Memmingen/Allgäu (Bayern)

 Memmingen – die Stadt besitzt derzeit eine Bevölkerung von ca. 44.000 Einwohnern – ist ca. 45 Kilometer südlich von Ulm gelegen (Karte: M. Dörrbecker, aus: wikipedia.org/wiki/Oberschwaben#/media/File:Map_Upper_Swabia_(Oberschwaben).png).

MMvonOsten.jpg

                                                    Memmingen um 1575  -  Radierung von Georg Wechter (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Bereits zu Beginn des 14.Jahrhunderts lassen sich Ansiedlungen von Juden in Memmingen nachweisen; ihre Wohnsitze lagen wahrscheinlich im Bereich der beiden Gerbergassen; mit Pfand- und Geldverleih bestritten sie ihren Lebenserwerb. Im Herbst 1349 wurden sie ermordet bzw. aus Memmingen vertrieben, obwohl weltliche Obrigkeit und Kirche versucht hatten, die gewalttätigen Ausschreitungen zu verhindern. Jahrzehnte später sollen aber wieder einige Juden in der Stadt gelebt haben; ihre endgültige Ausweisung erfolgte im 15.Jahrhundert. Der Magistrat der Stadt erließ derzeit eine restriktive Ordnung, die den Bürgern gebot, „gar nichtz mit den Juden zu hanndeln, Unnd kain Juden herein zu lassen, dann sie seyen ainer gemaind beschwärlich“.

In der Folgezeit entstanden im Umkreis der Stadt verschiedene Judenansiedlungen, die im Laufe der Zeit im Verhältnis zur der dortigen Gesamtbevölkerung relativ groß geworden waren. So besaß beispielsweise das nördlich von Memmingen gelegene Dorf Fellheim von Mitte des 18.Jahrhunderts bis ins 19.Jahrhundert hinein einen sehr hohen jüdischen Bevölkerungsanteil.

[vgl. Fellheim (Bayern)]

Die Stadt Memmingen durfte von Juden nur tageweise zum Handel betreten werden; ein längerer Aufenthalt war ihnen untersagt. „Judenordnungen“ regelten bis ins Detail den zeitlich befristeten Aufenthalt: So durften z.B. jüdische Händler nur durch ein bestimmtes Stadttor den Ort betreten - und auch nur dann, wenn ein „Judenführer“ anwesend war, der als ständiger Begleiter fungierte; außerdem waren Abgaben wie „Kopfgeld“ und „Roßzoll“ zu leisten. Erst gegen Mitte des 19.Jahrhunderts durften Juden sich wieder in Memmingen ansiedeln; sie zogen vor allem aus den oberschwäbischen Landgemeinden zu. Im Frühjahr 1875 wurde formell eine eigene Kultusgemeinde gegründet.

In der Stadt Memmingen besaß die Gemeinde - ihr waren nun auch die Juden der beiden Dörfer Fellheim und Osterberg angeschlossen - eine Synagoge, Gemeinderäume, eine Mikwe und einen Friedhof; das Friedhofsareal im Osten der Stadt war der Gemeinde 1875 zugewiesen worden; zuvor hatten Begräbnisse in Fellheim stattgefunden.

                       aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 12.Nov. 1908

Ihren Synagogenneubau an der Ecke Schweizerberg/Kaisergraben - er verfügte etwa über 200 Plätze - weihte die Gemeinde unter Leitung des Augsburger Bezirksrabbiners im September 1909 ein; ein „imposanter Festzug“ soll damals die Einweihung begleitet haben. Für den Bau zeichnete der Frankfurter Architekt Max Seckbach verantwortlich.          

 

Festzug bei der Einweihung der Synagoge in Memmingen am 8.Sept. 1909  -  Synagoge (hist. Aufn.)

   Synagoge Bildmitte (hist. Aufn., 1925, Stadtarchiv) 

Die Juden Memmingens besaßen ein ausgeprägtes religiöses Gemeindeleben; Sabbat und Feiertage wurden streng eingehalten, und alle Familienfeste wurden unter Beteiligung anderer jüdischer Familien begangen.

