Holleschau (Mähren)

HolleschauDie in Mittelmähren gelegene Ortschaft Holleschau - das tschechische Holešov mit seinen derzeit ca. 11.500 Einwohnern - erhielt zu Beginn des 14.Jahrhunderts Stadtrechte (Ausschnitt aus hist. Landkarte, aus: europa1900.eu).

In der Stadt war eine der größten und bedeutendsten jüdischen Gemeinden Mährens beheimatet.

Erstmals wurde ein Jude in der Nähe Holleschaus gegen Ende des 14.Jahrhunderts erwähnt; in der Stadt Holleschau ist jüdische Ansiedlung erst aus der zweiten Hälfte des 15.Jahrhundert belegt; dabei handelte es sich zumeist um Juden aus Olmütz, die aus den Königsstädten ausgewiesen worden waren. Eine Gemeinde soll sich in der ersten Hälfte des 16.Jahrhunderts gebildet haben.

Die Juden lebten in Holleschau ghettoartig zusammen. Zugestandene Privilegien, die bei jedem Wechsel der Herrschaft geändert bzw. ergänzt wurden, sicherten den jüdischen Bewohnern das Verbleiben und zudem Handelsrechte.

 Ghettotor in Holleschau von innen u. außen (hist. Aufn.)

Schon zu dieser Zeit soll es in Holleschau eine Synagoge und am nördlichen Rand des Judenviertels einen jüdischen Begräbnisplatz gegeben haben. Der Friedhof wurde wahrscheinlich in der zweiten Hälfte des 15.Jahrhunderts angelegt; der älteste noch vorhandene Grabstein stammt aus dem Jahre 1647; das Begräbnisareal wurde in den folgenden Jahrhunderten mehrfach erweitert.

                        Teilansicht des jüdischen Friedhofs (Aufn. olam.cz, 2007)

Nach einem Großbrand in der Stadt, der auch die alte Synagoge zum Opfer fiel, wurde 1560 mit Genehmigung des Grundherrn eine neue gebaut; ein um 1615 erfolgter Anbau vergrößerte den recht unscheinbaren Synagogenbau um einen Nebensaal und eine Frauengalerie. Der Synagogeninnenraum wurde um 1725/1735 im Stile des Barock ausgestattet. Ein Teil der Wände und das Gewölbe waren mit Pflanzen- und Tiermotiven bemalt - umgeben von hebräischen Inschriften; in der Mitte stand der Almemor (Bima) mit einem geschmiedeten Gitter versehen.

   

                                    Die "Schach-Synagoge"  (hist. Aufn.)                          Almemor in der „Schach-Synagoge“ (Aufn. Jantarova-stezka.info)

Während des Siebenjährigen Krieges wurden die deutsch-sprechenden jüdischen Bewohner Mährens der Kollaboration mit den preußischen Truppen verdächtigt und des Landesverrats angeklagt; ihnen drohte Vertreibung und Ausplünderung, doch sie konnten sich durch eine riesige Geldsumme freikaufen. Auch die Holleschauer Juden mussten einen hohen Beitrag entrichten, sodass die Gemeinde sich erheblich verschuldete.

Ihre Blütezeit erreichte die jüdische Gemeinde gegen Mitte des 19.Jahrhunderts, als ihre Angehörigen ca. ein Drittel der Bevölkerung stellten.

Ein großes neues Synagogengebäude ließ die zu Reichtum gekommene jüdische Gemeinde Anfang der 1890er Jahre errichten; nach etwa zweijähriger Bauzeit konnte das vom Wiener Architekten Jakob Gartner konzipierte Bauwerk – eine freistehende zweigeschossige Halle mit maurisch-orientalischen Stilelementen - im Jahre 1893 eingeweiht werden. Neben der Synagoge befand sich das Rabbinerhaus.

              Neue Synagoge in Holleschau (hist. Aufn., Muzeum Holesov)

Bis ins 20.Jahrhundert hinein besaß die Holleschauer „Judenstadt“ - das Territorium der Judengemeinde war durch Stadttore von der „Christenstadt“ getrennt - auf Grund alter Privilegien eine eigene Kommunalverwaltung, an dessen Spitze ein jüdischer Bürgermeister rangierte; ihm zur Seite stand ein Gemeinderat. Eigene Polizei, Feuerwehr und Nachtwächter sorgten für den Schutz des jüdischen Siedlungsgebiets. Erst 1919 wurde die Autonomie der jüdisch-politischen Gemeinde aufgehoben und die Verwaltung nunmehr von der christlichen Seite übernommen. In diesem Zusammenhang wurde auch die jüdische, staatlich finanzierte Elementarschule aufgelöst.

