Jüchen (Nordrhein-Westfalen)

Jüchen in NE.svg Jüchen ist eine Kommune mit derzeit ca. 23.500 Einwohnern im Rhein-Kreis Neuss – südwestlich von Neuss bzw. südlich von Mönchengladbach gelegen; die seit 1975 bestehende neue Gemeinde Jüchen setzt sich aus Jüchen, Hochneukirch, Garzweiler und Bedburdyck zusammen (Ausschnitt aus hist. Karte von 1905 ohne Eintrag von J., aus: wikipedia.org, gemeinfrei und Kartenskizze 'Rhein-Kreis-Neuss', TUBS 2008, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

 

Erste schriftliche Hinweise auf Ansiedlungen von Juden im niederrheinischen Jüchen stammen aus der zweiten Hälfte des 17.Jahrhunderts.

Die erste Synagoge in Jüchen soll 1764 eingeweiht worden sein; 1840 wurde sie durch einen Neubau an der Wilhelmstraße ersetzt, der einige Meter hinter der Straßenfront lag. 1858 gab sich die Synagogengemeinde Jüchen ihr Statut; darin hieß es u.a.:

§. 1 Der Jücher Synagogen-Bezirk umfaßt sämmtliche Ortschaften der Bürgermeistereien von Jüchen, Neukirchen, Wickrath, Wanlo, Garzweiler, Bedburdyck und Kelzenberg.

§. 2 Alle innerhalb des §.1 gedachten Synagogen-Bezirks wohnenden Juden gehören der Synagogen-Gemeinde Jüchen an und sind Mitglieder dieser Gemeinde. ...

 

Jüdische Kinder besuchten zunächst die jüdische Schule am Ort, später dann die in Rheydt.

1892 umfasste die Synagogengemeinde Jüchen sämtliche Ortschaften der Bürgermeistereien Jüchen, Bedburdyck, Garzweiler, Hochneukirch, Kelzenberg und Wanlo.

Der Jüchener jüdische Friedhof an der Alleestraße muss bereits gegen Ende des 17.Jahrhunderts bestanden haben, denn der älteste dort aufgefundene Grabstein stammt aus dem Jahre 1693.

Juden in Jüchen:

         --- 1816 ........................... 82 Juden,

    --- 1822 ........................... 76   “  ,                              

    --- 1835 ........................... 73   “  ,

    --- 1861 ........................... 69   “  ,

    --- 1871 ........................... 75   “  ,

    --- 1910 ........................... 75   “  ,

    --- 1928 ........................... 57   “  ,

    --- 1935 ........................... 45   “  .

Angaben aus: Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Reg.bez.Düsseldorf, S.460

und                 Klaus H.S. Schulte, Dokumentation zur Geschichte der Juden am linken Niederrhein ..., S. 256

 

Zu Beginn der NS-Zeit lebten in Jüchen noch etwa 50 Juden.

Die Jüchener Synagoge fiel dem Novemberpogrom von 1938 zum Opfer; bereits vier Jahre zuvor war in das Gebäude eingebrochen und Feuer gelegt worden, Thora-Rollen und Kultgegenstände wurden beschädigt. Die Brandlegung im November 1938 äscherte dann das Gebäude völlig ein, nur die Umfassungsmauern blieben noch stehen.

Der jüdische Friedhof wurde während der NS-Zeit geschändet und verwüstet, das Gelände 1943 an die Kommune Jüchen für 100,- RM verkauft.

Mindestens neun Jüchener Juden wurden 1942 via Düsseldorf „in den Osten“ deportiert.

 

Auf dem Gemeindegebiet von Jüchen gibt es mehrere Gedenktafeln bzw. -steine, die an die Verfolgung der Juden während der Zeit des Nationalsozialismus erinnern.

In Jüchen selbst befindet sich in einer Grünanlage (Wilhelmstraße) ein Stein mit einer Bodenplatte, der an die zerstörte Synagoge erinnert.

                Bronzene Plakette mit Menora (Aufn.  aus: juedische-friedhoefe.info)    

Auch auf dem jüdischen Friedhof im Ortskern von Jüchen (Alleestraße) findet man eine Gedenkstele, die die ff. Worte trägt:

Zum Gedenken an unsere jüdischen Mitbürger

1933 - 1945

Auf einer daneben befindlichen Gedenktafel sind namentlich die neun jüdischen Opfer verewigt.

Datei:JFH-Jüchen 1369.JPG Denkmal und Namenstafel der NS-Opfer (Aufn. aus: wiki-de.genealogy.net)

Der jüdische Friedhof, der Anfang der 1950er Jahre wieder hergerichtet wurde, weist heute noch 57 Grabsteine auf. Das letzte Begräbnis fand hier 1974 statt.

