Merzhausen (Hessen)

Datei:Oberhessen.png  Datei:Willingshausen in HR.svg Merzhausen mit seinen derzeit ca. 900 Einwohnern ist heute ein Ortsteil der Gemeinde Willingshausen im Schwalm-Eder-Kreis - ca. 15 Kilometer nördlich von Alsfeld gelegen (Ausschnitt aus hist. Karte von 1905, ohne Eintrag von Merzhausen/Willingshausen, aus: wikipedia.org, gemeinfrei und Karte NNW, 2008, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Erste urkundliche Belege für die Existenz jüdischer Familien in Merzhausen und Umgebung stammen aus der zweiten Hälfte des 17.Jahrhunderts; doch ist es mehr als wahrscheinlich, dass sich Juden bereits zu einem früheren Zeitpunkt vorübergehend angesiedelt hatten. Laut einem ‚Steuerbuch’ wohnten 1743 mindestens zehn jüdische Familien in Merzhausen, die der dortigen herrschaftlichen Domäne bzw. dem Adelshof verpflichtet waren. Eine Gemeinde gründete sich aber erst zu Beginn des 19.Jahrhunderts; hier sei angemerkt, dass die jüdische Bevölkerung Merzhausens von einer starken Fluktuation gekennzeichnet war.

Synagoge in Merzhausen* (Skizze 1919)  *aus: Titelbild, Dorfkalender der ev. Kirchengemeinde Merzhausen 2012

Zu den gemeindlichen Einrichtungen gehörten eine 1837 in einem angekauften Hause eingerichtete Synagoge in der Dorfstraße, der heutigen Ziegenhainer Straße, ein kleines Friedhofsgelände im Unterdorf und eine Elementarschule; letztere existierte mit kurzen Unterbrechungen bis in die 1930er Jahre.

 

Stellenangebote in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. Oktober 1886 und vom 7. Mai 1891*

                                                          * In der Anzeige (Abb. rechts) ist statt „Merzhausen“ die falsche Ortsangabe „Merghausen“ angegeben.

Eine in einem Privathaus untergebrachte Mikwe stand den Gemeindemitgliedern zur Verfügung. Zur Gemeinde Merzhausen, die dem Provinzial-Rabbinat Marburg angeschlossen war, zählten auch die jüdischen Einwohner von Schrecksbach und Willingshausen.

Juden in Merzhausen:

        --- um 1645 .....................   5 jüdische Haushaltungen,

    --- um 1740 .....................  10 jüdische Familien,

    --- 1837 ........................  72 Juden (in 12 Familien),

    --- 1861 ........................  75   “   (ca. 11% d. Bevölk.),

             .................... ca. 150   “  ,*       * mit Willingshausen + Schrecksbach

    --- 1871 ........................  61   "   (ca. 9% d. Bevölk.)

    --- 1885 ........................  36   “  ,

    --- 1905 ........................  39   “  ,

             .................... ca.  75   “  ,*

    --- um 1930 .....................   7 jüdische Familien,

                .....................  13     “       “    ,*

    --- 1942 ........................  keine.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 2, S. 71

und                Gottfried Ruetz, Von den Juden in Merzhausen

Zu Beginn des 20.Jahrhunderts verdienten fast alle jüdischen Familien Merzhausens ihren Lebensunterhalt im Textilhandel.

Anfang der 1930er Jahre wohnten in Merzhausen noch sieben jüdische Familien, in Willingshausen fünf. Trotz der NS-Hetzpropaganda stand die dörfliche Bevölkerung ihren jüdischen Mitbewohnern nicht feindlich gegenüber; doch führte die öffentliche Diffamierung dazu, dass jüdische Familien verzogen bzw. in die Emigration gingen.

In den Novembertagen 1938 wurde die Synagoge geplündert und teilzerstört, die wenigen jüdischen Männer festgesetzt und misshandelt.

Wer nicht rechtzeitig emigrieren konnte, wurde deportiert.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden ..." sind 22 gebürtige bzw. längere Zeit am Ort ansässig gewesene jüdische Bürger Merzhausens (fast alle aus der weitverzweigten Familie Spier) Opfer der NS-Gewaltherrschaft geworden; zudem kamen zehn  aus Willingshausen und drei aus Schrecksbach stammende Juden gewaltsam ums Leben (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/merzhausen_synagoge.htm).

Nach Kriegsende wurden fünf an den 1938 begangenen Gewalttaten beteiligte Merzhäuser Bewohner zu Gefängnisstrafen verurteilt.

 

Nur einer der Überlebenden (Salomon Spier) kam nach Kriegsende aus Theresienstadt nach Merzhausen zurück; er verstarb zwei Jahre später am Ort.

Die Reste des Synagogengebäudes wurden wenige Jahre nach Kriegsende niedergelegt.

Im Gefolge des Projektes „Erlebbare Geschichte Merzhausen“ wurde vom "Arbeitskreis Dorferneuerung Merzhausen" 2016 am Zugang zur ehemaligen „Judengasse“ eine informative Tafel angebracht, die Auskunft über die jüdische Dorfgeschichte gibt. Außerdem weisen Beschilderungen auf die einstigen jüdischen Einrichtungen (Synagoge, Schule, Mikwe, Friedhof) hin.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20407/Merzhausen%20Infotafel%201-001.jpg

Anm.: Auf einer weiteren Tafel werden Informationen zu den anderen gemeindlichen Einrichtungen (Mikwe, Friedhof) und zum Ende der kleinen jüdischen Gemeinschaft gegeben.

