Eibenschitz (Mähren)

 Das etwa 20 Kilometer südwestlich von Brünn bzw. nordöstlich von Znaim an drei Flüssen gelegene Eibenschitz/Eibenschütz (tsch. Ivančice/Ivaneice, derzeit ca. 10.000 Einw.) war einer der bedeutendsten Königsstädte Mährens; der Marktort hatte 1212 Stadtrechte erhalten und erlebte seine Blütezeit im 16./17.Jahrhundert (Eibenschitz auf der hist. Karte unten links bzw. oben rechts, aus: europe1900.eu/central-europe/austria-hungary/moravia/).

Eibenschitz soll zu den ältesten von Juden bewohnten Ansiedlungen Mährens gehören; so wird eine seit dem 10.Jahrhundert hier bestehende jüdische Ansiedlung angenommen (?).

Urkundlich nachweisbar ist eine jüdische Gemeinde in Eibenschitz aber erst seit der zweiten Hälfte des 15.Jahrhunderts. Gegen Zahlung verschiedenster Steuern erhielten die Eibenschitzer Juden gewisse Privilegien, die sie von den übrigen Bewohnern heraushob. Unter dem Fürsten Anton Florian von Liechtenstein wurde 1721 eine „Instruction“ erlassen, die in 46 Punkten jüdisches Leben in der Stadt regelte; meist ging es dabei um Verbote, die Juden auferlegt wurden, so z.B. der Erwerb von Immobilien, der uneingeschränkte Warenverkauf und das Halten christlicher Dienstboten. Die Judenschaft von Eibenschütz lebte ghettoartig zusammengedrängt in drei Gassen im nördlichen Teil des von der Stadtmauer geschützten Stadatkerns (nahe des heutigen Comenius-Platzes). 1710 vernichtete eine Feuersbrunst das Wohnviertel fast völlig, es wurde danach aber wieder aufgebaut.

Hier befand sich auch die Synagoge; der letzte im Stile des Spätklassizismus errichtete Bau stammte aus den Jahren 1851/1853.

Anfang der 1820er Jahre wurde in Eibenschitz eine vierklassige jüdische Schule gegründet, in der zum Zeitpunkt ihrer Entstehung etwa 120 Schüler unterrichtet wurden. 1902 wurde diese Schule aber wegen Schülermangels aufgelöst.

Bis 1840 war hier auch der Standort einer Jeschiwa, aus der zahlreiche Rabbiner hervorgingen.

Der nordwestlich der Stadt gelegene Friedhof wurde wahrscheinlich zu Beginn des 16.Jahrhunderts angelegt; das Beerdigungsgelände weist heute auf einer Fläche von ca. 12.500 m² noch ca. 1.800 Grabsteine aus verschiedenen Epochen auf; das älteste noch lesbare Grabmal stammt aus dem Jahre 1552; zwei weitere aus 1580. Eine Trauerhalle wurde zu Beginn des 20.Jahrhunderts erbaut.

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Aufn. J.Erbenová, 2012, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

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Alte Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof von Eibenschitz (Aufn. aus: Ivancice.cz bzw. J. Erbenová, 2012)  

 

Taharahaus (Aufn. J. Erbenová, 2012  und  P., 2015, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Juden in Eibenschitz:

    --- 1618 .............................  19 jüdische Familien,

    --- 1672 .............................  31 von Juden bewohnte Häuser,

    --- 1791 ......................... ca. 530 Juden (ca. 20% d. Bevölk.),

    --- 1830 ......................... ca. 800   “  ,*     * gesamte Gemeinde

    --- um 1855 ...................... ca. 630   “  ,*

    --- 1870 ......................... ca. 600   “  ,*

    --- 1880 ............................. 122   “  ,

    --- 1890 .............................  82   “  ,

             ............................. 250   “  ,*

    --- 1900 .............................  91   “  ,**    ** andere Angabe: 281 Pers.

             ............................. 190   “  ,*

    --- 1930 ............................. 141   “  .

