Meschede (Nordrhein-Westfalen)

Datei:Meschede in HSK.svg Meschede ist mit derzeit ca. 32.000 Einwohnern eine Kommune im nördlichen Sauerland und Kreisstadt des Hochsauerlandkreises - ca. 30 Kilometer südlich von Soest gelegen (Karte TUBS, 2008, aus: wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Ende des 17./Anfang des 18.Jahrhunderts lebten zeitweilig wenige jüdische Familien in Meschede; auch in der Folgezeit blieb ihre Zahl stets gering.

                  Aus einem Bericht des Landrates Pilgrims aus dem Jahre 1824:

„ ... Die Zahl der Juden beläuft sich im hiesigen Kreise inclusive Kinder und Dienstboten überhaupt auf 209 und verhält sich mithin gegen die der christlichen Einwohner wie 1 zu 105. Ihr Nahrungs- und Erwerbszweig ist durchgängig der Handel oder eigentlich Schacher und in Verbindung damit das Schlachten. Wohlstand herrscht unter ihnen gar nicht, vielmehr sind sie mit Ausnahme eines einzigen in Meschede, der sich gut steht, sämtlich in sehr beschränkten Vermögensverhältnissen. Hieraus folgt, daß die Juden im hiesigen Kreise eine sehr untergeordnete Rolle spielen. ...”

Dem 1854 gegründeten Synagogenbezirk Meschede gehörten auch die wenigen Juden von Bödefeld, Eversberg, Fredeburg und Rahrbach an. 1878/1879 ließ die Mescheder Judenschaft in der Kampstraße eine neue Synagoge errichten, die mehr als ein halbes Jahrhundert Mittelpunkt der jüdischen Gemeinde war; zuvor waren Gottesdienste in einem Privathause in der Mittelstraße (heutige Gutenbergstr.) abgehalten worden.

Über die Grundsteinlegung der Synagoge berichtete die „Mescheder Zeitung” am 23.8.1878:

Meschede, 21. Aug. Heute erfolgte die Grundsteinlegung der neuen Synagoge unserer israelitischen Gemeinde. Es war eine kurze, einfache Feier und hatten sich sämmtliche Mitglieder der Gemeinde eingefunden, um diesem Acte beizuwohnen. ... Nach dem Bauplane zu urtheilen, wird die Synagoge ein schönes, zweckdienliches Gebäude, was zur Verschönerung unserer Stadt gewiß auch beitragen wird. Daß der Bau eines solchen Gebäudes für eine kleine Gemeinde wie die hiesige pecuniär nicht leicht ist, läßt sich denken und ist das einheitliche Zusammenhalten der einzelnen Mitglieder ein freuliches Zeichen; es rechtfertigt zugleich wieder einmal das alte Sprichwort: “Einigkeit macht stark”.

Der neue Synagogenbau, ein relativ großes zweigeschossiges rotes Backsteingebäude, wurde im August 1879 feierlich eingeweiht; die Festrede hielt der Krefelder Rabbiner Dr. Jacob Horowitz.

  

Synagoge Meschede (links: hist. Aufn Bernd Schulte, rechts: Skizze der Synagogenfassade, Stadtarchiv)

Seit ca. 1830 gab es in Meschede einen jüdischen Friedhof; gegen Ende des 19.Jahrhunderts befand sich die Begräbnisstätte an der Beringhauser Straße.

Juden in Meschede:

        --- 1738 ..........................  2 jüdische Familien,

    --- um 1760 .......................  4     “       “    ,

    --- 1802 ..........................  5     “       “    ,

    --- 1818 .......................... 19 Juden,

    --- 1821 .......................... 31   "  ,

    --- 1845 ...................... ca. 40   “  ,

    --- um 1850 ................... ca. 50   “  ,

    --- 1858 .......................... 42   "  ,

    --- 1871 .......................... 48   "  ,

    --- 1895 .......................... 55   "  ,

    --- 1900 .......................... 54   “  ,

    --- 1925 .......................... 57   "  ,

    --- 1932 .......................... 52   “  ,

    --- 1938 .......................... 11 jüdische Familien.

Angaben aus: Hochsauerlandkreis (Hrg.), Jüdisches Leben im Hochsauerland, S. 421 f.

und                Erika Richter (Bearb.), Meschede, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe, S. 634

Von den acht Textilgeschäften in Meschede waren um 1930 fünf in jüdischem Besitz; im Vieh- und Metzgereigeschäft waren drei Familien vertreten. Mit der NS-Machtübernahme begann 1933 auch in Meschede die wirtschaftliche und gesellschaftliche Ausgrenzung der knapp 50 hier noch lebenden Juden. Die Maßnahmen des NS-Regimes gegen die jüdische Bevölkerung begannen nun langsam zu greifen, so gab es z.B. keine Werbeanzeigen für jüdische Geschäfte in der Lokalpresse mehr. Um die Ausgrenzung weiter voranzutreiben, beschloss der Mescheder Stadtrat im August 1935 zusätzliche diskriminierende Maßnahmen.