1899 war es in Holleschau zu antijüdischen Exzessen gekommen: Die aufgehetzte christliche Bevölkerung hatte Wohnungen und Geschäfte von Juden geplündert. Wochenlang war Militär im Einsatz, um die jüdische Bevölkerung vor weiteren Ausschreitungen zu schützen. Zahlreiche jüdische Familien waren inzwischen aus Holleschau geflüchtet, weitere wanderten in der Folgezeit von hier ab. Als es Ende des Jahres 1918 zu einem Überfall einer bewaffneten Bande kam, bei dem zwei Juden getötet und fast alle Familien ausgeplündert wurden, beschleunigte sich der Abwanderungsprozess noch einmal.

Juden in Holleschau:

    --- um 1585 .....................    11 jüdische Familien,

    --- 1613 ........................    40     “       “    ,

    --- um 1695 ................. ca.    30% der Stadtbewohner,

    --- um 1745 ................. ca. 1.500 Juden,

    --- 1794 ........................ 1.032   “  (ca. 26% d. Bevölk.),

    --- 1831 ........................ 1.316   “  (in 265 Familien),*

    --- 1848 .................... ca. 1.700   “  (ca. 32% d. Bevölk.),

    --- 1857 .................... ca. 1.600   “  ,*

    --- 1869 ........................ 1.764   “  ,*

    --- 1880 ........................   610   “  ,*

    --- 1900 ........................   443   “  ,*

    --- 1914 .................... ca. 1.200   “  ,*

    --- 1930 .................... ca.   270   “  (ca. 4% d. Bevölk.),*

    --- 1945 ........................    15   “  ,       * gesamte Synagogengemeinde

    --- 1948 ........................    37   "  .

Angaben aus: Theodor Haas, Juden in Mähren - Darstellung der Rechtsgeschichte und Statistik ..., S. 60

und                J. Freimann, Geschichte der Juden in Holleschau

In der zweiten Hälfte des 19. und zu Beginn des 20.Jahrhunderts machten sich jüdische Unternehmer im besonderen Maße um den ökonomischen Aufschwung der Stadt verdient.

Bildergebnis für holleschau Ringplatz in Holleschau (hist. Aufn., aus: zholesova.cz)

Zu Beginn der 1930er Jahre sollen nur noch relativ wenige jüdische Familien in Holleschau gelebt haben. Die 1893 errichtete Synagoge wurde 1941 von den Nationalsozialisten zerstört, die Ruine anschließend gesprengt. Die zahlreich hier vorhandenen Ritualien und historischen Dokumente wurden ins zentrale jüdische Museum nach Prag gebracht.

 

Synagogenruine (hist. Aufn. 1940/1941, Muzeum Holesov)

Die noch in Holleschau lebenden Familien wurden zusammen mit Juden der Region über Theresienstadt bzw. Ungarisch Brod (Uhersky Brod) nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Etwa 200 - 250 Juden aus Holleschau wurden Opfer der Shoa, nur 15 überlebten die Deportation.

 

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges kehrten nur sehr wenige Juden nach Holešov zurück; die Konstituierung einer jüdischen Gemeinde in der Stadt war damals aber nicht von Dauer.

Vom alten jüdischen Viertel mit seinen mehr als 100 Häusern sind heute noch etwa die Hälfte erhalten, darunter auch die alte Synagoge, die in den 1990er Jahren letztmalig restauriert wurde. Die im Stile der Renaissance gestaltete Synagoge mit ihren kostbaren Wandmalereien aus dem Jahre 1737 repräsentiert den einzigartigen Synagogenstil vom sog. polnischen Typus und zählt zu den wertvollsten Denkmälern ihrer Art in der Tschechischen Republik. Sie trägt den Namen des Rabbiners Sabbatai ben Meir ha-Kohen - Schach genannt. Heute ist diese sog. „Schach-Synagoge“ Standort des mährisch-jüdischen Museums; auf zwei Etagen wird die Dauerausstellung „Juden und Mähren“ gezeigt.

Restaurierte alte Synagoge (Aufn. J. Erbenová, 2012, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Im Sommer 2004 wurde auch der jüdische Friedhof, der am Rande des einstigen Ghettos lag, restauriert. Auf dem alten Begräbnisgelände sind etwa 1.500 Grabsteine - teils kaum lesbar - vorhanden, darunter auch solche mit reicher Symbolik. Ein Grabstein erinnert an den bedeutenden Rabbiner und Gelehrten Sabbatai ben Meir ha-Kohen (geb. 1621 in Wilna), genannt Schach. Besondere Berühmtheit hatte der Talmudist durch sein Buch "Siftei Kohen" ("Lippen des Kohen") - veröffentlicht 1646 - erlangt. 1662 verstarb es an seiner letzten Wirkungsstätte Holleschau. Dessen Grabstätte ist noch heute Ziel jüdischer Wallfahrer aus der ganzen Welt.


