Hoffenheim (Baden-Württemberg)

 Bildergebnis für landkreis Heidelberg ortsdienst karte Hoffenheim ist heute ein Teil der Großen Kreisstadt Sinsheim im Rhein-Neckar-Kreis - südöstlich von Heidelberg gelegen (Karte aus: ortsdiens.de/baden-wuerttemberg/rhein-neckar-kreis)

Erstmals wurde ein Jude in Hoffenheim im Jahre 1471 erwähnt; danach soll die reichsritterschaftliche Familie v. Hirschhorn vertriebene Juden aus Speyer bzw. Worms im Dorf aufgenommen haben; ob die jüdischen Familien dauerhaft im Dorfe blieben, kann nicht belegt werden. Erst seit den 1720er Jahren ist die Ansiedlung mehrerer Juden in Hoffenheim urkundlich nachweisbar; sie bildeten bald eine Gemeinde. In den nachfolgenden Jahrzehnten war das Zusammenleben mit der christlichen Dorfbevölkerung nicht immer konfliktfrei; so führten schon geringste Anlässe dazu, die Juden zu diskreditieren und gegen sie gerichtlich vorzugehen. Trotz dieser Spannungen nahm aber die jüdische Dorfbevölkerung im Laufe des 18.Jahrhunderts stetig zu, da vor allem die Grundherrschaft an den Schutzgeldern stark interessiert war. 1806 fiel das jahrhundertelang im Besitz reichsritterlicher Familien stehende Dorf an das Großherzogtum Baden. Noch bis 1817 musste jede jüdische Familie ein jährliches Schutzgeld zahlen, das je zur Hälfte an die Herrschaft und die Ortsgemeinde ging.

Ihren Lebensunterhalt verdienten die Hoffenheimer Juden von jeher im Vieh- und Getreidehandel, zudem im Geldverleih.

Gegen Mitte des 19.Jahrhunderts war die Hoffenheimer Kultusgemeinde zahlenmäßig am stärksten; sie verfügte über ein reges Gemeindeleben.

Seit Mitte des 18.Jahrhunderts besaß die Judenschaft Hoffenheims eine Synagoge im Ortszentrum in der Untergasse, der heutigen Neue Straße; dieses Gebäude - ursprünglich mit Betpulten anstatt Sitzbänken ausgestattet - war bis zu seiner Zerstörung 1938 religiöser Mittelpunkt der Gemeinde. Im zweistöckigen Synagogengebäude befand sich auch die Wohnung des Lehrers.

                     

                                             Synagoge in Hoffenheim (Zeichnung K. Koch-Benamar 1990) und Gemeindesiegel

Eine eigene Elementarschule wurde um 1840 eröffnet; sie bestand fast vier Jahrzehnte, dann gingen die Kinder auf die 1876 neueröffnete überkonfessionelle Schule; nur Religionsunterricht erteilte ein jüdischer Lehrer, der zugleich die Funktion des Vorsängers und Schächters der Gemeinde inne hatte.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20144/Hoffenheim%20Israelit%2008041889.jpg  http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20144/Hoffenheim%20Israelit%2011081892.jpg

 Anzeigen aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 8.April 1889 und 11.Aug. 1892

Zu den Kultuseinrichtungen am Ort gehörte auch eine 1834 neu angelegte Mikwe.

Trotz der Gemeindegröße verfügte die Hoffenheimer Kultusgemeinde über keine eigene Begräbnisstätte; ihre Verstorbenen beerdigte die jüdische Gemeinde auf dem Verbandsfriedhof in Waibstadt, später dann in Sinsheim.

Die Kultusgemeinde Hoffenheim unterstand dem Bezirksrabbinat Heidelberg.

Juden in Hoffenheim:

    --- 1720 ..........................   6 jüdische Familien,

    --- 1769 ..........................  13     “       “    ,

    --- 1809 ..........................  25     “       “   (ca. 110 Pers.),

    --- 1823 ..........................  33     “       “   (ca. 200 Pers.),

    --- 1842 .......................... 227 Juden (ca. 15% d. Bevölk.),

    --- 1875 .......................... 157   “  ,

    --- 1895 .......................... 152   “   (ca. 10% d. Bevölk.)

    --- 1900 .......................... 117   “  ,

    --- 1910 ..........................  82   “   (ca. 5% d. Bevölk.),

    --- 1925 ..........................  51   “  ,

    --- 1933 ..........................  40   “  ,

    --- 1940 ..........................  20   “  ,

             (Nov.) ...................  keine.

