Gemünd/Eifel (Nordrhein-Westfalen)

Datei:Schleiden in EU.svg Gemünd mit derzeit ca. 4.200 Einwohnern ist der größte Ortsteil von Schleiden in der Eifel (Karte TUBS, 2008, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Bis zum 18. Jahrhundert waren in Schleiden nie mehr als drei jüdische Familien wohnhaft gewesen. Erst danach bildete sich in Gemünd eine kleine Betgemeinschaft heraus, die sich im Laufe des 19.Jahrhunderts zu einer Synagogengemeinde entwickelte und der auch die wenigen Juden Schleidens und des Ortes Kall angehörten. Gemünd, das Ende der 1880er Jahre fast 90 jüdische Bewohner aufwies, war Hauptsitz des Synagogenbezirks Schleiden-Malmedy.

                                  Siegel der Synagogengemeinde 

Die Gemünder Juden hielten ihre Gottesdienste in einem Privathause in der Mühlengasse ab; ein rituelles Bad soll es ebenfalls in einem Privathause gegeben haben. Die neue Synagoge in Gemünd in der Mühlenstraße (heute Aachener Straße) wurde 1874 eingeweiht; lange war Bauprojekt von der jüdischen Gemeinde wegen finanzieller Probleme auf die lange Bank geschoben. Um sich den Neubau leisten zu können, wurde eine einfache Bauweise gewählt. Das Haus bestand aus einem etwa 70 m² großen Betraum mit 90 Sitzplätzen für die Männer und 30 für die Frauen auf der Empore. Die Synagoge in Gemünd war nur sparsam ausgeschmückt.

Über die Einweihung berichtete das „Amtliche Kreisblatt” am 6.März 1874:

Gestern feierte die hiesige israelitische Gemeinde das Fest der Einweihung ihrer neuen Synagoge. Seit mehreren Jahren schon war die Idee zu diesem Bau angeregt worden, konnte aber sobald nicht verwirklicht werden, indem der Kostenpunkt der unbemittelten Gemeinde zu groß schien. Umsomehr verdient es deshalb alle Anerkennung, daß, nachdem eine Kollekte zu diesem Zwecke bewilligt worden, die Gemeindemitglieder nun keine Opfer scheuten, ein eigenes Gotteshaus zu erhalten. ... setzte sich der Festzug um 3 Uhr durch die beflaggten Straßen in Bewegung, nahm im bisherigen Bethause die von den 3 ältesten Mitgliedern der Gemeinde getragenen Gesetzesrollen in Empfang und brachte diese zur festlich geschmückten neuen Synagoge. Nachdem die ritualen Anordnungen vorüber, hielt Herr Lehrer Salomon aus Lechenich die Einweihungsrede, in welcher er das Zusammenwirken der israelitischen Gemeinde lobend erwähnte, ... dankte der Behörde und der Stadt Gemünd für die der israelitischen Gemeinde gewährte Unterstützung, machte schließlich auch darauf aufmerksam, wie heute unter der Regierung Sr. Majestät unseres Allergnädigsten Kaisers und Königs ermöglicht sei, daß alle Confessionen nebeneinander ungestört ihre religiösen Culte ausüben könnten und mahnte dieMitglieder der israelitischen Gemeinde, auch fernerhin in Einigkeit unter sich und mit den Mitbürgern anderer Confessionen zu beharren. ...

Der jüdische Friedhof in Gemünd lag an der Kölner Straße und bestand seit ca. 1845; die Begräbnisstätte der Schleidener Juden lag an einem steilen, schwer zugänglichen Hang des Ruppenbergs. Beide Friedhöfe haben die NS-Zeit relativ unbeschadet überdauert und sind heute in die Denkmalsliste der Stadt Schleiden eingetragen.

Juden in Schleiden:                                                                             Juden in Gemünd:

         --- 1857 ................ 13 Juden,                     ...............  75 Juden,

    --- 1872 ................  7   “  ,                      ...............  81   “  ,

    --- 1895 ................ 20   “  ,                      ...............  88   “  ,

    --- 1905 ................ 20   “  ,                      ...............  58   “  ,

    --- 1911 ................ 16   “  ,                      ...............  51   “  ,

    --- 1933 ................ 25   “  ,                      ...............  34   “  .