                                Synagoge Memmingen – Gemälde von Alexander Dettmar

Die Besorgung religiös-ritueller Aufgaben verrichtete ein seitens der Gemeinde angestellter Lehrer. Wie die folgenden Annoncen zeigen, war diese Stelle zeitweilig einem häufigen Wechsel unterworfen.


Stellenanzeigen aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15.Januar 1868, vom 16.Juni 1869 und vom 16.Februar 1870

Der dem Bezirksrabbinat Augsburg unterstellten Gemeinde gehörten zuletzt auch die Juden aus Mindelheim und Bad Wörrishofen an.

Juden in Memmingen:

    --- 1867 ..........................  36 Juden,

    --- 1875 ..........................  99   “  ,

    --- 1885 .......................... 185   “  ,

    --- 1895 .......................... 231   “  ,

    --- 1910 .......................... 178   “  ,

    --- 1925 .......................... 170   “  ,         

    --- 1933 (Juni) ................... 161   “  ,

    --- 1935 (Jan.) ................... 144   “  ,

    --- 1939 (Jan.) ................... 104   “  ,

             (Mai) ....................  68   “  ,

    --- 1940 (Jan.) ...................  58   “  ,

    --- 1942 (Jan.) ...................  40   “  ,

             (April) ..................   7   “  ,

             (Juni) ...................   keine,

    --- 1947 (Mitte) .................. 125   “  ,

    --- 1949 ..........................   5   “  .

Angaben aus: Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945, S. 480

und                Dorothee Linn, Das Schicksal der jüdischen Bevölkerung in Memmingen von 1933 - 1945

An der wirtschaftlichen Entwicklung Memmingens waren jüdische Familien entscheidend mitbeteiligt; sie gründeten hier und im angrenzenden Umland verschiedene Produktionsstätten für Strickwaren und Käse; darüber hinaus waren sie Eigner großer Textil- und Schuhgeschäfte; der Pferde- und Viehhandel lag größtenteils in jüdischer Hand. Daneben waren Memminger Juden auch in akademischen Berufen tätig.

Bereits nach dem Ersten Weltkrieg gab es in Memmingen antisemitische Ausschreitungen, bei denen sich ein in Memmingen beheimateter Arzt besonders hervortat. Bei den sog. „Rosenbaum-Krawallen“ - dem Memminger Käsegroßhändler Wilhelm Rosenbaum war Preiswucher vorgeworfen worden - hatte eine „aufgebrachte Volksmenge“ den Beschuldigten durch die Stadt zum Marktplatz geschleift, wo dieser an den Pranger gestellt und verunglimpfte wurde („Memminger Käsepogrom“ von 1921).

Anzeigen der Käserei W. Rosenbaum 1900/1903

Weitere gewerbliche Anzeigen (1889/1900/1908)

  http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20132/Memmingen%20Dok%20110705.jpg

Der mit Beginn der NS-Zeit einsetzende offizielle Wirtschaftsboykott traf die Juden Memmingens besonders hart; so wurden in der Zeitung „Allgäuer Beobachter” alle jüdischen Geschäfte namentlich aufgelistet und die Bevölkerung eindringlich aufgefordert, diese nicht mehr zu betreten. Im Laufe der Jahre verschärfte die NSDAP die Gangart und drängte immer mehr jüdische Unternehmen aus dem Wirtschaftsleben der Kleinstadt. Der Wirtschaftsboykott führte zusehends zur Verarmung der Memminger Juden, die nun ihre Geschäfte verkauften und - vor allem ab 1936 - emigrierten.

