Kerpen (Nordrhein-Westfalen)

Jüdische Gemeinde - Brühl (Nordrhein-Westfalen)Bildergebnis für kerpen  Die Kolpingstadt Kerpen ist heute eine Kommune mit derzeit ca. 68.000 Einwohnern im Rhein-Erft-Kreis; sie liegt in der Kölner Bucht nur wenige Kilometer westlich von Köln (Ausschnitt aus hist. Karte von 1905, aus: wikipedia.org, gemeinfrei und Kartenskizze TUBS, 2010, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0).

Bereits gegen Ende des 11.Jahrhunderts hielten sich vereinzelt jüdische Familien in Kerpen auf; es waren Flüchtlinge aus Köln, die der dortige Erzbischof vor marodierenden Kreuzfahrern in Sicherheit gebracht hatte. Ob sich die Überlebenden des Massakers in Kerpen dauerhaft niedergelassen haben, ist unbekannt. Urkundlich belegt ist aber die Ermordung von Kerpener Juden während der Pestpogrome von 1348/1349.


 Kerpen um 1825 - Aquarell von Julius Stephan Wegeler (Abb. aus: commons.wikmpedia.org, gemeinfrei) 

Von einer dauerhaften Ansässigkeit von Juden in Kerpen kann erst ab Mitte des 17.Jahrhunderts ausgegangen werden; bei ihrer Ansiedlung war die Herrschaft von Kerpen immer darauf bedacht, nur solche Familien aufzunehmen, die ein bestimmtes Vermögen nachweisen konnten; nur in diesem Falle wurde ein Schutzbrief ausgestellt.

Die Kerpener Synagoge in der Antoniterstraße wurde in den 1830er Jahren errichtet; der Backsteinbau wies einen separaten Eingang für Frauen auf, denen die Empore vorbehalten war. 

Eine private jüdische Elementarschule mit eigenem Gebäude existierte in Kerpen seit den 1840er Jahren; sie war einem Fachwerkhaus im Synagogenhof angebaut. Etwa 40 Jahre nach deren Bau erhielt die Schule einen öffentlichen Status und wurde damit von Stadt und Staat finanziell unterstützt.

Der jüdische Friedhof wurde in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts weit außerhalb des Ortes „Auf dem Bürrig” angelegt. 

Juden in Kerpen:

        --- um 1725 .........................   7 jüdische Familien,

    --- um 1760 .........................   9     “       “    ,

    --- 1799 ............................  37 Juden,

    --- um 1805 ..................... ca. 120   “  ,*

    --- 1857 ............................ 150   “  ,

    --- 1872 ............................ 120   “  ,

    --- 1895 ............................ 139   “  ,

    --- 1905 ............................ 128   “  ,

    --- 1911 ............................ 101   “  ,

    --- 1933 ............................  75   “  ,

    --- 1942 (Sept.) ....................  keine.

* heutiges Kerpener Stadtgebiet mit Türnich, Sindorf, Buir und Blatzheim

Angaben aus: Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Reg.bez. Köln, S. 200

Zu Beginn des 20.Jahrhunderts wohnten die jüdischen Familien in wenigen Straßen Kerpens, so vor allem in der Kölner Straße, der Hahnenstraße, der Stiftsstraße und dem Filzengraben. Haupterwerbszweig der Kerpener Juden war der Viehhandel.

Während des Pogroms vom November 1938 wurde der Innenraum der Synagoge stark in Mitleidenschaft gezogen; SA-Angehörige schleppten zunächst die Kultgegenstände weg und zertrümmerten anschließend die Inneneinrichtung. Danach zog die SA-Horde, der sich auch zahlreiche Kerpener Bürger angeschlossen hatten, durch die Straßen und demolierte jüdische Geschäfte und Wohnungen. Versuche des Ortsbürgermeisters, den Zerstörungen Einhalt zu gewähren, scheiterten. Im Frühjahr 1939 wurde das Synagogengebäude an einen Privatmann verkauft, der es im Laufe der Jahre mehrfach umbaute. Mitte Juli 1942 wurden die letzten Kerpener Juden, ca. 30 Personen, deportiert.

