Michelbach a.d. Lücke (Baden-Württemberg)

Bildergebnis für wallhausen baden-württemberg karte Das Dorf Michelbach a. d. Lücke ist seit seiner Eingemeindung (1974) ein Ortsteil von Wallhausen im Landkreis Schwäbisch-Hall - etwa zehn Kilometer nördlich von Crailsheim bzw. knapp 20 Kilometer südwestlich von Rothenburg o.T. (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Vermutlich haben wenige Juden bereits um 1520 - zumindest vorübergehend - in Michelbach gelebt; diese waren aus der Stadt Rothenburg vertrieben worden. 1556 fand ein gewisser „Moses von Michelbach“ Erwähnung, und zwar als Bürge für eine Summe von 1.000 Gulden, mit der ein Jude namens „Hirsch“ aus der Gefangenschaft des Grafen von Oettingen-Wallerstein freigekauft werden sollte.

Bedingt durch die Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges wurde auch in dem kleinen Dorf Michelbach die Ansiedlung von Juden forciert. Die jeweilige Grundherrschaft – seit 1626 waren es die katholischen Grafen von Schwarzenberg - versprach sich von ihnen den Wiederaufbau des Dorfes und dessen wirtschaftliche Belebung. Aus einer Beschreibung aus dem Jahre 1682: „ ... In dem Dorf Michelbach befinden sich 12 öde Plätze. Darzu gehören gar keine Feldgüter, sondern es sind allezeiten bloße Häuslein, darinnen meistens Juden gewohnt haben, gewesen. ... Es ist dabei zu achten, daß vordessen bei 40 Juden allhier gewohnet, aber meistens in dem Bettel herumb gelaufen haben. ...”  Der Grundherr stellte jüdischen Familien Grundstücke zur Verfügung, auf denen sie ihre Häuser errichten konnten; so entstand die „Judengasse“. Gegen Mitte des 17.Jahrhunderts erließ der hier regierende Graf Johann Adolph von Schwarzenberg ein erstes allgemeines Privileg für die Juden in seinem Herrschaftsbereich, zu denen auch die wenigen im Dorfe Michelbach gehörten.

Anmerkungen: Im Jahre 1644 erließ Graf Johann Adolf von Schwarzenberg die „Schwarzenbergische Judenordnung“; diese beinhaltete einen offenen Patents-, Freiheits- und Schutzbrief, sowie weitere Rechte für Juden, wie etwa der Erwerb von Häusern, das Recht, eine eigene Synagoge und einen Rabbiner zu halten, die Selbstbesteuerung und die Regelung innerjüdischer Angelegenheiten. Folge dieser „Ordnung“ war auch die Gründung der Landjudenschaft, die für die jüdischen Belange zuständig war. Auf den Landtagen wurde der Landesrabbiner gewählt und die jeweiligen Herrschaftsabgaben verhandelt. In den folgenden Jahrzehnten wurde diese „Juden-Ordnung“ von seinen Nachfolgern durch neue ergänzt bzw. ersetzt.

Bis Mitte des 18.Jahrhunderts nutzte die jüdische Gemeinde ihre „Schul“ in einem Privathause; 1756 wurde mit dem Bau eines Synagogengebäudes begonnen, nachdem die Gemeinde vom Fürsten von Schwarzenberg die Erlaubnis dazu erhalten hatte. Das 1757 eingeweihte Synagogengebäude gilt heute als das älteste noch bestehende in Württemberg.

Synagoge (Michelbach an der Lücke) Landesarchiv Baden-Wuerttemberg Hauptstaatsarchiv Stuttgart EA 99-001 Bü 305 Nr. 1207.jpg

Synagoge in Michelbach und  Innenraum mit Blick auf den Thora-Schrein (Aufn. um 1930, Landesarchiv Baden-W., aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 4.0)

1859/1860 wurde die Synagoge renoviert; aus Anlass der Wiedereinweihung stiftete der württembergische König der Gemeinde vier Kronleuchter.

Zur jüdischen Gemeinde Michelbach gehörten ab 1834 auch die jüdischen Familien aus Hengstfeld, Unterdeutstetten und Wiesenbach.