Am 10.November 1938 erging an den NSDAP-Kreisleiter der Befehl, die Synagoge niederzubrennen und die Juden der Stadt festzunehmen; die lokale Polizei wurde angewiesen, bei möglichen Ausschreitungen nicht einzugreifen. Zunächst wurden Teile der wertvollen Inneneinrichtung der Synagoge beschlagnahmt, dann begann man mit dem Abriss des Synagogengebäudes; daran beteiligten sich auch zahlreiche Stadtbewohner, unter ihnen auch Schüler mit ihren Lehrern. Nach einer Woche war die Synagoge dem Erdboden gleichgemacht; die Kosten des Abbruchs musste die jüdische Gemeinde tragen. Am Abend des gleichen Tages drangen ortansässige SA-Männer in die Häuser der Juden ein; mehr als 20 Wohnungen wurden zerstört. Jüdische Männer wurden inhaftiert, einige ins KZ Dachau abtransportiert.

                  Aus dem „Allgäuer Beobachter” zu den Vorgängen in Memmingen vom 11.Nov. 1938:

Der Empörung Luft gemacht ! -   Memmingens Bevölkerung gegen die Juden    

Schaufenster jüdischer Geschäfte zertrümmert   -   Synagoge ausgeräumt

Wie im ganzen Reich, so schaffte sich auch in Memmingen die Empörung gegen das Judentum in verschiedenen Aktionen Luft. ... Die Aktionen, die in Memmingen und Fellheim am gestrigen Tage gegen die jüdischen Frechlinge durchgeführt wurden, waren Ausdruck der maßlosen Erbitterung gegen das Morden Alljudas, sie waren aber auch gleichzeitig Ausdruck der wahren Volksstimmung gegen das Judentum überhaupt. Wie wir bereits gestern Mittag berichteten, wurden zahlreiche Memminger und Fellheimer Juden im Laufe des gestrigen Tages in Schutzhaft genommen. Die Empörung der Memminger gegen die Juden wirkte sich dann im Laufe des Nachmittages auch darin aus, daß die Synagoge ausgeräumt wurde und der Davidstern vom Dach der Synagoge verschwand. Desgleichen wurden zahlreiche Fensterscheiben jüdischer Geschäfte demoliert. Die ganze Aktion gegen die Memminger und Fellheimer Juden wurde mit dem gestrigen Tage abgeschlossen. Die Bevölkerung brachte dieser Aktion volles Verständnis entgegen. ... Der gestrige Tag mag ihnen (Anm.: den Juden) Beweis dafür sein, daß die Herrschaft der Juden in Memmingen ein für alle mal vorbei ist. Das Volk selbst ist gegen sie aufgestanden und hat sie als schuldig erkannt an dem systematischen Morden, das das internationale Judentum gegen Deutsche treibt.

Alle jüdischen Geschäfte wurden noch bis Ende 1938 „arisiert“. In einem Schreiben wandte sich der NSDAP-Kreispropagandaleiter am 18.August 1939 an die städtischen Behörden, die noch in Memmingen verbliebenen Juden zwischen 9 Uhr morgens und 10 Uhr abends von den Hauptstraßen Memmingens fernzuhalten, um „der nationalsozialistisch bewußten Bevölkerung den Anblick zu ersparen”. Daraufhin erging seitens der Stadtverwaltung die Anordnung: „Den Angehörigen von jüdischen Haushaltungen ist der Ausgang nach Eintritt der Dunkelheit verboten!” 

Nach Kriegsbeginn wurden jüdische Bürger zu Arbeiten in der Stadt zwangsverpflichtet. Ab April 1940 mussten sie ihre Wohnungen räumen und wurden in fünf „Judenhäuser“ eingewiesen; schließlich blieb den etwa 40 Personen nur noch ein einziges Haus als Unterkunft. Von Ende Januar bis Mitte März 1942 wurden 25 Juden aus Memmingen nach Fellheimverschleppt, von dort aus in Vernichtungslager deportiert und später ermordet. Wochen danach wurden die letzten Juden Memmingens - über Milbertshofen bei München - in die Ghettos und Vernichtungslager im besetzten Osteuropa bzw. nach Theresienstadt deportiert.

