Georgensgmünd (Mittelfranken/Bayern)

Datei:Georgensgmünd in RH.svg Georgensgmünd ist eine Kommune mit derzeit ca. 6.500 Einwohnern im mittelfränkischen Landkreis Roth (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

In dem Dorfe Georgensgmünd, nahe Nürnberg gelegen, sind nachweislich seit Mitte des 16.Jahrhunderts jüdische Familien ansässig. Sie waren zumeist aus den Reichsstädten, insbesondere aus Nürnberg vertrieben worden. Als „Schutzbefohlene“ der regierenden Markgrafen lebten die Georgensgmünder Juden vornehmlich vom Handel, waren aber auch in Handwerkberufen tätig. Die jüdischen Familien machten zeitweilig mehr als ein Drittel der Dorfbevölkerung aus. Mit besonderen Privilegien ausgestattet, die sie gegen Schutzgeldzahlung erworben hatten, waren sie bei der christlichen Einwohnerschaft nicht immer gern gesehen. Besonders im 17.Jahrhundert gehörten Streitigkeiten zwischen Christen und Juden zum dörflichen Alltag; angeheizt wurde die antijüdische Stimmung oftmals von den Ortspfarrern.

Um 1580 wurde auf Betreiben des markgräflichen Hofbankiers „Jakob, Judt aus Roth“ ein Begräbnisplatz auf einer nördlich des Ortes liegenden Anhöhe, der „Judenbastei“, angelegt; der zunächst kleine „Judenkirchhof“ - vermutlich als privater Begräbnisplatz eingerichtet - wurde später dann Begräbnisstätte von Verstorbenen zahlreicher umliegender jüdischer Landgemeinden; so fanden in der Folgezeit verstorbene Juden aus Hilpoltstein, Roth, Schwabach, Thalmässing und Windsbach hier ihre letzte Ruhe. Der älteste noch existierende und lesbare Grabstein stammt aus dem Jahre 1596.

Fanden Zusammenkünfte der Gemeindemitglieder über viele Jahrzehnte in privaten Räumen in äußerst beengten Verhältnissen statt, so erhielt die Juden um 1730 die Erlaubnis, am Dorfrande eine Synagoge zu errichten. Dieser kleine, massive Steinbau wurde 1734 vollendet und im März 1735 vom markgräflichen Landesrabbiner eingeweiht. Zwei getrennte Eingänge führten in den Innenraum bzw. auf die hölzerne Frauengalerie. Im Kellergeschoss war eine Mikwe untergebracht, die später durch eine zweite beheizbare ergänzt wurde. 1836 erfolgte ein Anbau, in dem Schule und Lehrerwohnung Platz fanden.

Anm.: Eine im Innern des Synagogengebäudes freigelegte spätbarocke Ausmalung deutet darauf hin, dass hier der aus Polen stammende Wandermaler Elieser Sussmann - oder einer seiner Schüler - seine künstlerischen Spuren hinterlassen hat.

Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt; neben seiner unterrichtlichen Tätigkeit übte er das Amt des Vorbeters und des Schächters aus. Ab der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts war die Besetzung dieser Stelle einem häufigen Wechsel unterworfen.

 

Stellenausschreibungen der jüdischen Gemeinde (aus: "Der Israelit" vom 26.1.1870, vom 13.5.1886 und vom 10.5.1923)

Ab Anfang der 1920er Jahre wurde die Lehrerstelle von Georgensgmünd und Ellingen gemeinsam ausgeschrieben.

Juden in Georgensgmünd:

        --- 1587 ...........................   5 jüdische Familien,

--- 1603 ...........................  54 Juden,

    --- um 1620/30 ................. ca.  80   “   (ca. 40% d. Dorfbev.),

    --- um 1665 ........................   3 jüdische Familien,

    --- 1714 ...........................   6     “       “    ,

    --- 1766 ...........................  28     “       “    ,

    --- 1809 ...........................  70 Juden,

    --- 1845 ........................... 120   “   (ca. 12% d. Dorfbev.),

    --- 1867 ........................... 101   “  ,

    --- 1880 ....................... ca. 120   “   (ca. 9% d. Dorfbev.),

    --- 1900 ...........................  78   “   (ca. 5% d. Dorfbev.),

    --- 1925 ...........................  49   “   (ca. 3% d. Dorfbev.),

    --- 1933 ...........................  35   “  ,

    --- 1938 (Mai) .....................  13   “  ,

    --- 1939 ...........................  keine.

