Mechernich/Eifel (Nordrhein-Westfalen)

Datei:Mechernich in EU.svg Mechernich ist eine Stadt mit derzeit 27.000 Einwohnern im Kreis Euskirchen; sie liegt im Naturpark Nordeifel – ca. zwölf Kilometer südwestlich von Euskirchen (Karte TUBS, 2008, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Die Eifelregion diente im Spätmittelalter als Zufluchtsgebiet für die aus den Städten vertriebenen Juden. Ob allerdings zu diesem Zeitpunkt bereits jüdische Familien nach Mechernich und in die umliegenden Dörfer kamen und sich hier niederließen, ist nicht belegt. Im 18.Jahrhundert waren in einigen Gemeinden des heutigen Stadtgebietes von Mechernich wenige jüdische Familien ansässig; sie verdienten ihren Lebensunterhalt als Händler in der agrarisch ausgerichteten Region, zumeist im Viehhandel. Ab Mitte des 19.Jahrhunderts zogen jüdische Familien aus den umliegenden Dörfern nach Mechernich zu; die industrielle Entwicklung, vor allem im Bleibergbau, hatte die Wirtschaftskraft der Region gestärkt, wodurch sich erhöhte Erwerbsmöglichkeiten für jüdische Kaufmannsfamilien ergaben.

In den 1880er Jahren weihte die Mechernicher Gemeinde ihre neue Synagoge in der Rathergasse/Ecke Turmhofstraße ein; 1913 wurde auch eine Mikwe angeschlossen. Das Synagogengebäude war ein kastenförmiger Bau mit quadratischem Grundriss. Wegen der angespannten finanziellen Situation der Mechernicher Judenschaft konnte das Gebäude kaum unterhalten werden, sodass es sich Anfang der 1930er Jahre in einem sehr schlechten Zustand befand.

Der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts angelegte jüdische Friedhof befand sich außerhalb des Ortes am „Steinrausch“. Vor und während der NS-Zeit wurde die Grabanlage geschändet. Nach Kriegsende soll diese in einem stark verwahrlosten Zustand gewesen sein.

Die Juden Mechernichs gehörten zum Synagogenverband Schleiden-Malmedy; persönliche und finanzielle Differenzen führten fast zum Austritt der Mechernicher Judenschaft aus dem Synagogenverband; dieser wurde aber letztlich nicht vollzogen.     

                                   Signet des Synagogenverbandes 

Juden in Mechernich:

    --- 1843 ....................... 13 Juden,

    --- 1857 ....................... 10   “  ,

    --- 1872 ....................... 38   “  ,

    --- 1885 ....................... 64   "  ,

    --- 1895 ....................... 56   “  ,

    --- 1911 ....................... 71   “  ,            

    --- 1931/33 .................... 93   “  ,

    --- 1934 ....................... 84   „  ,

    --- 1940 .......................  ?   „  .

Angaben aus: Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Teil I: Reg.bez. Köln, S. 363

Mechernich -  hist. Postkarte von 1897 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Vom wirtschaftlichen Niedergang während der Jahre der Weimarer Republik waren besonders auch die jüdischen Händler betroffen; so verarmte die jüdische Gemeinde, die sich nicht einmal mehr dringend notwendige Reparaturen am Synagogen- und Schulgebäude leisten konnte.

Mit Beginn der NS-Herrschaft verschlechterte sich die ohnehin schon schwierige ökonomische Situation. Am 1.4.1933 waren auch in Mechernich SA-Männer vor jüdischen Geschäften postiert; ein Protest des Ortspfarrers führte dazu, dass der Bürgermeister diese Boykottmaßnahme aufheben ließ.

Die Ausschreitungen gegen jüdische Mitbürger und deren Besitz fanden in Mechernich nicht während der „Reichskristallnacht“ (9.Nov.) statt, sondern erst am darauffolgenden Tag. Auf Anweisung des Mechernicher Amtsbürgermeisters und des NSDAP-Ortsvorsitzenden sollten am 10.November 1938 die Synagoge und ein jüdisches Geschäftshaus abgerissen werden; nach der Teilzerstörung des Synagogengebäudes wurde die jüdische Gemeinde aufgefordert, innerhalb weniger Tage auf eigene Kosten das Gebäude niederzulegen und die Trümmer abzuräumen. Ein Mechernicher Bauunternehmer übernahm später den Abriss und erhielt als Gegenleistung das Gelände; die Kosten wurden der Gemeinde auferlegt. Alsbald verzogen die meisten jüdischen Einwohner nach Köln bzw. Bonn. 1941 wurden die letzten Juden Mechernichs deportiert; mindestens 27 sollen der „Endlösung“ zum Opfer gefallen sein.

 

Nur ein unscheinbarer, aus roten Ziegelsteinen bestehender Mauerrest ist das einzige Relikt, das von der ehemaligen Synagoge an der Rathergasse übrig geblieben ist.

(Aufn. Hans-Dieter Arntz, 2008)     In unmittelbarer Nähe der ehemaligen Synagoge wurde im November 1988 ein Gedenkstein mit der folgenden Inschrift enthüllt:

Zum ehrenden Gedenken an die jüdischen Mitbürger unserer Stadt,

die unter nationalsozialistischer Gewaltherrschaft gelitten und ihr Leben gelassen haben.

