Lyck (Ostpreußen)

 Der Kreis Lyck in den Grenzen von 1818 bis 1945Landkarte von Polen mit Lyck (Ełk) Lyck - im Jahre 1669 vom Großen Kurfürsten mit Stadtrechten versehen - liegt im äußersten Osten Masurens; es ist das heutige polnische Elk mit derzeit ca. 62.000 Einwohnern (hist. Karte des Landkreises Lyck von 1890, aus: wikipedia.org, Bild-PD-alt und Kartenskizze 'Polen' mit Lyck/Elk rot markiert, aus: polish-online.com).

 

Um 1880/1900 erreichte die Zahl der Angehörigen der israelitischen Gemeinde Lyck ihren Zenit.

Bereits im 15.Jahrhundert sollen jüdische Kaufleute zu Handelszwecken die Ortschaft Lyck aufgesucht haben; ein vom Deutschen Ordensmeister ausgestelltes Dokument (von 1451) – eine Art ‚Schutzbrief‘ - garantierte ihnen sicheres Geleit bei der Ausübung ihrer Geschäfte.

Um 1700 lässt sich dann erstmals die dauerhafte Anwesenheit jüdischer Händler aus Polen und Litauen in Lyck nachweisen; etwa ein Jahrzehnt später ließen sich die ersten jüdischen Familien in der Stadt nieder. Eine Gemeinde gründete sich vermutlich erst zu Beginn des 19.Jahrhunderts, offiziell sogar erst in den 1840er Jahren.

Zu den gemeindlichen Einrichtungen zählten ein in den 1830er Jahren angelegtes Beerdigungsareal und ein neues, 1859 eingeweihtes Synagogengebäude in der Bahnhofstraße (später: Hindenburgstraße).

fragment synagogi Synagoge links im Bild (fast völlig verdeckt), hist. Postkarte

In Lyck erschien seit Ende der 1850er Jahre eine Wochenzeitung in hebräischer Spräche, namens „Ha-Maggid“, die über mehrere Jahrzehnte europaweit die führende, regelmäßig erscheinende Zeitung in hebräischer Sprache war. Gründer dieser Publikation waren David Gordon und Eliezer Lippmann Silbermann, die die Gegenwartsprobleme der Juden ansprachen.

Juden in Lyck:

         --- um 1715 ..................... ca.   30 Juden,

    --- 1816 ........................ ca.   20   "  ,

    --- 1840 ........................ ca.   90   "  ,

    --- 1871 ............................  285   “  ,*    *gesamte Gemeinde

    --- um 1880 .........................  250   “  ,

    --- 1905 ........................ ca.  360   “  ,*

    --- 1910 ............................  156   "  ,

    --- um 1920 ..................... ca.  190   “  ,

    --- 1925 ...........................   187   "  ,

    --- 1933 ............................  137   “  ,

    --- 1939 (Mai) ......................   18   “  .

Angaben aus: The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), S. 776

Lyck gegen Ende des 19.Jahrhunderts (hist. Ansicht aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

 

Die Stadt entwickelte sich seit Ende der 1860er Jahre zu einem wichtigen Eisenbahnknotenpunkt und belebte so das Gewerbe; davon profitierten auch jüdische Familien, die hier zugewandert waren.

In der im Ersten Weltkrieg durch russische Truppen kampflos besetzten und danach vom deutschen Heer zurückeroberten schwer zerstörten Stadt lebten um 1920 nur noch ca. 200 jüdische Bewohner.

                                zerstörte Synagoge (Bildmitte, Aufn. 1915)

Geschäftsanzeigen jüdischer Kaufleute (Abb. aus: sztetl.org.pl):

Der sich verstärkende Antisemitismus ließ einen Teil der Lycker Juden bereits vor 1933 abwandern. Zionistische Ideen fanden hier immer mehr Anhänger, so dass es zur Gründung einer lokalen Organisation kam. Doch nur wenige gingen in die Emigration; mehrheitlich verzogen Juden aus Lyck in größere Städte Deutschlands. Ein von Gewalt begleitetes Vorgehen gegen jüdische Bürger verstärkte sich in Lyck nach den Reichstagswahlen im März 1933. Während der „Kristallnacht“ vom November 1938 zerstörten SA-Angehörige das Synagogengebäude und plünderten Geschäfte jüdischer Eigentümer.

Kurz vor Kriegsbeginn lebten in Lyck kaum noch 20 jüdische Bewohner.

Insgesamt sollen mehr als 60 in Lyck gebürtige bzw. über einen längeren Zeitraum hinweg wohnhaft gewesene Juden Opfer der Shoa geworden sein.

Während des Zweiten Weltkrieges war der jüdische Friedhof zerstört worden. Seit 2019 weist eine dreisprachig abgefasste Gedenktafel auf den "Guten Ort" hin.

 

 

 

In Prostken (poln. Prostki, derzeit ca. 3.000 Einw.) - einem alten Grenzort wenige Kilometer südlich von Lyck gegelegen - gab es eine kleine jüdische Landgemeinde, die sich zu Beginn des 19.Jahrhunderts gebildet hatte und um 1905 ca. 80 Angehörige zählte. Gottesdienste wurden in Privaträumen abgehalten; auch ein Friedhofsgelände war vorhanden.

Die Ortschaft in Grenznähe war Anlaufpunkt für jüdische Immigranten aus Osteuropa. So richtete die „Vereinigung ostpreußischer Gemeinden“ hier eine Niederlassung ein, die die Flüchtlinge mit dem Nötigsten versorgen sollte. Zu Beginn der 1930er Jahre lebten in Prostken ca. 60 jüdische Einwohner; über ihr weiteres Schicksal ist kaum etwas bekannt.

Vor dem Rückzug deutscher Truppen – auf Grund des im Aug.1939 abgeschlossenen Deutsch-Sowjetischen Grenzvertrages – wurden Teile der jüdischen Bevölkerung der Region nach Deutschland verschleppt; Prosken diente hierbei als Durchgangslager.

Hinweis: Während des 2.Weltkrieges bestand in Prostken ein Kriegsgefangenenlager.

 

 

 

Weitere Informationen:

M.Brocke/M.Heitmann/H.Lordick (Hrg.), Zur Geschichte und Kultur der Juden in Ost- und Westpreußen, Georg Olms Verlag, Hildesheim/u.a., 2000

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 776 und S. 1029

Elk, in: sztetl.org.pl

The Jewish Community of Lyck, hrg. von Beit Hatfutsot – The Museum of the Jewish People, online abrufbar unter: dbs.bh.org.il/place/lyck-elk

Stefan M. Marcinkiewisz, Prosto przez Prostki - Geradewegs durch Prostken, 2022 (?)