                  Im Mai 1942 vermeldete der „Allgäuer Beobachter” in einer Zeitungsnotiz:

... Seit einigen Tagen ist Memmingen eine völlig judenfreie Stadt. Die letzten Juden haben das Stadtgebiet verlassen, und damit ist Memmingen, das vor der Machtübernahme noch 168 Juden zählte, zu einer judenfreien Stadt geworden. Die Juden, die vor der Machtübernahme in so manchen Dingen tonangebend waren, haben damit ein für allemal ihre Rolle in Memmingen ausgespielt.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden ..." sind 88 gebürtige bzw. längere Zeit in Memmingen ansässig gewesene jüdische Bürger Opfer der NS-Gewaltherrschaft geworden (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/memmingen_synagoge.htm).

 

Nach Kriegsende kehrten nur vier Juden der ehemaligen Gemeinde nach Memmingen zurück; zu ihnen stießen vorübergehend zahlreiche Juden aus befreiten NS-Lagern der Region und aus Osteuropa, deren Leben dort bedroht war. Die zeitweilig aus ca. 250 Personen bestehende DP-Community war in Häusern und Wohnungen untergebracht, die ihr seitens der US-Besatzungsmacht zugewiesen worden war. 1951 hielten sich nur noch ca. 30 DPs in der Kleinstadt auf, die anderen waren inzwischen emigriert.

Abb. aus: Jim G. Tobias, Jüdisches Leben in Memmingen nach 1945, in: hagalil.com (2019)

Auf dem mit einer Ziegelsteinmauer umgebenen jüdischen Friedhofsgelände in Memmingen befinden sich auf den vier Grabfeldern insgesamt etwa 140 Gräber; die allermeisten Grabsteine sind heute noch erhalten.

Judenfriedhof5MM.JPGJudenfriedhof12MM.JPG

Jüdischer Friedhof in Memmingen (beide Aufn. Thomas Mirtsch, 2008, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Am Schweizerberg in Memmingen - am einstigen Standort der Synagoge - befindet sich ein Gedenkstein mit dem Relief der ehemaligen Synagoge und dem folgenden Text:

An dieser Stelle wurde 1909 die Synagoge für unsere Mitbürger jüdischen Glaubens errichtet.

Im Jahre 1938 fiel sie der Gewaltherrschaft zum Opfer.

Dem Gedenken und zur Mahnung diene dies.

Nicht durch Macht und nicht durch Stärke, sondern durch meinen Geist spricht der Herr. Zachar 4/6

Seit Juli 1988 umgeben zwei steinerne Texttafeln - wie die Seiten eines aufgeschlagenen Buches - den Gedenkstein; zu lesen sind hier die Namen von 106 Personen aus Memmingen, die während der NS-Herrschaft verfolgt, verschleppt und ermordet wurden.

                                File:Gedenkstein für die zerstörte Synagoge in Memmingen.jpg

                                       Gedenkstätte in Memmingen (Aufn. J. Hahn, 2004 und Jakob Vogel, 2017, aus: commons.wikimedia CC BY-SA 4.0)

Im Memminger Stadtmuseum informiert die Abteilung „Jüdisches Leben in Memmingen“ über die Zeit vom 19.Jahrhundert bis zum Ende der Gemeinde in der NS-Zeit.

2014 wurden in den Gehwegen Memmingens die ersten sog. „Stolpersteine“ verlegt; weitere folgten, so 2016 allein 27 Steine, die an zwölf Standorten an jüdische und nicht-jüdische Opfer der NS-Gewaltherrschaft erinnern. Inzwischen hat sich deren Zahl auf insgesamt ca. 115 Steine erhöht (Stand 2021). Der 75.000 von Gunter Demnig verlegte Stein fand Ende Dez. 2019 vor dem früheren Wohnhaus des Ehepaares Benno und Martha Rosenbaum seinen Platz. Die letztmalige Verlegung von Gedenktäfelchen - für Opfer der NS-"Euthanasie" - erfolgte m Sept. 2020.