Angaben aus: Auskünfte Kommunalverwaltung Georgensgmünd

und                 Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945, S. 187

Wenn überhaupt, fand eine sichtbare Integration in die christliche Dorfbevölkerung in Georgensgmünd erst sehr spät statt; so hatte dem hiesigen Gemeinderat bis 1899 kein einziger jüdischer Einwohner angehört. Um 1890/1900 wanderte die jüdische Bevölkerung vermehrt in die größeren Städte ab.

Zu Beginn der NS-Herrschaft lebten in Georgensgmünd noch etwa 30 - 40 jüdische Bewohner, auch diese verließen zumeist bald ihr Heimatdorf. Die antijüdische Hetze im „Stürmer“ hatte bereits 1924 den „judenverseuchten mittelfränkischen Markt Georgensgmünd“ erreicht und in den Folgejahren Wirkung gezeigt, z.B. wurden Grabstätten geschändet. Trotz dieser von der NSDAP-Ortsgruppe forcierten Hetze soll das Leben im Ort für die jüdischen Bewohner noch relativ lange „normal“ verlaufen sein. Obwohl die am Ort verbliebenen Juden seit 1933 keinen Minjan mehr bilden konnten, fanden noch bis 1937 an jüdischen Feiertagen Gottesdienste statt. Zu ersten gewalttätigen Übergriffen auf jüdische Bewohner kam es Mitte April 1933, als SA-Angehörige ein Anwesen einer jüdischen Familie umstellten und ihre Bewohner bedrohten bzw. misshandelten; derartige Vorfälle wiederholten sich. Gleichzeitig setzte nun verstärkt der „wirtschaftliche Kampf“ gegen die ansässigen Juden ein, die damals ihren Lebensunterhalt fast ausschließlich vom Handel mit Vieh, Hopfen, Schnitt- und Gemischtwaren bestritten.

                            lokale NS-Anzeige (1936/1937)

1935 wurde am Ortseingang eine Tafel angebracht, die den Satz trug: „Unser Bedarf an Juden ist hinreichend gedeckt“.

Während der Pogromnacht wurde ein Teil der Inneneinrichtung der Synagoge von SA-Leuten zerstört; der Bau blieb von Zerstörung verschont, da das Haus Wochen zuvor an Privatleute verkauft worden war. In die wenigen, noch von Juden bewohnten Anwesen drangen ebenfalls SA-Männer ein und versetzten die Bewohner in Angst und Schrecken.

                   Fünf Tage nach der „Kristallnacht“ vermeldete die „Rother Volkszeitung”:

"Die noch wenigen hier ansässigen Juden verfügten in ihren Wohnhäusern mit nur 1 - 2 Angehörigen über Räume, die nicht mehr ausgenutzt wurden. Es wurde nun veranlaßt, die Juden zusammenzulegen und diese Räume dadurch frei zu bekommen. Die Habseligkeiten der Juden wurden sofort mittels Auto an Ort und Stelle transportiert. Die freigewordenen Wohnungen bekamen sofort Volksgenossen mit Kindern, ..."

Bis Ende des Jahres 1938 hatten die letzten Juden Georgensgmünd verlassen.

"... Die alte Trutzburg der Juden, Georgensgmünd, ist gefallen. Es ist vor allem der zähen Aufklärungsarbeit und der kraftvollen Initiative des Kreisleiters ... zu verdanken, dass Georgensgmünd nun wieder seine Bestimmung erfüllen kann, ein Hort deutscher Sitte und Art, deutschen Blutes und Geistes zu werden. ... , seit der Wende des Jahres 1938 ist Georgensgmünd judenfrei. ..."

(aus: „Fränkische Tageszeitung” vom 21.1.1939)

Mindestens 32 in Georgensgmünd gebürtige bzw. länger am Ort lebende jüdische Bewohner wurden Opfer der NS-Verfolgung.

