Großen-Linden (Hessen)

Datei:Landkreis Gießen Gießen.png Großen-Linden ist heute ein Ortsteil der Kleinstadt Linden südlich angrenzend an das Stadtgebiet von Gießen im mittelhesssischen Landkreis Gießen (Karte Andreas Trepte, 2006, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 2.5).

Vermutlich haben sich bereits um die Mitte des 17.Jahrhunderts vereinzelt Juden in Großen-Linden aufgehalten; eine kleine Kultusgemeinde bildete sich im 18.Jahrhundert. Ihre Angehörigen wohnten zumeist in der oberen Junkergasse.

Gottesdienstliche Zusammenkünfte wurden in einem Betraum abgehalten, der in einem von der Ortsgemeinde angepachteten kleinen Fachwerkgebäude untergebracht war; auch Juden aus Hochelheim und Hörnsheim suchten zu Feiertagen den Synagogenraum auf; bis Mitte des 19.Jahrhunderts hatten die dortigen Familien noch eine eigene Gemeinde gebildet.

                   Ehem. Synagogengebäude in der Bahnhofstraße (Aufn. 1974, aus: "Gießener Anzeiger")

1904 wurde gemeinsam mit anderen Gemeinden der Umgebung ein gemeinsamer „Wanderlehrer“ mit Sitz in Wieseck angestellt.

                  aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 18.April 1904

Der in Großen-Linden bestehende, nordwestlich des Ortes gelegene jüdische Friedhof war in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges angelegt worden; er war der zentrale jüdische Friedhof für viele Ortschaften, darunter bis 1836 auch für Gießen. Die ältesten lesbaren Grabsteine stammen aus den ersten Jahrzehnten des 18.Jahrhunderts.

Die jüdische Gemeinde Großen-Linden, zu der auch zeitweise die jüdischen Bewohner von Hörnsheim und Hochelheim zählten, gehörte zum orthodoxen Provinzialrabbinat Gießen.

Juden in Großen-Linden:

         --- um 1830 ...................... ca. 40 Juden (ca. 4% d. Bevölk.),

    --- 1861 ............................. 31   “  ,

    --- 1880 ............................. 32   “  ,

    --- um 1905 .......................... 20   “  ,

    --- um 1930 ..........................  8 Familien,

    --- 1941 .............................  3 Juden,

--- 1942 (Okt.) ......................  keine.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 1, S. 284

Die jüdischen Bewohner Großen-Lindens bestritten zu Beginn des 20.Jahrhunderts ihren Lebensunterhalt im Klein- und im Viehhandel. Von den acht jüdischen Familien, die noch nach der NS-Machtergreifung in Großen-Linden wohnten, waren einige seit dem 18. Jahrhundert hier ansässig und waren weitestgehend integriert. Der Mietvertrag des für Gottesdienste genutzten Fachwerkhauses wurde 1935 von der Kommune gekündigt; fortan fanden gottesdienstliche Zusammenkünfte in einem Privathause in der Falltorstraße statt.

Anm.: Bis 1939 hatte die Hitlerjugend in der ehemaligen Synagoge ihr Quartier; danach wurde der ehemalige Betsaal von der SA (!) als Büro genutzt.

Bis Ende der 1930er Jahre hatten fast alle jüdischen Bewohner Großen-Linden verlassen und waren zumeist in die USA emigriert.

Während der Novembertage 1938 soll der örtliche Schulleiter seine Schüler zu einem „Demonstrationszug“ durch den Ort aufgehetzt haben; dabei wurden Fensterscheiben eingeworfen und Mobiliar zertrümmert. Im September 1942 wurden die letzten drei der noch in Großen-Linden lebenden Juden „in den Osten“ deportiert.

Mitte der 1970er Jahre wurde das Gebäude, in dem sich die Synagoge befand, im Rahmen der Altstadtsanierung abgebrochen. Mehr als ein Jahrzehnt später wurde auf dem Grundstück ein Gedenkstein mit –tafel aufgestellt. 

Auf dem Mitte des 17.Jahrhunderts angelegten jüdischen Friedhof befinden sich heute noch ca. 90 Grabsteine, die ältesten lesbaren von 1712.