Stolperstein für Julius Guggenheimer (1885) in Memmingen.jpgStolperstein für Regina Kornelie Guggenheimer (1891) in Memmingen.jpgStolperstein für Lotte Lore Guggenheimer (1913) in Memmingen.jpgStolperstein für Fritz Heinrich Guggenheimer (1920) in Memmingen.jpg Die vier "Stolpersteine" vor der Memminger Elefanten-Apotheke (Kalchstraße) erinnern an das Ehepaar Julius und Regina Kornelie Guggenheimer und ihre beiden Kinder (alle Aufn. Jakob Vogel, 2017, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0).

für die Ehepaare Einstein, Zangmeisterstr.Stolperstein für Louis Einstein (1876) in Memmingen.jpgStolperstein für Selma Einstein (1887) in Memmingen.jpgStolperstein für Jakob Einstein (1880) in Memmingen.jpgStolperstein für Gerta Einstein (1890) in Memmingen.jpg

2019 haben Schüler/innen der Staatlichen Realschule Memmingen die Patenschaft für die zahlreichen in der Stadt verlegten „Stolpersteine“ übernommen.

 

Im mittelschwäbischen Mindelheim lebten im 19./20.Jahrhundert nur sehr wenige jüdische Familien, die der jüdischen Gemeinde in Memmingen angehörten. Die ersten urkundlichen Hinweise auf Juden in der kleinen Reichsstadt stammen aus dem 14.Jahrhundert; in den Folgejahrhunderten gibt es dann nur sporadische Hinweise. Erst in der Neuzeit scheinen dann wieder Juden am Ort selbst gewohnt zu haben; so ist z.B. 1768 ein „Judenzoll“ der Stadt Mindelheim erwähnt. Ihre Zahl bewegte sich freilich auch nur im Bereich von etwa zehn Personen, weshalb sich die Mindelheimer Juden der Gemeinde im ca. 30 Kilometer westlich gelegenen Memmingen anschlossen.

 

 

In Leutkirch – einer Kleinstadt zwischen Memmingen und Wangen gelegen – haben sich im Laufe der Jahrhunderte nur vereinzelt Juden aufgehalten. Erst in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts ließ sich dauerhaft eine jüdische Familie (Lippmann Gollowitsch) nieder. Aus kleinsten Anfängen (als Hausierer) baute die Familie im Laufe mehrerer Jahrzehnte ein Textilgeschäft auf, das als größtes im württembergischen Allgäu galt. 

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20407/Leutkirch%20Stadt%20201603a.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20302/Leutkirch%20Stadt%20011.jpg

Textilhaus der Fam. Gollowitsch und Geschäftsanzeige von 1909 (Aufn. Stadtarchiv Leutkirch)

Zu keiner Zeit haben in der Kleinstadt mehr als zehn jüdische Bewohner gelebt (sie gehörten der Kultusgemeinde Buchau an).

1985 wurde in Leutkirch eine Gedenktafel angebracht.

                 https://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20407/Leutkirch%20Stadt%20201635.jpgGedenktafel für alle NS-Opfer (Aufn. J. Hahn, 2016, aus: alemannia-judaica.de)

Seit 2011 erinnern auch mehrere sog. „Stolpersteine“ an Angehörige der Familie Gollowitsch; einige wurden deportiert und ermordet, andere konnten ihr Leben durch Emigration retten.

Stolperstein Leutkirch Karlstraße 12 Julie Gollowitsch Stolperstein Leutkirch Karlstraße 12 Alice Gollowitsch Stolperstein Leutkirch Marktstraße 27 Friedrich Gollowitsch Stolperstein Leutkirch Karlstraße 12 Ilse Neuberger

verlegt in der Karlstraße bzw. Marktstraße (Aufn. Gmbo, 2017, aus: wikipedia.org, CCO)

 

 

In Bad Wörishofen – ca. 30 Kilometer östlich von Memmingen – lebten bis in die NS-Zeit nur vereinzelt Personen mosaischen Glaubens, die der Kultusgemeinde Memmingen angehörten. Seit Ende des 19.Jahrhunderts suchten auch jüdische Kurgäste das Kneipp-Heilbad auf.

