Ottweiler (Saarland)

Datei:Saarland, administrative divisions - de - colored.svg  Datei:Ottweiler in NK.svg Die Stadt Ottweiler mit derzeit ca. 15.000 Einwohnern ist der Verwaltungssitz des saarländischen Landkreises Neunkirchen – ca. 30 Kilometer nordöstlich von Saarbrücken gelegen (Landkreise im Saarland, TUBS, 2012 und Landkreis Neunkirchen, Hagar, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Anfang des 18.Jahrhunderts sind erstmals im Oberamt Ottweiler lebende Juden urkundlich nachweisbar. Als Mitte der 1770-er Jahre die Stadt Saarbrücken Niederlassungsbeschränkungen verhängte, erreichten weitere jüdische Familien die Region um Ottweiler. In einem Dekret aus dem Jahre 1778 hieß es:

Ludwigsberg, den 6.Juli 1778.

Der Fürst von Nassau bewilligt den Schutzjuden zu Ottweiler ihr Gesuch dahin, daß ihnen erlaubt seyn solle, nicht nur ihr Milchvieh zur dortigen Kühheerde gegen Zahlung des gewöhnlichen Hirtengeldes zu treiben, sondern auch und zwar jeder Schutzjude sechs Stück Handelsvieh auf den Ottweiler Stadtbann gegen ein jährliches, an die dasige Bürgerschaft zu entrichtendes Weidgeld von vier Gulden mitweiden zu lassen, und wird die Bürgerschaft zu Ottweiler angewiesen, bei dieser Verfügung sich um so mehr zu beruhigen, als sie einen großen Theil ihres Bannes durch blose landesherrliche Gnade besitze. ...

Ihren Höchststand erreichte die Zahl der in Ottweiler lebenden Juden gegen Mitte des 19.Jahrhunderts; ihren Lebensunterhalt verdienten die Familien vor allem im Vieh- und Fruchthandel; auch übten einige Juden das Metzger-Handwerk aus. Eine selbstständige Synagogengemeinde konstituierte sich erst 1896. Ein seit 1781 im ehemaligen evangelischen Pfarrhaus genutzter Betraum wurde 1807 durch einen neuen in einem aufgekauften Gebäude am Schlossplatz ersetzt; dieser wurde im Spätsommer 1840 eingeweiht. Wenige Wochen vor der Einweihung, im August 1840 erschien in der „Allgemeinen Zeitung des Judenthum” ein Artikel, der u.a. über das Zusammenleben der Konfessionen in Ottweiler Auskunft gibt:

Ottweiler (bei Trier), 14. Juli (Privatmitth.). Bald werde ich Ihnen mehreres Angenehme von hier mitzutheilen die Ehre haben, denn unsere neue Synagoge ist im Ganzen fertig zu nennen, sie ist zugleich eine Zierde der Stadt. Sobald nun die Subsellien etc. völlig eingerichtet sein werden, bereiten wir uns zum Einweihungsfeste vor. ... Sehr verdient um diesen neuen Bau machte sich unser Lehrer Herr Levy, denn nur durch seine Anstrengung und Beharrlichkeit ließ die Gemeinde sich zu einem solchen Werke bewegen. Hier konnte man auch die Humanität unserer Behörde und christlichen Einwohner wahrnehmen, sie wetteiferten mit den Israeliten in unentgeltlicher Herbeiführung von Holz und Stein und sonstigem Baumaterial zur Synagoge. Es war aber auch nicht anders zu erwarten; denn als hier vor sechs Jahren eine katholische Kirche erbaut wurde, da bestrebten sich ebenso die Israeliten, es den Christen in unentgeltlicher Herbeischaffung der verschiedenen Baumaterialien zuvorzutun außer den freiwilligen Geldbeiträgen. ... Von Gehässigkeit zwischen Christen und Juden ist hier keine Spur zu finden, im Gegenteil, man nimmt den lebhaftesten Anteil gegenseitig bei Freuden und Leiden, die christlichen Leichen werden ebenso von den Israeliten, wie die Israelitischen von den Christen begleitet. Dennoch herrscht allenthalben daselbst echte Religiosität, so daß dieses Betragen keineswegs die Folge eine Indifferentismus sein kann. Die geistige Bildung ist ebenfalls sehr befriedigend und von der Jugend ist durch die redliche Bemühung und den unermüdlichen Eifer des genannten israelitischen Lehrers noch mehr zu erwarten. Sehr wenige von ihnen werden dem Handel gewidmet, sondern einem Handwerke oder der Ökonomie. ... Als ein Desiderium ist der Mangel eines Begräbnisplatzes für die hiesigen Israeliten zu bezeichnen. Sie müssen ihre Leichen nach dem zwei Stunden von hier entfernten Orte Illingen zur Bestattung bringen, woher ihre Vorfahren im Jahre 1775 einwanderten, ...

