Gemünden/Main (Unterfranken/Bayern)

Datei:Gemünden am Main in MSP.svg Gemünden am Main ist eine Kleinstadt mit ca. 11.000 Einwohnern im unterfränkischen Landkreis Main-Spessart – ca. 35 Kilometer westlich von Schweinfurt bzw. 40 Kilometer nordwestlich von Würzburg (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Zeichnung von Olga Knoblach-Wolff angefertigt auf der Basis alter Katasterpläne, Bildarchiv Steinmetzmuseum Kaisersteinbruch (Abb. aus: wikipedia.org, PD-alt-100)

Die Existenz einer ersten jüdischen Gemeinde ist schon gegen Ende des 13.Jahrhunderts belegt; während der sog. „Rindfleisch-Pogrome“ soll die Gemeinde zerstört worden sein.

Die Geschichte der jüngeren Kultusgemeinde begann in der zweiten Hälfte des 17.Jahrhunderts; bis gegen Mitte des 19.Jahrhunderts war der jüdische Bevölkerungsanteil allerdings immer sehr gering; er umfasste maximal 20 Personen. Dann setzte ein Zuzug aus Dörfern des ländlichen Umlandes ein, der die jüdische Gemeinde in Gemünden anwachsen ließ und um 1900 zu ihrem zahlenmäßigen Höchststand verhalf. Veranlasst durch die sich vergrößernde Zahl der Gemeindeangehörigen errichtete man im Jahre 1887 eine Synagoge in der Plattnersgasse; zuvor hatte es in einen Betraum in einem Privathaus in der Obertorstraße gegeben. In einem Artikel der Zeitschrift „Der Israelit" vom 3. März 1887 hieß es:

Gemünden am Main, im Februar. Die hiesige Gemeinde, wenn auch eine der älteren Bayerns, entbehrte bis jetzt, Folge ihrer geringen Mitgliederzahl, einer entsprechende Synagoge und eines rituellen Frauenbades. Nachdem nun seit einigen Jahren, durch Zuzug die Gemeinde zugenommen, bemühte man sich alles Ernstes, diesem Mangel abzuhelfen. Unter großen Opfern wurde Grunderwerbung vorgenommen, und man ist nun im Begriffe, eine Synagoge und eine Mikwe zu bauen. Eine Kollekte mit Genehmigung königlicher Regierung hat zwar einige Beisteuer geschaffen, allein weitere Mithilfe von Außen wäre immer noch sehr am Platze. Namentlich dürfte solche in Form von Beschaffung der innern Einrichtung sehr erwünscht sein. Vielleicht finden sich in dem großem Leserkreise des "Israelit" Leute, die 'aufgelösten’ Gemeinden namhaft machen könnten, wo noch Synagogen-Utensilien (Ständer, Lampen etc.) vorhanden, die hier einer guten Verwendung zugeführt werden könnten. Die hiesige Cultus-Verwaltung würde solche Offerten, und überhaupt jede Förderung des frommen aber schwierigen Unternehmens, mit großem Dank entgegennehmen.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20114/Gemuenden%20Synagoge%20125.jpg Synagogengebäude links im Bild (Aufn. nach 1938)

Zu den Einrichtungen der streng-orthodox ausgerichteten Gemeinde gehörten auch ein Schulraum und eine Mikwe.

  Stellenangebot aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 6.2.1930

Ihre Verstorbenen begrub die Gemündener Judenschaft auf dem jüdischen Friedhof in Pfaffenhausen bzw. in Laudenbach.

Zuletzt unterstand die orthodox geprägte Gemeinde dem Bezirksrabbinat Kissingen.

Juden in Gemünden:

         --- 1655 ...........................   2 jüdische Familien,

    --- 1731 ............................   4     "        "   ,

    --- 1808 ............................   4     "        "   ,

    --- 1837 ............................  20 Juden,

    --- 1848 ............................   3 jüdische Familien,

    --- 1867 ............................  23 Juden,

    --- 1871 ............................  25   “  ,

    --- 1880 ............................  38   “  ,

    --- 1890 ............................  90   “  ,

    --- 1900 ............................ 100   “   (ca. 4% d. Bevölk.),

    --- 1910 ............................  88   “  ,

    --- 1925 ............................  74   “  ,

    --- 1933 ............................  67   “  ,

    --- 1937 ............................  35   “  ,

    --- 1938 (Okt.) .....................  20   “  ,

    --- 1939 ............................   2   “  .

