Mährisch-Weißkirchen (Mähren)

Bildergebnis für mährisch weißkirchen karte europe1900https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/32/Location_of_Czech_city_Prerov.png Die Stadt Mährisch-Weißkirchen - an der Grenze zwischen Mähren und Schlesien ca. 35 Kilometer östlich von Olmütz gelegen - ist das tschechische Hranice na Moravě mit derzeit ca. 18.000 Einwohnern (Ausschnitt aus hist. Landkarte, aus: europe1900.eu und Kartenskizze 'Tschechien' mit Hranice rot markiert, aus: wikipedia.org, CCO).

 

Im Laufe des 16.Jahrhunderts sollen sich Juden in Mährisch-Weißkirchen angesiedelt haben; ein erster urkundlicher Beleg für dauerhafte Ansässigkeit von Juden liegt aber erst aus der Mitte des 17.Jahrhunderts vor. Unter der Herrschaft der Adelsfamilie Pernstein konnten jüdische Händler zunächst die Jahrmärkte der Stadt besuchen; in den folgenden Jahren machten sie sich dann hier ansässig. Zu ihnen gesellten sich dann auch polnische und rumänische Viehhändler, die mährische Märkte aufsuchten und teilweise hier auch sesshaft wurden. Gegen Mitte des 16.Jahrhunderts war die Zahl der Juden in Weißkirchen stark angewachsen; infolge von Pogromen während des sog. „Chmielnicky-Aufstandes“ waren jüdische Flüchtlinge aus der Ukraine hierher verschlagen worden.

Die Judenschaft Weißkirchens, die von 1880 bis 1919 eine selbstständige politische Gemeinde bildete, umfasste mehrere Territorien innerhalb des Stadtgebietes.

                                                           Siegel der Jüdischen Gemeinde Weißkirchen (1700) 

An der Judengasse, einer Häuserzeile entlang der westlichen Stadtmauer, stand auch die alte Synagoge; Anfang der 1860er Jahre wurde sie abgerissen und am gleichen Ort eine neue gebaut, die nach Plänen des Wiener Architekten Franz Macher im maurisch-byzantinischen Stil errichtet und im Jahre 1864 eingeweiht wurde.

1770 wurde die „jüdisch-deutsche Trivialschule“ gegründet. Etwa ein Jahrhundert später wurde die bis dahin einklassige Schule zu einer dreiklassigen erweitert, die danach als „Deutsche Volksschule der Israelitengemeinde“ bezeichnet. Zunächst in unterschiedlichen Räumlichkeiten untergebracht erhielt diese 1897 ein neues Gebäude.

Synagoge (hist. Ansichtskarte, um 1900)

Ein eigenes Bestattungsgelände war in Weißkirchen vermutlich nach Ende des Dreißigjährigen Krieges angelegt worden, auf dem auch verstorbene Juden umliegender Ortschaften beerdigt wurden; der älteste lesbare Grabstein stammt aus dem Jahre 1686.

   

Jüdischer Friedhof Weißkirchen (Aufn. Jacques Verlaeken, 2012, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

Juden in M.-Weißkirchen:

    --- um 1750 ......................... 115 jüdische Familien,

    --- um 1790 ......................... 120     “       “    ,

    --- 1830 ........................ ca. 660 Juden,

    --- 1857 ............................ 802   “   (ca. 13% d. Bevölk.),

    --- 1869 ............................ 582   “  ,

    --- 1880 ............................ 522   “  ,

    --- 1900 ............................ 462   “   (ca. 5% d. Bevölk.),

    --- 1930 ............................ 192   “   (ca. 2% d. Bevölk.),

    --- 1938 ............................ 143   “  ,

    --- 1942 (Dez.) .....................  keine.

Angaben aus: Hugo Gold, Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden Mährens, S. 89

und                Encyclopedia of Jewish Life … (2001), S. 531

 

Im Gefolge der Aufhebung der bislang für Juden geltenden Restriktionen und der einsetzenden Emanzipation verließen viele jüdische Familien die Region, um die besseren sozialen und wirtschaftlichen Perspektiven größerer Städte in Anspruch zu nehmen. So verlor auch die jüdische Kultusgemeinde Weißkirchen innerhalb nur weniger Jahrzehnte etwa die Hälfte ihrer Angehörigen. Anfang der 1930er Jahre war die Zahl der jüdischen Bewohner dann unter 200 Personen abgesunken.

Die in Weißkirchen verbliebenen jüdischen Bewohner wurden im Laufe des Jahres 1942 in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert; nur 14 Personen sollen die Shoa überlebt haben.

Die Inneneinrichtung der Synagoge war dem Zentralen Jüdischen Museum in Prag übereignet worden.

 

1945 gründete sich hier eine neue jüdische Gemeinschaft; dieser Synagogenverein nutzte seinen Gebetraum bis 1969. Im 1863/1864 erbauten Synagogengebäude sind heute das Stadtmuseum und eine städtische Galerie untergebracht.

