Neiße (Oberschlesien)

Landkreis Neustadt O.S. – WikipediaSchlesien Kr Neisse.png Die ca. 60 Kilometer südwestlich von Oppeln entfernt liegende Stadt Neiße stand bis 1741 unter habsburgischer, danach unter preußischer Herrschaft; sie ist das heutige polnische Nysa mit derzeit ca. 45.000 Einwohnern (Abb. Ausschnitte aus hist. Karte von 1905, aus: wikipedia.org, gemeinfrei).

Jüdische Bewohner in Neiße - sie unterstanden dem Bischof von Breslau - werden erstmals zu Beginn des 14.Jahrhunderts urkundlich erwähnt; es waren Zuwanderer aus Mittel- und Westeuropa, die vor Pogromen geflüchtet waren. Sie lebten damals in einer vom übrigen Stadtgebiet separierten Straße, der "Judengasse". Um 1350 lassen sich ein jüdischer Friedhof und um 1410 ein Betraum, eine hölzerne Synagoge, nachweisen. Ihr Lebenserwerb waren der Geldverleih und der Handel.

Auch in Neiße führte der im April 1349 erfolgte Pogrom, bei dem etwa 40 von jüdischen Familien bewohnte Häuser in Brand gesetzt wurden, zu einer Verkleinerung der jüdischen Gemeinschaft. Zwar überlebte ein Teil der Neißer Juden diese Gewalttätigkeiten, doch wurden dann 1468 schließlich alle noch hier lebenden jüdischen Familien endgültig aus der Stadt vertrieben.

Stadt Neiße - Holzschnitt aus der Schedel`schen Weltchronik, um 1495 (aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Nach vorübergehender Ansässigkeit – deren Anfänge lagen in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges - erfolgte auf Befehl Friedrichs d. Gr. 1779 erneut deren Vertreibung aus der Stadt; nur zu den Jahrmärkten durften sich jüdische Händler hier aufhalten. Erst im frühen 19.Jahrhundert siedelten sich erneut Juden in Neiße an. Sie gründeten 1834 eine Gemeinde, die 30 Jahre später mit mehr als 450 Angehörigen ihren Höchststand erreichte. Doch schon kurze Zeit später setzte eine erste Abwanderungswelle ein, die die Menschen in größere Städte, vor allem nach Breslau und Berlin, führte.

1892 ließ die Gemeinde eine neue Synagoge in der Josephstraße errichten, die einen älteren Bau in der Weberstraße ablöste.

               Synagogeninnenraum - hist. Aufn., um 1930 (aus: sztetl.org.pl)

Seit 1815 existierte in Neiße ein (neuer) jüdischer Friedhof, der ganz in der Nähe des christlichen lag; sein Areal wurde 1871 vergrößert.

Juden in Neiße:

    --- 1840 ..........................  278 Juden (ca. 3% d. Bevölk.),

    --- 1861 ..........................  464   “  ,

    --- 1885 ...................... ca.  380   “  ,

    --- 1890 ..........................  342   "  ,

    --- 1895 ...................... ca.  370   "   (ca. 2% d. Bevölk.),

    --- 1905 ...................... ca.  270   “  ,

    --- 1925 ..........................  216   "  ,

    --- 1928 ...................... ca.  340   “  ,*    * gesamte Synagogengemeinde

    --- 1933 ..........................  220   “   (0,6% d. Bevölk.),

    --- 1938/39 ................... ca.   90   “  .

Angaben aus: The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), S. 880

 Ansichtskarte / Postkarte Nysa Neisse Schlesien, Breslauer | akpool.deAnsichtskarte / Postkarte Nysa Neisse Schlesien, Ring mit | akpool.de

historische Ansichtskarten der Stadt Neiße, um 1910/1915 (Abb. aus: akpool.de)

Mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus gewannen vermehrt zionistische Ideen Anhänger in der Stadt; diese Tendenz verstärkte sich noch nach 1933, als der Antisemitismus immer wirkungsmächtiger wurde.

Während der Novembertage 1938 wütete ein aufgehetzter Mob drei Tage lang; alle Wohnungen der jüdischen Familien wurden gestürmt und demoliert, zahlreiche Geschäfte zerstört. Die an der Josephstraße inmitten eines alten Stadtteils gelegene Synagoge durfte auf Grund ihrer Lage nicht angezündet werden; so begnügten sich SS- und SS-Angehörige damit, die Inneneinrichtung zu zerschlagen. Elf jüdische Geschäfte und ca. 30 Wohnungen wurden von nationalsozialistischen Horden demoliert.

