Mayen/Eifel (Rheinland-Pfalz)

Bildergebnis für Mayen historische Karten Mayen ist eine derzeit von ca. 19.000 Menschen bewohnte Stadt im rheinland-pfälzischen Landkreis Mayen-Koblenz in der Vulkaneifel (und Verwaltungssitz der Verbandsgemeinde Vordereifel) – ca. 30 Kilometer westlich von Koblenz gelegen (Karte von 1905, aus: wikipedia.org, gemeinfrei).

Die Existenz von Juden in Mayen ist erstmals 1313 urkundlich belegt; zu damaliger Zeit soll bereits eine Synagoge gestanden haben, was den Schluss zulässt, dass Mayen bereits über eine stattliche Anzahl jüdischer Bewohner verfügte; diese waren vermutlich zumeist aus dem benachbarten Frankreich zugewandert; bezeugt zu dieser Zeit ist ihre Tätigkeit als Geldverleiher.

Während des Pestpogroms von 1348/1349 wurden die Juden Mayens von den christlichen Stadtbewohnern ermordet. Danach schienen hier über zwei Jahrhunderte hinweg nur vereinzelt – und dann auch nur kurzzeitig - Juden gelebt zu haben. Erst Anfang des 17.Jahrhunderts erfolgten wieder dauerhafte Neuansiedlungen; Voraussetzungen dafür war die 1618 erlassene „Judenordnung“ der Trierer Kurfürsten. Unter dem Schutz und Geleit der Trierer Erzbischöfe fanden die Juden in Mayen ein Betätigungsfeld. Der Ort war zum Umschlagplatz von Agrarprodukten des ländlichen Umlands geworden; gleichzeitig boten sie den Bauern der Region Waren des täglichen Bedarfs an und vergaben bzw. vermittelten Kredite. Alteingesessene Mayener Gewerbetreibende und Zünfte sahen sich von der jüdischen Konkurrenz bedroht; auch der Rat der Stadt Mayen stand den hier ansässigen Juden ablehnend gegenüber, wie zahlreiche Streitigkeiten belegen.

Zwar bildete sich in Mayen erst relativ spät eine Kultusgemeinde, doch verfügten die jüdischen Bewohner schon sehr bald über gemeindeähnliche Einrichtungen.

Der älteste jüdische Begräbnisplatz in Mayen - er bestand seit ca. 1640 - befand sich weit außerhalb der Stadt, in der Nähe des heutigen Schützenplatzes; er diente auch den verstorbenen Juden aus Kottenheim, Thür, Ober- und Niedermendig als letzte Ruhestätte. Mitte des 19.Jahrhunderts wurde ganz in der Nähe ein neuer Friedhof angelegt. Der dritte Friedhof in Mayen existiert heute noch (Waldstraße).

Nach einjähriger Bauzeit wurde 1855 „Im Entenpfuhl“ die Synagoge eingeweiht; sie war von nun an religiöser Mittelpunkt der wachsenden jüdischen Gemeinde. Zuvor hatte ein Betsaal in der Keutelstraße bestanden.

   

  Synagoge in Mayen (erweitert 1902), Innenraum (hist. Aufn. um 1930, Landesamt für Denkmalpflege)

In Mayen existierte auch eine jüdische Religions-, später dann Elementarschule. Die Anstellung eines Lehrers in Mayen lässt sich erstmals bereits 1624 urkundlich belegen. Als Mitte des 19.Jahrhunderts die Zahl der jüdischen Kinder in Mayen stark anwuchs, wurde auch die Stelle des Religionslehrers (zeitweilig auch Elementarlehrers) wieder besetzt, der neben seiner unterrichtlichen Tätigkeit auch als Vorbeter und Schochet tätig war. Eine öffentliche Israelitische Elementarschule bestand in Mayen seit Ende der 1870er Jahre.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20111/Mayen%20Israelit%2025011858.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20190/Mayen%20Israelit%2018091878a.jpg

Stellenanzeigen aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 25.Jan. 1858 und vom 18.Sept. 1878

    Anzeigen von 1886 und 1923

Im Jahre 1868 wurde Mayen Sitz eines Synagogenbezirkes.