Angaben aus: Theodor Haas, Juden in Mähren - Darstellung der Rechtsgeschichte und Statistik ..., S. 58

und                Hugo Gold, Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden Mährens, S. 48

Die zahlreichen jüdischen Familien bestritten im 18./19.Jahrhundert ihren Lebensunterhalt hauptsächlich vom Handel und Handwerk, darunter vor allem Schneiderei, Leder- und Weinverarbeitung. In der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts erreichte die jüdische Bevölkerung zahlenmäßig ihren Zenit und machte damals fast ein Viertel der gesamten Einwohnerschaft aus

In den Jahren 1850 bis 1919 gab es neben der jüdischen Religionsgemeinschaft auch eine eigenständige politische jüdische Gemeinde, die dann nach Gründung der Tschechosdlowakei verschwand.

             http://static0.akpool.de/images/cards/140/1403115.jpg Ortszentrum (hist. Postkarte, um 1900)

Im Laufe der Jahrzehnte - gegen Ende der 1860er Jahre hatte der Abwanderungsprozess eingesetzt -  war der jüdische Bevölkerungsanteil in Eibenschitz bis Anfang der 1930er Jahre unter 2% der Gesamtbevölkerungszahl abgesunken.

Im Gefolge der sog. „Sudetenkrise“ waren viele Juden aus von Deutschen okkupierten Gebieten nach Eibenschitz geflüchtet, wo sie zumeist in einem Gebäude einer aufgegebenen Gerberei untergebracht waren. Nach der deutschen Besetzung der Rest-Tschechei wurde dieses Lager von den NS-Behörden in ein Internierungslager umfunktioniert: Bis 1942 sollen hier etwa 800 Juden aus Österreich, Ungarn und der Slowakei gewesen sein, die dann über Brünn (Brno) nach Theresienstadt und von dort 1942 in die Vernichtungslager deportiert wurden.

Das Jahr 1942 markiert dann das Ende der jüdische Gemeinde von Ivancice.

Nach Kriegsende gab es kurzzeitig wieder eine kleine jüdische Gemeinde, die sich aber alsbald wieder auflöste. Bis in die Gegenwart sind ca. 50 ehemalige jüdische Häuser, die Schule, die Synagoge und das Bad erhalten. 2008 hat man mit der Restaurierung des ehemaligen Synagogengebäudes begonnen, das ein halbes Jahrhundert lang als Lagerraum zweckentfremdet gedient hatte. Nach Vollendung der Restaurierung soll das Haus kulturellen Zwecken dienen.

Synagoge nach der Restaurierung (Aufn. J. Erbenová, 2012, wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Eine Gedenktafel am Haus Krumlovská 1 erinnert an die Stelle, wo sich 1938 – 1942 ein Durchgangs- und danach ein Internierungslager für jüdische Einwohner befunden hat.

Der im 16.Jahrhundert angelegte jüdische Friedhof mit seinen zahlreichen, symbolikreichen Grabsteinen steht seit Beginn des 21.Jahrhunderts unter Denkmalschutz.

   Der 1696 als Sohn des Oberrabbiners von Mähren, Nathan, geborene Jonathan Eibenschitz (Eybeschütz), geb. in Krakau,trägt seinen Zunamen nach seinem mährischen Lebensmittelpunkt; dort erhielt es seine erste Ausbildung durch seinen gelehrten Vater. Bereits als 24-jähriger wurde er 1720 zum Vorsteher der Prager Judengemeinde gewählt; alsbald führten aber Streitigkeiten innerhalb der Gemeinde dazu, dass Jonathan Eibenschitz Prag verließ. In den Folgejahren wechselte er mehrfach seine Wirkungsstätte; so hielt er sich 1750 in Metz, 1758 in Hamburg und bald darauf in Altona auf; hier war er Rabbiner der Dreiergemeinde Altona – Hamburg -Wandsbek. An diesen Orten leitete er die jüdischen Schulen und veröffentlichte als Kenner der hebräischen Sprache und der rabbinischen Literatur zahlreiche Werke: In Prag gedruckt wurden Werke von Eibenschütz über Bücher des Maimonides, in Altona über Sitten und Gebräuche der Juden. Eibenschütz veröffentlichte auch ein Buch über die Zeitrechnung und den jüdischen Kalender. In der Vorrede zu dem Werk „Die Liebe Jonathans“ schildert er sein eigenes Leben. 1764 verstarb Jonathan Eibenschitz in Altona.