Angaben aus: F.Hundsnurscher/G.Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden. Denkmale, ..., S. 136                                                                    

Wie fast alle Landgemeinden war auch die Gemeinde von Hoffenheim von Aus- und Abwanderung ihrer Mitglieder betroffen; so verließen in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts die meisten jüdischen Familien ihr Heimatdorf. Zu Beginn der NS-Zeit lebten in Hoffenheim noch etwa 40 jüdische Einwohner, die am Ort verschiedene Unternehmen bzw. Geschäfte betrieben: Zwei Viehhandlungen, drei landwirtschaftliche Handelsunternehmen, zwei Einzelhandelsgeschäfte und eine Metzgerei.

Ein geregeltes religiöses Gemeindeleben war noch möglich und wurde von den hier noch ansässigen Juden auch als selbstverständlich erachtet. Besonders der hiesige NSDAP-Ortsgruppenleiter machte ihnen das Leben im Dorf schwer. Er wachte streng darüber, dass jeder private und geschäftliche Verkehr zwischen „Ariern“ und Juden des Ortes unterbunden wurde. Schikanen und ein nächtlicher Überfall auf die Synagoge schüchterten die jüdischen Ortsbewohner weiter ein.

Während der „Reichskristallnacht“ plünderten und zerstörten SA-Angehörige aus dem Ort - auf Befehl des Waibstadter SA-Führers - die Hoffenheimer Synagoge; eine Brandlegung fand aber nicht statt; das Gebäude wurde später abgetragen. Alle jüdischen Männer wurden inhaftiert und ins KZ Dachau überstellt; nach ihrer Rückkehr wurden sie zur Zwangsarbeit eingesetzt. Zu Beginn des Jahres 1940 lebten noch 20 jüdische Bewohner im Dorf; sie wurden - bis auf zwei - Ende Oktober 1940 im Rahmen der sog. „Aktion Bürckel“ ins südfranzösische Internierungslager Gurs deportiert; mindestens 14 von ihnen wurden Opfer der Shoa

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des „Gedenkbuches – Opfer der Verfolgung der Juden ...“ sind insgesamt 40 gebürtige bzw. längere Zeit am Ort ansässig gewesene jüdische Bürger Hoffenheims Opfer der NS-Gewaltherrschaft geworden (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/hoffenheim_synagoge.htm).

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images13/Hoffenheim%20Gedenktafel%2001.jpg An alle Opfer des Nationalsozialismus erinnert eine Gedenkplatte am Glockenturm der Hoffenheimer Friedhofskapelle (Aufn. J. Hahn, um 1985).

Seit 2005 nennt eine am Rathaus angebrachte Gedenktafel namentlich alle deportierten jüdischen Bewohner Hoffenheims.

Fünf Jahre später wurde ein von Schülerinnen der Fachschule für Sozialpädagogik gestalteter Gedenkstein enthüllt; eine Kopie dieses Steines fand auf dem zentralen Mahnmal für die deportierten badischen Juden in Neckarzimmern ihren Platz (Aufn. aus: mahnmal-neckarzimmern.de).

 

[vgl.  Sinsheim (Baden-Württemberg)]

 

Weitere Informationen:

D.Neu, Aus der Vergangenheit von Hoffenheim, o.O. 1953, S. 134 f.

F.Hundsnurscher/G.Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden. Denkmale, Geschichte, Schicksale, Hrg. Archivdirektion Stuttgart, Band 19, Stuttgart 1968, S. 135 - 137

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 484/485

Ludwig Streib, Die Israelitische Gemeinde in Hoffenheim 1918 - 1945. Arbeit im Rahmen des Diakoniewissenschaftlichen-kirchengeschichtlichen Seminars zur Thematik: ‘Diakonie und Euthanasie zur Zeit des Nationalsozialismus’, o.O. 1989

Wilhelm Bauer, Die ehemalige jüdische Gemeinde Sinsheim, in: "Sinsheimer Hefte", 1995 (Statistik)

Hoffenheim, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Frederick Raymes/Menachem Mayer, Aus Hoffenheim deportiert – Menachem und Fred - Der Weg zweier jüdischer Brüder, hrg. vom Heimatverein Hoffenheim, verlag regionalkultur, Ubstadt-Weiher 2005 (2. überarb. Aufl. 2008)*   * Die Biographie der beiden Brüder „Menachem und Fred“ wurde verfilmt und 2009 auf der Berlinale ausgezeichnet

L. Streib/M.Uhlig, Die Geschichte der Juden in Hoffenheim. Vortrag zur Einweihung der Gedenktafel am 4.9.2005 (Manuskript)

Holger Kreitling (Red.), Hoffenheim und die dunkle Seite der Familie Hopp, in: "Die Welt" vom 11.2.2009

N.N. (Red.), Wir stehen hier gegen das Vergessen, in: "Rhein-Neckar-Zeitung" vom 22.10.2010 (betr. Einweihung des Gedenksteins)

Michael Wuliger (Red.), Die Legende vom unschuldigen Nazi - Wie SAP-Gründer Dietmar Hopp versucht, seinen Vater zu entschuldigen, in: „Jüdische Allgemeine“ vom 14.3.2019