                       Synagoge in Ottweiler (Aufn. um 1925, aus Eva Tigmann)

Prägende Persönlichkeit der jüdischen Kultusgemeinde im 19. Jahrhundert war der Lehrer Samuel Levy (geb. 1805), der 1875 sein 50jähriges Amtsjubiläum in Ottweiler feiern konnte.

Bereits in den 1820er Jahren hatte in Ottweiler eine jüdische Schule existiert, die 1895 wegen finanzieller Schwierigkeiten geschlossen werden musste; der Unterricht wurde danach in einer Privatschule abgehalten.

 

Stellenangebote der Kultusgemeinde Ottweiler in der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 22.10.1879 und vom 11.1.1892

In den ersten Jahren der NS-Zeit besuchten die jüdischen Kinder die Schule in Saarbrücken.

Verstorbene Ottweiler Juden wurden zunächst in Illingen beerdigt. Anfang der 1840er Jahre wurde am Ort ein eigenes Friedhofsgelände angelegt.

Die Kultusgemeinde gehörte zum Rabbinatsbezirk Trier.

Juden in Ottweiler:

        --- 1767 ............................  11 jüdische Familien,

    --- 1796 ............................  10     “       “    ,

    --- um 1810 ..................... ca.  85 Juden,

    --- 1822 ............................ 120   “   (ca. 5% d. Bevölk.),

    --- 1833 ............................ 155   “   (6,5% d. Bevölk.),

    --- 1843 ............................ 170   “  ,

    --- um 1850 ..................... ca. 160   “  ,

    --- 1895 ............................  55   “  ,

    --- 1910 ............................  48   “   (ca. 1% d. Bevölk.),

    --- 1925 ............................  51   “  ,

    --- 1933 ........................ ca.  60   “   (in ca. 20 Familien),

    --- 1940 (Sept.) ....................  17   “  ,

             (Nov.) .....................  keine.

Angaben aus: Ortsverein der Jungsozialisten in der SPD (Hrg.), Zur Geschichte der Juden in Ottweiler, S. 8 - 11

      PLZ Ottweiler - Saarland Postleitzahlen 66564 Neunkirchen (Saar) Wilhelmstraße in Ottweiler (hist. Postkarte)

Mit der zunehmenden Industrialisierung des Saarlandes setzte ab Mitte des 19.Jahrhunderts auch in Ottweiler die Abwanderung jüdischer Familien in die größeren Städte ein. Zu Beginn des 20.Jahrhunderts waren die meisten, oft alteingesessenen jüdischen Bewohner als Kleinhändler, aber auch als Handwerker tätig. Sie lebten allgemein in recht bescheidenen Verhältnissen. Zwischen der jüdischen Minderheit und der christlichen Mehrheit kam es zuweilen zu Streitigkeiten, die zumeist ökonomisch begründet waren und eine Integration des jüdischen Bevölkerungsteils erschwerten, aber nicht verhinderten. Zu Beginn der 1930er Jahre lebten ca. 20 jüdische Familien in der Kleinstadt.

Als das Saargebiet „heim ins Reich kehrte”, setzte auch in Ottweiler ein aggressiver Antisemitismus ein, der die hiesige jüdische Minderheit schnell in die Emigration trieb, vor allem in die USA und nach Palästina. Vorläufiger Höhepunkt der antijüdischen Aktionen war auch in Ottweiler die Nacht vom 9./10.November 1938, als die Inneneinrichtung der Synagoge öffentlich auf dem Schlossplatz verbrannt wurde. Auch das Dach des Synagogengebäudes wurde zerstört; der Bau verfiel nun zusehends, sodass dieser Anfang der 1960er Jahre niedergelegt und das Gelände eingeebnet wurde.

