Maßbach (Unterfranken/Bayern)

  Datei:Karte Landkreis Bad Kissingen.png Maßbach ist eine Marktgemeinde mit einer Einwohnerzahl von ca. 4.500 Menschen im äußersten Osten des Landkreises Bad Kissingen - etwa 50 Kilometer nordöstlich von Würzburg bzw. ca. 30 Kilometer östlich von Bad Kissingen gelegen (Karte Lencer, 2009, aus: wikimepia.org, CC BY-SA 3.0).

Eine jüdische Gemeinde entstand in Maßbach unmittelbar nach dem Dreißigjährigen Krieg, als die Grafen von Hatzfeld und später die Herren von Rosenbach im Dorfe Juden ansiedeln ließen. Doch bereits im 16.Jahrhundert sind Juden in Maßbach genannt. Die Juden mussten sich in der Folgezeit stets mit Anfeindungen der hiesigen Dorfbevölkerung auseinandersetzen, wobei zeitweilig der Ortspfarrer die Wortführerschaft übernahm. Zu Beginn des 18.Jahrhunderts war ein deutlicher Zuzug jüdischer Familien nach Maßbach zu verzeichnen; diese wohnten in Gebäuden, die eigens von der Grundherrschaft errichtet worden waren.

Zu den gemeindlichen Einrichtungen der jüdischen Gemeinde in Markt Maßbach gehörten eine um 1725 erbaute Synagoge, ein Rabbinerhaus mit Mikwe und ein südwestlich der Ortschaft gelegenes kleines Beerdigungsareal, auf dem nach 1900/1902 auch verstorbene Juden aus Poppenlauer beerdigt wurden; in den Jahrhunderten zuvor waren die Maßbacher Juden auf dem Friedhof in Kleinbardorf begraben worden.

Die 1747 durch Feuer zerstörte Synagoge wurde Jahre später - trotz Protests des evangelischen Pfarrers - zwischen Hauptstraße und Wirthsgasse wieder aufgebaut.

   Rekonstruktionszeichnung der Synagoge (Klaus Bub)

Der erste jüdische Lehrer für Maßbach ist 1687 urkundlich bezeugt, eine Schule seit dem Jahre 1710. Neben der religiösen Unterweisung der Kinder war der Lehrer – wie allgemein üblich – auch als Vorbeter und Schochet tätig. Die Besetzung der Lehrerstelle war - im Gegensatz zu vielen anderen Landgemeinden – keinem so häufigen Wechsel unterworfen. Unter den Lehrern sind namentlich bekannt: Götz Ullmann (von 1833 bis 1870), Hirsch Goldstein (vermutlich von 1873 bis 1895), Moses Nußbaum (von 1895 bis– 1910) und Siegfried Freudenberger (von 1910 bis in die Zeit des Ersten Weltkrieges). Letzter jüdischer Lehrer war bis 1935 David Cegla.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2083/Massbach%20Israelit%2020071870.jpg Ausschreibung der Lehrerstelle in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20.7.1870

Bis 1920 erhielten die jüdischen Kinder Maßbachs Elementarunterricht durch den jüdischen Lehrer; danach suchten sie die katholische Ortsschule auf.

In den 1760er Jahre war in Maßbach eine Talmud-Thora-Schule ins Leben gerufen worden.

(Anm.: Auch in Burgpreppach gab es eine solche Schule; vgl. dazu den Bericht in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. Juli 1938 unter „Burgpreppach/Unterfranken")

Als Weiterbildungseinrichtung existierte in Maßbach in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts das private „Unterrichts-Institut“ von Hirsch Goldstein (1854-1929).

     aus: "Der Israelit" vom 17.3.1884 und 8.4.1886

Die Gemeinde Maßbach unterstand zuletzt dem Bezirksrabbinat Kissingen.

Juden in Maßbach:

    --- 1687 .........................  29 jüdische Familien,

    --- 1716 ......................... 125 Juden,

    --- 1813 ......................... 187   “  (ca. 17% d. Bevölk.),

    --- 1837 ......................... 180   “  ,

    --- 1848 ......................... 147   “  ,

    --- 1867 ......................... 110   “ (ca. 9% d. Bevölk.),

    --- 1880 ......................... 127   "  ,

    --- 1890 ......................... 103   “  ,

    --- 1900 .........................  83   “ (ca. 7% d. Bevölk.),

    --- 1910 .........................  67   “ (ca. 5% d. Bevölk.),

    --- 1925 .........................  33   “ (ca. 2% d. Bevölk.),

    --- 1933 .........................  34   “  ,

    --- 1939 .........................  23   “  ,

    --- 1942 (Febr.) .................   9   “  ,

             (Aug.) ..................  keine.