Angaben aus: Leonard Scherg, Jüdisches Leben im Main-Spessart-Kreis. Orte, Schauplätze, Spuren, S. 16

und                 Synagogengedenkband Bayern (Unterfranken), Band III/1, "Mehr als Steine ...", S. 175

   http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20214/Gemuenden%20Main%20Israelit%2002041903.jpg

drei Lehrstellenangebote jüdischer Gewerbetreibender 1890/1901/1903

http://static1.akpool.de/images/cards/31/313914.jpg Marktplatz mit Rathaus (hist. Postkarte)

Nur wenige Monate vor der NS-Machtübernahme wurde die Gmündener Synagoge nach einer umfangreichen Renovierung wieder neu eingeweiht; dazu hieß es in einem Artikel der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 6. Oktober 1932:

"Gemünden, 28. September. Am Sonntag, den 25. September, feierte die hiesige Kultusgemeinde die Wiedereinweihung ihrer renovierten Synagoge. Diese ist durch das unermüdliche Bemühen des Herrn Kultusvorstandes Felix Baumann mit allen modernen Errungenschaften der Innen-Architektonik ausgestattet. Die neuzeitliche Wandbeleuchtung und die angemessene moderne Malerei machen sie zu einem Schmuckkästchen. Die Feier selbst gestaltete sich zu einem Ereignis nicht nur für die Kultusgemeinde, sondern auch für die ganze Stadt. ... ergriff Bezirksrabbiner Dr. Ephraim das Wort zu einer tiefdurchdachten Weiherede. … Unter dem feierlichen Chorgesang wurden sodann die Thorarollen hereingebracht, angeführt von festlich gekleideten, blumenstreuenden Kindern. Nach dreimaligem Umzug unter Gesängen von Kantor und Chor wurden sie dann ... in die heilige Lade eingehoben. Nach einem Landesgebet und einer Gefallenenehrung durch den Rabbiner sang der Chor adon olam. "ewiger Herr". Sodann hielt Lehrer Weinberg eine Ansprache, in der er u.a. dem Kultusvorstand Felix Baumann für seine aufopferungsvolle Mühe und Arbeit, die er der Zustandebringung dieses Werkes gewidmet hat, den herzlichsten Dank aussprach. Nach der darauffolgenden Ansprache des Bürgermeisters Eberlein sprach Justizrat Dr. Rosenthal aus Würzburg als Vertreter des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden. Er betonte ganz besonders, dass es in einer Zeit wie der heutigen eine lobenswerte Tat bedeutet, ein solches Unternehmen durchzuführen. Da der größte Teil des Geldes durch freiwillige Spenden zusammengebracht wurde, so stelle dieses ein schönes Zeichen der Opferwilligkeit der jüdischen Gemeinschaft dar. … Die Feier macht auf alle Teilnehmer einen tiefen Eindruck und wird ihnen in dauernder Erinnerung bleiben. "

Von den ca. 70 jüdischen Bewohnern, die Anfang der 1930er Jahre in Gemünden lebten, verließ etwa die Hälfte nach Verkündung der sog. „Nürnberger Gesetze“ ihren Heimatort. Die noch 1932 renovierte Synagoge wurde während des Novemberpogroms erheblich beschädigt, ihre Inneneinrichtung mitsamt der Ritualgegenstände vernichtet. Unter Leitung der lokalen SA wurde in Wohnungen eingedrungen, Mobiliar zerschlagen und Wertgegenstände geraubt. Anschließend wurden die Gemünder Juden zu Aufräumarbeiten gezwungen. Unmittelbar nach dem Pogrom löste sich die jüdische Gemeinde auf. Es blieben nur noch zwei alte Leute zurück; sie wurden im Laufe des Jahres 1942 deportiert.

Ein vor der Großen Strafkammer des Landgerichts Würzburg angestrengtes Verfahren gegen Beteiligte des Novemberpogroms wurde 1949/1950 schließlich ausgesetzt.

Am ehemaligen Standort der Synagoge an der Plattnersgasse - das Gebäude wurde im letzten Kriegsjahr zerstört, danach abgerissen und diente seitdem als Parkplatz - erinnert eine Tafel mit einer kurzen Inschrift an die jüdische Gemeinde von Gemünden:

Bis zur Kriegszerstörung im Jahre 1945 stand hier die Synagoge

der Jüdischen Kultusgemeinde Gemünden a.Main

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20233/Gemuenden%20Synagoge%20196.jpg Gedenktafel (Aufn. Elisabeth Böhrer)

2009 erfolgte die Verlegung von sechs sog. „Stolpersteinen“, die an ermordete Gmündener Juden erinnern.

Bildergebnis für Gemünden bayern stolpersteine zwei von insgesamt sechs Steinen (Aufn. aus: KRASS - Friedrich-List-Gymnasium)

Die Stadt Gemünden und eine Schülergruppe des Friedrich-List-Gymnasiums beteiligen sich auch am Mahnmal-Projekt „DenkOrt Aumühle“, das an die Deportationen der unterfränkischen Juden erinnern soll. Der Gemündener "Betonkünstler" Paul Bode hat je zwei Koffer stellvertretend für die jüdischen Gemeinden Gemünden und Adelsberg geschaffen sowie einen Rucksack, mit dem Schüler des Friedrich-List-Gymnasiums an Nathan Weinberg erinnern wollen, der als Fünfjähriger deportiert und ermordet worden war. (vgl. dazu: Würzburg/Unterfranken)

                       Bildergebnis für gemünden paul Bode  Betonskulpturen und Gedenktafel (Aufn. Friedrich-List-Gymnasium, aus: flg-gemuenden.de)

 

In dem heutigen Ortsteil Adelsberg gab es auch eine jüdische Gemeinde, deren Anfänge um 1700 anzusetzen sind. Bis ca. 1800 wohnten die meisten Juden im Schlosshof von Adolphsbühl, danach konnten sie eigene Häuser im Dorfe erwerben.

