Gemünden/Hunsrück (Rheinland-Pfalz)

Bildergebnis für Gemünden hunsrück karte postleitzahl Gemünden mit derzeit ca. 1.300 Einwohnern gehört heute zur Verbandsgemeinde Kirchberg – ca. 40 Kilometer westlich von Bad Kreuznach gelegen (Karte aus: suche-portleitzahl.org).

Jüdische Ansässigkeit im späten Mittelalter lässt sich für Gemünden nicht nachweisen; erst um 1700 findet man erste Belege dafür. Die jüdischen Bewohner in Gemünden, die anfänglich meist in ärmlichen Verhältnissen lebten, standen unter dem Schutz der Schenken von Schmidtburg, denen sie jährliche Geldzahlungen leisteten und damit sich ihren Aufenthalt am Ort erkauften.

Eine ältere Synagoge wurde nach einem Brand 1781 wieder neu errichtet und bis Anfang der 1830er Jahre genutzt; danach stand der aufstrebenden, doch immer noch armen jüdischen Gemeinde ein neues Gebäude zur Verfügung, deren Kosten nur unter Mühen aufgebracht werden konnten; dieses brannte 1857 erneut ab. Zwei Jahre danach konnte dann eine neue Synagoge in einem Fachwerkhaus eingeweiht werden; der Betraum lag im Obergeschoss, während im Parterre die Lehrerwohnung untergebracht war.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20237/Gemuenden%20SIM%20Synagoge%20011.jpg Synagogengebäude in Gemünden (hist. Aufn., Ausschnittsvergrößerung)

Gegen Mitte des 19.Jahrhunderts erreichte der jüdische Bevölkerungsanteil knapp 20%; Gemünden hieß im Volksmund daher „Klein-Nazareth”. Die Gemündener Juden waren damals im Vieh- und Hausierhandel tätig. Mit der zunehmenden Zahl jüdischer Familien in Gemünden war auch die Einrichtung einer eigenen Schule notwendig geworden, die ab 1850 als öffentliche Elementarschule geführt wurde.

  aus: „Der Israelit“ vom 4.4.1861 und 2.2.1893

Die Synagoge in Gemünden wurde bis kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges genutzt; da nun kein Minjan mehr vorhanden war, gab man das Synagogengebäude auf und veräußerte es an einen ansässigen Handwerker.

Am steilen Nordhang des Schlossberges befand sich der "alte Judenfriedhof", der bis ca. 1815 genutzt wurde. Danach stand den Gemeindeangehörigen ein Areal am Rothsberg - weit außerhalb des Ortes - als Begräbnisstätte zur Verfügung.

Juden in Gemünden (Hunsrück):

         --- um 1740/45 ....................  15 jüdische Familien,

    --- 1808 .......................... 109 Juden,

    --- um 1825 ................... ca.  20 jüdische Familien (ca. 15% d. Bevölk.),

    --- 1843 .......................... 178 Juden (ca. 18% d. Bevölk.),

    --- 1858 .......................... 147   “  ,

    --- 1895 .......................... 101   “  ,

    --- 1904 ..........................  85   “  ,

    --- 1910 ..........................  70   “  ,

    --- 1925 ..........................  65   “   (ca. 7% d. Bevölk.),

    --- 1933 ..........................  61   “  ,

    --- 1943 ..........................  keine.

Angaben aus: Gustav Schellack, Die jüdische Schule in Gemünden /Hunsrück

und                 Christof Pies, Gemünden - Von ‘Klein-Nazareth’ zur Hauptstadt der ‘Bewegung’ im Hunsrück

Ihren Lebensunterhalt verdienten die meisten Familien bis ins ausgehende 19.Jahrhundert als Vieh- und als Kleinhändler.

In der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts verlor die jüdische Landgemeinde einen Teil ihrer Angehörigen durch Aus- und Abwanderung; es waren vor allem wirtschaftliche Gründe, die vor allem jüngere Familien bewogen, nach Nordamerika zu emigrieren.