Wer nicht mehr rechtzeitig emigrieren konnte, wurde im Sommer 1942 ins „Generalgouvernement“ bzw. nach Auschwitz-Birkenau deportiert.

Das Synagogengebäude wurde 1945 während der Kämpfe um die Stadt zerstört*.(*Nach einer anderen Angabe war die Synagoge bereits 1943 zerstört worden.)

 

Nur vereinzelte Grabsteinrelikte, die von den Zerstörungen 1943 noch übrig geblieben waren, erinnern heute auf einem von der Vegetation überwachsenen Gelände an den Friedhof der jüdischen Gemeinde in der Stadt Nysa.

http://farm5.static.flickr.com/4111/5056423777_0ab2597ccd_m.jpg http://farm5.static.flickr.com/4128/5056416259_3dbe804c87_m.jpg Relikte von Grabsteinen (Aufn. aus: flickrhivemind.net)

Vom alten mittelalterlichen Friedhof hat sich ein einziger Grabstein erhalten, der in den Fundamenten des Klosters St. Barbara eingemauert war.

 

 

In Grottkau (poln. Grodków, derzeit ca. 8.500 Einw.) - ca. 30 Kilometer nördlich von Neiße gelegen - bildete sich erst im Verlaufe des 19.Jahrhunderts eine kleine israelitische Gemeinde, die zwar einen eigenen Friedhof (ab 1833) besaß, ansonsten aber die gemeindlichen Einrichtungen von Neiße mitnutzte. Möglicherweise hatten sich bereits im späten Mittelalter Juden vorübergehend in Grottkau aufgehalten; spätestens 1453 sollen sie von hier vertrieben worden sein.

Lebten in den 1830er Jahren kaum 20 Personen jüdischen Glaubens hier, so stieg deren Anzahl bis 1860 auf ca. 90. Handel und Handwerk waren die beruflichen Tätigkeitsfelder der hier lebenden Juden.

In einem Privathaus war eine Betstube eingerichtet. Die Anlage eines Friedhofs datiert um das Jahr 1830; der Ankauf des Geländes an der Oppelner Straße erfolgte aber erst mehr als ein Jahrzehnt später.

Juden in Grottkau:

--- 1809 .........................  24 Juden,

--- 1861 .........................  87   “  ,

--- 1867 .........................  90   ”  ,

--- 1933 ..................... ca.  40   “  ,

--- 1940 ..................... ca.  11   “  .

Angaben aus: Grodków, in: sztetl.org.pl

Von den ca. 50 Juden, die in den 1920er Jahren in Grottkau lebten, konnten fast alle dem Holocaust entkommen.

Der relativ großflächige jüdische Friedhof wurde während der NS-Zeit zerstört; heute befinden sich keine Grabsteine mehr auf dem Gelände, das teilweise als Sportplatz genutzt wird.

 

 

In Ottmachau (poln. Otmuchóv, derzeit ca. 5.000 Einw.) - wenige Kilometer westlich von Neiße gelegen - lebten um 1800 vereinzelt jüdische Familien, deren Lebensgrundlage der Viehhandel war. Seit Mitte des 19.Jahrhunderts gab es eine kleine Gemeinde mit Bethaus und Religionsschule; ein Friedhof war um 1820 angelegt worden. Mit der vollständigen Abwanderung der jüdischen Familien in größere Städte löste sich die Gemeinde schließlich auf; zuletzt suchten die wenigen Ottmachauer Juden die Synagoge in Neiße auf. 1938 lebten keine Juden mehr in der Kleinstadt.

Otmuchów-kirkut1.JPG ehem. jüdischer Friedhof (Aufn. B., 2006, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

 

 

Weitere Informationen:

Ellguther, Die jüdische Gemeinde zu Neisse, in: Albert Franke (Hrg.), Monogaphien deutscher Städte, Berlin-Friedenau 1925

Germania Judaica, Band II/2, Tübingen 1968, S. 572/573 und Band III/2, Tübingen 1995, S. 937/938

Singer, Die jüdische Gemeinde in Neisse, o.O. 1989

Peter Maser/Adelheid Weiser, Juden in Oberschlesien, Teil 1: Historischer Überblick, Jüdische Gemeinden, in: "Schriften der Stiftung Haus Oberschlesien, Landeskundliche Reihe", Band 3.1, Gebr. Mann Verlag, Berlin 1992

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust, New York University Press, Washington Square, New York 2001, Vol.1, S. 464 und Vol. 2, S. 880

Renate Khoschlessan, Über die Jüdische Gemeinde in Ottmachau bis 1945, o.O. o.J.

Nysa – Grodków, in: sztetl.org.pl