Die jüdische Gemeinde besaß in Michelbach einen eigenen Friedhof und eine um 1870 neu gebaute Mikwe; das Friedhofsgelände im Gewann Judenwasen (nordwestlich der Ortschaft) wurde um 1840 angelegt; zuvor waren die verstorbenen Gemeindemitglieder auf dem Verbandsfriedhof in Schopfloch im Kreis Ansbach beerdigt worden. Der Michelbacher Judenfriedhof diente fortan auch Verstorbenen aus Hengstfeld und Wiesenbach als „Guter Ort“; deswegen musste das Areal 1851 und 1883 auch erweitert werden.

Über die Juden des Ortes liegt eine negative Beurteilung des evangelischen Pfarrers von Michelbach aus dem Jahre 1831 vor: „ ... Bei der großen Anzahl Juden, die mehrenteils Viehhändler sind, ist es immer lebhaft in dem Ort, aber wie sich auch wohl denken läßt, die geistige Eigenschaft der Einwohner jüdischer Art: List, Trug, Vervortheilung des anderen, heute nicht mehr halten, was man gestern mündlich versprochen hat. ... das sind die geistigen Eigenschaften der Einwohner von Michelbach. ...”  Dagegen äußerte sich besagter Pfarrer dagegen sehr positiv über die jüdischen Kinder, die zunächst die allgemeine Schule in Michelbach besuchten: „ ... Juden besuchen die gemeinsame Schule. Der Schreiber dieses muß immer mehr den Judenkindern seinen Beifall geben. Die gespannte Aufmerksamkeit, der unermüdliche Fleiß im Lernen, die Ruhe und Stille derselben in der Schule ... muß dem Lehrer Achtung und Liebe zu ihnen einflößen. ...

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20192/Michelbach%20Israelit%2031011929.jpg Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 31. Jan. 1929

Anm.: Diese Anzeige schien nicht erfolgreich gewesen zu sein, denn ab ca. 1930 wurden die sehr wenigen Kinder vom jüdischen Lehrer aus Crailsheim betreut.

1832 wurde die Gemeinde dem Rabbinat Braunsbach zugewiesen.

Juden in Michelbach:

        --- 1626 ...........................  23 jüdische Familien,

--- um 1660 ........................   7   “         “    ,

    --- um 1685 ........................  11   “         “    ,

    --- um 1720 ........................  19   “         “    ,

    --- 1781 ...........................  17   “         “    ,

    --- 1796/1800 ......................  26   “         “    ,

    --- 1822 ........................... 172 Juden (ca. 24% d. Bevölk.),

    --- 1841 ........................... 166   “  ,

    --- 1858 ........................... 225   “  ,

    --- 1864 ........................... 216   “   (ca. 30% d. Bevölk.),

    --- 1871 ........................... 200   “  ,

    --- 1880 ........................... 160   “   (ca. 22% d. Bevölk.),

    --- 1890 ........................... 156   “  ,

    --- 1900 ........................... 129   “   (ca. 20% d. Bevölk.),

    --- 1910 ...........................  81   “   (ca. 13% d. Bevölk.),

    --- 1925 ...........................  45   “  ,

    --- 1933 ...........................  33   “  ,

    --- 1939 ...........................  23   “  ,

    --- 1941 ...........................  18   “  ,

    --- 1942 (Dez.) ....................  keine.

Angaben aus: G. Taddey, Kein kleines Jerusalem - Geschichte der Juden im Landkreis Schwäbisch Hall, S. 239

und                Otto Ströbel, Juden und Christen in dörflicher Gemeinschaft - Geschichte der Judengemeinde.. , S. 20

Die Juden Michelbachs lebten im 19.Jahrhundert vornehmlich vom Vieh-, Woll-, Ellenwaren und Hopfenhandel; die Michelbacher „Handelsmänner“ deckten dabei einen Radius von ca. 15 bis 20 Kilometer ab. Ab Mitte des 19.Jahrhunderts erfasste die allgemeine Auswanderungswelle auch die jüdischen Familien Michelbachs. Auch zu Beginn des 20.Jahrhunderts blieb die überwiegende Zahl der Michelbacher Juden dem Viehhandel verbunden - die Viehmärkte fanden in Hengstfeld statt; so gab es hier kaum Einzelwarengeschäfte in jüdischem Besitz. Die Zahl der jüdischen Einwohner nahm nun immer mehr ab, sodass kaum noch von einer funktionierenden Gemeinde gesprochen werden konnte. Die NS-Zeit beschleunigte nur noch den Zerfall der jüdischen Restgemeinde.

