Köslin (Hinterpommern)

 Köslin (auch Cöslin) - seit dem 13.Jahrhundert mit Stadtrechten ausgestattet - ist die heutige poln. Großstadt Koszalin mit derzeit mehr als 100.000 Einwohnern.

Die jüdische Tradition der hinterpommernschen Stadt reicht bis ins endende 17./beginnende 18.Jahrhundert zurück. Um 1700 lebte dort die privilegierte jüdische Großfamilie des Borchardt Philipp, einer der Ältesten der pommerschen Landjudenschaft; als Händler versorgte er die Kösliner Tuchmacher mit Rohstoffen und avancierte zu einem der wohlhabendsten und angesehensten Juden Pommerns. Seine Nachkommen setzten seine erfolgreiche Handelspolitik fort. Später eröffnete die Familie Borchardt in Köslin selbst eine Tuchfabrikation, die mehrere hundert Arbeiter beschäftigte und deren Produkte europaweit vertrieben wurden.

Im Jahre 1885 ließ die jüdische Gemeinde die Synagoge - einen repräsentativen Kuppelbau im maurischen Stile - am Kleinen Wall errichten; bis dahin war ein seit Mitte des 18.Jahrhunderts bestehender Betsaal in der Hohetorstraße als Gottesdienstraum benutzt worden. Der mit einer Kuppel versehene Neubau trug die hebräische Inschrift „Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang sei gepriesen der Name des Herrn. (Ps. 113,3)

  

Synagoge in Köslin (hist. Aufn. bzw. hist. Postkarte, um 1900)                      

Im 18.Jahrhundert hatten die Mitglieder der Großfamilie Borchardt die Betstube in Neustettin aufgesucht und auch den dortigen Friedhof genutzt. Eine eigene jüdische Elementarschule gab es in Köslin nicht; die meisten Eltern schickten ihre Kinder in die christlichen Stadtschulen; nur der Unterricht in Religion und Hebräisch wurde von einem von der Gemeinde angestellten Lehrer erteilt.

Der alte jüdische Friedhof - erstmals erwähnt um 1750 - befand sich in der Badegasse am Mühlenbach; der neue Friedhof wurde um 1900 am Schwarzen Berg angelegt und lag ganz in der Nähe des alten.

Juden in Köslin:

         --- 1705 ......................... eine jüdische Großfamilie,

    --- 1752 .........................   3     “     Familien,

    --- 1812 .........................  13     “       “     ,

    --- 1840 ......................... 170 Juden,

    --- 1843 ......................... 206   “  ,

    --- 1861 ......................... 278   “  ,

    --- 1880 ......................... 361   “  ,*     *andere Angabe: 389 Pers.

    --- um 1890 .................. ca. 300   “  ,

    --- 1910 ..................... ca. 200   “  ,

    --- 1925 ..................... ca. 170   "  ,

    --- 1932 ......................... 140   “    (0,5% d. Bevölk.),

    --- 1939 (Mai) ...................  38   “  ,

    --- 1942 (Sept.) .................  keine.

Angaben aus: M.Heitmann/J.H.Schoeps (Hrg.), “Halte fern dem ganzen Land jedes Verderben ...”, S. 50/51

und                 Willi Feld, Judentum und Stadtentwicklung im Vergleich Burgsteinfurt in Westfalen Köslin in Pommern

Für die wirtschaftliche Entwicklung Köslins im 19.Jahrhundert waren auch jüdische Unternehmer maßgeblich verantwortlich: so gab es neben einer Papierfabrik auch eine Brauerei in jüdischem Besitz, weiterhin das „Bank- und Getreidegeschäft Moritz Lewinberg“. Auch in der Kommunalpolitik engagierten sich jüdische Bürger. Die seit dem Ende des 19.Jahrhunderts einsetzende Abwanderung vor allem jüngerer jüdischer Bewohner in die größeren Städte ließ die Gemeinde schrumpfen; Überalterung und starker Geburtenrückgang verstärkten diesen Prozess noch; so lebten zu Beginn der 1930er Jahre nur noch etwa 150 Juden in Köslin.

Bereits Anfang der 1880er Jahre hatte es in Köslin - wie in anderen pommerschen Städten - antijüdische Krawalle gegeben, ausgelöst durch den Antisemiten Dr. Ernst Henrici.

[vgl. Neustettin (Hinterpommern)]

Antisemitische Tendenzen traten in Köslin erneut nach dem Ende des Ersten Weltkrieges auf, die im rechtsstehenden „Kösliner Volksblatt” einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. In einer Stellungnahme zu einem Aufruf des „Vereins zur Bekämpfung des Antisemitismus” schrieb das „Kösliner Volksblatt” am 29.9.1919:

