Lützelsachsen (Baden-Württemberg)

Bildergebnis für Weinheim bergstraße baden-Württemberg Lützelsachsen ist mit derzeit knapp 5.000 Einwohnern heute ein Ortsteil von Weinheim/Bergstraße - ca. 20 Kilometer nordöstlich von Mannheim gelegen (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Jüdische Bewohner soll es gegen Ende des 17.Jahrhunderts im kurpfälzischen Dorf Lützelsachsen gegeben haben; zu Beginn des 19.Jahrhunderts zählte der jüdische Bevölkerungsteil fast 100 Personen; ab 1850/1860 ging deren Zahl aber immer mehr zurück.

Die Gemeinde verfügte zunächst in der Sommergasse über eine eigene Synagoge; ab den 1840er Jahren versammelten sich die Gemeindemitglieder in einem angekauften Gebäude in der Wintergasse, das bis dahin als lutherische Kirche bzw. nach einem Umbau als Wohnhaus gedient hatte und nun in eine Synagoge umgewandelt wurde.

Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war zeitweise ein jüdischer Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schächter tätig war.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20346/Luetzelsachsen%20Amtsblatt%20Seekreis%2014021846.jpg  

aus: „Großherzoglich Badisches Anzeige-Blatt für den See-Kreis" vom 14.2.1846 und vom 3.8.1853

Das Synagogengebäude (im Mai 1938 verkauft) entging der Zerstörung; heute dient es Wohnzwecken. Zu den gemeindlichen Kultuseinrichtungen zählte auch eine Mikwe.

Ihre Verstorbenen beerdigten die Juden Lützelsachsens auf dem jüdischen Verbandsfriedhof an der Bergstraße in Hemsbach.

Die Gemeinde war ab 1827 dem Rabbinatsbezirk Heidelberg zugeordnet.

Zu Beginn der 1920er Jahre gehörte die jüdische Gemeinde von Lützelsachsen als Filialgemeinde zu Leutershausen.

Juden in Lützelsachsen:

         --- 1809 ...........................  18 jüdische Familien,

    --- 1813 ...........................  21     "        "  ,

    --- 1825 ...........................  97 Juden (ca. 10% d. Bevölk.),

    --- 1864 ........................... 120   “  ,

    --- 1875 ...........................  85   “  ,

    --- 1885 ...........................  63   “  ,

    --- 1900 ...........................  29   “  ,

    --- 1910 ...........................  23   “  ,

    --- 1925 ...........................  21   “  ,

    --- 1933 ...........................  13   “  ,

             --- 1940 (Okt.) ....................  5   “  .

Angaben aus: F. Hundsnurscher/G. Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden, S. 178

Handel mit Vieh und Textilwaren bildeten die ökonomische Basis der hier lebenden Juden. Zu Beginn der NS-Zeit besaß Lützelsachsen nur noch 13 jüdische Bewohner. Bis Anfang der 1930er Jahre fanden in der Synagoge noch gelegentlich Gottesdienste statt; 1937 wurde die Gemeinde offiziell aufgelöst. Im Frühjahr 1938 wurde das Synagogengebäude verkauft; der neue Eigentümer baute es erneut zu einem Wohnhaus um. Die letzten fünf im Dorfe lebenden Juden wurden Ende Oktober 1940 nach Gurs deportiert; nur einer überlebte den Holocaust.

     Zwei identische Gedenksteine in Erinnerung an die Deportation der badischen Juden nach Gurs wurden im Oktober 2009 zum einen am zentralen Mahnmalprojekt bei Neckarzimmern und zum anderen auf dem Friedhof in Lützelsachsen aufgestellt. Schülerinnen des Bonhoeffer-Gymnasiums erstellten gemeinsam mit der Künstlerin Doris Schmiedebach das steinerne Monument (Abb. aus: mahnmal-neckarzimmern.de).

Am einstigen Standort der Synagoge in der Wintergasse weist seit 2010 eine Tafel auf die Historie des einst als Synagoge genutzten Gebäudes hin; der Text auf der Tafel lautet: „Ehemalige Synagoge. Das Gebäude wurde 1811 als lutherische Kirche erbaut. Das Baumaterial und die Lamm-Gottes-Darstellung an der Giebelseite stammen von der abgebrochenen Deutschordenskirche in Weinheim. Ab 1821 diente das Gebäude als Wohnhaus. 1840 richtete die israelitische Gemeinde hier die Synagoge ein. Seit 1938 wird das Gebäude wieder als Wohnhaus genutzt.

2009/2010 wurden mehrere sog. „Stolpersteine“ in der Weinheimer Straße von Lützelsachsen verlegt.

                             Drei „Stolpersteine“ in Lützelsachsen 

 

In Weinheim gab es auch eine jüdische Kultusgemeinde, die um 1900 mit knapp 200 Angehörigen ihren zahlenmäßigen Höchststand erreichte.  [vgl. Weinheim (Baden-Württemberg)]

 

Weitere Informationen:

Valentin Fitzer, Lützelsachsen - ein Streifzug durch die Geschichte des Dorfes und seiner Umgebung, o.O. 1928

Josef Fresin, Ortschronik von Lützelsachsen, Lützelsachsen 1965, S. 57 - 64

F. Hundsnurscher/G. Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden, in: Veröffentlichungen der Staatlichen Archivverwaltung Baden-Württemberg, Band 19, Stuttgart 1968, S. 178/179

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 494

Rainer Gutjahr, Weinheimer und Lützelsachsener Juden im 18.Jahrhundert. Eine Nachlese, in: "Unser Museum. Mitteilungen des Förderkreises des Museums Weinheim", Nr. 12/2001, S. 9 - 11

Sandro Furlan, Ein Gotteshaus überlebt. Ehemalige Synagoge in Lützelsachsen ist heute ein Wohnhaus, in: "Weinheimer Nachrichten" vom 9.11.2006

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 509/510

Rainer Gutjahr, Vier Dokumente zur Geschichte der Juden in Lützelsachsen an der Bergstraße, in: "Unser Museum. Mitteilungen des Förderkreises des Museums Weinheim", Nr. 18/2007, S. 24 - 30

Vier Dokumente zur Geschichte der Juden in Lützelsachsen an der Bergstraße, online abrufbar unter: juden-in-weinheim.de

Lützelsachsen, in: alemannia-judaica.de (mit Text- u. Bildbeiträgen zur jüdischen Ortshistorie)