Angaben aus: Reinhard Klopf, Juden in Poppenlauer und Maßbach

und                 Baruch Z.Ophir/F.Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945, S. 360

Zu Beginn des 19.Jahrhunderts lebten in Maßbach knapp 200 jüdische Einwohner; das entsprach etwa einem Fünftel der Ortsbevölkerung.Bei der Erstellung der Matrikel wurden für Maßbach insgesamt 33 Stellen aufgelistet; Viehhandel war damals der Hauptlebenserwerb der jüdischen Familien. Durch Ab- und Auswanderung verlor die Gemeinde in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts zahlreiche Angehörige. Eine Folge war u.a. die Schließung der Schule.             

                   aus der Zeitschrift „Der Israelit” vom 15.4.1920

Gewerbliche Anzeigen jüdischer Geschäftsleute aus Maßbach:

 1890/1900 und 1924

Zu Beginn der 1930er Jahre lebten dann nur noch wenige Familien in Maßbach, die meist im Viehhandel ihr Brot verdienten. Massive antijüdische Propaganda und konsequenter Wirtschaftsboykott ließen die Gemeindeangehörigen verarmen. Während der „Kristallnacht“ im November 1938 kam es auch in Maßbach zu judenfeindlichen Ausschreitungen, in deren Gefolge die gemeindlichen Einrichtungen vom vielköpfigen lokalen SA-Sturm beschädigt und die Inneneinrichtung der Synagoge mitsamt der Ritualien zerstört wurden. Aus einem Bericht der Gendarmeriestation Maßbach: „ ... In der Nacht vom 9./10.November, nach 24 Uhr, wurde gegen die sämtlich in Maßbach wohnhaften Juden eine große Aktion durchgeführt. An 8 jüdischen Wohngebäuden wurden die zu ebener Erde gelegenen Fenster samt den Fensterläden zertrümmert und teilweise auch Haustüren eingeschlagen. Vor den Gebäuden liegen Glas- und Holzsplitter. An der jüdischen Synagoge in Maßbach wurde die Türe eingeschlagen und die Inneneinrichtung demoliert.

Anm.: Den letzten Gottesdienst in der Maßbacher Synagoge hatte im Januar 1938 unter Leitung des Bezirksrabbiners Menachem Ephraim stattgefunden.

Zu tätlichen Angriffen auf jüdische Bewohner soll es - laut Polizeibericht - zunächst aber nicht gekommen sein. Dagegen sollen sich antijüdische Ausschreitungen am Abend des 10.November ereignet haben; nun wurden jüdische Bewohner in ihren Häusern - unter Beteiligung eines Teils der Ortsbevölkerung – attackiert; mehrere Juden wurden vorläufig festgenommen.

Obwohl sich nach dem Pogrom nur noch zehn Juden in Maßbach aufhielten, bestand die Gemeinde offiziell bis 1941 fort. Im Laufe des Jahres 1942 wurden die letzten acht jüdischen Bewohner von Maßbach über Würzburg nach Izbica bei Lublin und nach Theresienstadt deportiert. Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vaschem/Jerusalem sind nachweislich 35 gebürtige bzw. länger in Maßbach wohnhaft gewesene Juden Opfer der NS-Gewaltherrschaft geworden

 

1946/1947 war im Schloss Maßbach - dort befand sich in der NS-Zeit ein "Schulungslager" - ein Lager für ca. 100 jüdische Überlebende ("Displaced Persons"); im sog. "Kibbuz Lanegew" wurden den jüdischen Camp-Bewohnern landwirtschaftliche Grundkenntnisse zur Vorbereitung ihrer Auswanderung nach Palästina vermittelt.

Ein aufrecht stehender weißer Gedenkstein am kommunalen Friedhof erinnert heute an die ehemaligen jüdischen Bewohner Maßbachs (Aufn. GFreihalter, 2010, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0).

