Luzern (Schweiz)

Datei:Übersichtskarte der Schweiz.svg Luzern ist eine Stadt mit derzeit ca. 80.000 Einwohnern (Hauptort des gleichnamigen Schweizer Kantons) und das gesellschaftliche und kulturelle Zentrum der Zentralschweiz (Übersichtskarte der Schweiz: Maximilian Dörrbecker, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 2.5).

Erstmalige Hinweise auf einen Aufenthalt von Juden in Luzern stammen aus dem Jahre 1288. Zu Beginn des 14.Jahrhunderts bildete sich in der Stadt eine kleine Gemeinde, deren Angehörige zumeist aus dem Elsass und aus Süddeutschland stammten. Ihre Wohnsitze befanden sich in der „Judengasse“, der späteren Metzgergasse. Mit der Geldleihe verdienten sie ihren Lebensunterhalt. Im Laufe der Jahrhunderte wurden jüdische Bewohner immer wieder aus der Stadt vertrieben; einen ersten Höhepunkt erreichte die Verfolgungswelle in der Pestzeit (1348/1349); 1401 wurden Juden erneut aus der Stadt vertrieben. In den Folgejahrhunderten kam es zeitweilig nur zu vereinzelten Niederlassungen; so finden z.B. 1472 mailändische Juden in der Stadt Erwähnung, die für einige Zeit hier lebten. Auch im 16. Jahrhundert hielten sich in Luzern einige jüdische Ärzte auf.

Luzern gegen Mitte des 17.Jahrhunderts, Merian-Stich (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Erst seit den 1860er Jahren kann man von einer dauerhaften Ansiedlung jüdischer Familien in Luzern sprechen; sie gründeten alsbald den „Israelitischen Kultusverein“, der im Jahre 1917 in „Jüdische Gemeinde Luzern“ umbenannt wurde.

                                   aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 25.9.1867

Ab 1886 besaß die Gemeinde ein angemietetes Betlokal im „Alten Adler“, danach im „Mariahilf“ an der Grabenstraße. Über die Einweihung berichtete die Zeitschrift „Der Israelit" vom 24. März 1887:

Luzern. Der hiesige israelitische Cultusverein, zur Zeit aus 21 Familien bestehend, wurde vor ca. 20 Jahren gegründet und gruppiren sich die Mitglieder aus Schweizern, Elsässern und Deutschen. Seit 8 Jahren schon gab sich der Verein alle Mühe, um einen jüdischen Friedhof zu erwerben, doch scheiterte das Unternehmen aus verschiedenen Ursachen lokaler Natur. Endlich vor 3 Jahren wurde vom Cultusverein ... beschlossen, ein offerirtes Grundstück anzukaufen, um einen Friedhof anzulegen; da bei stattgefundenen Todesfällen sehr oft, sehr viel Unannehmlichkeiten bei dem Transport der Leichen, abgesehen von den ganz bedeutenden Kosten für die betreffenden Angehörigen entstanden, so war in Folge dessen, der Entschluß zum Ankauf eines Friedhofes nur mit Wohlwollen zu begrüßen. Trotz des ziemlich hohen Preises des Friedhofes ... war es dem Verein möglich, durch eigene Mittel und einige freiwillige Beiträge wohltätiger Glaubensbrüder obige Summe abzubezahlen. Vergangenen Donnerstag, am 7. Adar, fand die Einweihung des Friedhofes durch unseren Bezirksrabbiner Herrn Dr. Ehrmann aus Baden statt. ...  Merkwürdig bei der Errichtung des hiesigen Friedhofes ist, daß durch Ankauf desselben eine Trennung in unserer Gemeinde entstanden, indem 6 Mitglieder nicht daran Theil nehmen wollten und ihren Austritt angezeigt haben; während gerade ein Friedhof eine Stätte ist, welche oft Leute, die sonst im praktischen Leben dem Judenthum ferne stehen, veranlaßt, einer Gemeinde beizutreten.