108 Jüdischer Friedhof, Alleestraße 19, Jüchen.jpg

Jüdischer Friedhof, Alleestr. (Aufn. K. u. B. Limburg, 2011, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

Im Jahre 2021 (!) wurde auf dem städtischen Friedhof in Jüchen ein Gedenkstein für zwei gefallene jüdische Soldaten des Ersten Weltkrieges gesetzt.

Im Jüchener Ortskern wurden 2013 - auf Initiative von Schüler/innen der hiesigen Realschule - die ersten sog. „Stolpersteine“ verlegt; weitere 25 Steine fanden dann 2016 ihren Platz im Gehwegpflaster Jüchener Straßen. Inzwischen zählt man im Jüchener Stadtgebiet - an mehr als 20 Standorten - insgesamt ca. 60 messingfarbene Gedenkquader (Stand 2023).

Datei:Juechen-Stolperstein 3100.jpgDatei:Juechen-Stolperstein 3095.JPG

 Stolpersteine“ in Jüchen (Aufn. Bernhard Erdmann, 2013, aus: wiki-de.genealogy.net)

 

In verschiedenen, heute zu Jüchen gehörenden Ortsteilen haben auch kleinere jüdische Gemeinden bestanden:

Im Ortsteil Bedburdyck haben seit Mitte des 16.Jahrhunderts nur sehr wenige jüdische Familien zeitweilig gelebt. In den 1860er Jahren erreichte die Zahl der Gemeindeangehörigen mit knapp 80 Personen ihren Höchststand.

Vermutlich wurde gegen Ende des 18.Jahrhunderts eine eiegene Begräbnisstätte angelegt, die aber nur bis ins erste Viertel des 19.Jahrhunderts benutzt wurde.

Eine ältere Synagoge wurde um 1860 durch einen kleinen schlichten Neubau "In der Bausch" ersetzt. Während des Novemberpogroms wurde das ehemalige Gotteshaus - es war zu diesem Zeitpunkt bereits verkauft - verwüstet; einige Zeit später wurde es abgerissen.

Eine Gedenktafel erinnert seit 1998 an die Bedburdycker Synagoge:

Das gegenüberliegende Grundstück wurde im Jahre 1823 von der Jüdischen Gemeinde erworben. Etwa 100 Jahre lang stand dort eine Synagoge, die in der Nacht vom 9. zum 10.November 1938 verwüstet und geplündert wurde. Einige Zeit später wurde die Synagoge abgerissen.

Wir wollen der jüdischen Mitbürger gedenken, die in der Zeit des Naziterrors verfolgt, ihres Eigentums beraubt, vertrieben, verschleppt oder ermordet wurden.

In Bedburdyck wurde im Febr. 2016 der erste sog. „Stolperstein“ verlegt.

 

 

Im Ortsteil Garzweiler war um 1700 erstmals eine jüdische Familie ansässig; in der Mitte des 19.Jahrhunderts erreichte die hiesige Gemeinde mit ca. 70 Angehörigen ihren Zenit. Zum Zeitpunkt des Novemberpogroms von 1938 lebten noch 15 Juden im Dorf. Bereits im 18.Jahrhundert soll in Garzweiler eine Synagoge existiert haben; diese diente der kleinen Gemeinde wohl bis Ende der 1920er Jahre zu gottesdienstlichen Zwecken. Während des Pogroms von 1938 wurde die Inneneinrichtung zerschlagen; das danach in Privatbesitz übergegangene Gebäude wurde 1939 abgerissen. Auch ein eigenes Friedhofsgelände stand seit Mitte des 18.Jahrhunderts der Gemeinde zur Verfügung. Ende der 1980er Jahre musste das Begräbnisgelände dem fortschreitenden Braunkohletagebau weichen; Grabsteine und Gräber wurden auf ein eigenes Feld des neuen Friedhofs von Neugarzweiler umgebettet, ebenso wie die Gebeine eines während der Abbaggerungsarbeiten gefundenen Vorgängerfriedhofs. 57 Grabstätten und ein Gedenkstein sind erhalten. 

vgl. Garzweiler (Nordrhein-Westfalen)

 

 

Juden ließen sich erstmals gegen Mitte des 18.Jahrhunderts im Ortsteil Hochneukirch (bis um 1890 Neukirch) nieder; die Zahl der Gemeindeangehörigen erreichte nie mehr als 60 Personen; zu Beginn der NS-Zeit waren es noch etwa 50. Eine eigene Begräbnisstätte bestand seit den 1820er Jahren; sie lag weit außerhalb westlich der Ortschaft am Schromberg. Bis zu Beginn des 20.Jahrhunderts suchten die Hochneukircher Juden Beträume in umliegenden Ortschaften, vor allem in Jüchen, auf; erst 1902 konnte man ein eigenes, kleines Synagogengebäude in der Weidenstraße, der heutigen von-Werth-Strasse, einweihen; wenige Jahr zuvor hatte bereits ein Betraum existiert. Während des Pogroms von 1938 wurde das Synagogengebäude völlig zerstört; die jüdischen Einwohner, deren Häuser zudem demoliert worden waren, mussten dann die Synagogenruine abtragen. Der während der NS-Zeit weitgehend zerstörte Friedhof wurde nach 1945 wieder hergerichtet; ca. 15 Grabsteine sind heute noch vorhanden.