Der ‘Verein zur Bekämpfung des Antisemitismus’ veröffentlichte vor einigen Tagen eine Mahnung an das deutsche Volk, ‘sich nicht von der antisemitischen Bewegung betören zu lassen und im Interesse der Gesamtheit (!) ihrer verletzenden Arbeit entgegenzutreten. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß in der Tat eine gewaltige judengegnerische Bewegung durch das deutsche Volk geht, und es ist von größter Wichtigkeit, festzustellen, wie weit diese Bewegung berechtigt ist, wie weit nicht. ... Es ist heutzutage unmöglich geworden, an der Betätigung der Juden in Deutschland achtlos vorüberzugehen. Auf allen Gebieten spielen sie eine hervorragende Rolle; sie beherrschen den Handel, den Geldverkehr, einen großen Teil des Geschäftslebens. Politisch überaus regsam, sind sie großen Teilen unseres Volkes Führer, ja Propheten geworden. ... Das heißt nichts anderes, als daß das Judentum sich überall da feste Stellungen geschaffen hat, wo es den maßgebenden Einfluß auf das wirtschaftliche und geistige Leben unseres Volkes auszuüben vermag. Wenn wir mit diesem Einflusse einverstanden sind, dann gibt es für uns natürlich keine Judenfrage. Sind wir aber nicht damit einverstanden, dann haben wir das Recht, den jüdischen Einfluß zu bekämpfen. Auf den erwähnten Gebieten hat das Judentum die Führerschaft an sich gerissen, obwohl es nur ein Hundertstel der Bevölkerung Deutschlands ausmacht. Seine Macht hat sich in den letzten Jahren lawinenartig verstärkt. Geht die Entwicklung so weiter, dann haben wir in wenigen Jahren die wirtschaftliche und politische Judenherrschaft; unsere deutsche Kultur aber wird durch die jüdisch- internationale Händlerkultur ersetzt. Es ist eine geradezu unerhörte Zumutung, daß wir diese Entwicklung mit ansehen sollen, ohne uns zu wehren. Der Kampf, den wir führen, ist kein Angriffskampf, sondern ein Verteidigungskampf notwendigster Art. Wir können nicht zulassen, daß ein unter uns lebender Stamm fremdrassiger Menschen die Vorherrschaft an sich reißt. Wir erblicken in seinem Bestreben, es zu tun, eine Dreistigkeit ohne gleichen und fordern alle Männer und Frauen, gleichgültig welcher politischen Partei und welchen Bekenntnisses auf, sich mit allen Kräften dagegen zu wehren. ...

Diese antisemitischen Töne wurden Anfang der 1930er Jahre immer lauter. Über das weitere Geschehen in Köslin liegen kaum Unterlagen vor.

Während des Novemberpogroms von 1938 wurde die Kösliner Synagoge in Brand gesetzt, Grabsteine des alten Friedhofes umgeworfen und die Leichenhalle des neuen Friedhofs zerstört. Auch Geschäfte jüdischer Besitzer wurden demoliert. Beim Synagogenbrand und der Zerstörung der Leichenhalle sollen zahlreiche „arische“ Bewohner ihre Empörung darüber geäußert haben. Nach der Deportation der Juden aus dem Regierungsbezirk Stettin und der Einweisung der aus dem Regierungsbezirk Schneidemühl stammenden Juden in Heimen und Lagern gab es nur noch im Regierungsbezirk Köslin eine größere Anzahl jüdischer Familien; einige versuchten ins ferne Schanghai zu emigrieren. Im Regierungsbezirk Köslin wurden Anfang Juli 1942 alle Juden/Jüdinnen unter 65 Jahren in einer Turnhalle in Stolp zusammengezogen und von hier nach Auschwitz abtransportiert. Die älteren wurden knapp sechs Wochen später nach Theresienstadt verschleppt.

Nach 1945 wurde der neue Friedhof auf Anweisung der polnischen Behörden dem Erdboden gleichgemacht und anschließend das Areal überbaut. Auf dem alten Begräbnisgelände - nur spärliche Relikte haben die Zeiten überdauert - erinnert ein Gedenkstein an dessen einstige Bestimmung.

 

In Zanow (poln. Sianów, derzeit ca. 6.500 Einw.) - ca. zehn Kilometer östlich von Köslin - ist früheste jüdische Ansässigkeit seit Mitte des 18.Jahrhunderts belegt, als ein gewisser Jacob Davids sich hier niederlassen durfte. Einige weitere Familien folgten nach. Allerdings zählte die jüdische Bevölkerung des Ortes zu keiner Zeit mehr als 60 Personen. Da ein Minjan nicht dauerhaft erreicht werden konnte, gab es am Ort auch keine Synagoge; vielmehr traf man sich zu Gottesdiensten in Privathäusern. Beerdigungen fanden zunächst auf dem jüdischen Friedhof in Neustettin statt; ab Anfang des 19.Jahrhunderts stand ein kleines Gelände an der Pollnower Straße zur Verfügung. Um 1900 lebten in Zanow fünf jüdische Familien.

 

Weitere Informationen:

Franz Schwenkler, 1266 - 1966 Köslin - Die siebenhundertjährige Geschichte einer pommerschen Stadt und ihres Kreises, 2.Aufl., o.O. 1988

M.Heitmann/J.H.Schoeps (Hrg.), “Halte fern dem ganzen Land jedes Verderben ...” Geschichte und Kultur der Juden in Pommern, Georg Olms Verlag, Hildesheim/Zürich 1995, S. 50/51

Willi Feld, Judentum und Stadtentwicklung im Vergleich: Burgsteinfurt in Westfalen Köslin in Pommern, Hrg. Vereinigte Landsmannschaften Burgsteinfurt/VLB, o.J.

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 644

Wolfgang Wilhelmus, Geschichte der Juden in Pommern, Ingo Koch Verlag, Rostock 2004

Gerhard Salinger, Die einstigen jüdischen Gemeinden Pommerns. Zur Erinnerung und zum Gedenken, New York 2006, Teilband 2, Teil III, S. 470 – 489 und Teilband 3, Teil III, S. 862 – 866 (Zanow)

Koszalin, in: sztetl.org.pl

K. Bielawski (Red.), Koszalin (jewish cemetery), in: kirkuty.xip.pl