Mühringen (Baden-Württemberg)

Bildergebnis für Horb baden-württemberg karte Mühringen ist mit derzeit ca. 1.000 Einwohnern heute einer von insgesamt 17 Stadtteilen der Großen Kreisstadt Horb am Neckar - südlich von Stuttgart gelegen (Karte F. Paul, 2009, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0).

Die jüdische Gemeinde Mühringen zählte zu den großen Landgemeinden Württembergs. Bis Mitte des 19.Jahrhunderts lag der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung bei nahezu 45%.

Die Anfänge der jüdischen Gemeinde in Mühringen gehen bis in die Reformationszeit zurück; Juden sollen damals aus benachbarten Ortschaften wie Binswangen, Heinsfurt oder Öttingen hierher gekommen sein. Die Ansiedlung von Juden war im finanziellen Interesse der Herrschaft; sie kassierte von den Juden willkürlich festgelegte Schutzgelder. Im Laufe des 18.Jahrhunderts entwickelte sich die jüdische Gemeinde in Mühringen zum religiösen Mittelpunkt für die Juden Südwestdeutschlands; zum Bezirksrabbinats-Bezirk Mühringen gehörten die Gemeinden Baisingen, Mühlen am Neckar, Nordstetten, Rexingen und Wankheim.

Möglicherweise existierte im 16. Jahrhundert, als der jüdische Friedhof angelegt wurde, bereits eine Synagoge. Als sicher gilt, dass 1728 ein Synagogenbau erfolgte. 1807/1810 wurde dieses Gebäude durch einen größeren Bau an gleicher Stelle ersetzt; diese soll beinahe 500 Personen Platz geboten haben.

Dorfansicht mit Synagoge und Kirche - Bildmitte (aus: ehemalige-synagoge-rexingen.de)

                                 Synagoge in Mühringen (hist. Aufn. um 1930)

Aus der Beschreibung der Mühringer Synagoge von Rabbiner Dr. Michael Silberstein, der von 1874 bis 1884 Bezirksrabbiner in Mühringen war: „ ... Im modernen Rundbogenstile erbaut, enthält sie an der Decke eine ovale, tief eingehende gewölbte Kuppel. Eine kleine, unansehnliche Vorhalle führt mittelst einer auf der Westseite befindlichen Tür in die Synagoge selbst, in der hölzerne Säulen die für die Frauen bestimmten drei Galerien tragen. Vor der heiligen Lade, die sich auf der Ostseite befindet, ist ein etwas beschränkter Platz, der durch zwei Türchen abgeschlossen als Kanzel dient. Am Fuße der Kanzel beziehungsweise der heiligen Lade, zu der fünf hölzerne Stufen führen, stehen drei Betpulte, von denen das mittlere für den Vorbeter und das rechts stehende für den Rabbiner bestimmt ist; das links befindliche ist unbenutzt. Hinter diesen drei Betpulten befinden sich die Plätze für die Chorsänger sowie die Bänke für die Katechumenen. An diese schließt sich die in der Mitte der Synagoge befindliche sehr große Tribüne an. Rings um dieselbe sowie an den vier Seiten der Synagoge sind Betpulte (bewegliche Ständer) und Bänke angebracht. Gegenwärtig fasst die Synagoge etwa 500 Personen; bei einer zweckmäßigeren Einrichtung könnte sie aber leicht 2000 Personen Raum gewähren.

Nach Weggang des Rabbiners Dr. Silberstein - er war in Mühringen zehn Jahre tätig - wurde die Rabbinatsstelle neu ausgeschrieben.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20220/Muehringen%20AZJ%2003061884.jpg

Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 3. Juni 1884

Seit Mitte der 1820er Jahre gab es in Mühringen eine jüdische Elementarschule, die ab 1900 nur noch den Status einer freiwilligen Religionsschule besaß; sie wurde kurz vor dem Ersten Weltkrieg aufgelöst. Die israelitische Schule war seit 1845 im ehem. jüdischen „Gasthaus Hirsch” untergebracht; bis 1914 befand sich im Obergeschoss dieses Gebäudes das Rabbinat, im Kellergeschoss eine Mikwe.

 

Anzeigen aus: "Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 28.April 1874 und "Der Israelit" vom 7.Sept. 1926 

Der jüdische Friedhof lag in einem Waldgebiet oberhalb des Eyach-Tales (nördlich der Ortschaft in der Flur "Totenhau"); dessen Anlage geht vermutlich bis in die Mitte des 16.Jahrhunderts zurück. Im 17.Jahrhundert diente dieser auch verstorbenen Juden aus Horb, Haigerloch, Hemmendorf, Poltringen und Rexingen als Beerdigungsplatz. Der älteste auffindbare Grabstein stammt aus dem Jahre 1697.