undefinedJüdischer Friedhof (Aufn. K. u. B. Limburg, 2012, aus: commons.wikimedia.org, CC SA 3.0.de)

Seit 1980 weist eine Gedenktafel auf den ehemaligen Standort der Synagoge hin. 2012 wurde eine Straße nach der jüdischen Großfamilie Falkenstein benannt, die vor der NS-Zeit im Hochneukircher Dorfleben eine wichtige Rolle gespielt hatte.

         Stolperstein für Walter Falkenstein Foto des Stolpersteins(Abb.aus: stolpersteine.wdr.de)

Der Zigarrenfabrikant Isaac Falkenstein, geb. 1844 in Hochneukirch, gest. 1933) besaß sechs Kinder. Seine beiden Söhne Leo und Dagobert betrieben eine Zigarrenfabrik. Während es einem Teil der Familie gelang zu emigrieren, wurde der andere Teil deportiert.

 

 

Weitere Informationen:

Klaus H.S. Schulte, Dokumentation zur Geschichte der Juden am linken Niederrhein seit dem 17.Jahrhundert, in: "Veröffentlichungen des Historischen Vereins für den Niederrhein ...", Band 12, Verlag L.Schwann, Düsseldorf 1972, S. 19 - 23 und S. 110 - 114

Heinz Spelthahn (Hrg.), Ausgegrenzt - Ausgelöscht - Überlebt ? Jüdische Schicksale in Jüchen zwischen Spenrath und Damm. Geschichte der Gemeinde Jüchen, Band 4, Jüchen 1998

Rüdiger Röttger, Davon haben wir nichts gewußt. Jüdische Schicksale aus Hochneukirch/Rheinland 1933 – 1945, Düsseldorf 1998

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 246/247 und S. 272

Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Teil II: Regierungsbezirk Düsseldorf, J.P.Bachem Verlag, Köln 2000, S. 460 – 472

Jüdischer Friedhof in Jüchen - Dokumentation der Grabinschriften in der epigraphischen Datenbank des Ludwig Steinheim-Instituts

Ursula Wolf-Reisdorf (Red.), Neue Straße erinnert an jüdische Familie, in: „NGZ - Neuß-Grevenbroicher Zeitung“ vom 12.11.2012

Daniela Buschkamp (Red.), Stolpersteine erinnern an Juden aus Jüchen, in: "NGZ - Neuß-Grevenbroicher Zeitung" vom 15.7.2013

Christian Kandzorra (Red.), Stolperstein erinnert an Heinrich Schlösser, in: „Neuß-Grevenbroicher Zeitung“ vom 4.2.2014

Jüchen/Stolpersteine – Gedächtnissteine für Opfer des Nationalsozialismus, online abrufbar unter: http://wiki-de.genealogy.net/J%C3%BCchen/Stolpersteine

Auflistung der in Jüchen verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Jüchen

Gundhild Tillmanns (Red.), Pflegepaten für alle Stolpersteine gesucht, in: "NGZ - Neuß-Grevenbroicher Zeitung" vom 28.1.2016

Dieter P. Ohlmann, Post aus Theresienstadt – ein Speicherfund in Jüchen-Schaan. Ein Beitrag zur Geschichte jüdischer Familien im Gemeindegebiet Jüchen und Umgebung, Hrg. Förderverein Gemeindearchiv Jüchen, Bonn 2018 (betr. die Familien Liffmann, Oberländer u. Ullmann)

Christian Kandzorra (Red.), Erinerung an jüdische Soldaten aus Jüchen, in: "NGZ – Neuß-GrevenbroicherZeitung“ vom 8.2.2018

Gundhild Tillmanns (Red.), Jüdisches Leben ein Gesicht geben, in: "NGZ - Neuß-Grevenbroicher Zeitung" vom 31.5.2018

Gundhild Tillmanns (Red.), Jüdischer Friedhof in Jüchen-Garzweiler. Besonderes Mahnmal erinnert an den Holocaust, in: "NGZ - Neuß-Grevenbroicher Zeitung" vom 26.1.2019

N.N. (Red.), Auf dem Friedhof in Jüchen. Gedenkstein für jüdische Opfer des Ersten Weltkrieges, in: „NGZ – Neuß-Grevenbroicher Zeitung“ vom 26.3.2021