Kostel (Mähren)

http://www.europas-mitte.de/JiM-web-Dateien/image004.jpg Abb. aus: Gerhard Hanak (Bearb.), Juden in Mähren – Judengemeinden in Südmähren

Das südmährische Kostel - etwa acht Kilometer nördlich von Lundenburg/Břeclav bzw. 45 Kilometer nordöstlich von Brünn/Brno gelegen - ist die heutige Kleinstadt Podivín mit derzeit ca. 3.000 Einwohnern.

Angeblich soll die jüdische Gemeinde von Kostel die älteste Mährens gewesen sein.

Erste gesicherte Hinweise über den Aufenthalt von Juden in der alten Stadt Kostel liegen aber erst aus der Zeit des 15.Jahrhunderts vor; aus Quellen des 17.Jahrhunderts kann entnommen werden, dass die hiesige jüdische Gemeinde während des Dreißigjährigen Krieges fast völlig ausgelöscht worden ist. Nach Ende des Krieges kehrten Juden nach Kostel zurück; bereits 1673 sollen im Ort 18 Häuser im Eigentum jüdischer Familien gewesen sein.

Gegen Ende des 18.Jahrhunderts umfasste die jüdische Gemeinde durch Zuwanderung (auch aus polnischen Gebieten) nahezu 500 Angehörige; diese lebten meistens vom Handel mit Wolle, Federn, Wein, Salz u.a. Die jüdischen Familien lebten in zwei voneinander getrennten Wohnbezirken. Die dortige, im südlichen Teil des Ghettos stehende Synagoge dürfte aus der Mitte des 17.Jahrhunderts stammen.

                Synagoge - ganz links im Bild, hist. Ansicht (Aufn. unbekannt)

Unter den Rabbinern der Kosteler Gemeinde ragte vor allem Rabbi Shimshon Abraham Kulke hervor, der dieses Amt mehr als ein halbes Jahrhundert (1838 bis 1894) ausübte.

In den 1860er Jahren hatte die Gemeinde ihren zahlenmäßigen Zenit erreicht. Damals wurde eine jüdische Elementarschule begründet, die anfänglich dreiklassig geführt wurde. Um die Jahrhundertwende besuchten noch etwa 100 Kinder diese Schule, die aber wegen Schülermangels einige Jahre später aufgelöst wurde.

Der im Norden vom Ortskern liegende jüdische Friedhof war vermutlich in der zweiten Hälfte des 17.Jahrhunderts angelegt worden; die am Eingang liegende Trauerhalle stammt aus der Mitte des 19.Jahrhunderts.

Ab 1880 bildete das „Judendorf“ (Židovská Obec) eine eigene politische Gemeinde; 1919 erfolgte dessen Eingemeindung.

1892 schlossen sich die wenigen jüdischen Familien aus Eisgrub dem Verband der Kultusgemeinde Kostel an. (vgl. Eisgrub (Mähren)

Juden in Kostel:

         --- 1618 ......................... ca. 140 Juden,

    --- 1647 ............................   4 jüdische Familien,

--- um 1675 ..................... ca.  10     “       “    ,

    --- 1768 ............................  42     “       “    ,

    --- um 1790 ..................... ca.  80     “       “    ,

    --- 1830 ............................ 407 Juden,

    --- 1848 ............................ 518   “  ,

    --- 1857 ............................ 684   “  (ca. 31% d. Bevölk.),

    --- 1869 ............................ 568   “  ,

    --- 1890 ............................ 427   “  ,

    --- 1900 ............................ 435   “  (ca. 16% d. Bevölk.),

    --- 1921 ........................ ca. 300   "  ,

    --- um 1930 ..................... ca. 200   “  (ca. 8% d. Bevölk.),

--- 1938 ........................ ca. 145   “ .

Angaben aus: Hugo Gold, Die Juden und Judengemeinden Mährens in Vergangenheit und Gegenwart, S. 294

Nach 1900 wanderten immer mehr Juden aus Kostel ab; ihr Bevölkerungsanteil, der zeitweilig mehr als 30% betragen hatte, erreichte Anfang der 1930er Jahre nicht einmal mehr ein Zehntel der Einwohnerschaft.

In der NS-Zeit fielen die allermeisten in Kostel lebenden jüdischen Bewohner dem faschistischen Terror zum Opfer; beginnend Ende 1941 wurden im Laufe des Jahres 1942 die jüdischen Bewohner nach Theresienstadt verbracht, von dort die allermeisten in die Vernichtungslager deportiert.

Nur sechs Überlebende der Shoa kehrten hierher zurück.

 

Nach 1945 wurde das einst als Synagoge genutzte Gebäude abgerissen.

Eine Besonderheit des ehemaligen Ghettos war die räumliche Trennung in zwei Bezirke; bis in die Gegenwart sind ca. 70 Häuser, einschließlich Schule und Mikwe, erhalten.

Auf dem Areal des alten jüdischen Friedhofs sind heute noch ca. 1.000 Grabsteine vorhanden; das älteste Grabmal datiert aus dem Jahre 1694.

Jüdisches Friedhofsgelände und Trauerhalle (Aufn. Fet'our, 2011, aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

  Der 1831 als Sohn eines Rabbiners in Nikolsburg geborene „Ghetto-Poet“ Eduard Kulke, der seine Jugendjahre in Kostel verbrachte, hat in seinen Erzählungen über das Leben der Juden in den mährischen Gemeinden seiner Heimat ein literarisches Denkmal gesetzt.

 

Weitere Informationen:

Hugo Gold, Geschichte der Juden in Kostel, in: Hugo Gold, Die Juden und Judengemeinden Mährens in Vergangenheit und Gegenwart, Jüdischer Buch- und Kunstverlag, Brünn 1929, S. 289 – 294

Heinrich Schwenger, Die Namensbeilegung der Juden in Kostel im Jahre 1787", in: "Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei", (1930), S. 116 - 127

Heinrich Schwenger, Die Judensteuern in Kostel im Jahre 1807, in: "Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei", 2/1932, S. 260 - 278

Hugo Gold, Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden Mährens, Olamenu-Verlag, Tel Aviv 1974, S. 70/71

Carole Herselle Krinsky, Synagogues of Europe - Architecture, History, Meaning, MIT Press, 1985, S. 205/206

P.Ehl/A.Parík/Jirí Fiedler, Alte Judenfriedhöfe Böhmens und Mährens, Paseka-Verlag, Prag 1991, S. 164

Gerhard Hanak (Bearb.), Juden in Mähren – Judengemeinden in Südmähren, online abrufbar unter: europas-mitte.de

The Jewish Community of Podivin (Kostel), Hrg. Beit Hatsufot – The Museum of the Jewish People, online abrufbar unter: dbs.bh.org.il/place/podivin