152 jüdische Kinder, Frauen und Männer, die entweder in Kerpen geboren wurden oder hier längere Zeit gelebt haben, wurden Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

 

In der Antoniterstraße steht noch heute das zu einem Mehrfamilienhaus umgebaute Synagogengebäude; doch nichts erinnert mehr an dessen einstige Nutzung.

Am Eingang zum städtischen Friedhof ließ die Kerpener Kommune 1988 ein Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus errichten; der „zerbrochene Davidstern“ ist ein Werk des in Kerpen geborenen Künstlers Hermann Josef Baum.

  Um den Sockel des Mahnmals (Aufn. Rüdiger Benninghaus, 2007) ist das jüdische Glaubensbekenntnis Schma Yisreal angebracht.

Ein weiteres Mahnmal gedenkt der 152 im Holocaust ermordeten jüdischen Kinder, Frauen und Männer aus der Region Kerpen; anlässlich des 73.Jahrestages der Pogromnacht von 1938 ist das aus drei Teilen bestehende Denkmal an der Alten Landstraße/Ecke Beethovenstraße im Rahmen einer Gedenkfeier enthüllt worden.

 Mahnmal (Aufn. A. Raschka, 2016, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 4.0)

Auf dem an der Straße 'Auf dem Bürrig' liegenden jüdischen Friedhof von Kerpen - dem größten im Rhein-Erft-Kreis - sind noch mehr als 80 Grabsteine vorhanden; die Begräbnisfläche befindet sich heute mitten in einem neuangelegten Gewerbegebiet.

Jüdischer Friedhof Kerpen 03.JPG

Teilansichten des jüdischen Friedhofs (Aufn. P., 2010, aus: wikipedia.org, CC BY 3.0)

Auf mehrheitlichen Beschluss der Stadtverordneten (2015) sind 2017 in Kerpen erstmals sog. „Stolpersteine“ verlegt worden; so wurden allein acht Steine an der Eulenstraße (früher Bergstr.) in die Pflasterung eingelassen, um an Angehörige der Viehhändler-Familie Brünell zu erinnern.

(Anm.: 2003 und 2008 war das Ansinnen, sog. "Stolpersteine" in den Gehwegen Kerpens zu verlegen, vom Stadtrat abgelehnt worden; vielmehr präferierte man damals ein zentrales Mahnmal, das inzwischen realisiert wurde; siehe Abb. oben)

 Stolperstein für Elisabeth Roer Stolperstein für Hermann Roer Stolperstein für Fritz Roer

Drei „Stolpersteine“ für Angehörige der Familie Roer, Hahnenstraße (Aufn. Geolina, 2018, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

 

 

Im Kerpener Stadtteil Sindorf (derzeit ca. 18.000 Einw.) gab es eine kleine Spezialsynagogengemeinde, die aber nie mehr als 30 - 40 Mitglieder zählte. Der erste Hinweis auf einen jüdischen Bewohner stammt aus dem Jahre 1680. Neben einem eigenen Friedhof existierte hier auch ein kleiner Betraum, der als solcher aber nur bis Ende der 1920er Jahre genutzt und deshalb während des Novemberpogroms von 1938 nicht zerstört wurde.

Auf dem von 1830 bis 1938 belegten jüdischen Friedhof sind heute noch sechs Grabsteine (und ein Gedenkstein) vorhanden. Das während der NS-Zeit in Privatbesitz gelangte und nun landwirtschaftlich genutzte Gelände wurde wenige Jahre nach Kriegsende als Begräbnisplatz wieder hergerichtet.

Jüdischer Friedhof Sindorf 10.JPGJüdischer Friedhof Sindorf (Aufn. P., 2010, aus: wikipedia.org, CC BY 3.0)

Für die jüdischen Familien Nathan (Herrenstraße) und Kahn (Heppendorfer Straße) sollen künftig sog. „Stolpersteine“ verlegt werden (Stand 2020).

