegliche Löschversuche zu unterlassen (Später wurde die Ruine niedergelegt und das Gelände eingeebnet.). SA- und HJ-Trupps drangen gewaltsam in jüdische Wohnungen ein und zerschlugen Mobiliar; vereinzelt kam es auch zu schweren körperlichen Misshandlungen. Eine hochbetagte Jüdin (Susanna Stern), die sich den gewalttätigen SA-Männern in den Weg gestellt hatte, wurde vom Eberstädter NS-Ortsgruppenleiter erschossen. 

Nach dem Pogrom verließen die meisten Familien Eberstadt – zumeist emigrierten sie nach Übersee oder Palästina. Die im Ort verbliebenen mussten ihre Wohneigentum „arischen“ Bewohnern überlassen, wurden in „Judenhäusern“ untergebracht; von dort erfolgte dann später ihr Abtransport zum zentralen Sammellager nach Darmstadt, aus dem sie - zusammen mit vielen anderen – „in den Osten“ deportiert wurden.

Die letzten vier Eberstädter Juden wurden 1942 ins "Altersghetto" nach Theresienstadt verschleppt.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem wurden 27 gebürtige Eberstadter Juden Opfer der NS-Gewaltherrschaft (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/eberstadt_da_synagoge.htm).

In einem Ende 1946 durchgeführten Prozess vor der Großen Strafkammer des Landgerichts Darmstadt wurden die meisten der sieben an der Zerstörung der Eberstädter Synagoge Beteiligten zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

 

Heute erinnert ein Gedenkstein - unmittelbar neben der Modaubrücke an der Heidelberger Landstraße gelegen - an das ehemalige jüdische Gotteshaus.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2075/Eberstadt%20DA%20Synagoge%20220.jpg Gedenkstein (Aufn. J. Hahn, 2006)

Modell der Eberstädter Synagoge Eberstädter Synagoge“ spenden Sie für die Rekonstruktion!aus: dotter-stiftung.de

Zahlreiche sog. „Stolpersteine“ erinnern an diversen Standorten an ehemalige, vor allem jüdische Bewohner, die während der NS-Zeit der Gewaltherrschaft ausgesetzt und dies zumeist mit ihrem Leben bezahlen mussten.

Stolperstein Adolf Kiefer, 1, Eberstädter Kirchstraße 3, Eberstadt, Darmstadt.jpgStolperstein Selma Kiefer, 1, Eberstädter Kirchstraße 3, Eberstadt, Darmstadt.jpgStolperstein Hans Kiefer, 1, Eberstädter Kirchstraße 3, Eberstadt, Darmstadt.jpg verlegt in der Kirchstraße

und der Heidelberger Landstraße Stolperstein Meyer Heyum, 1, Heidelberger Landstraße 289, Eberstadt, Darmstadt.jpgStolperstein Rosa Heyum, 1, Heidelberger Landstraße 289, Eberstadt, Darmstadt.jpg (Aufn. G., 2021, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Das „Judenbrünnchen“ ganz in der Nähe Eberstadts trägt deshalb diesen Namen, weil die gläubigen Juden am Sabbat nur eine bestimmte Wegstrecke gehen durften; die erlaubte Entfernung entsprach der bis zu jenem Brunnen.

 

vgl. dazu auch: Darmstadt (Hessen)

 

 

 

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 146/147

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Bilder - Dokumente, E. Roether Verlag, Darmstadt 1973, S. 46

Robert Hess, Eberstadts jüdische Mitbürger, in: "Eberstädter Heimathefte", No. 3, Darmstadt 1982

C.-H.Hoferichter/P.Berninger (Bearb.), Repertorien des Hess. Staatsarchivs Darmstadt 27/1, Abt. ST 15: Gemeindearchiv Eberstadt i.O., Darmstadt 1988

Friedrich Boss (Bearb.), Repertorien des Hess. Staatsarchivs Darmstadt 13/2, Judaica im Staatsarchiv Darmstadt, Band 2, Darmstadt 1988

Thomas Lange (Hrg.), ‘L’chajim’ - Die Geschichte der Juden im Landkreis Darmstadt-Dieburg, Hrg. Landkreis Darmstadt-Dieburg, Reinheim 1997

150 Jahre Rathaus Eberstadt” (Ausstellung), Eberstadt 1997 (Texte von Ausstellungstafeln)

Eberstadt (Stadt Darmstadt), in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

H.Heinemann/Chr. Wiesner, Der jüdische Friedhof in Alsbach an der Bergstraße, in: "Schriften der Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen 18", Wiesbaden 2001

Michael Zimmermann, Juden in Eberstadt – Ausgrenzung, Integration, Vernichtung, Justus von Liebig Verlag, Darmstadt 2019

Jens Joachim (Red.), Darmstadt: Die Geschichte der Juden in Eberstadt, in: „Frankfurter Rundschau“ vom 27.3.2020

Meinhard Lerch (Red.), Virtuelle Rekonstruktion der zestörten Eberstädter Synagoge, in: „Echo“ vom 7.11.2024 

Dotter-Stiftung (Red.), Rekonstruktion der Eberstädter Synagoge, in: dotter-stiftung.de 

Rahel Blum//Cornelia Berger-Dittscheid (Bearb.), Eberstadt (Stadt Darmstadt), in: Christian Wiese/Stefan Vogt/u.a., Zerbrechliche Nachbarschaft – Gedenkbuch der Synagogen und jüdischen Gemeinden in Hessen, Band 1: Regierungsbezirk Darmstadt südlicher Teil, Teilband 1, Verlag De Gruyter Oldenbourg, 2025, S. 507 - 521