Während der „Kristallnacht“ im November 1938 wurde der Synagogeninnenraum demoliert und Kult- und Einrichtungsgegenstände teilweise entwendet; zwei Männer wurden verhaftet und einige Wochen im Konzentrationslager festgehalten. Im Sommer 1939 wurde die jüdische Gemeinde Michelbach offiziell aufgelöst. Die knapp 20 noch in Michelbach verbliebenen Juden wurden Anfang Dezember 1941 ins Ghetto Riga bzw. Ende August 1942 nach Theresienstadt deportiert; die allermeisten von ihnen kehrten nicht wieder zurück. Die verwaisten Habseligkeiten wurden im Frühjahr 1942 durch das Finanzamt Crailsheim versteigert.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden ..." sind 34 aus Michelbach stammende Bürger mosaischen Glaubens Opfer der NS-Gewaltherrschaft geworden (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/michelbach_synagoge.htm).

 

Nach Kriegsende kehrten nur zwei ehemalige jüdische Dorfbewohner nach Michelbach zurück. 

Das Synagogengebäude, das während der Kriegsjahre als Munitionslager gedient hatte, ging wenige Jahre nach Kriegsende in die Hände eines Privatmanns über und wurde anschließend als Lagerraum einer Getränkefirma benutzt. 1979 erwarb der Landkreis das völlig heruntergekommene Gebäude. Anfang der 1980er Jahre wurde es restauriert und vier Jahre später als Gedenk- und Dokumentationsstätte für jüdisches Leben in der Region Franken der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Träger der Gedenkstätte sind die fünf Stadt- und Landkreise der Region Franken: Stadt- und Landkreis Heilbronn, Main-Tauber-Kreis, Hohenlohe-Kreis und Landkreis Schwäbisch Hall.

                       

Synagogengebäude in Michelbach vor und nach der Restaurierung (Aufn. Taddey)

 

Innenraum des Synagogengebäudes vor und nach der Restaurierung (Aufn. Taddey und A.Winkler)

Bei den Renovierungsarbeiten wurden in einer Genisa hebräische Druckfragmente aus der Zeit um 1800 entdeckt.

Auf dem nordwestlich des Ortes liegenden ca. 2.300 m² großen jüdischen Friedhofsgelände befinden sich heute noch ca. 270 Grabsteine.

Jüdischer Friedhof (Aufn. Andreas Kaiser, 2009, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 1.0)

Anmerkungen: In den Landkreisen Schwäbisch Hall, Hohenlohe und Main-Tauber gab es bis in die NS-Zeit zahlreiche jüdische Gemeinden. An diese erinnern heute noch einzelne Friedhöfe, ehemalige als Synagogen genutzte Gebäude und seit einigen Jahren auch jüdische Museen. Der 2016/17 entstandene sog. „Jüdische Kulturweg“ – gefördert mit Mitteln des LEADER-Programms – verbindet eine Reihe der Orte, die eine jüdische Geschichte aufweisen; es sind neben Wallhausen (Michelbach/Lücke) auch Braunsbach, Crailsheim, Creglingen, Dörzbach, Gerabronn, Krautheim, Bad Mergentheim, Niederstetten, Schöntal (Berlichingen), Schwäbisch Hall und Weikersheim.

 

 

In Hengstfeld - einem anderen Ortsteil von Wallhausen - existierte bis ins ausgehende 19.Jahrhundert eine jüdische Kultusgemeinde, die um 1845 mit knapp 150 Angehörigen ihren Höchststand erreichte. 

[vgl. Hengstfeld (Baden-Württemberg)]

 

 

Im einst markgräflich ansbachischen Dorfe Wiesenbach - heute Ortsteil der Stadt Blaufelden - gab es seit ca. 1600 eine kleine jüdische Gemeinde, die aber nie wesentlich mehr als 50 Angehörige umfasste. Ihr Wohngebiet lag vornehmlich in der ‚Judengasse’, der heutigen Engelhardshauser Straße, wo sich auch ihr Betraum befand; dieser wurde in den 1820er Jahren zu einer bescheidenen Synagoge ausgebaut, der eine Mikwe und ein Schlachthaus angeschlossen waren. Verstorbene wurden in Michelbach beigesetzt. Nach 1860 schrumpfte die ohnehin schon kleine jüdische Gemeinschaft weiter; sie wurde dann als Filialgemeinde der Kultusgemeinde Michelbach a.d.Lücke geführt. Die jüdischen Familien lebten überwiegend vom Vieh- und Warenhandel. Zu Beginn der NS-Zeit wohnten nur noch vier Juden im Dorf. Bis 1938 war eine Pferde- und Viehhandlung in jüdischem Besitz.