Synagogenruine in Ottweiler (hist. Aufn., um 1940)

Jüdische Männer wurden festgenommen und zunächst ins Spritzenhaus gebracht, dann ins Ottweiler Stadtgefängnis; von dort wurden sie nach Saarbrücken abtransportiert.

Anm.: Hauptverantwortliche der „Judenaktion“ im Kreis Ottweiler waren der SS-Obersturmbannführer Stemmler und der NSDAP-Kreisleiter Schäfer.

Ende Oktober 1940 wurden die noch in Ottweiler verbliebenen Juden nach Gurs/Südfrankreich deportiert; von hier aus wurden sie in die Vernichtungslager im besetzten Osteuropa verschleppt.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusallem und des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden ..." kamen nachweislich 33 gebürtige bzw. länger am Ort ansässig gewesene jüdische Bewohner in den Ghettos/NS-Vernichtungslagern ums Leben (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/ottweiler_synagoge.htm).

Gegen insgesamt 23 Personen leitete die Staatsanwaltschaft Saarbrücken beim Landgericht Saarbrücken Voruntersuchungen im Zusammenhang mit der Reichspogromnacht in Ottweiler ein; für mehr als die Hälfte wurde keine Anklage erhoben.

 

An die einstige Synagoge erinnern heute zwei metallene Gedenkplatten und ein Mahnmal, das der evangelische Kirchenkreis aus Anlass des 50.Jahrestages der "Reichskristallnacht" errichten ließ.

Gedenkstein Novemberpogrome 1938 (Ottweiler) 2018-11-11 (01).jpg Das in der Nähe des ehemaligen Synagogenstandortes errichtete Mahnmal (Aufn. S.Mannweiler, 2018, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0) erinnert an die jüdischen Opfer der NS-Verfolgung; es besitzt die hochgezogene Form eines Davidsterns und steht auf einem Trümmerhaufen aus Steinen. Der Text am Mahnmal lautet: "Zum Gedenken an das jüdische Gotteshaus - Vom Rassenwahn verblendete Deutsche schändeten es 1938  - Der Vernichtung der Synagogen folgte der Mord am jüdischen Volk - Sich erinnern bringt Erlösung - Verdrängen hält die Erlösung auf". Anlässlich des 80.Jahrestages der Pogromnacht wurden als dauerhaftes Zeichen der Erinnerung in der Pflasterung des Schlosshofes die äußeren Grundmauern (in rosafarbenen Granit) nachgebildet.

Modell der Synagoge u. der jüdischen Elementarschule (Aufn. Simon Mannweiler, 2018, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

2014 wurden in Ottweiler die ersten zehn sog. „Stolpersteine“ verlegt; weitere folgten in den Jahren 2015/2016/2018, so dass derzeit insgesamt ca. 40 Steine in die Gehwegpflasterung eingefügt sind (Stand 2021).

für Familie Cahn, Wilhelm-Heinrich-Straße

                 und Familie Barth, Gäßling  (Aufn. Ursula + Hans Werner Büchel 2014)

                                                Stolperstein - Salomon, Leo (2016).jpg Stolperstein - Salomon, Bertha (2016).jpg Stolperstein - Salomon, Flora (2016).jpg Stolperstein - Marx, Horst (2016).jpg Stolperstein - Marx, Rosa (2016).jpg

          verlegt für Angehörige der Fam. Salomon u. Marx, Tenschstraße (Aufn. S.Mannweiler, 2016, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0) 

Von den Gemeindeeinrichtungen hat der kleine jüdische Friedhof mit ca. 90 Grabstätten die Zeiten relativ unbeschadet überdauert; nach Verwüstungen während der NS-Zeit wurde die Begräbnisstätte nach Kriegsende wiederhergestellt.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2049/Ottweiler%20Friedhof%20105.jpg