In den frühen Morgenstunden des 10.11.1938 zerschlugen SA-Angehörige die bunte Verglasung der Synagoge, demolierten die Inneneinrichtung des Betsaals und zerstörten die Kultgeräte. Wegen angrenzender Gebäude wurde die Synagoge aber nicht in Brand gesetzt.

                  Über die „Aktion“ berichtete die „Mescheder Zeitung” am 11.11.1938:

Nun ist es aus mit der Frechheit

Verdienter Denkzettel für die Vieh- und Kramjuden

Meschede. Jetzt hat auch im Sauerland die Judenfrage eine gewisse Lösung gefunden. Es wurde diesen Parasiten am Volkskörper, die sich in unseren Bergen noch ziemlich wohl fühlten, am Donnerstag ein Denkzettel gegeben. ... Dadurch, daß in Meschede Juden mit ihrem Getreidehandel ein Manufaktur-geschäft verbanden, bekamen sie einen Großteil der Bauern im Kreise in ihre Hand, indem sie die Frucht gegen die Manufakturwaren einhandelten. Zu den übelsten Geschäftsmachern dieser Art gehörten von jeher die Gebrüder Ickenberg. Diesen Volksschädlingen war schon lange der Kampf angesagt. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag entlud diese Spannung sich. ... Die Empörung war nicht mehr zu halten, so daß am frühen Morgen, als die Juden Ickenberg sich weigerten, einer Durchsuchung stattzugeben, die Fensterscheiben eingeschlagen wurden. Ähnlich Vorfälle ereigneten sich ...

Anfang Dezember 1938 verkündete die „Westfälische Landeszeitung Rote Erde” die vollständige „Arisierung“ der Mescheder Geschäftswelt. Vermutlich hatten bis 1940 alle jüdischen Familien Meschede verlassen; die meisten konnten noch rechtzeitig emigrieren; die übrigen wurden in der Regel von anderen deutschen Orten aus „in den Osten“ deportiert. Nachweislich wurden mindestens zwölf Mescheder jüdischen Glaubens Opfer des Holocaust.

 

Das Ende 1938 in Kommunalbesitz übergegangene Synagogengebäude diente während des Zweiten Weltkrieges zeitweilig als Kriegsgefangenenlager; durch Luftangriffe wurde der Bau stark zerstört. In den Nachkriegsjahrzehnten diente der wiederhergestellte Teil einer Schreinerei als Werkstatt. Anfang der 1990er Jahre wurde das ehemalige Synagogengebäude von der Stadt Meschede erworben und steht seit 1996 unter Denkmalschutz. Um den Verfall aufzuhalten und den Gebäuderest als „religiöses und historisches Zeugnis“ zu erhalten, gründete sich im Frühjahr 1996 der Verein „Bürgerzentrum Alte Synagoge e.V.”; 1999 wurde das Haus in Anwesenheit des damaligen nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Johannes Rau und dem Landesrabbiner Henry Brandt der Öffentlichkeit übergeben; es diente fortan als Stätte kultureller Veranstaltungen.


Ehem. Synagogengebäude in Meschede (Aufn. Machan, 2009, aus: wikipedia.org, CC BY 3.0)

Eine Tafel an der Hauswand nennt fundamentale Daten der Synagoge und ihrer Gemeinde. Zudem erinnert eine Plakette auf einem der Mescheder Geschichtssteine am Winziger Platz an die Geschichte des ehemaligen Gotteshauses und weist auf das nahe Gebäude hin.

Der an der Beringhauser Straße liegende jüdische Friedhof weist auf einem relativ großen Gelände heute noch nahezu 50 Grabsteine bzw. -platten auf; die älteste Grabstätte datiert von 1851.

Teilansicht des Friedhofs (Aufn. A. 2013, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Ein Gedenkstein auf dem Begräbnisgelände erinnert an die einstige israelitische Gemeinde Meschedes:

Der Ort, auf dem Du stehst, ist heiliger Boden.

Friedhof der jüdischen Gemeinde Meschede

1891  -  1938

 In Meschede und seinen Ortsteilen Calle und Wennemen wurden - beginnend 2012 - mehrere sog. „Stolpersteine“ verlegt; derzeit zählt man zwölf Steine (Stand 2022).

 Abb. aus: meschede.de und gymnasium-meschede.de

 

In Grevenstein - einem heutigen Stadtteil von Meschede - wurde eine jüdische Begräbnisstätte gegen Ende des 19. Jahrhunderts innerhalb des christlichen Friedhofs (an der Landstraße nach Wenholthausen) angelegt; auf dieser befinden sich heute sechs Grabsteine.

    Sechs Grabsteine (Aufn. 2007, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0) 

 

 

In Eslohe – ca. 15 Kilometer südwestlich von Meschede – sind seit Mitte des 18.Jahrhundert vereinzelt Juden urkundlich nachweisbar; der erste namentliche bekannte ortsansässige Jude hieß Sander Laiser.