 

Jüdischer Friedhof in Linden (Aufn. Ch., aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Im Jahre 1997 ließ die aus Großen-Linden stammende und 1937 in die USA geflüchtete jüdische Familie Rosenbaum auf dem hiesigen jüdischen Friedhof einen Gedenkstein aufstellen, der auf das Schicksal der ermordeten Großen-Lindener Juden hinweist.

Vor dem ehem. Anwesen der jüdischen Familie Marx (Bahnhofstraße) wurde 2008 der erste sog. „Stolperstein“ für Klara Marx gesetzt; weitere wurden noch verlegt, so 2019 vier Steine.

 

In Hüttenberg – einige Kilometer südwestlich von Großen-Linden – sollen seit dem ausgehenden 17.Jahrhundert vereinzelt jüdische Familien gelebt haben. Ihre zahlenmäßig größte Stärke besaß die jüdische Gemeinde um 1885 mit 47 Einwohnern; um 1925 lebten im Ort nur noch 28 Personen mosaischen Glaubens. Auf der Gemarkungsfläche Hüttenbergs findet man zwei jüdische Begräbnisstätten, eine ältere in Vollnkirchen und eine gegen Ende des 19.Jahrhunderts angelegte in Hörnsheim.  

           44802 Hoernsheim 02.jpg Jüdischer Friedhof Hörnsheim (Aufn. Cirdan, 2011, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)  

Der kleinflächige jüdische Friedhof in Hörnsheim mit seinen ca. 20 Grabstätten liegt heute mitten in einem Neubaugebiet.

 

Der jüdische Friedhof in Vollnkirchen – die Ortschaft ist heute kleinster Ortsteil von Hüttenberg - war für beinahe vier Jahrhunderte ein Sammelfriedhof für die Juden mehrerer umliegender Dörfer, so bis Mitte des 17. Jahrhunderts für Linden und Vollnkirchen, später für Verstorbene von Hochelheim, Hörnsheim und Lützellinden. Um 1885 wurde der Friedhof in Vollnkirchen zugunsten eines neuen Friedhofs in Hörnsheim aufgegeben; das letzte hier erfolgte Begräbnis war wahrscheinlich das von Heimann Rosenbaum (geb. 1849, gest. 1890) aus Hochelheim. Die Grabsteine wurden - vermutlich erst in der NS-Zeit - abgeräumt. Heute gilt der Friedhof von Vollnkirchen als einer der ältesten jüdischen Landfriedhöfe Hessens.

Im Jahr 1595 sind erstmals jüdische Einwohner in Vollnkirchen nachzuweisen. Das Privileg, in Vollnkirchen jüdische Familien anzusiedeln, lag bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts bei der in Cleeberg ansässigen adligen Familie „von Schwalbach“; für die Gewährung ihres dauerhaften Aufenthalts mussten die Juden ein jährliches Schutzgeld an die Herren von Schwalbach entrichten. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts zählte die kleine jüdische Gemeinschaft ca. 40 Köpfe. Von einigen ist bekannt, dass sie als Kaufleute regelmäßig die Messe in Frankfurt/M. aufsuchten.

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 284/285

Thea Altaras, Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945?, Königstein i.Ts. 1988, S. 81/82

Thea Altaras, Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945? Teil II, Königstein i.Ts. 1994, S. 69

Studienkreis Deutscher Widerstand (Hrg.), Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945. Hessen II Regierungsbezirke Gießen und Kassel, 1995, S.45

Großen-Linden, in: alemannia-judaica.de

Christiane Schmidt/Marianne Bill, Jüdisches Leben in Hüttenberg, hrg. von der Kommune Hüttenberg, 2011

Der jüdische Friedhof von Vollnkirchen (Flyer der Kommune Hüttenberg)

Thomas Wißner (Red.), Neue „Stolpersteine“ werden in Linden gesetzt, in: „Gießener Anzeiger“ vom 5.1. 2019

Thomas Wißner (Red.), Stolpersteine für Lina Simon, Anna Marx, Lina Edelmuth und Berthold Edelmuth verlegt, in: „Gießener Anzeiger" vom 23.10.2019