Das einstige Synagogengebäude an der Poppenlauerer Straße ist noch erhalten geblieben; nach Umbauten diente es lange Jahre Geschäfts- und Wohnzwecken. Seitens der Kommune wurde das Gebäude inzwischen angekauft, um dort mittels einer Rekonstruktion dessen einstige Verwendung wieder sichtbar zu machen.

Im ehemaligen Synagogengebäude von Maßbach soll künftig ein (ständiges) Museum eingerichtet werden; in den Räumen soll dann unter der Thematik „Maßbach unterm Davidstern“ über die jüdische Ortsgeschichte informiert werden; neben Schriften sollen hier auch historische Ritualgegenstände – wie Channukaleuchter, Sederteller, Schofarhorn u.a. gezeigt werden. Angedacht ist die Eröffnung des Museums im Jahre 2020.

Bereits 2009 hatte man auf dem Dachboden des Gebäudes eine Genisa entdeckt; dabei handelt sich dabei um einige 100 jüdische Schriftstücke und Gegenstände, die in einem Zeitraum von mehr als 300 Jahren dort abgelegt worden waren.

Im Oktober 2012 wurden 13 sog. „Stolpersteine“ in den Gehwegen der Marktgemeinde verlegt

Auch Maßbach gehört zu den unterfränkischen Kommunen, die sich am Projekt „DenkOrt Aumühle“ ("DenkOrt Deportationen 1941-1944")  beteiligen. (siehe dazu: Würzburg)

                     MaßbachKofferskulptur für Maßbach (Aufn. N.N., aus: denkort-deportationen.de)

Auf dem jüdischen Friedhof - an einem Hang nordwestlich der Ortschaft gelegen - befinden sich heute noch etwa 50 Grabsteine.

Jüdischer Friedhof Maßbach1 129.jpg  Jüdischer Friedhof Maßbach2 130.jpg

Jüdischer Friedhof in Maßbach (Aufn. GFreihalter, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

  Lazarus Eberhardt (geb. 1849 in Maßbach) war der Gründer der in München beheimateten Enzianbrennerei "L. Eberhardt" ("Blaukranz-Enzian"), die später zur bedeutendsten Enziandestillerie in Deutschland wurde. Nach dem Tod von Lazarus Eberhardt (1902) übernahm dessen Sohn Sigmund das Unternehmen. In der NS-Zeit wurde die Firma "arisiert" und weit unter Wert 1938 verkauft. Völlig mittellos emigrierten Simon Eberhardt und seine Frau 1939 in die USA. Nach dem Krieg kehrte Sigmund Eberhardt nach Deutschland zurück und konnte in einem Restitutionsverfahren (1950) seine Firma zurückgewinnen und produzierte noch fast zwei Jahre seine Enzian-Spirituosen, bis er sich dazu entschloss, den Betrieb 1952 zu verkaufen und endgültig in die USA überzusiedeln; dort starb er 1957 im Alter von 79 Jahren. Noch bis 1969 stellte die Firma L. Eberhardt unter diesem Namen eine breite Palette von Spirituosen her.

 

Im Maßbacher Ortsteil Poppenlauer existierte auch eine jüdische Landgemeinde, die sich zu Beginn des 19.Jahrhunderts aus fast 25 Familien zusammensetzte. [vgl. Poppenlauer (Bayern)]

 

Auch im nahen Thundorf gab es ab Mitte des 17.Jahrhunderts bis Ende der 1880er Jahre eine jüdische Kultusgemeinde; zu ihren Einrichtungen gehörten eine Synagoge, eine Elementar- und Religionsschule und eine Mikwe.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2088/Thundorf%20Israelit%2027061866.jpg Stellenanzeige aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 27.Juni 1866

In den Matrikellisten aus dem Jahre 1817 sind sieben jüdische Familienvorstände verzeichnet. Prägend für das Gemeindeleben im 19.Jahrhundert war die ortsansässige Familie Cramer. Verstorbene Gemeindeangehörige wurden auf dem großen jüdischen Zentralfriedhof in Kleinbardorf beerdigt. Nach 1850 wanderten die jüdischen Familien in größere Orte ab; das Synagogengebäude wurde verkauft und zu Wohnzwecken umgebaut. Die letzte Familie verließ das Dorf im Jahre 1887.