Gegen Mitte des 19.Jahrhunderts bestand die jüdische Gemeinde aus ca. 60 Angehörigen. Zu Beginn der NS-Zeit lebten in Adelsberg noch etwa 20 Einwohner jüdischen Glaubens; bis Ende 1938 hatten alle das Dorf verlassen. Die Inneneinrichtung der seit 1860/62 bestehenden Synagoge wurde während der „Kristallnacht“ zerstört, das Gebäude alsbald abgerissen. Verstorbene Adelsberger Juden waren auf dem jüdischen Verbandsfriedhof in Laudenbach beerdigt worden.  vgl. Adelsberg (Unterfranken/Bayern)

 

In Weickersgrüben - heute Kommune Gräfendorf und Teil der Verbandsgemeinde Gemünden - bestand im 18./19. Jahrhundert eine kleine israelitische Gemeinde. Um 1750 waren die im Ort lebenden jüdischen Familien in dem verlassenen, um 1560 erbauten Schloss der Freiherren von Thüngen untergebracht; das Schloss wird bis heute als „Thüngensches Judenschloss“ bezeichnet. Gemeindliche Zusammenkünfte fanden vermutlich in einem Betraum eines Privathauses statt. Bei der Erstellung der Matrikel (1817) waren für das Dorf zehn jüdische Haushalte festgeschrieben. In den 1830er Jahren lebten im Ort ca. 60 jüdische Bewohner, 1871 nur noch vier.

 

In Gräfendorf, ebenfalls der Verbandsgemeinde Gemünden zugehörig, lebten im 17./18.Jahrhundert einzelne jüdische Familien, die vermutlich unter dem Schutz des Juliusspitals Würzburg standen. Es waren aber so wenige, dass es nie zur Gründung einer Gemeinde kam. Bei der Erstellung der Matrikellisten (1817) waren für Gräfendorf keine jüdischen Familien verzeichnet. Ob es in den Jahrzehnten danach zu jüdischer Ansässigkeit gekommen ist, kann nicht belegt werden, scheint aber unwahrscheinlich gewesen zu sein.

Weitere Informationen:

Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, Oldenbourg-Verlag, München/Wien 1979, S. 247/248 und S. 295/296

Stefan Reis, “Wie Haß entsteht und wohin er führen kann” - Vom Leben und Sterben der Juden im Raum Gemünden, Hrg. Historischer Verein Gemünden und Umgebung, Heft 3/1990

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern - eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 32, S. 60/61 und S.133

Werner Fella, Adelsbergs Juden mußten zu Neujahr dem Ortspfarrer Geschenke bringen, in: Jüdisches Leben prägte die Region (VI), MP vom 12./13.9.1992

Leonard Scherg, Jüdisches Leben im Main-Spessart-Kreis. Orte, Schauplätze, Spuren, Hrg. Förderkreis Synagoge Urspringen e.V., Haigerloch 2000, S. 15 f.

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 1), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 424/425

Gemünden am Main, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Weickersgrüben, in: alemannia-judaica.de

Dirk Rosenstock (Bearb.), Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche Quelle, in: Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg Band 13, Würzburg 2008, S. 121 (Gemünden), S. 129 (Weickersgrüben) und, S. 121/122 (Adelsberg)

Thomas Josef Möhler (Red.), Stolpersteine als Erinnerung an deportierte Juden, in: “Lohrer Echo” vom 6.5.2009

Michael Fillies (Red.), Sechs Stolpersteine in Gemünden verlegt, in: “Main-Post” vom 29.9.2009

Hans Schlumberger/Cornelia Berger-Dittscheid (Bearb.), Gemünden, in: W.Kraus/H.-Chr.Dittscheid/G.Schneider-Ludorff (Hrg.), Mehr als Steine ... Synagogengedenkband Bayern, Band III/1 (Unterfranken), Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg/Allgäu 2015, S. 167 - 178

Auflistung der in Gmünden verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Gemünden_am_Main

N.N. (Red,.), Erinnern an jüdische Mitbürger. Bildung: P-Seminar des List-Gymnasiums erstellt Faltblatt über Schicksale der Menschen im Nationalsozialismus, in: “Main-Echo” April 2016

Michael Fillies (Red.), Zwei Koffer an zwei Orten erinnern an die jüdische Gemeinde, in: “Main-Post” vom 12.3.2018

Michael Fillies (Red.), Naziverbrechen: Koffer und Rucksack als Denkmal, in: "Main-Post" vom 2.2.2019

Michael Mahr (Red.), Rucksack und Koffer für eine Reise in den Tod, in: “Main-Post” vom 13.5.2019