Sabbatai ben Meir ha-Kohen und seine Grabstätte (Aufn. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

In der aus dem Jahre 1903 stammenden Zeremonienhalle erinnert heute eine Gedenktafel an die Opfer des Holocaust.

http://www.czechtourism.com/getmedia/8691144e-3a55-4e43-85fe-2bf62302523c/c-holesov-jewish-cemetery-sach-synagogue-1.jpg.aspx/?ext=.jpg&maxsidesize=700&width=575&height=370&crop=1

Friedhofsareal (Aufn. aus: czechtourism.com) und ehem. Trauerhalle (Aufn. J. Erbenová, 2012)

  Der in Holleschau im Jahre 1823 geborene Gerson Wolf wollte zunächst Rabbiner werden und übersiedelte nach Wien, um hier sein Studium zu beginnen. Ab Mitte der 1850er Jahre arbeitete er als Religionslehrer in der jüdischen Wiener Gemeinde; im Rahmen dieser Tätigkeit engagierte er sich aktiv bei pädagogischen Projekten und übernahm die Aufsicht der Religionsschulen in Wien. Gerson Wolf veröffentliche zahlreiche Schriften, die sich vor allem mit der Geschichte der Juden in Böhmen, Mähren und Österreich beschäftigten. Gerson Wolf starb 1892 im Alter von 69 Jahren in Wien.

 

Weitere Informationen:

Theodor Haas, Juden in Mähren - Darstellung der Rechtsgeschichte und Statistik unter besonderer Berücksichtigung des 19.Jahrhunderts, Brünn 1908

Jakob Freimann (Bearb.), Geschichte der Juden in Holleschau, in: Hugo Gold (Hrg.), Die Juden und Judengemeinden Mährens in Vergangenheit und Gegenwart, Jüdischer Buch- und Kunstverlag, Brünn 1929, S. 233 - 240

Hugo Gold, Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden Mährens, Olamenu-Verlag, Tel Aviv 1974, S. 57 - 60

Vlastimila Hamackova/Jamila Skochova, Cimetiere Juif de Holesov, in: "Judaica Bohemiae 1979", S. 122 f.

Die Juden in den böhmischen Ländern nach 1945. Materialien zur Geschichte, in: "Dokumentation Ostmitteleuropa", Jg. 8 (32), Heft 5/6 (1982)

P.Ehl/A.Parík/Jirí Fiedler, Alte Judenfriedhöfe Böhmens und Mährens, Paseka-Verlag, Prag 1991, S. 155

Jaroslav Klenovský, Židovské památky Holešova [Jüdische Denkmäler in Holleschau], Holešov 1999

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 1), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 522

Zum Schicksal jüdischer Synagogen in Holešov, Hranice, Jičin und Mikulov, in: "Pressglas-Korrespondenz", No. 4/2009

Jewish Families from Holešov (Holleschau), Moravia, Czech Republic, online abrufbar unter: geni.com/projects/Jewish-Families-from-Hole%25C5%25A1ov-Holleschau-Moravia-Czech-Republic/12454

The Jewish Community of Holesov (Holleschau), Hrg. Beit Hatfutsot – The Museum of the Jewish People, online abrufbar unter: dbs.bh.org.il/place/holesov

Tina Walzer (Red.), Die Renaissance-Synagoge von Holleschau (heute Holešov, Tschechische Republik), in: "DAVID - Jüdische Kulturzeitschrift", Heft 115 (Dez. 2017)

Alexander Kolaritsch, Virtuelle Rekonstruktion der Synagoge Holešov - Diplomarbeit an der TU Wien, 2018

Alexander Kolaritsch, Die neue Synagoge im mährischen Holleschau, in: „DAVID – Jüdische Kulturzeitschrift“ Heft 121 (Juli 2019)

N.N. (Red.), Eine Million für Grabesrenovation – Investition der Gemeinde von Brno, in: tachles.ch vom 26.5.2020

Kateřina Čapková /Hillel J. Kieval (Hrg.), Zwischen Prag und Nikolsburg. Jüdisches Leben in den böhmischen Ländern, in: "Veröffentlichungen des Collegium Carolinum", Band 140, München 2020, u.a. S. 397