[vgl. Wiesenbach (Baden-Württemberg)]

 

 

Weitere Informationen:

Paul Sauer, Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und Hohenzollern. Denkmale - Geschichte - Schicksale, Hrg. Archivdirektion Stuttgart, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1966, S. 126 – 128 und S. 191 f.

Utz Jeggle, Judendörfer in Württemberg, Dissertation (Universität Tübingen), Nagold 1969

Gerhard Taddey, Die jüdische Gemeinde von Michelbach/Lücke, o.O. 1984

Gedenkstätte Synagoge Michelbach/Lücke (Hrg.), Dokumentation zur Geschichte der Juden in der Region Franken, Schwäbisch Hall 1984

Hannelore Künzl, Die älteste Synagoge des Landes in Michelbach a.d.Lücke, in: "Schwäbische Heimat", Heft 1/1985, S. 25 - 28

Gerhard Taddey, Michelbach a.d.Lücke und seine jüdische Gemeinde. in: "Schwäbische Heimat", Heft 1/1985, S. 28 - 46

Gerhard Wilhelm Daniel Mühlinghaus, Der Synagogenbau des 17. u. 18.Jahrhunderts im aschkenasischen Raum, Dissertation, Philosophische Fakultät Marburg/Lahn, 1986, Band 2, S. 259

Joachim Hahn, Synagogen in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1987, S. 70 f.

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 520

Gerhard Taddey, Kein kleines Jerusalem - Geschichte der Juden im Landkreis Schwäbisch Hall, Jan Thorbecke Verlag, Sigmaringen 1992, S. 146 ff., S. 286 ff. und S. 332 f.

Otto Ströbel, Michelbach an der Lücke: Geschichte einer Dorfgemeinschaft zwischen Christen und Juden, Craislheim 1993

Frowald G.Hüttenmeister (Bearb.), Der jüdische Friedhof in Michelbach an der Lücke, Unveröffentlichte Grunddokumentation des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg, o.J.

U.R. Kaufmann, Die Synagogen-Ablege in Wallhausen–Michelbach an der Lücke. Fragen zur jüdischen Kultur Württembergisch-Frankens, in: Württembergisch Franken 82. Historischer Verein für Württembergisch Franken, Schwäbisch Hall 1998, S. 143 – 156

Emily C. Rose, Als Moises Kaz seine Stadt vor Napoleon rettete. Meiner jüdischen Geschichte auf der Spur, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1999 (in Übersetzung der englisch-sprachigen Ausgabe: „When Moises Kaz saved his town from Napoleon: On the trail of my Jewish history“ durch Matthias Steffen Laier)

Otto Ströbel, Juden und Christen in dörflicher Gemeinschaft - Geschichte der Judengemeinde Michelbach/Lücke, Hrg. Historischer Verein für Württembergisch Franken, Band 20/2000

Eva Maria Kraiss/Marion Reuter, Bet Hachajim - Haus des Lebens. Jüdische Friedhöfe in Württembergisch Franken, Swiridoff Verlag, Künzelsau 2003, S. 70 - 77

Gerhard Taddey (Hrg.), ... geschützt, geduldet, gleichberechtigt ... Die Juden im baden-württembergischen Franken vom 17.Jahrhundert bis zum Ende des Kaiserreiches (1918), Ostfildern 2005

Bernhard Ritter, Die Gedenkstätte ‘Ehemalige Synagoge Michelbach an der Lücke’, in: Orte des Gedenkens und Erinnerns in Baden-Württemberg, Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, 2007, S. 407 - 410

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 48/49 und S. 500/501

Michelbach a.d.Lücke, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Text- und Bilddokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Wiesenbach, in: alemannia-judaica.de

Birgit Trinkle (Red.), Jüdischer Kulturpfad - Damit sie nicht vergessen sind, in: swp.de vom 8.8.2017

Synagoge Michelbach/Lücke, Webpräsentation des Förderverein unter: synagoge-michelbach-luecke.de

Arbeitskreis Jüdischer Kulturweg. Hohenlohe – Tauber (Bearb.), Wallhausen – Michelbach a.d.Lücke (und weitere Orte) – Broschüre oder online abrufbar unter: juedischer-kulturweg.de (letzte Aktualisierung Mai 2018)