Spuren jüdischen Lebens: Erinnerungen an die jüdischen Nachbarn sind in Merzhausen noch viele erhalten, hier der Friedhof. Der Dorfverbund Merzhausen weist jetzt mit Schildern auf markante Stellen – nicht nur der jüdischen Geschichte – im Dorf hin. Foto: Grede Blick auf den jüdischen Friedhof (Aufn. S. Grede)

Der israelitische Friedhof Merzhausens an der Waldstraße ist erhalten geblieben. Als letzter Angehöriger der ehem. jüdischen Gemeinde Merzhausen wurde 1947 hier Salomo Spier beerdigt, der die NS-Zeit überlebte hatte, aber wenig später an den Folgen der erlittenenen Misshandlungen verstarb.

 Schlichte Grabmale (Aufn. Ingeborg Hoos, aus: Projekt jüdisches Leben Frankfurt/M.)

Im Dorfmuseum in Holzburg wird ein Balken mit hebräischer Inschrift aufbewahrt, der vermutlich dem einstigen Synagogengebäude zugeordnet werden kann.

 

Sara Nussbaum (geb. Rothschild) – nach 1945 die erste Ehrenbürgerin der Stadt Kassel – wurde 1868 als Tochter des jüdischen Lehrers Jeisel Rothschild in Merzhausen geboren. Nach der Heirat mit dem Möbelhändler Rudolf Nussbaum (Kassel) engagierte sie sich - gemeinsam mit ihrem Ehemann – für die Bürger der Stadt Kassel; so ließ sie sich auch als DRK-Krankenschwester ausbilden. Ende April 1933 wurde ihr Ehemann verhaftet und starb 1934 an den Folgen der von SA-Angehörigen begangenen Misshandlungen. 1942 wurde Sara Nussbaum nach Theresienstadt deportiert; dort arbeitete sie in der Typhus-Station. Im Januar 1945 kam sie frei; denn sie gehörte einem Sammeltransport in die Schweiz an, der vom Internationalen Roten Kreuz (IRK) ausgehandelt worden war. Nach Kriegsende kehrte sie nach Kassel zurück. Hier starb sie im Alter von 88 Jahren; sie wurde auf dem jüdischen Friedhof in Kassel-Bettenhausen begraben.

In Kassel (Schäfergasse) erinnern zwei „Stolpersteine“ an Rudolf u. Sara Nussbaum (Aufn. ? 2014, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Seit 2015 wurde im Ludwig-Mond-Haus in Kassel das "Sara Nussbaum-Zentrum" – eine Wirkungsstätte jüdischen Lebens in der Stadt – eröffnet; es steht als „weltlicher“ Ort allen Menschen offen. In der hier befindlichen Dauerausstellung „Juden in Kassel“ wird ein Ausschnitt der rund 700-jährigen Geschichte der Juden in Kassel gezeigt.

 

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 2, S. 71 f.

Gerhard Rütz, Von den Juden in Merzhausen, in: "Schwälmer Jahrbuch 1979", S. 112 - 129

Barbara Greve (Bearb.), Bericht von der Hinterlassenschaft der Schutzjuden Eysermann und Hirt Levi zu Willingshausen, in: "Schwälmer Jahrbuch 1988", S. 51 - 63

Gottfried Ruetz, Von den Juden in Merzhausen, in: H. Bambey/u.a., “Heimatvertriebene Nachbarn” - Beiträge zur Geschichte der Juden im Kreis Ziegenhain, Band 2, Verlag Stadtgeschichtlicher Arbeitskreis, Schwalmstadt-Treysa 1993, S. 707 - 722

Thea Altaras, Synagogen und jüdische Rituelle Tauchbäder in Hessen – Was geschah seit 1945?, Königstein i.Ts 2007, S.159

Barbara Greve (Bearb.), Fragebögen – Stempel – Formulare. Die „geordnete“ Flucht der Familie Josef Plaut aus Willingshausen, in: B. Lindenthal (Hrg.), Heimatvertriebene Nachbarn, Bd. 3, Schwalmstadt-Treysa 2008, S. 473 - 492

Merzhausen mit Willingshausen und Schrecksbach, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Angaben zur Ortshistorie)

Christa Fischer (Red.), Miriam Liver, geb. Spier. War ich innerlich bereits, nach Deutschland zu fahren?, in: Projekt jüdisches Leben Frankfurt am Main (online abrufbar)

Informationen von Heinrich Keller, Verbund Dorfgemeinschaft Merzhausen e.V., 2016 (mit Bildmaterial)

Sylke Grede (Red.), In Merzhausen gab es eine jüdische Gemeinde – Der Dorfverbund erinnert an sie, in: "HNA - Hessische Niedersächsische Allgemeine"  vom 9.11.2016

Nils Jewko (Red.), Spuren jüdischen Lebens. Erinnerung an Sara Nussbaum und jüdische Gemeinde in Merzhausen, in: "HNA - Hessische Niedersächsische Allgemeine" vom 8.12.2018