Derzeit bestand die Luzerner Gemeinde aus 25 Mitgliedern; um 1910 gehörten ihr ca. 60 Familien an. 1907 war von den Gemeindegliedern ein Synagogen-Bauverein gegründet worden, der den Frankfurter Architekten Max Seckbach für die Realisierung des recht aufwändigen Synagogenbaus verpflichtete. Zur Finanzierung verhalf entscheidend eine großzügige Spende aus dem Vermächtnis von Josef Kroner (Croner), eines außerhalb von Luzern lebenden Juden. Im Sommer 1911 konnte die Grundsteinlegung begangen werden.

aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. Juni 1911 http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2074/Luzern%20Israelit%2022061911s.jpg

Ein Jahr später wurde ein Synagogenneubau in der Bruchstraße eingeweiht.

                              Abb. von der Einladungskarte zur Synagogeneinweihung (18.3.1912)

                  Das „Frankfurter Israelitisches Wochenblatt“ vom 29. März 1912 berichtete wie folgt:

Luzern. Vergangene Woche feierte die jüdische Gemeinde die Einweihung ihrer neuen Synagoge. Das neue Gotteshaus, eine Zierde der Stadt, imponiert durch die Schlichtheit des äußern Schmuckes und durch das Edle seiner Linien. Im Innern geben der kostbare Aufwand, der viele Marmor, die stilvolle Malerei, das Gold, die Bronze dem Betraum einen überaus freundlichen Anblick. Der prächtige Bau ist das Werk des bekannten Frankfurter Architekten Max Seckbach, der hier ein beredtes Zeugnis seiner Kunst abgelegt hat. ... Der Bau der Synagoge ist in erster Linie dem hochherzigen Vermächtnis des verstorbenen Josef Kroner aus Czernikau zu verdanken, der hierfür 100.000 Frcs. hinterlassen hatte. Die Weiherede hielt Rabbiner Dr. A. Cohn, Basel. Er sprach Worte, getragen von tiefer Religiosität, die in ihrer Gedankentiefe und Erhabenheit einen mächtigen Eindruck auf die Andächtigen machten. An die religiöse Feier schloß sich ein solennes Festbankett mit 320 Teilnehmern in den Sälen des "Kursaals" ... und ein prächtiger Festball. – Am Bankett wurden die Vertreter der Behörden, der umgebenden drei christlichen Konfessionen, der Delegierten der Schwestergemeinden der Schweiz von Herrn Stadtrat Erlanger begrüßt, und zwischen den vielen Toasten wurde ein glänzendes Unterhaltungsprogramm abgewickelt, um das sich namentlich die Damen Frank, Fränkel und Hurwitz und die Herrn Keller und Max Erlanger verdient machten. Es war ein Ehrentag der jüd. Gemeinde von Luzern, der wohl allen Teilnehmern unvergesslich bleiben wird.

                                Innenraum der Synagoge (aus: Encyclopedia Judaica)

Stellenangebote für gemeindliche Aufgaben von 1870 - 1900 - 1934

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20173/Luzern%20AZJ%20210861870.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20173/Luzern%20Israelit%2025101900.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20296/Luzern%20Israelit%2008021934.jpg

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2074/Luzern%20Israelit%2018051881.jpg Langjähriger Kantor war Marx Moos, der in Luzern auch ein koscheres Restaurant und eine Gästepension betrieb.

Anfänglich wurde die Luzerner Gemeinde durch die Rabbiner aus Baden/Schweiz und Basel betreut; im Jahre 1919 wurde dann ein selbstständiges Rabbinat in Luzern begründet. 1933 wurde der Innenraum der Synagoge verwüstet.

Der 1877 eröffnete jüdische Friedhof wurde nach seiner Belegung geschlossen und 1943 durch ein neues Beerdigungsgelände ersetzt; beide Friedhöfe liegen an der Friedentalstraße.

Juden in Luzern:

         --- 1860 ...........................  14 Juden,

    --- 1870 ...........................  98   “  ,

    --- 1888 ........................... 210   “  ,

    --- 1900 ........................... 319   “  ,

    --- 1920 ........................... 554   “  ,

    --- 1930 ........................... 501   “  ,

    --- 1941 ........................... 602   “  ,

    --- 1950 ........................... 497   “  ,

    --- 1960 ........................... 532   “  ,

    --- 1980 ........................... 587   “  ,

    --- 2000 ........................... 399   “  .