Juden in Mayen:

        --- um 1550 .......................  eine jüdische Familie,

    --- 1773 ..........................    8     “        “   n (39 Pers.),

    --- 1808 ..........................   56 Juden,

    --- 1826 ..........................   72   “  ,

    --- 1858 ..........................  206   “  ,

    --- 1895 ..........................  321   “  ,

    --- 1901 ..........................  344   "  ,

    --- 1905 ..........................  328   “   (ca. 85 Familien),

    --- um 1925 ................... ca.  250   “   (ca. 2% d. Bevölk.),

    --- 1939 (Sept.) .............. ca.   80   “  ,

    --- 1941 ...................... ca.   75   “  ,

    --- 1942 (Sept.) ..................   keine.

Angaben aus: Klaus H. S. Schulte, Zeugnisse jüdischen Lebens in der Ost-Eifel, S. XIII

und                 Reinhard Dauber, Die Synagoge in Mayen (1855 - 1938), in: Heimatjahrbuch 1991, S. 46/47

Um 1900 erreichte die Zahl der Gemeindeangehörigen mit mehr als 300 Personen ihren zahlenmäßigen Höchststand.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20335/Mayen%20Lukasmarkt%201853.jpg Zeitungsnotiz aus dem Jahre 1853

Ihren Lebensunterhalt verdienten die in Mayen lebenden jüdischen Familien zu Beginn des 20.Jahrhunderts vor allem im Einzelhandel; ihre Läden befanden sich zumeist zwischen Brückenstraße, Marktstraße und Marktplatz. Aber auch jüdische Viehhändler, die im ländlichen Umland von Eifel und Hunsrück unterwegs waren, wohnten in Mayen.

Am 1.April 1933 wurde auch in Mayen der Boykott jüdischer Geschäfte durchgeführt. Zunehmende Einschüchterung der „arischen“ Käufer führte schließlich dazu, dass immer weniger Menschen in jüdischen Geschäften kauften; damit entzog man ihnen ihre Wirtschaftsgrundlagen.

In seinem Bericht von Ende März 1936 klagte der Landrat Mayens Klage darüber, dass die „Volksgenossen“ immer noch Wirtschaftskontakte zu Juden unterhielten:

“ ... Die Juden haben immer noch einen viel zu großen Einfluß auf die Bevölkerung, der sich wirtschaftlich und ideel auswirkt. Die Schuld daran liegt an der Bevölkerung selbst, von der ein Teil für die andauernden Aufklärungen über die Judenfrage fast unempfänglich zu sein scheint. So werden immer noch weiter Geschäfte mit Juden gemacht ... Die betreffenden Leute sind von früher her noch so an den einzelnen Juden gewöhnt und sehen nicht, daß im Verfolg der großen Weltpolitik es nur der Jude ist, der mit seiner internationalen Idee und seinem Gelde die Welt in Unordnung bringt. ... Im übrigen hält die Abwanderung der Juden an. Die Reiseziele sind meist Amerika und Palästina.”

Am Abend des 9.November 1938 zerstörten auswärtige SA-Angehörige die Mayener Synagoge. Nachdem die Inneneinrichtung zerschlagen und Feuer gelegt worden war, brannte das Gebäude - unter den Augen der Feuerwehr - völlig aus; die Ruine wurde wenig später abgebrochen. Einige jüdische Familien wurden in dieser Nacht gedemütigt und geschlagen. Am folgenden Tage wurden alle Juden nach Aufforderung des Bürgermeisters zur „Vernehmung“ in die alte Turnhalle gebracht. Bis zu Beginn des Zweiten Weltkrieges hatten die meisten Juden Mayens die Kleinstadt verlassen.

 

 Reisepass der Ehefrau des letzten jüdischen Lehrers von Mayen (aus: IGL-Bildarchiv)

Die zurückgebliebenen ca. 70 jüdischen Bewohner wurden - nach vorübergehender Zwangskasernierung auf der „Reiffsmühle“ im Nettetal - im August 1942 in die Ghetto- und Vernichtungslager im besetzten Osteuropa deportiert.

 Modell der ehem. Synagoge (Judith Levi, IGL-Bildarchiv)

Am ehemaligen Standort der Synagoge, im Entenpfuhl, befindet sich seit 1981 eine Gedenktafel.