Anm.: Seit Beginn der 1920er Jahre entwickelte sich Gemünden zu einer Hochburg der NS-Bewegung; so soll es hier bereits 1920 zu ‚Saalschlachten’ zwischen ‚Juden und Nichtjuden’ gekommen sein. Aus den ‚alten Kämpfern’ Gemündens rekrutierten sich dann nach 1933 die Männer, die auch über die Region hinaus Führungsaufgaben übertragen bekamen.

In einem Kurzartikel der "Jüdisch-liberalen Zeitung" vom 14. September 1928 hieß es:  

Zu Beginn der NS-Herrschaft lebten noch etwa 60 Bewohner jüdischen Glaubens in Gemünden; doch innerhalb der nächsten fünf Jahre verließen etwa zwei Drittel ihr Heimatdorf, da besonders seit 1935 die antijüdischen Attacken heftiger und auch gewalttätiger wurden. Während der „Kristallnacht“ entlud sich dann „der Volkszorn“ gegen jüdische Bewohner und deren Eigentum. Das Gemündener Bethaus wurde nach dem Novemberpogrom vollständig abgerissen. Die letzten jüdischen Bewohner Gemündens wurden 1943 in die Vernichtungslager deportiert. Mindestens 22 jüdische Bewohner Gemündens wurden Opfer des Holocaust; die meisten gelten als „verschollen“.

In Gemünden, das zeitweise die größte jüdische Gemeinde im heutigen Rhein-Hunsrück- Kreis beherbergte, erinnern bis heute - außer den beiden Friedhöfen - keine Mahn- bzw. Denkmale an die jüdische Geschichte des Ortes.

Vom alten jüdischen Friedhof - am steilen Nordhang des Schlossberges gelegen – ist heute nur noch ein einziger Grabstein vorhanden. Der neue Friedhof (am Rothsberg) weist hingegen noch zahlreiche Steine auf.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20184/Gemuenden%20Sim%20Friedhof%20152.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20184/Gemuenden%20Sim%20Friedhof%20164.jpg

Teilansichten des jüdischen Friedhofs in Gemünden/Hunsrück (Aufn. Otmar Frühauf, 2010)

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20237/Wirth%20Louis%20010.jpg Louis Wirth – als Sohn eines jüdischen Pferdehändlers in Gemünden 1897 geboren – verließ zusammen mit seiner älteren Schwester 1911 Deutschland in Richtung USA (zu seinem Onkel nachOmaha/Nebraska). Er absolvierte ein Soziologie-Studium; er beschäftigte sich u.a. mit der Lebensweise der jüdisch-polnischen Einwanderer und ihrer Zukunftsperspektiven. Nach verschiedenen Lehraufträgen an Universitäten kam er 1931 an die Universität Chicago, wo er 1940 zum ordentlichen Professor ordiniert wurde. Sein soziales Engagement und seine zahlreichen Veröffentlichungen führten dazu, dass er Mitglied bzw. Vorsitzender diverser Organisationen war, zeitweilig sogar als Präsident der amerikanischen und internationalen soziologischen Gesellschaft amtierte. Louis Wirth starb 1952 in Buffalo.

 

Im gleichnamigen Gemünden (Westerwaldkreis) bestand während des 19.Jahrhunderts eine kleine, arme jüdische Landgemeinde, der auch Familien aus Rennerod und Gehlweiler angeschlossen waren. Erste Nachweise jüdischen Lebens stammen bereits aus dem beginnenden 14.Jahrhundert. Seit dem 18.Jahrhundert lässt sich eine dauerhafte Ansässigkeit weniger Familien belegen; so gab es im Dorf 1728 drei Familien, um 1790 waren es immerhin neun. In der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts gehörten auch die in Rennerod lebenden Juden der Gemündener Gemeinde an; allerdings bestanden von je her Bestrebungen der Renneroder Juden, sich Westerburg anzuschließen, was dann um 1855/1860 auch geschah.

An gemeindlichen Einrichtungen bestanden in Gemünden ein Betsaal, eine Religionsschule und auch ein Friedhof, der relativ spät angelegt wurde; denn bis ins ausgehende 19.Jahrhundert wurden Verstorbene in Westerburg beerdigt. Gegen Ende des 19.Jahrhunderts begann sich die kleine Gemeinde aufzulösen, die „Judenschule“ wurde Jahre später aufgegeben und in den 1920er Jahren zu einem Wohnhaus umgebaut; fortan gehörten die wenigen Gemeindemitglieder der Israelitischen Kultusgemeinde Westerburg an. Der in Gemünden bestehende Friedhof wurde 1923 letztmalig belegt.

