Mühlfeld (Unterfranken/Bayern)

Datei:Mellrichstadt in NES.svg Mühlfeld ist heute ein von derzeit kaum 400 Menschen bewohnter Ortsteil von Mellrichstadt im Kreis Rhön-Grabfeld (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Seit dem 17.Jahrhundert sind jüdische Bewohner im Dörfchen Mühlfeld urkundlich nachweisbar; sie standen unter dem Schutz einer reichsritterschaftlichen Familie (den Freiherren von Seefried), die mit ihrer Ansiedlung eine neue Einnahmequelle erschloss. Die Einnahme der Judenschutzgelder war von der Gutsherrschaft seit ca. 1760 dem Mühlfelder Pfarrer übertragen worden. Die jüdischen Familien waren anfangs - gegen Mietzahlung - in dem sog. „Judenbau“ gegenüber dem Mühlfelder Schloss untergebracht. Dieses Wohngebäude war von der Schutzherrschaft erstellt worden; erst später konnten die Juden eigene Häuser erwerben. Bei der im Jahre 1817 erfolgten Aufstellung der Matrikel waren für Mühlfeld 17 Familienvorstände aufgelistet; mehrheitlich war als Lebenserwerb Schnittwarenhandel genannt.

Anm.: Eine der ältesten jüdischen Familien in Mühlfeld waren die Vorfahren des um 1750 geborenen Liebmann Simson, der als Jugendlicher das Dorf verließ und sich in Suhl als Knecht verdingte. Seine Enkel Löb und Moses Simson waren in den 1850er Jahren die Gründer des Weltunternehmens Simons & Co. in Suhl. (vgl: Suhl/Thüringen)

Gottesdienste wurden zunächst in einem an das Schloss angebauten Torgebäude abgehalten; seit Ende der 1870er Jahre verfügte die zu diesem Zeitpunkt schon kleiner gewordene Gemeinde auch über ein eigenes Synagogengebäude am Mahlbach. Über die Einweihung stand ein Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. September 1877:

"Mellrichstadt, 26. Aug. Vorigen Freitag Abend vollzog ich in Auftrag des Herrn Distrikts-Rabbiners zu Gersfeld die Einweihung einer neuen Synagoge zu Mühlfeld, hies. Bezirks. Diese Cultusgemeinde, ..., denn sie zählt nur 9 Mitglieder, gibt das Muster ab für größere Gemeinden, was frommer Sinn und Gottbegeisterung vermag, denn sie bestritt die Baukosten fast ganz aus eigenen Mitteln. Meine Weiherede, , erstreckte sich unter Anderem auf den leitenden Gedanken, daß dieses dem Gottesdienst gewidmete Gebäude erst dann seinen Zweck erfülle, wenn damit Wohltätigkeit und Tora verbunden, wenn diese in gleichem Maße gehegt und gepflegt werden, damit sie, wie jetzt erhalten, auch fort und fort in der Gemeinde erhalten bleiben, unverändert und unverfälscht bis auf die spätesten Geschlechter, keine Neuerungen im Gottesdienste, kein Abweichen von der heiligen Thora, unablässig in der Wohltätigkeit, ... Was nun die Festlichkeit selbst anlangt, wurde sie wie üblich begangen, und betheiligten sich hierbei der Vorstand des königl. Bezirksamts dahier als Vertreter der kgl. Regierung, und sonstige Notabeln, auch chr. Geistliche.
Auch die hiesige israelitische Gemeinde (Anm.: gemeint ist Mellrichstadt) beabsichtigt demnächst den Neubau einer Synagoge, welcher nicht mehr lange auf sich warten lassen kann, da die bisherige viel zu klein ist. 
Es wird Sie angenehm berühren, wenn ich sage, daß im Rabbinatssprengel Gersfeld Neuerungen in keiner Beziehung sich eingestellt haben, daß Schechina und Mikwe insbesondere das Hauptaugenmerk unseres verehrten Herrn Distrikts-Rabbiners Wormser zu Gersfeld bilden und daß soweit seine Amtsgewalt reicht, der an unserer Grenze drohende Abfall keinen Einlaß findet.  Ottensosser, Director."

Im 19.Jahrhundert unterwies zeitweilig ein von der Gemeinde besoldeter Religionslehrer die jüdischen Kinder; zugleich war dieser als Vorbeter und Schochet tätig.

Verstorbene Mühlfelder Juden wurden anfänglich auf dem „Judenhügel“ bei Kleinbardorf beerdigt; nach 1720 diente der Friedhof in Bauerbach, zuletzt (nach ca. 1870) der in Mellrichstadt als letzte Ruhestätte.

Die Gemeinde gehörte zum Distriktsrabbinat Gersfeld; nach dessen Auflösung (1892) wurde Mühlfeld dem Bezirksrabbinat Bad Kissingen zugewiesen.

Juden in Mühlfeld:

        --- 1802 ........................ 24 Familien,

    --- 1820 ........................ 76 Juden (ca. 22% d. Dorfbev.),

    --- um 1830/40 .............. ca. 90   "  ,

    --- 1877 ........................  9 Familien,

    --- 1913 ........................  eine  "  (),

    --- um 1920 .....................  keine.

Angaben aus: Reinhold Albert, Die jüdische Gemeinde Mühlfeld

Die jüdischen Bewohner Mühlfelds übten im 19.Jahrhundert die unterschiedlichsten Berufe aus; neben ‚Handelsmännern’ und Viehhändlern gab es auch Handwerker in verschiedenen Branchen.

Die jüdische Gemeinde in Mühlfeld existierte offiziell bis in die Zeit des Ersten Weltkrieges; durch Abwanderung - vor allem ins nahe Mellrichstadt - hatte sich nach 1900 die Zahl der Juden in Mühlfeld sehr stark verringert.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20220/Mellrichstadt%20AZJ%2005091913.jpg Kurznotiz aus: "Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 5.Sept. 1913

Unmittelbar nach der Auflösung der Gemeinde erwarb die Kommune das Synagogengebäude, das zunächst als Backhaus, später als Wohn- und Geschäftshaus diente.

 Ehem. Synagogengebäude in Mühlfeld (Aufn. aus: H.Nothnagel)

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden ..." wurden acht aus Mühlfeld stammende Personen jüdischen Glaubens Opfer der Shoa (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/muehlfeld_synagoge.htm).

 

[vgl. Mellrichstadt (Bayern)]

 

Weitere Informationen:

Reinhold Albert, Geschichte der Juden im Grabfeld, Kleineibstadt 1990

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 102

Hans Nothnagel (Hrg.), Juden in Südthüringen - geschützt und gejagt. Eine Sammlung jüdischer Lokalchroniken in sechs Bänden, Band 3, Suhl 1999, S. 180 - 196

Reinhold Albert, Die jüdische Gemeinde Mühlfeld, in: "Mühlfelder Ortschronik", Mühlfeld  2001, S. 120 - 123

Mühlfeld, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Dirk Rosenstock (Bearb.), Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817, in: "Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg", Band 13, Würzburg 2008, S. 204/205