 

 

In Brüggen - heute ebenfalls ein Stadtteil Kerpens - gibt es einen kleinen jüdischen Friedhof, der gegen Mitte des 19.Jahrhunderts angelegt und bis 1938 belegt wurde. Auf dem Gelände findet man ca. 15 Grabsteine.

Grabreihe Friedhof Brüggen (Aufn. P., 2010, aus: wikipedia.org, CC BY 3.0)  

 

 

Weitere Informationen:

Johannes Klosterhalfen, Jüdische Privatschule in Kerpen, in: "Kerpener Heimatblätter", No. 1/1969, S. 374 - 376

Leo Peters, Zur Geschichte der Kerpener Juden, in: "Kerpener Heimatblätter", No. 2/1971

Klaus H.S. Schulte, Dokumentation zur Geschichte der Juden am linken Niederrhein seit dem 17.Jahrhundert, in: "Veröffentlichungen des Historischen Vereins für den Niederrhein ...", Band 12, Verlag L.Schwann, Düsseldorf 1972, S. 116 - 118

Gert Ressel (Hrg.), Der jüdische Friedhof in Kerpen. Eine Aufnahme von Grabdenkmälern, in: "Schriftenreihe des Tagesheimgymnasiums der Stadt Kerpen", No. 4/1978

Susanne Harke-Schmidt, Juden in Kerpen - Exponattexte zur Ausstellung des Stadtarchivs, Kerpen 1988

Die Judenverfolgung in Kerpen im November 1938, Kursarbeit der 13.Jahrgangsstufe am Tagesheimgymnasium Kerpen, Kerpen 1988

Cilli Kasper-Holtkotte, Juden im Aufbruch - Zur Sozialgeschichte einer Minderheit im Saar-Mosel-Raum um 1800, in: "Forschungen zur Geschichte der Juden, Schriftenreihe der Gesellschaft zur Erforschung der Juden e.V.", Band 3, Verlag Hahnsche Buchhandlung, Hannover 1996

Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Teil I: Regierungsbezirk Köln, J.P.Bachem Verlag, Köln 1997, S. 191 – 208

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 285/286 und S. 498

Gerd Friedt, Aus dem Gemeindeleben der Jüdischen Gemeinde Kerpen in der 1.Hälfte des 19.Jahrhunderts, in: "Kerpener Heimathefte", 3/2002

Susanne Harke-Schmidt, Über das Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Kerpen, in: "Kerpener Heimatblätter", 3/2005, S. 526 - 541

Gerd Friedt/u.a., Carpena Judaica – Zur Geschichte der Kerpener Juden seit dem Mittelalter, Hrg. Heimatfreunde der Stadt Kerpen e.V., Band 11, Kerpen 2008

Wilfried Meisen (Red.), Günter Demnigs Projekt kommt nicht an – Keine „Stolpersteine“ in Kerpen, in: „Kölner Stadtanzeiger“ vom 26.11.2008

Carpena Judaica“ – Ausstellung des Stadtarchivs und Heimatvereins, Kerpen 2008/2009

Markus Clemens (Red.), Mahnmal: Gedenken an ermordete Kerpener Juden, in: „Kölner Stadtanzeiger“ vom 26.1.2011

Wilfried Meisen (Red.), Ausschuss-Mehrheit stimmt für Stolpersteine in Kerpen, in: „Kölner Stadtanzeiger“ vom 10.12.2015

Wilfried Meisen (Red.), Gunter Demnig verlegt in Kerpen Stolpersteine zur Erinnerung, in: „Kölner Stadtanzeiger“ vom 9.6.2017

Auflistung der in Kerpen verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Kerpen (z.T. mit kurzen biografischen Angaben)

N.N. (Red.), Stolpersteine erinnern an Nazi-Opfer, online abrufbar unter: radioerft.de vom 18.6.2020

Alexa Jansen (Red.), Jüdischer Friedhof in Kerpen ist ein Ort im Dornröschenschlaf, in: "Kölner Stadtanzeiger" vom 29.6.2022

Georg Zingsheim (Red.), Stolpersteine Sindorf . Der Metzger wurde deportiert, in: „Rheinische Anzeigenblätter“ vom 22.7.2022