In den 1920er Jahren lebten dann nur noch drei jüdische Familien in Gemünden; mit der Emigration des jüdischen Ehepaares Heymann und Karoline Simon in die Niederlande endete 1934 die jüdische Geschichte des Dorfes. 

Etwa 20 Grabsteine des ca. 1.200 m² großen jüdischen Begräbnisplatzes in Gemünden sind erhalten geblieben.

          baumbestandenes Begräbnisgelände (Aufn. J. Hahn, 2009) http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20228/Gemuenden%20WW%20Friedhof%20284.jpg

Weitere Informationen:

Werner Zwiebelberg, Das alte Gmünden, in: Veröffentlichungen der landeskundlichen Arbeitsgemeinschaft im Regierungsbezirk Koblenz e.V., Boppard 1970, Band 8, S. 81 f.

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 246

Gustav Schellack, Grabstein von 1814, letzter Zeuge auf dem alten jüdischen Friedhof bei Schloß Gemünden, in: Hunsrücker Heimatblätter 72/1987, S. 53 f.

Gustav Schellack, Judenpogrom: Die sog. ‘Reichskristallnacht’ im mittleren Hunsrück, in: Hunsrücker Heimatblätter 75/1988, S. 162 f.

Gustav Schellack, Die jüdische Schule in Gemünden/Hunsrück, in: Rhein-Hunsrück-Kalender 1993, Hrg. vom Rhein-Hunsrück-Kreis, S. 56 - 61

Volker Boch, Die Verfolgung der Gemündener Juden durch den Nationalsozialismus, Facharbeit am HJG Simmern, 1995 (2003 veröffentlicht)

Christof Pies, Gemünden - Von ‘Klein-Nazareth’ zur Hauptstadt der ‘Bewegung’ im Hunsrück (Manuskript)

Hans-Werner Ziemer, Die jüdischen Gemeinden im Jahre 1913 in Orten des heutigen Rhein-Hunsrück-Kreises, in: Hunsrücker Heimatblätter 1996, S. 436 f.

Uli Jungbluth, Gemünden, in: J. Jösch /U. Jungbluth/u.a. (Hrg.), Juden im Westerwald. Leben, Leiden und Gedenken. Ein Wegweiser zur Spurensuche, Montabaur 1998, S. 160 − 165

Christof Pies, Jüdisches Leben am Rhein - Hunsrück-Kreis, in: 100 Jahre Hunsrücker Geschichtsverein e.V. 1901 - 2001, No. 116 (Sondernummer), Jahrgang 41/2001, S. 380 – 395

V. Boch/H. Schlemper/E. R. Wiehn, Juden in Gemünden. Geschichte und Vernichtung einer jüdischen Gemeinde im Hunsrück, Hartung-Gorre Verlag, Konstanz 2003

Christof Pies, Jüdisches Leben im Rhein-Hunsrück-Kreis, in: Schriftenreihe des Hunsrücker Geschichtsvereins e.V., No. 40, 2003, S. 45 f. und S. 224 ff.

Stefan Fischbach/Ingrid Westerhoff (Bearb.), “ ... und dies ist die Pforte des Himmels “. Synagogen. Rheinland-Pfalz Saarland, Hrg. Landesamt für Denkmalpflege, Mainz 2005, S. 163 – 165

Gemünden/Hunsrück, in: alemannia-judaica.de (diverse Textdokumente zur jüdischen Ortshistorie und zahlreiche Aufn. des jüdischen Friedhofs)

Gemünden (Verbandsgemeinde Westerburg), in: alemannia-judaica.de

Volker Boch (Red.), Jüdischer Mitbürger gedenken: Gemünden diskutiert über Stolpersteine, in: „Rhein-Zeitung“ vom 4.4.2015

Werner Dupuis (Red.), Gemündener stimmten ab: Mehrheit will keine Stolpersteine, in: „Rhein-Zeitung“ vom 15.3.2016