Angaben aus: Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Reg.bez. Köln, S. 373    

Die Gemündener bzw. Schleidener Juden verdienten ihren Lebensunterhalt vor allem im Viehhandel mit angeschlossener Metzgerei. Zu Beginn der NS-Zeit lebten nur noch sehr wenige Juden am Ort.

Während des Novemberpogroms wurde die Gemünder Synagoge von auswärtigen SA-Angehörigen in Brand gesetzt; dabei wurde das Gebäude völlig zerstört. Das Synagogengrundstück ging zunächst in kommunale Hand über; Jahre später erwarb es ein Privatmann, der die letzten Synagogentrümmer beseitigen ließ.                            ausgebrannte Synagogenruine (hist. Aufn.)

Über den Verbleib der Gemünder bzw. Schleidener Juden liegen keine gesicherten Kenntnisse vor. Einige Familien flüchteten über die belgische Grenze, andere verzogen in andere deutsche Städte; von dort wurden die meisten wohl ins okkupierte Osteuropa deportiert.

In Gemünd erinnert seit 1979 eine Gedenktafel an die Zerstörung der jüdischen Gemeinde und ihrer Synagoge; die Inschrift lautet:

Zum ehrenden Gedenken an die jüdischen Bürger unserer Stadt,

die in den Jahren der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ihr Leben verloren haben.

Ihre Synagoge stand an dieser Stelle und wurde am 9.November 1938 zerstört.

Stadt Schleiden 1979

                 Gedenktafel am Straßenzug „Am Kreuzberg“ (Aufn. Stadt Schleiden, 2019)

Aus Anlass des 50.Jahrestages des Novemberpogroms ließ die Stadt Schleiden auf dem jüdischen Friedhof (Kölner Straße) einen Gedenkstein errichten, der die Namen der 13 während der NS-Zeit ermordeten jüdischen Bürger Schleidens trägt. Zwei Jahre später wurde das Areal, das noch 55 Grabsteine aufweist, in die Denkmalliste der Stadt Schleiden aufgenommen.

Schleiden, Jüdischer Friedhof, Blick nach Norden zum Eingang.jpg Schleiden, Jüdischer Friedhof, Blick von oben.jpg

Der jüdische Friedhof in Schleiden (Aufn. Werner v. Basil, 2017, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 4.0)

An den jüdischen Lehrer und letzten Vorsteher der Schleidener Synagogengemeinde, Moses Fernbach (1893–1983), erinnert an dessen letzten Wohnsitz eine Tafel, die von der Nachbarschaft angebracht wurde.

2013 wurden die ersten elf sog. „Stolpersteine“ in den Straßen Gemünds verlegt; weitere Verlegeaktionen folgten - so auch im Rahmen der 800-Jahrfeier von Gemünd, als Steine für Angehörige von vier jüdischen Familien in die Gehwege eingelassen wurden.

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Stolpersteine“ in Gemünd (alle Aufn. 2013, aus: georgeandhannamiley.com)

Seit 2014 erinnert zudem eine Stele an das ehemalige jüdische Gotteshaus und ihre Angehörigen.

 

In Kall, wenige Kilometer südöstlich von Gemünd gelegen, gab es im 19.Jahrhundert eine winzige jüdische Gemeinschaft, die 1870 eine kleine Synagoge "Im Sträßchen 4" bauen ließ.

Synagoge in Kall (Zeichnung aus: hans-dieter-arntz.de) 

In den 1830er Jahren wurde ein eigener Friedhof angelegt, der etwa 100 Jahre belegt wurde. Zu Beginn der 1930er Jahre lebten im Ort ca. 25 Juden. Gottesdienste fanden vermutlich 1938 nicht mehr statt, da kein Minjan mehr erreicht wurde.