Gedenktafel für die zerstörte Synagoge (Aufn. J. Hahn, 2009) http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20228/Mayen%20Synagoge%20272.jpg

                 Am Gebäude der ehemaligen jüdischen Schule ist eine Tafel mit folgender Inschrift angebracht:

Jüdische Schule

1873 Erwerb eines Grundstückes bei der Synagoge.

1875 Errichtung des schlichten Schulhauses mit Wohnung durch die Synagogengemeinde.

               1875 Umwandlung von einer Privatschule in einer 'öffentliche Volksschule'.

         1908 Übergang in den Besitz der Zivilgemeinde. 1910 Instandsetzung.

Unter Lehrer Albert Levi bis 1938 als Schule genutzt.

  Ein 1990 in Form eines großen Davidsterns errichtetes Mahnmal an der Bürresheimer Straße (Aufn. Franz G. Bell) erinnert an die 77 deportierten und umgekommenen Juden Mayens; eine am Sockel des Gedenksteins angebrachte Inschrift lautet: "Zum Gedenken an die Juden aus Mayen. Einst Mitbürger, dann verfolgt, vertrieben, vernichtet." Rückseitig stehen die Worte: „Wir erkennen, Herr, unser Unrecht, die Schuld unserer Väter: Ja gegen dich gesündigt (Jer. 14,20)“

Auch auf dem jüdischen Friedhof in der Waldstraße, der ca. 200 erhaltene Grabsteine zählt, ist eine Gedenktafel angebracht. Der alte jüdische Begräbnisplatz wurde 1944 durch Kriegseinwirkung zerstört; dessen ca. 30 verbliebene Grabsteine – der älteste datiert von 1640 - wurden auf den neuen Friedhof verbracht.

  

Teilansicht des Friedhofs (Aufn. J.Hahn, 2009)  -  Steine vom alten Friedhof (Aufn. GFreihalter, 2010, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Weitere Informationen:

L.Brink/J.Hilger, Geschichte von Mayen, Mayen 1910

Fridolin Hörter, Quellen zur Geschichte der Juden in Mayen, in: Landeskundliche Vierteljahrsblätter Trier, Jg. 31, Heft 4/1985, S. 131 - 134

Reinhard Dauber, Ein jüdisches Heiligtum. Zur Baugeschichte der zerstörten Synagoge in Mayen, in: Mayener Beiträge zur Heimatgeschichte 2/1987, S. 39 f.

Martin Dresler-Schenck, Auf den Spuren der Juden in Mayen und Umgebung: Dokumentation zur Ausstellung im September 1987, Hrg. Stadt Mayen und Staatliche Realschule, Mayen 1987

Heinz Schaefgen, Von der Reichskristallnacht zur Deportation. Ein Beitrag zur Geschichte der Judenverfolgung in Mayen, in: Heimatjahrbuch des Kreises Mayen-Koblenz 1988, S. 80 f.

Eifeler Landschaftsmuseum (Hrg.), Auf den Spuren der Juden in Mayen und Umgebung. Ausstellung der Staatlichen Realschule Mayen in Verbindung mit der Stadt Mayen, Mayen 1987 (hrg. von der Stadt Mayen 1991)

Reinhard Dauber, Die Synagoge in Mayen (1855 - 1938), in: Heimatjahrbuch Kreis Mayen-Koblenz 1991, S. 45 - 50

Klaus H. S. Schulte, Zeugnisse jüdischen Lebens in der Ost-Eifel. Das Familienbuch der Juden in Mayen bis um 1875, in: Grundlagen zur Heimatkunde, Band 7, Mayen 1995

Germania Judaica, Band III/2, Tübingen 1995, S. 853

Stefan Fischbach/Ingrid Westerhoff (Bearb.), “ ... und dies ist die Pforte des Himmels “. Synagogen. Rheinland-Pfalz Saarland, Hrg. Landesamt für Denkmalpflege, Mainz 2005, S. 263 – 265

Mayen, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Text- u. Bilddokumenten zur jüdischen Ortshistorie, zahlreiche personenbezogene Dokumente)

Judith N. Levi, Der Lebenslauf des letzten jüdischen Lehrers in Mayen: Albert Levi (1879 – 1941), in: regionalgeschichte.net (2012)   Anm.: Die Verfasserin ist die Enkelin von Albert Levi

Daniela Tobias, Fotodokumentation des jüdischen Friedhofs, 2017