1914 wurde der Rabbinatssitz von Mühringen nach Horb verlegt.

Juden in Mühringen:

    --- um 1720 .........................  19 jüdische Familien,

    --- 1744 ............................  50    “        “    ,

    --- 1807 ............................ 342 Juden,

    --- 1824 ............................ 224   “  ,

    --- 1831 ............................ 466   “  ,

    --- 1854 ............................ 512   “  (ca. 110 Familien),

    --- 1869 ............................ 275   “  ,

    --- 1885 ............................ 118   “  ,

    --- 1900 ............................ 130   “  ,

    --- 1910 ............................  83   “  ,

    --- 1933 ............................  45   “  ,

    --- 1940 ............................  keine.

Angaben aus: Paul Sauer, Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und Hohenzollern, S. 131

Infolge Abwanderung vor allem jüngerer jüdischer Bewohner aus Mühringen lebten 1920/1930 nur noch relative wenige Familien israelitischen Glaubens im Dorf; mehrheitlich waren der Viehhandel und der Handel mit Landesprodukten ihre Lebensgrundlage.

Nach 1933 kam es auch in Mühringen zu Belästigungen jüdischer Bewohner. Offene Gewalt zeigte sich dann während des Novemberpogroms von 1938, als auswärtige SA-Angehörige die Mühringer Synagoge anzündeten; eine Ausbreitung des Brandes verhinderte die lokale Feuerwehr, wobei verschiedene rituelle Gegenstände gerettet werden konnten.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2036/Muehringen%20Synagoge%20182.jpg Synagogengebäude mit eingeschlagenen Fenstern (hist. Aufn.)

Während der Kriegsjahre diente das ehemalige Synagogengebäude als Lager der Waffenfabrik Mauser; 1960 wurde das Gebäude abgerissen. Die wenigen noch hier lebenden meist älteren Menschen mussten 1939 im einzigen „Judenhaus“ des Dorfes, im Haus von Julius Feigenheimer, wohnen, ehe sie nach Rexingen zwangsumgesiedelt und von dort deportiert wurden. Im gleichen Jahre wurde die Kultusgemeinde offiziell aufgelöst.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem wurden 36 gebürtige bzw. längere Zeit in Mühringen ansässig gewesene jüdische Bewohner Opfer der Shoa (namentliche Nennung der Opfer in: alemannia-judaica.de/muehringen_synagoge.htm).

 

In Mühringen erinnert am ehemaligen Synagogenstandort seit 1983 eine Gedenktafel am Aufgang zum Rathaus an die von den Nationalsozialisten verfolgten jüdischen Bewohner; ihre Inschrift lautet:

Zum Gedenken an die jüdische Gemeinde in Mühringen und ihr Gotteshaus.

Das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit (Jesaja 40.6)

Erbaut: 1807 - 1810                                                 Abgebrochen: 1960

Für die Öffentlichkeit zugänglich ist die erhaltengebliebene Mikwe, die sich im Kellergewölbe des ehem. Rabbinatsgebäudes (dem vormaligen Gasthaus Hirsch) befindet, aber bereits 1908 aufgegeben worden war. Durch das Engagement zweier Mühringer Familien wurde in jüngster Vergangenheit das historische Ritualbad in der ursprünglichen Form wieder hergerichtet.

  Mikwe im Kellergewölbe (Aufn. Karl-Heinz Kuball, aus: neckar-chronik.de/)

Auf dem jüdischen Friedhof in Mühringen – er ist die älteste jüdische Begräbnisstätte in Württemberg-Hohenzollern - befinden sich auf mehr als 1.000 Grabstellen heute noch etwa 800 Grabsteine.

Jüdischer Friedhof Mühringen.jpgAufn. Schlaier, 2008, aus: commons.wikimedia.org CC BY 3.0

http://www.geschichtswerkstatt-tuebingen.de/sites/default/files/himuesgallery//J%C3%BCdischer%20Friedhof%20M%C3%BChringen/956-Muehringen_juedischer_Friedhof.jpghttp://www.geschichtswerkstatt-tuebingen.de/sites/default/files/himuesgallery//J%C3%BCdischer%20Friedhof%20M%C3%BChringen/958-Muehringen_juedischer_Friedhof.jpg

Blick auf den jüdischen Friedhof in Mühringen (beide Aufn. aus: geschichtswerkstatt-tuebingen, 2015)

Bis 2014 wurden in den Gehwegen Mühringens insgesamt neun sog. "Stolpersteine" verlegt, die an ehemalige jüdische Einwohner erinnern.