Unmittelbar nach Kriegsende hielten sich in Georgensgmünd einige jüdische DPs (etwa 30 Pers.) auf. Bis 1947 verließen alle den Ort, um in den USA bzw. Palästina/Israel ein neues Leben zu beginnen. 

         DPs in der Synagoge, 1947 (Repro aus: nurinst.org)

In den Nachkriegsjahren diente das ehem. Synagogengebäude zeitweise als Turnhalle, danach lange Jahre als Holzlager eines Betriebes. Ende der 1980er Jahre ging das Haus in den Besitz der Kommune Georgensgmünd über, die es - in gemeinsamer Trägerschaft mit dem Kreis Roth - zu einer Erinnerungsstätte der Geschichte und Kultur der jüdischen Landgemeinden ausbaute. Bei den Restaurierungsarbeiten (1988) wurde eine originale Wandmalerei aus der Erbauungszeit – hebräische Schriftzeichen mit Pflanzenmotiven umrahmt - entdeckt; diese Malereien werden dem polnischen Maler Elizer Sussmann zugeschrieben, der seine Spuren in mehreren Synagogen Süddeutschlands hinterlassen hat.

Das restaurierte Synagogengebäude, in dem auch Funde einer 1989 entdeckten Genisa Platz fanden, wurde Anfang der 1990er Jahre als Kulturzentrum der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Auch zwei Ritualbäder sind erhalten geblieben. Das ehem. jüdische Schulgebäude dient heute privaten Wohnzwecken.

 

Ehemalige Synagoge und Portalinschrift (Aufn. J. Hahn, 2006) - „Öffnet mir die Tür, denn ich komme durch sie herein.“

Synagogeninnenraum (Aufn. aus: georgensgmuend.de)

Seit Frühjahr 2000 erinnert ein Denkmal auf dem Vorplatz vor der Synagoge namentlich an die jüdischen NS-Opfer des Landkreises Roth; der Gedenkstein ist ein Werk des Georgensgmünder Bildhauers Reinhart Fuchs.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2078/Georgensgmuend%20Synagoge%20102.jpg   

Mahnmal mit den Namen der Holocaust-Opfer (Aufn. J. Hahn, 2006 und Aufn. aus: jhva.wordpress.com)

Das weitläufige, allseitig mit einer Sandsteinmauer umgebene jüdische Friedhofsgelände, das im Laufe der Jahrhunderte ständig erweitert worden war, besitzt heute noch mehr als 1.700 Grabsteine und ein aus dem Jahre 1723 stammendes Taharahaus. Die letzte Beerdigung fand hier wenige Jahre nach Kriegsende statt.

Gesamtansicht des jüdischen Friedhofs in Georgensgmünd (Aufn. Jan Eric Loebe, 2011, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

 

Teilansichten des jüdischen Friedhofs (Aufn. J. Hanke, 2006 und Jan Eric Loebe, 2011, aus: wikipedia.org, CC BY 3.0)

Weitere Informationen:

Einweihung der renovierten Synagoge Georgensgmünd (Zeitungsartikel), in: Deutsche Israelitische Zeitung vom 19.5.1914

Johann Georg Mayer, Der Judenfriedhof in Georgensgmünd, in: ‘Heimatblatt’ 14/1922

Johann Georg Mayer, Zur Georgsgmünder Synagoge, in: ‘Heimatblatt’ 19/1926

M. Weinberg, Die Memorbücher der jüdischen Gemeinden in Bayern, Frankfurt/M. 1937, S. 226 - 231

Hans Brunner, Die Juden in Georgensgmünd, in: Heimat-Blatt 6-7/1938

Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, Oldenbourg-Verlag, München/Wien 1979, S. 187

Mosche N. Rosenfeld, Ein Blick in die Geschichte der Juden von Georgensgmünd, in: Israelitische Kultusgemeinde Fürth, Nachrichten für den jüdischen Bürger Fürths, Sept. 1981, S. 17 - 19