 

ehem. Synagogengebäude (Aufn. Milan Mraz, um 2005 und Fext, 2012, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Seit 2019 erinnert eine Plastik der deutschen Künstlerin Christine Habermann von Hoch - benannt Nicocot – die Lichtfragmente - an die einstigen jüdischen Bewohner der Stadt. Bereits seit den 1990er Jahren gibt es eine Gedenktafel, die die Erinnerung an die 197 Holocaust-Opfer von Hranice wachhält.

2015 wurden in der Stadt die ersten sog. „Stolpersteine“ verlegt, die an deportierte jüdische Bewohner erinnern sollen.

Stolperstein für Ilsa Steinsbergova.jpg Stolperstein für Max Gessler.JPG Stolperstein für Terezie Gesslerova.JPG Aufn. Chr. Michelides, 2016, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0

 

1989 wurde damit begonnen, auf Anordnung der kommunistischen Stadtverwaltung den jüdischen Friedhof zu zerstören; eine daraufhin angeordnete vollständige Einebnung der Anlage - hier sollte eine Plattenbau-Wohnsiedlung entstehen - wurde aber gestoppt und die Wiederherstellung der mehrere hundert Grabsteine umfassenden Friedhofsanlage ins Auge gefasst.

JC Hranice4.jpg Auf dem Gelände erinnert ein Gedenkstein namentlich an jüdische Einwohner, die der "Endlösung" zum Opfer gefallen sind (Aufn. T. Bednarz, 2017, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0).

[vgl. Wallachisch-Meseritsch (Mähren)]

 Der deutsch-jüdische Journalist und Schriftsteller Jakob Julius David wurde 1859 in Mährisch-Weißkirchen geboren. Da ihm auf Grund einer durch eine Typhuserkrankung verursachten Behinderung der Lehrberuf verwehrt war, arbeitete er zunächst als Hauslehrer und dann als Journalist bei verschiedenen Wiener Zeitungsverlagen. 1889 erfolgte seine Promotion in Philosophie. Die mährische Landschaft, auch Hanna genannt, prägte ihn und wurde u.a. in der Erzählung „Die Hanna“ (1904) literarisch verarbeitet. Trotz seiner Konversion zum Katholizismus arbeitete er weiterhin für die vom Rabbiner Josef Bloch herausgegebene „Österreichische Wochenschrift“. Seine Romane „Am Wege sterben“ und „Der Übergang“ waren erfolgreicher als seine von ihm verfassten Theaterstücke. Julius Jakob David starb 1906 in Wien.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/he/c/c8/Isidore_singer.png Der ebenfalls 1859 geborene Schriftsteller und Publizist Isidore Singer, der in den 1890er Jahren in die USA auswanderte, machte sich einen Namen als Herausgeber der zwölfbändigen Jüdischen Enzyklopädie. Zahlreiche Veröffentlichungen wiesen Singer als profilierten Schriftsteller aus, der in drei Sprachen schrieb. Vor seiner Auswanderung war er noch in Frankreich und Italien publizistisch tätig gewesen. 1922 gehörte Singer zu den Gründern der „American League of the Brotherhood of Man“. Im Alter von 80 Jahren verstarb Singer 1939 in seiner Wahlheimat New York.

 

 

 

Weitere Informationen:

J. Rabbinowicz (Bearb.), Geschichte der Juden in Mährisch Weißkirchen, in: Hugo Gold (Hrg.), Die Juden und Judengemeinden Mährens in Vergangenheit und Gegenwart, Jüdischer Buch- und Kunstverlag, Brünn 1929, S. 381 - 385

Hugo Gold, Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden Mährens, Olamenu-Verlag, Tel Aviv 1974, S. 84 - 89

Wilma Iggers (Hrg.), Die Juden in Böhmen und Mähren. Ein historisches Lesebuch, München 1986

P.Ehl/A.Parík/Jirí Fiedler, Alte Judenfriedhöfe Böhmens und Mährens, Paseka-Verlag, Prag 1991

The Jewish Community of Hranice, hrg. von Beit Hatfutsot – The Museum of the Jewish People, online abrufbar unter: dbs.bh.org.il/place/hranice

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust, New York University Press, Washington Square, New York 2001, Vol. 1, S. 531

Jewish Families from Hranice (Weisskirchen) Moravia, Czech Republic, online abrufbar unter: geni.com/projects/Jewish-Families-from-Hranice-Weisskirchen-Moravia-Czech-Republic/13163 (mit Namensliste)

Auflistung der Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Hranice_na_Moravě

Stadt Hranice (Hrg.), Proluku u Synagogy zdobí umělecké dílo - Die Lücke in der Synagoge ist mit einem Kunstwerk verziert, in: mesto-hranice.cz/ (Sept. 2019)