Ottrau (Hessen)

Datei:Ottrau in HR.svg Ottrau mit derzeit ca. 2.500 Einwohnern ist die südlichste Kommune des Schwalm-Eder-Kreises – ca. 25 Kilometer südwestlich von Bad Hersfeld gelegen (Karte NNW, 2008, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Etwa ein Jahrzehnt nach Ende des Dreißigjährigen Krieges findet sich ein erster vager Hinweis auf jüdisches Leben im kleinen hessischen Dorfe Ottrau im Kreis Ziegenhain; sichere urkundliche Belege liegen aber erst um 1690/1700 vor. Die jüdischen Familien besaßen Schutzbriefe der Adelsherrschaft von Schwertzell; zusätzlich zur Zahlung der Schutzgelder waren ihnen Lasten auferlegt, die sie aber auch am Gemeindenutzen teilnehmen ließen. Vieh- und Detailhandel waren zu damaliger Zeit die Lebensgrundlage der Ottrauer Juden; später wurde der Viehhandel der dominierende Erwerbszweig der Ottrauer Juden. Nach 1850 eröffneten mehrere von ihnen Geschäfte und Handlungen am Ort.

                                                   Anzeige um 1910/1920

Zu den Einrichtungen der kleinen jüdischen Gemeinde gehörten eine Synagoge, ein rituelles Bad und eine Religionsschule (kurzzeitig auch als Elementarschule betrieben). Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war im 18./19. Jahrhundert zeitweise ein eigener jüdischer Lehrer angestellt.

Über ein eigenes Begräbnisgelände verfügte die Gemeinde nicht; verstorbene Gemeindeangehörige wurden auf dem israelitischen Sammelfriedhof im nahen Oberaula begraben.

Die kleine Gemeinde gehörte zum Rabbinatsbezirk Oberhessen mit Sitz in Marburg.

Juden in Ottrau:

        --- 1696 ..........................  5 jüdische Familien,

    --- um 1745 .......................  8     “       “    ,

    --- 1815/16 .......................  8     “       “    ,

    --- 1835 .......................... 52 Juden,

    --- 1861 .......................... 32   “   (ca. 6% d. Dorfbev.), 

    --- 1871 .......................... 36   "  ,   

--- 1885 .......................... 33   “  ,

--- 1895 .......................... 32   "  ,   

    --- 1905 .......................... 38   “  ,

    --- 1910 .......................... 29   "   (ca. 5% d. Dorfbev.),

    --- 1924 .......................... 19   “  ,

    --- 1933 .......................... 17   “   (in 5 Familien),

    --- 1941 (Dez.) ................... keine.

Angaben aus: Barbara Greve, Jüdisches Leben in den Dörfern Breitenbach, Hausen und Ottrau ...

und                Ottrau, in: alemannia-judaica.de

Zu Beginn der NS-Zeit lebten nur noch fünf jüdische Familien in Ottrau, die in den folgenden Jahren in andere Orte verzogen.

Das Synagogengebäude wurde während des Novemberpogroms von 1938 nicht zerstört; der letzte Vorsitzende der Kultusgemeinde, Salomon Plaut, verkaufte es wenig später an die Kommune Ottrau. 1941 verließ Salomon Plaut als letzter Jude sein Heimatdorf.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem wurden 18 gebürtige bzw. länger am Ort ansässig gewesene Juden Ottraus Opfer der „Endlösung“ (namentliche Nennung der Opfer siehe: alemannia-judaica.de/ottrau_synagoge.htm).

 

Nach Kriegsende wurde das einstige Synagogengebäude abgerissen und an gleicher Stelle ein Wohnhaus errichtet. 

Heute erinnern nur einige Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof in Oberaula daran, dass früher Juden im Dorf Ottrau zu Hause waren.

 

Weitere Informationen:

Wilhelm Wagner, Geschichte von Ottrau und Klein-Ropperhausen, Ottrau 1914, S. 187 f.

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 2, S. 192/193

Thea Altaras, Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945 ?, Königstein/Taunus 1988, S. 56 f.

Barbara Greve (Bearb.), Jüdisches Leben in den Dörfern Breitenbach, Hausen und Ottrau in landgräflicher u. kurfürstlicher Zeit, in: Hartwig Bambey/u.a., “Heimatvertriebene Nachbarn” - Beiträge zur Geschichte der Juden im Kreis Ziegenhain, Band 2, Verlag Stadtgeschichtlicher Arbeitskreis, Schwalmstadt-Treysa 1993, S. 683 – 706

Studienkreis Deutscher Widerstand (Hrg.), Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945, Hessen II Regierungsbezirke Gießen und Kassel, 1995, S. 181 

Ottrau mit Berfa, in: alemannia-judaica.de