    

                       aus: „Der Israelit“ vom 23.5.1900                                      Anzeige vom Juni 1922                           Anzeige von 1930 

             Zeitungsnotiz von 1935 

Nach Kriegsende richteten die US-Besatzungsbehörden in Bad Wörishofen ein DP-Camp ein, das maximal ca. 350 Personen zählte.

2015 wurden in Bad Wörishofen die ersten beiden sog. „Stolpersteine“ verlegt; sie sollen an das Ehepaar Glasberg erinnern, das seit 1903 in der Bahnhofstraße ein Warenhaus betrieben hatte; 1942 wurden Hermann und Emma Glasberg nach Theresienstadt deportiert und zwei Jahre später in Auschwitz ermordet.

         Stolperstein Bad Wörishofen Hermann Glasberg.jpg Stolperstein Bad Wörishofen Emma Glasberg.jpgverlegt für das Ehepaar Glaberg (Aufn. H., 2017, aus: wikipedia.org CCO)

 

 

In Kaufbeuren wurden auf Initiative des Stadtmuseums 2020 in der Innenstadt die ersten vier sog. „Stolpersteine“ verlegt, die an Opfer der NS-Gewaltherrschaft erinnern.

Urkundlich sind Juden in Kaufbeuren im Jahre 1348 erstmals erwähnt; doch stets waren es nur wenige Familien, die hier gelebt haben – vermutlich in einer Straße östlich des Rathauses; hier soll sich auch die Mikwe befunden haben – was darauf hindeutet, dass es in Kaufbeuren eine jüdische Gemeinde gegeben hat. Deren Angehörige, denen Kaiser Karl IV. Steuerbefreiungen zusagte, mussten 1348 die Stadt verlassen bzw. sollen möglicherweise ermordet worden sein; die Überlebenden sollen damals in Ebersbach Aufnahme gefunden haben. Zu Beginn des 15.Jahrhunderts sind wieder vereinzelt jüdische Bewohner in Kaufbeuren nachweisbar. 1530 erhielt dann die Stadt vom Kaiser Karl V., Juden den Handel in der Stadt zu untersagen. Doch waren im Laufe des 17.Jahrhunderts erneut jüdische Händler in der Stadt – möglicherweise durften sie sich nur gegen hohe Gebühren tagsüber hier aufhalten und Ihre Geschäfte tätigen. Zu Beginn des 20.Jahrhunderts sollen etwa zehn Juden in Kaufbeuren gelebt haben. Der letzte Kaufbeurer Bürger mosaischen Glaubens, der Kaufmann Ernst Buxbaum, wurde 1938 inhaftiert und musste die Stadt verlassen.

Anm.: Während der letzten Kriegsjahre existierte nahe Kaufbeurens ein Außenlager des KZ Dachau (Riederloh), in dem insgesamt ca. 1.300 jüdische Häftlinge (zumeist aus Osteuropa) inhaftiert und zu Zwangsarbeiten herangezogen wurden. Heute erinnert auf dem jüdischen Friedhof von Steinholz-Mauerstetten ein Massengrab mit mehr als 470 Opfern an die hier Begrabenen

            Denkmal für die Opfer des Nationalsozialimuses in Kaufbeuren, errichtet von den Salzstreuern.jpg Ein im Jahre 2008 eingeweihtes Mahnmal an der Kaufbeuerner Schraderstraße erinnert an die Opfer des nationalsozialistischen Regimes - an Juden. Zwangsarbeiter und "Euthanasie"-Opfer (Aufn. 2009, aus: commons.wikimedia.org, CCO)

         

 