Mechernich, den 10.November 1988

Auf dem jüdischen Friedhof, der bis 1936 belegt wurde, stehen heute noch ca. 40 Grabsteine.

http://mechernich.de/seiten/aktuelles/2014/03/Bilder/HinweistafeljuedischerFriedhof001550.jpg Blick auf den jüdischen Friedhof (Aufn. aus: mechernich.de)

Im Herbst 2008 wurden in den Straßen Mechernichs die ersten sog. „Stolpersteine“ verlegt.

                                     „Stolpersteine“ für Familie Ruhr, Bahnstraße 

Stolpersteine Kommern, Abraham Horn (Kölner Straße 11).jpg Stolpersteine Kommern, Ida Horn (Kölner Straße 11).jpg  Stolpersteine Kommern, Carl Horn (Kölner Straße 11).jpg Stolpersteine Kommern, Eva Horn (Kölner Straße 11).jpg Stolpersteine Kommern, Leo Horn (Kölner Straße 11).jpg

verlegt in der Kölner Straße für Angehörige der Fam. Horn (Aufn. Marcus, 2018, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 4.0)

 

Im Mechernicher Stadtteil Kommern lebten bereits ab Mitte des 16.Jahrhunderts vereinzelt jüdische Familien. Nach jahrzehntelanger Unterbrechung siedelten sich Anfang des 18.Jahrhunderts wieder Juden an. Ihren Höchststand erreichte die Judenschaft Kommerns gegen Ende des 19.Jahrhunderts mit knapp 100 Personen. [vgl.  Kommern (Nordrhein-Westfalen)]

 

Im Dörfchen Bleibuir - wenige Kilometer von Mechernich und von Kall entfernt - hatten sich im Zusammenhang der Ausbeutung einer Bleigrube „Gute Hoffnung“ Juden angesiedelt; die jüdischen Kleinhändler versorgten hier die Bergarbeiter mit dem Lebensnotwendigen. Gegen Mitte des 19.Jahrhunderts waren ca. 15% der Dorfbevölkerung Juden; man nannte deshalb Bleibuir „das Judendorf“. Seit 1867 verfügte die kleine Gemeinschaft über ein Bethaus, das allerdings nur wenige Jahre genutzt wurde. Denn mit dem wirtschaftlichen Niedergang der Bleigrube setzte nach 1870 die Abwanderung der jüdischen Familien - zumeist nach Mechernich - ein. Bereits um die Jahrhundertwende lebten in Bleibuir keine Juden mehr. - Zwischen dem Eifeldörfchen und Wielspütz erinnert ein kleiner Friedhof mit noch vier Grabsteinen an die jüdische Existenz im 19. Jahrhundert.

Datei:Jued Bleibuir.JPG

Jüdischer Friedhof Bleibuir  - Grabstein von 1874 (Aufn. Altmeier, 2013, in: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

 

Im Jahre 1982 wurde - im Rahmen der Maßnahmen zur Flurbereinigung - der über viele Jahrzehnte hinweg in Vergessenheit geratene jüdische Friedhof von Harzheim wiederentdeckt; Grabsteine wurden allerdings nicht mehr aufgefunden. 2002 wurde das Gelände unter Denkmalschutz gestellt; eine Hinweistafel informiert heute über die Historie dieses Areals.

 

Weitere Informationen:

Jörg Kleinen, Die Geschichte der Juden im Kreis Schleiden und ihre Friedhöfe, in: "Heimatkalender Kreis Schleiden/Eifel 1965", S. 125 f.

Hans-Dieter Arntz, Judaica - Juden in der Voreifel, Euskirchen, Kümpel-Verlag, Euskirchen 1983

Hans-Dieter Arntz, Judenverfolgung und Fluchthilfe im deutsch-belgischen Grenzgebiet, Euskirchen, Kümpel-Verlag, Euskirchen 1990

Norbert Leduc (Bearb.), Aspekte jüdischen Daseins im 18.Jahrhundert, in: "Veröffentlichungen aus dem Stadtarchiv Mechernich", 40/1990

Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Teil I: Regierungsbezirk Köln, J.P.Bachem Verlag, Köln 1997, S. 363 - 367

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 360/361

Hans-Dieter Arntz, „Reichskristallnacht“. Der Novemberpogrom 1938 auf dem Lande - Gerichtsakten und Zeugenaussagen am Beispiel der Eifel und Voreifel, Helios-Verlag, Aachen 2008

Hans-Dieter Arntz, Erinnerung an die Juden von Bleibuir – Gedanken über ehemalige jüdische Gemeinden auf dem Lande und ihre Friedhöfe, Aufsatz 2008

Auflistung der in Mechernich verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: commons.wikimedia.org/wiki/Category:Stolpersteine_in_Mechernich

Julia Reuss (Red.), Ehemalige Synagoge in Mechernich. Politik setzt sich für den Erhalt der Mauer ein, in: „Kölner Stadtanzeiger“ vom 8.8.2020