Im Laufe des 19.Jahrhunderts lebten in der Gemeinde Eslohe maximal 25 Bewohner mosaischen Glaubens. Ein in einem Privathaus untergebrachter Betraum wurde auch von Glaubensgenossen umliegender kleiner Ortschaften aufgesucht; möglicherweise befand sich im Keller des gleichen Hauses auch eine Mikwe.

Verstorbene wurden im 19.Jahrhundert auf dem jüdischen Friedhof bei Wenholtshausen beerdigt, später dann auf dem in Meschede.

Grabsteine auf dem Friedhof Wenholtshausen (Aufn. F.Dröge, 2005, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Anfang der 1930er Jahre waren es neun, vornehmlich Angehörige der Familie Goldschmidt, die im Ort ein Textilgeschäft betrieben. Ein Teil der Familie konnte durch Emigration ihr Leben retten. Die letzten jüdischen Bewohner Eslohes wurden Ende 1942 deportiert.

 

Weitere Informationen:

Alfred Bruns, Die Juden im Altkreis Meschede 1814 - 1894, in: "Landeskundliche Schriftenreihe für das kurkölnische Sauerland", Band 6, Brilon 1987

U.Hildebrand/F.Wilmes, Zum 50jährigen Gedenken des Judenpogroms - Die Schreckenstage des 9./10.Nov.1938 in Meschede, in: "Stadtanzeiger für Meschede und die Gemeinden Bestwig und Eslohe", No. 220/1988

Wolfgang Arnolds, Die ‘Reichskristallnacht’ in Meschede, in: Die ‘Kristallnacht’ im Sauerland, Selbstverlag, Brilon 1988, S. 38 - 40

Ulrich Hildebrand, Das Sauerland unterm Hakenkreuz, Meschede 1989

Alfred Bruns, Juden im Herzogtum Westfalen - Dokumentation der zentralen Quellen, Hrg. Hochsauerlandkreis, Schmallenberg 1994

Synagoge Meschede - (k)ein Denkmal ? Schülerarbeit im Wettbewerb Deutsche Geschichte 1992/93, in: Hochsauerlandkreis (Hrg.), Jüdisches Leben im Hochsauerland, Grobbel-Verlag, Fredeburg 1994, S. 421 ff.

Norbert Föckeler, Juden aus dem Hochsauerland als Opfer der Verfolgung unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft 1933 - 1945, in: Hochsauerlandkreis (Hrg.), Jüdisches Leben im Hochsauerland, Grobbel-Verlag, Fredeburg 1994, S. 252 ff.

Erika Richter/Hanneli Kaiser-Löffler/Ottilie Knepper-Babilon (Red.), Jüdische Familien in Meschede, hrg. im Auftrage des Synagogenvereins, Arnsberg 1997

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag Bochum 1999, S. 370/371

Wilfried Oertel, Die Alte Synagoge Meschede. Der fünfeckige Stern - ein jüdisches Symbol ? in: Landkreis Hochsauerlandkreis (Hrg.), Jahrbuch Hochsauerlandkreis 1999, Brilon 1998, S. 109 - 112

Erika Richter, Ort des Gedenkens und der Gemeinschaft. Eröffnung der Alten Synagoge Meschede als Bürgerzentrum am 9.Mai 1999, in: Landkreis Hochsauerlandkreis (Hrg.), Jahrbuch des Hochsauerlandkreises 2000, Brilon, S. 118

Wilfried Oertel, Jüdisches Leben im Synagogenbezirk Meschede, hrg. vom Verein Bürgerzentrum Alte Synagoge, Meschede 2004

Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen - Regierungsbezirk Arnsberg, J.P.Bachem Verlag, Köln 2005, S. 335 – 342

Meike Baars (Red.), Fünf Stolpersteine für Meschede, in: „Westfalenpost“ 3.5.2011

Oliver Eickhoff (Red.), Stadtrat Meschede für Projekt - Stolpersteine zur Erinnerung, in: „Westfalen-Post“ vom 15.7.2011

Jürgen Kortmann (Red.), Stolpersteine lassen auch hoffen, in: „Westfälische Rundschau“ vom 1.6.2012

Verein Bürgerzentrum Alte Synagoge Meschede e.V./Arbeitskreis Stolpersteine der Stadt Meschede (Hrg.), Stolpersteine für Meschede - Dokumentation, Meschede 2013 (als PDF-Datei unter: meschede.de)

Erika Richter (Bearb.), Meschede, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe – Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Arnsberg, Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen, Ardey-Verlag Münster 2016, S. 628 - 640

Alfred Bruns (Bearb.), Eslohe, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe – Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Arnsberg, Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen, Ardey-Verlag Münster 2016, S. 224 - 228

R.Franzen/G.Schulte/P.Bürger (Hrg.), „Und wir sind auch Israels Kinder“ - Beiträge zur Geschichte der Esloher Juden, Band 1, Norderstedt 2019 (Anm. mit Beiträgen verschiedener Verfasser)

Jörg Leske (Red.), Gegen das Vergessen – Stolperstein bringt Opfer der Nationalsozialisten symbolisch zurück, in: „Sauerlandkurier“ vom 4.2.2022