Weitere Informationen:

R.Ledermann, Geschichte der Juden in der Reichsstadt Kaufbeuren, in: "Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums“, Jg. 48, Heft 11/12 (1904)

Julius Miedel, Die Juden in Memmingen - Aus Anlaß der Einweihung der Synagoge, Memmingen 1909

Wilhelm Rapp, Geschichte des Dorfes Fellheim, Hrg. Gemeinde Fellheim, Fellheim 1960

Dorothee Linn, Das Schicksal der jüdischen Bevölkerung in Memmingen von 1933 - 1945, in: "Aus den deutschen Landerziehungsheimen", Heft 7, Ernst Klett Verlag, Stuttgart 1968

Germania Judaica, Band II/2, Tübingen 1968, S. 534 – 536 und Band III/2, Tübingen 1995, S. 858 - 860

Christel Zepp, Nur einer kehrte zurück. Das Schicksal der Juden in Memmingen, in: "Allgäuer Heimatkalender 1972", S. 243 f.

Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, Oldenbourg-Verlag, München/Wien 1979, S. 480 - 483

Gernot Römer, Der Leidensweg der Juden in Schwaben. Schicksale von 1933 - 1945 in Berichten, Dokumenten und Zahlen, Presse-Druck- und Verlags-GmbH Augsburg, Augsburg 1983, S. 90 f.

Gernot Römer, Schwäbische Juden. Leben und Leistungen aus zwei Jahrhunderten in Selbstzeugnissen, Berichten und Bildern, Presse-Druck u. Verlags-GmbH, Augsburg, 1990, S. 167 - 198

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern - Eine Dokumentation, Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, 2.Aufl., München 1992, S. 268/269

Ein fast normales Leben - Erinnerungen an die jüdischen Gemeinden Schwabens. Ausstellungskatalog der Stiftung Jüdisches Kulturmuseum Augsburg- Schwaben, Augsburg 1995

Theodor Harburger, Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, Band 3: Markt Berolzheim - Zeckendorf, Hrg. Jüdisches Museum Franken - Fürth & Schnaiitach, Fürth 1998, S. 386/387

Dieter Zeile, Auswirkungen der nationalsozialistischen Judenpolitik in Memmingen. Bausteine und Entwürfe für die Behandlung des Themas im Unterricht (Manuskript), Memmingen 1998

Erinnerung stiftet Erlösung - Gedenkheft für die jüdischen Frauen, Männer u. Kinder aus Memmingen, die zwischen 1941 und 1945 verfolgt, verschleppt und ermordet wurden, in: "Materialien zur Memminger Stadtgeschichte, Reihe B: Forschungen", Hrg. Stadtarchiv Memmingen 1999

Uli Braun, Memmingen - judenfrei ! Die Juden des Memminger Umlandes im 17. und 18.Jahrhundert, in: Peter Fassl (Hrg.), Geschichte und Kultur der Juden in Schwaben II, Irseer Schriften, Band 5, Verlag Thorbecke, Stuttgart 2000, S. 209 ff.

Michael Trüger, Der jüdische Friedhof in Memmingen/Schwaben, in: "Der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern", 16.Jg., No. 85/2001, S. 17

Paul Hoser, Die Geschichte der Stadt Memmingen. Vom Neubeginn im Königreich Bayern bis 1945, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2001

Uli Braun, Jüdisch in Memmingen. Spuren der jüdischen Geschichte in Memmingen, in: „Die Gemeinde – Evang. Kirchenblatt für das Dekanat Memmingen", 6/2004, S. 5 f.