http://www.muchafoundation.org/static/img/timeline/timeline_landing.png Der Künstler Alfons Mucha wurde 1860 im südmährischen Eibenschitz. Als 17jähriger verließ er seine Heimat, um als Maler von Bühnendekorationen am Ringtheater in Wien zu arbeiten. Durch den Brand des Theaters verlor er seine Stellung, fand aber in der Person des Grafen Khuen einen Mäzen. Nach Besuch der Kunstakademie in München ging Mucha 1887 nach Paris, um sein Studium hier fortzusetzen. Seinen Lebensunterhalt verdiente er danach als Illustrator. Mitte der 1890er Jahre begann sein künstlerischer Durchbruch als Gestalter des französischen „Art Nouveau“. Um 1900 - auf dem Höhepunkt seines Ruhms – nahm er an der Pariser Weltausstellung erzielte mit seinen Wanddekorationen im Pavillon von Bosnien und der Herzegowina allgemeine Aufmerksamkeit. Vier Jahre später ging der Künstler in die USA. Dort führte Mucha während eines längeren Aufenthalts in New York Wanddekorationen, Bühnenbilder und Portraits aus. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg kehrte er in seine Heimat zurück. Hier beschäftigte ihn zunehmend eine Serie von 20 Bildern unter dem Titel „Slawisches Epos“. Alfons Mucha verstarb kurz nach dem Einfall der deutschen Truppen in die Tschechoslowakei am 14. Juli 1939 in Prag.

   Werke von Alfons Mucha

Eibenschitz ist ebenfalls die Geburtsstadt des Musikwissenschaftlers Guido Adler (1855–1941) und des Komponisten Hugo David Weisgall (1912–1997).

Guido Adler – Wikisource  G. Adler    https://upload.wikimedia.org/wikipedia/en/thumb/c/c9/Hugo_Weisgall.jpg/220px-Hugo_Weisgall.jpg H.D. Weisgall

 

 

Weitere Informationen:

Theodor Haas, Juden in Mähren - Darstellung der Rechtsgeschichte und Statistik unter besonderer Berücksichtigung des 19.Jahrhunderts, Brünn 1908

Hugo Gold (Bearb.), Geschichte der Juden in Eibenschitz, in: Hugo Gold (Hrg.), Die Juden und Judengemeinden Mährens in Vergangenheit und Gegenwart, Jüdischer Verlag, Brünn 1929, S. 183 - 192

Hugo Gold, Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden Mährens, Olamenu-Verlag, Tel Aviv 1974, S. 45 - 48

Wilma Iggers (Hrg.), Die Juden in Böhmen und Mähren. Ein historisches Lesebuch, München 1986

P.Ehl/A.Parík/Jirí Fiedler, Alte Judenfriedhöfe Böhmens und Mährens, Paseka-Verlag Prag 1991, S. 156

Silvestr Nováček, Z dějin Židů v Ivančicích na Moravě se zvláštním zaměřením na jejich sbližování s Čechy po vzniku ČSR, in: "Židé a Morava", 1997, S. 64 – 79

Silvestr Nováček, Z dějin Židů v Ivančicích na Moravě se zvláštním zaměřením na jejich sbližování s Čechy po vzniku ČSR, in: "Židé a Morava", 1998, S. 92 - 104

Ludwiga Reich, Das steinerne Archiv von Ivančice/ Kamenný archiv v Ivančicích, Wieser Verlag Klagenfurt 2017

Sabine Neubert (Red.), Stumme Zeugen, die zu sprechen scheinen, online abrufbar unter: neues-deutschland.de vom 15.5.2018 (betr. jüdischer Friedhof)

Tina Walzer (Red.), Die jüdische Gemeinde von Eibenschütz (heute Ivančice, Tschechische Republik) und ihr Friedhof, in: "DAVID - Jüdische Kulturzeitschrift", Heft 118/Sept. 2018

Tina Walzer (Red.), Das Tahara-Haus von Eibenschütz (heute Ivančice, Tschechische Republik), in: „DAVID – Jüdische Kulturzeitschrift“, Heft 118/Sept.2018

Vera Jelinková (Bearb,), Der jüdische Friedhof im mährischen Ivancice (dt. Eibenschütz, Tschechische Republik) Die Verwalterin erzählt, in: „DAVID – Jüdische Kulturzeitschrift“, Heft 131/Dez. 2021 (enthält auch die Geschichte der Familie Jellinek)