In der Pogromnacht wurde die Inneneinrichtung der Synagoge von einheimischen Nationalsozialisten demoliert; eine Inbrandsetzung soll aber durch eine Nachbarin verhindert worden sein. Das später durch Kriegseinwirkung zerstörte Synagogengebäude wurde nach 1945 abgetragen. Mehr als 20 Juden aus Kall wurden 1942 deportiert. 

Das ca. 1.000 m² große Friedhofsareal weist derzeit ca. 30 Grabsteine auf; der älteste Stein datiert von 1865.

 Jüd. Friedhof in Kall (Aufn. W. von Basil, 2017, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Seit 2008 erinnert ein Gedenkstein mit –tafel an den ehemaligen Standort der Synagoge Kalls; die Inschrift lautet: "Bis zum 10.November 1938 stand hier in unmittelbarer Nähe die Kaller Synagoge. Das zwischen 1867 und 1870 erbaute Versammlungshaus wurde durch die nationalsozialistische Schreckensherrschaft zerstört. Gemeinde Kall im Jahre 2008."

2012 wurden 23 sog. „Stolpersteine“ in Erinnerung an die deportierten und ermordeten Juden Kalls verlegt.

Stolpersteine verlegt für die Familien Katz und Roer (Aufn. Reiner Züll, 2014, aus: ksta.de)

Weitere Informationen:

Jörg Kleinen, Die Geschichte der Juden im Kreis Schleiden und ihre Friedhöfe, in: Heimatkalender Kreis Schleiden/Eifel 1965, S. 125 f.

Wlli Kehren, Die jüdische Gemeinde in Gemünd, Maschinenmanuskript, o.J.

Klaus H.S. Schulte, Von den ältesten jüdischen Familien aus dem Kreis Schleiden, in: Kreis Schleiden Heimatbuch 1970, S. 71 f.

Hans-Dieter Arntz, Die „Kristallnacht“ in der Eifel. Münstereifel, Kommern, Gemünd und Blumenthal, in: Eifel-Jahrbuch 1984, S. 88 - 95

Karl Guthausen, Vom Schicksal der jüdischen Mitbürger von Schleiden, Manuskript, Stadtarchiv Schleiden 1988

Hans-Dieter Arntz, Judenverfolgung und Fluchthilfe im deutsch-belgischen Grenzgebiet, Schleiden, Kümpel-Verlag, Euskirchen 1990

Otto Kersting (Hrg.), Zukunft braucht Erinnerung. Zeitdokumente aus Schleiden, Selbstverlag Schleiden 1995

Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Teil I: Regierungsbezirk Köln, J.P.Bachem-Verlag, Köln 1997, S. 373 - 379

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 in Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 194 - 196 und S. 279/280

Hans-Dieter Arntz, „Reichskristallnacht“. Der Novemberpogrom 1938 auf dem Lande - Gerichtsakten und Zeugenaussagen am Beispiel der Eifel und Voreifel, Helios-Verlag, Aachen 2008

Der jüdische Friedhof, die Synagoge von Gemünd und Spuren des jüdischen Lebens, online abrufbar unter: archaeoregion-nordeifel.lvr.de

N. Stoffers/A. Glodowski, Jüdisches Leben in Gemünd – Erinnerung an ehemalige Nachbarn, hrg. vom Arbeitskreis „Stolpersteine“ (Anm.: Kartendarstellung der ehemaligen Wohnsitze jüdischer Einwohner), 2013

Franz Küpper (Red.), Stolpersteine in Kall. Eine Reise zu den Wurzeln der Familie, in: „Kölnische Rundschau“ vom 16.6.2014

Hubert Büth/Horst Thiesen, Stolpersteine in Kall (Broschüre), 2014

F.A. Heinen (Red.), Stolpersteine in Gemünd. Späte Ehre für verstorbene Juden, in: „Kölner Stadt-Anzeiger“ vom 22.5.2014

Auflistung der in Kall verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Kall (mit Kurzbiogafien)

N.N. (Red.), Schleiden. Gedenktafel ist zurück, in: „Wochenspiegel“ vom 19.6.2019