Martina Haggenmüller, Von Weimarer Republik, Nationalsozialismus und Nachkriegszeit, in: Reinhard H. Seitz (Hrg.), Streiflichter auf die jüngere Geschichte von Bad Wörishofen. Wörishofen auf dem Weg zum Kneippkurort, zu Bad und Stadt, Lindenberg 2004, S. 235 - 252 

Karl Schuster, In den dunklen Tagen der Gewaltherrschaft, in: Reinhard H. Seitz (Hrg.), Streiflichter auf die jüngere Geschichte von Bad Wörishofen. Wörishofen auf dem Weg zum Kneippkurort, zu Bad und Stadt, Lindenberg 2004, S. 253 - 255  

Erika Gäble, Ich wäre so gerne in Memmingen alt geworden“. Jüdische Frauen im Exil, in: "Materialien zur Memminger Stadtgeschichte, Reihe B, Forschungen", Heft 10/2005

Angela Hager/Hans-Christof Haas, Memmingen, in: Mehr als Steine ... Synagogengedenkband Bayern, Band 1, Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg/Allgäu 2007, S. 504 – 510

Jim G. Tobias, Jüdisches Leben in Memmingen nach 1945, Aufsatz 2010

Stolpersteine in Memmingen e.V. (Hrg.), Gegen das Vergessen und Verdrängen, online abrufbar unter: stolpersteine-memmingen.de (2013)

Stadtarchiv Memmingen (Hrg.), „Ewige Namen gebe ich ihnen“ - Gedenkheft für die jüdischen Frauen, Männer und Kinder aus Memmingen, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, verschleppt und ermordet wurden, in: "Materialien zur Memminger Stadtgeschichte, Reihe B - Forschungen", Memmingen 2014

Benigna Schönhagen (Hrg.), "Ma Tovu...". "Wie schön sind deine Zelte, Jakob..." Synagogen in Schwaben. Mit Beiträgen von Henry G. Brandt, Rolf Kießling, Ulrich Knufinke und Otto Lohr, Jüdisches Kulturmuseum Augsburg-Schwaben 2014 

Barbara Knoll, Sich stets erinnern und niemals vergessen. Auch Bad Wörishofen lässt künftig stolpern. Gunter Demnig verlegte vor dem Reisbergerhaus zwei Stolpersteine, in: „Augsburger Allgemeine“ vom 28.5.2015

Memmingen – jüdische DP-Gemeinde, online abrufbar unter: after-the-shoah.org

Jüdisch historischer Verein Augsburg (Hrg.), Die Geschichte der Juden in Kaufbeuren, online abrufbar unter: jhva.wordpress.com/2012/10/12/die-geschichte-der-juden-in-kaufbeuren-allgau/

Jim G.Tobias, Jüdisches Leben in Memmingen nach 1945, in: hagalil.com vom 12.9.2010

Memmingen, in: alemannia-judaica.de (mit diversen gemeindlichen und personenbezogenen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Bad Wörishofen, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Displaced persons Germany – DP-Camp Bad Wörishofen, online abrufbar unter: dpcamps.org/BadWorishofen.html

Bad Wörishofen – Jüdische DP-Gemeinde, in: after-the-shoah.org

Claudia Flemming (Red.), Weitere Stolpersteine in Memmíngen: Verlegung am 30.10.2016, in: memmingen-online24.de vom 20.10.2016

Dunja Schütterle (Red.), 32 weitere Stolpersteine erinnern jetzt in Memmingen an Opfer der Nazis, in: „Memminger Zeitung“ vom 16.10.2017

Auflistung der in Memmingen verlegten Stolpersteine (mit Abb.), online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Memmingen

Jüdische Geschichte in Leutkirch im Allgäu, in: alemannia-judaica.de

Auflistung der in Leutkirch verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Leutkirch_im_Allgäu

dpa/lby (Red.), 75.000 Stolperstein verlegt: Erinnerung an Memminger Juden, in: „Süddeutsche Zeitung“ vom 29.12.2019

Petra Weber (Red.), Mitmachen willkommen – Umfrage zur geplanten Stolperstein-App, in: "Kaufbeurer Stadtportal“ vom 11.12.202

Julius Miedel (Bearb.), Die Juden in Memmingen, in: Anton Zanker (Hrg.), Die Juden im Illertal, books on Demand 2021