Das einstige Gebäude, in dem sich der Betsaal befand, steht seit 2011 leer und ist zunehmend dem Verfall preisgegeben.

Ehem. Synagogengebäude (Aufn. aus: Binder/Mence) http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20221/Thundorf%20Synagoge%20240.jpg

 

Weitere Informationen:

Baruch Z.Ophir/F.Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, Oldenbourg-Verlag, München 1979, S. 360 - 362

Herbert Schultheis, Juden in Mainfranken 1933 - 1945 unter besonderer Berücksichtigung der Deportationen Würzburger Juden, in: Bad Neustädter Beiträge zur Geschichte und Heimatkunde Frankens, Band 1, Verlag Max Rötter, Bad Neustadt a.d.Saale 1980, S. 354 - 356

Symbol für ein dunkles Kapitel der Geschichte. Der jüdische Friedhof in Maßbach ..., in: Saale-Zeitung vom 13.4.1982

Harm-Hinrich Brandt (Hrg.), Zwischen Schutzherrschaft und Emanzipation, in: Studien zur Geschichte der mainfränkischen Juden im 19.Jahrhundert, Band 39, Würzburg 1987

Israel Schwierz, Steinerne Zeugen jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 88 und S. 125

Reinhard Klopf, Juden in Poppenlauer und Maßbach, in: Geschichts- und Kulturseiten ( www.massbacher-juden.de)

Michael Trüger, Der jüdische Friedhof in Maßbach, in: Der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, 16.Jg., No. 85/2001

Cornelia Binder/Michael Mence, Nachbarn der Vergangenheit – Spuren von Deutschen jüdischen Glaubens im Landkreis Kissingen mit dem Brennpunkt 1800 bis 1945, zweisprachige Ausgabe, 2004, S. 223 – 226 (zu Thundorf)

Maßbach, in: alemannia-judaica.de (mit zahlreichen Text- u. Bilddokumenten zur jüdischen Ortshistorie, viele davon personenbezogen)

Klaus Bub, Fotos, Pläne, Dokumente zur jüdischen Geschichte von Maßbach, in: alemannia-judaica.de/massbach_synagoge.htm

Thundorf, in: alemannia-judaica.de (mit einigen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Dirk Rosenstock (Bearb.), Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche Quelle, in: Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg, Band 13, Würzburg 2008, S. 209/210     

Lothar Mayer, Jüdische Friedhöfe in Unterfranken, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2010, S. 116 − 119 

Julia Knetzger (Red.), Stolpersteine für Maßbach, in: „Main-Post“ vom 30.9.2012 

Philipp Bauernschubert (Red.), Massbach: Gedenktafeln erklären die Stolpersteine, in: „Main-Post“ vom 8.8.2013

Philipp Bauernschubert (Red.), Thundorf. Die letzte jüdische Familie ging 1887, in: „Main-Post“ vom 18.2.2014

Joseph Maran, „Bayerns berühmte Marke“ – Der erfolgreichste Produzent des Enzianschnaps war Jude, in: "Jüdische Allgemeine" vom 15.5.2014 

Maßbach - Kibbuz Lanegew (Hachschara), online abrufbar unter: after-the-shoah.org/?s=Maßbach

Isolde Krapf (Red.), Jüdisches Leben in Maßbach, in: „Main-Post“ vom 5.6.2016

Isolde Krapf (Red.), Maßbach. Synagoge wieder sichtbar machen, in: „Main-Post“ vom 12.10.2016

Isolde Krapf (Red.), Der Maßbacher und sein Alpenschnaps, in: „Main-Post“ vom 14.10.2016

Isolde Krapf (Red.), Maßbach. Ritualien überregional bedeutsam, in: „Main-Post“ vom 30.1.2017

Markt Maßbach (Hrg.), Museum in der Synagoge Maßbach, online abrufbar unter: massbach.de/tourismus/sehenswuerdigkeiten/synagoge

Isolde Krapf (Red.), Maßbach. Kauf der Synagoge steht bevor, in: „Main-Post“ vom 31.5.2019

Dieter Britz (Red.), Maßbach. Synagoge wird Museum, in: „Main-Post“ vom 2.8.2019

Dieter Britz (Red.), Maßbach. Ein Museum über das jüdische Leben in der Gemeinde, in: „Main-Post“ vom 29.11.2019