Angaben aus: Historische Statistiken eidgenössischer Volkszählungen

Durch Abwanderung besonderes jüngerer Angehöriger nach Palästina/Israel (Ende der 1940er Jahre) verkleinerte sich vorübergehend die Gemeinde. Die derzeit aus ca. 80 Familien bestehende jüdische Gemeinde Luzern ist streng orthodox ausgerichtet. Zu ihren gemeindlichen Einrichtungen zählen ein Gemeindehaus, eine Mikwe, eine Grundschule und eine koschere Lebensmittelhandlung.

   http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20174/Luzern%20Synagoge%20173.jpg  

Synagoge in Luzern (Aufn. G., 2009, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0) und Gebotstafeln über dem Eingangsportal (Aufn. J. Hahn, 2008)

  Luzerner Rabbiner (Aufn. 2012)

Mit derzeit nur ca. 40 Mitgliedern (Stand: 2018) steht die orthodoxe jüdische Gemeinde Luzern vermutlich vor ihrem baldigen Ende.

Der (alte) jüdische Friedhof von Luzern macht einen äußerst gepflegten Eindruck (Aufn. J. Hahn, 2008).


 

Im Vorort Kriens-Obernau besteht seit Ende der 1960er Jahre die Schweizerische Talmud-Hochschule, die seit ihrer Gründung (1952) junge Juden in religiösen Studien unterweist. Die in Kriens-Obernau bestehende Internatsschule wird von ca. 120 Jugendlichen im Alter von 14 bis 19 Jahren besucht. Nach ihrer Ausbildung steht es den Absolventen frei, eine der Jeschiwot in Israel, England oder den USA zu absolvieren, um dann als Rabbiner tätig zu sein. In früheren Jahren war der Schule auch ein Mädchenseminar angeschlossen, das die Ausbildung zur jüdischen Religionslehrerin durchführte.

Seit Anfang der 1990er Jahre ist in Luzern die von New York gesteuerte jüdische Organisation „Chabad Lubavitch“ aktiv, die - an chassidische Traditionen Weißrusslands anknüpfend - säkulare Juden wieder für ein religiös-orthodoxes Leben zu gewinnen versucht. Diese Bewegung hat sich seit dem letzten Jahrzehnt als die aktivste jüdische Gruppierung in der Zentralschweiz etabliert.

Betsaal der Chabad Lubavitch (Aufn. B. Buehlmann)

 

Weitere Informationen:

Germania Judaica, Band II/1, Tübingen 1968, S. 502/503 und Band III/1, Tübingen 1987, S. 768/769

Robert Uri Kaufmann, Juden in Luzern, hrg. vom Komitee für die Ausstellung ‘Juden in der Schweiz’, Luzern 1984

Bosshard-Borner, Judenfeindschaft im Kanton Luzern, in: Aram Mattioli (Hrg.), Antisemitismus in der Schweiz 1848 – 1960, Zürich 1998, S. 171 - 192

Claude Kupfer/Ralph Weingarten, Zwischen Ausgrenzung und Integration. Geschichte und Gegenwart der Jüdinnen und Juden in der Schweiz, Zürich 1999

Ron Epstein-Mil, Die Synagogen der Schweiz – Bauten zwischen Emanzipation, Assimilation und Akkulturation, in: "Beiträge zur Geschichte und Kultur der Juden in der Schweiz", Band 13, Chronos-Verlag, Zürich 2008, S. 228 – 235

Verena Lenzen, 100 Jahre Synagoge Luzern (18. März), in: Pfarreiblatt Luzern, No.6/März 2012 

Luzern, in: alemannia-judaica.de (ausführliche Dokumentation der gemeindlichen Entwicklung)

Remo Wiegand (Red.), Jüdische Gemeinde in Luzern erhält Konkurrenz von neuer Bewegung, in: „Luzerner Zeitung“ vom 15.8.2018