Friedrich Glenk, Juden in Georgensgmünd, o.O. 1983

F. Glenk/F. Volkert, Der Judenfriedhof Georgensgmünd, Selbstverlag Georgensgmünd 1985

Gerhard Wilhelm Daniel Mühlinghaus, Der Synagogenbau des 17. u. 18.Jahrhunderts im aschkenasischen Raum, Dissertation, Philosophische Fakultät Marburg/Lahn, 1986, Band 2, S. 148

Friedrich Glenk, Juden in Georgensgmünd, in: Jüdische Landgemeinden in Franken - Beiträge zu Kultur und Geschichte einer Minderheit, Hrg. Zweckverband Fränkische Schweiz-Museum Tüchersfeld, 1987, S. 51 - 55

Ausstellung des Landeskirchlichen Archivs, ... wo ist dein Bruder Abel ? 50 Jahre Novemberpogrom. Christen und Juden in Bayern in unserem Jahrhundert, Selbstverlag Landeskirchliches Archiv, Nürnberg 1988

Israel Schwierz, Steinerne Zeugen jüdischen Lebens in Bayern - Eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 168/169

Mosche N. Rosenfeld, Wandmalereien in der Synagoge Georgensgmünd, in: Israelitische Kultusgemeinde Fürth, Nachrichten für den jüdischen Bürger Fürths, 1981, S. 17f.

Zur Erinnerung an die jüdischen Opfer der NS-Zeit im Landkreis Roth und der Stadt Schwabach (Faltblatt), Hrg. Kommunalverwaltungen u. Landkreis Roth, 2000

M.Brocke/Chr. Müller, Haus des Lebens - Jüdische Friedhöfe in Deutschland, Reclam Verlag, Leipzig 2001, S. 128/129

Axel Schwaiger, Georgensgmünd - 700 Jahre Geschichte am Zusammenfluß von Fränkischer und Schwäbischer Rezat, Hrg. Gemeinde Georgensgmünd, Georgensgmünd 2002, S. 276 - 351

Georgensgmünd, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Jim G. Tobias, „Wartesaal“ zur Emigration – Juden in Georgensgmünd nach 1945 (Video), Medienwerkstatt Franken

Peter Kuhn, Jüdischer Friedhof in Georgensgmünd, in: Die Kunstdenkmäler von Bayern, Neue Folge 6, Deutscher Kunstverlag, München/Berlin 2006

Herbert Liedel/Helmut Dollhopf, Jerusalem lag in Franken. Synagogen und jüdische Friedhöfe, Echter-Verlag GmbH, Würzburg 2006, S. 60 – 71

Cornelia Berger-Dittscheid, Georgensgmünd, in: Mehr als Steine ... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band II: Mittelfranken, Kunst Verlag Josef Fink, Lindenberg 2010, S. 334 – 349

Hans-Peter Süss, Jüdische Archäologie im nördlichen Bayern. Franken und Oberfranken, in: Arbeiten zur Archäologie Süddeutschlands, Band 25, Büchenbach 2010, S. 68 - 70 

Jüdisch Historischer Verein Augsburg (Red.), Juden im fränkischen Georgensgmünd, online abrufbar unter: jhva.wordpress.com/2012/09/11/juden-im-frankischen-georgensgmund/

Gerd Berghofer, Die Anderen. Das fränkische Georgensgmünd und seine Juden vor und während des Dritten Reiches, Treuchtlingen/Berlin 2013

N.N. (Red.), Eine ganz normale jüdische Gemeinde. Das fränkische Georgensgmünd vor und während des Nationalsozialismus, in: haGalil.com vom 5.12.2013

Gemeindeverwaltung Georgensgmünd (Red.), Synagoge und jüdischer Friedhof, online abrufbar unter: georgensgmuend.de (mit Bildmaterial)

N.N. (Red.), Nur noch steinerne Zeugen vom jüdischen Landleben in Franken: Georgensgmünd – Friedhof, Synagoge und Taharahaus, in: haGalil.com vom 1.9.2017

Gerd Berghofer, Das Projekt „DIE ANDEREN“ - Juden in und aus Georgensgmünd, 2017

Gerd Berghofer/Jonas Thurn, Die Jüdischen Schätze Georgensgmünd - ein Film auf DVD, Literatones-Verlag (2017/2018)