 

Seligmann Grünwald wurde als Sohn des Vorstehers der jüdischen Gemeinde Mühringen im Jahre 1800 geboren. Seine religiöse Ausbildung erhielt er zunächst von Privatlehrern; drei Jahre lang besuchte er die Talmudschule in Fürth; danach schloss sich ein Studium an den Universitäten in Würzburg und Tübingen an. Ab 1825 war er Rabbinatsverweser bzw. Bezirksrabbiner in Braunsbach, Nach zehnjähriger Tätigkeit als Bezirksrabbiner in Lehrensteinfeld wechselte er 1844 in gleicher Funktion zur Jüdischen Gemeinde in Freudental. Seligmann Grünewald, der sich für eine Kolonisation Palästinas einsetzte, starb 1856 an seiner letzten Wirkungsstätte.

 

[vgl. dazu:  Horb, Dettensee, Mühlen, Nordstetten und Rexingen (Baden-Württemberg)]

 

Weitere Informationen:

Michael Silberstein, Historisch-topographische Beschreibung des Rabbinatsbezirks Mühringen vom 22.Dez. 1875

Paul Sauer, Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und Hohenzollern. Denkmale - Geschichte - Schicksale, Hrg. Archivdirektion Stuttgart, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1966, S. 129 - 131

Harold Hammer-Schenk, Synagogen in Deutschland. Geschichte einer Baugattung im 19. u. 20.Jahrhundert, Hans Christians Verlag, Hamburg 1981, Teil 1, S. 29

H.P. Müller, Die Juden in der Grafschaft Hohenberg, in: "Der Sülchgau", 25/1981, S. 36 - 43

Hermann Dicker, Aus Württembergs jüdischer Vergangenheit und Gegenwart, Bleicher Verlag, Gerlingen 1984

Gerhard Wilhelm Daniel Mühlinghaus, Der Synagogenbau des 17. u. 18.Jahrhunderts im aschkenasischen Raum, Dissertation, Philosophische Fakultät Marburg/Lahn, 1986, Band 2, S. 266/267

H.P. Müller, Die jüdische Gemeinde, in: 1200 Jahre Mühringen, Mühringen 1986, S. 135 - 145

Joachim Hahn, Synagogen in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1987, S. 23

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 183 - 187

Nils-Christian Engel (Bearb.), Dokumentation des jüdischen Friedhofs von Horb a.N.-Mühringen, Unveröffentlichte Grunddokumentation des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg, 1997

Emily C. Rose, Als Moises Kaz seine Stadt vor Napoleon rettete. Meiner jüdischen Geschichte auf der Spur, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1999 (in Übersetzung der englisch-sprachigen Ausgabe: „When Moises Kaz saved his town from Napoleon: On the trail of my Jewish history“ durch Matthias Steffen Laier)

Renate Karoline Adler, Gräber im Wald: Lebensspuren auf dem jüdischen Friedhof in Mühringen. Dokumentation des Friedhofs der über 300 Jahre in Mühringen ansässigen jüdischen Gemeinde und des Rabbinats Mühringen, Stuttgart 2003

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 213 – 215

Gedenkstätte ehemalige Synagoge Rexingen, online unter: ehemalige-synagoge-rexingen.de (Anm.: eine Unterseite bezieht sich auf die Darstellung der jüdischen Geschichte Mühringens)

Marion Tischbein (Red.), Menschen-Schicksale dem Vergessen entrissen, in: „Schwarzwälder Bote“ vom 16.9.2012

Barbara Staudacher/Karlheinz Fuchs, Häuser der Ewigkeit. Jüdische Friedhöfe im südlichen Württemberg, 2014 

Mühringen, in: alemannia-judaica.de (mit zahlreichen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Marion Tischbein (Red.), Ein Stolpern führt zum Innehalten, in: „Schwarzwälder Bote“ vom 28.11.2014

Waltraud Günther (Red.), Spirituelle Reinigung unterm Kellergewölbe, in: „Schwarzwälder Bote“ vom 14.7.2020

Barbara Staudacher (Red.), Hier wohnte . Ein europäisches Erinnerungsprojekt – auch in Horb, in: "Südwest Presse. Neckar-Chronik“ vom 9.11.2020