Jüdischer Friedhof Ottweiler (links: Aufn. J. Hahn, 2004  -  rechts: Aufn. Dark Lilith, aus: fotocommunity.de, 2007)

 

Aus Ottweiler stammte Felix Coblenz (geb. 1863), der im Alter von 15 Jahren nach Münster an die Marks-Haindorf-Stiftung ging, wo er seine Ausbildung zum Lehrer absolvierte. Neben einem Studium für Orientalische Sprachen an der Universität in Berlin besuchte er gleichzeitig die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, um sich hier auf den Beruf eines Rabbiners vorzubereiten. 1889 trat er in Bielefeld sein neues Amt als Lehrer und Rabbiner an und engagierte sich hier besonders für den Bau der neuen Synagoge (1905 eingeweiht). Während des Ersten Weltkrieges gab er sein Amt in Bielefeld auf und wechselte zur Jüdischen Reformgemeinde nach Berlin. Wenige Jahre später starb er an seiner neuen Wirkungsstätte.

 

Weitere Informationen:

Ortsverein der Jungsozialisten in der SPD (Hrg.), Zur Geschichte der Juden in Ottweiler, o.O. 1988

H.Jochum/J.P.Lüth (Hrg.), Jüdische Friedhöfe im Saarland. Informationen zu Orten jüdischer Kultur. Ausstellungsführer, Saarbrücken 1992, S. 21 f.

Ulrike Puvogel/MartinStankowski (Hrg.), Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus, Bd. 1, Bonn 1995, 705/706

Eva Tigmann, Was geschah am 9.November 1938 ? - Eine Dokumentation über die Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung im Saarland im November 1938, hrg. vom Adolf-Bender-Zentrum St. Wendel, St. Wendel 1998, S. 69 - 71

Ottweiler, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

S. Fischbach/I. Westerhoff (Bearb.), “ ... und dies ist die Pforte des Himmels “ Synagogen. Rheinland-Pfalz Saarland, Hrg. Landesamt für Denkmalpflege, Mainz 2005, S. 450/451

Staatliches Konservatoramt (Hrg.), „Gelöst ist die Schnur - gebrochen das Band“.  Jüdische Friedhöfe im Saarland - Dokumentationskatalog zur Wanderausstellung 2006, S. 48 f.

Landkreis Neunkirchen (Hrg.), Lebenswege jüdischer Mitbürger, Neunkirchen 2009 (betr. u.a. Großfamilie Coblenz)

Carolin Grell (Red.), Erinnern an jüdische Mitbürger, in: „Saarbrücker Zeitung“ vom 4.6.2009

Gebrochene Säule - Von der Integration zur Deportation" – Ausstellung im Stadtgeschichtlichen Museum Ottweiler (Begleitbroschüre), 2012

Hans-Joachim Hoffmann, Was geschah am 9.November 1938 in Ottweiler?, in: ottweiler-direkt.de (Artikel von 2013)

Hans-Joachim Hoffmann, Der jüdische Friedhof in Ottweiler, Ottweiler 2015

Hans Werner Büchel (Bearb.), Wohnstätten jüdischer Familien in Ottweiler, Ottweiler 2015 (online abrufbar unter: buechel-ottweiler.de)

Auflistung der in Ottweiler verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Ottweiler

Hans Werner Büchel (Bearb.), Wider das Vergessen – Stolpersteine in Ottweiler, online abrufbar unter. buechel-ottweiler.de/Stolpersteine-in-Ottweiler

Francois van Menxel/Hans-Joachim Hoffmann (Bearb.), „Die jüdische Familie Simon Zacharias Coblenz (1836-1910) aus Bingen“, hrg. vom Arbeitskreis Jüdisches Bingen, Band 8/2017

N.N. (Red.), Die Geschichte der Großfamilie Coblenz, in: „Saarbrücker Zeitung“ vom 9.10.2017

Dokumentation des jüdischen Friedhofs in Ottweiler, in: epidat - epigrafische Datenbank, Hrg. Salomon-Ludwig-Steinheim Institut

Stadt Ottweiler (Red.), Nachbildung der Grundmauern der Ottweiler Synagoge – zur Erinnerung an den 80.Jahrestag der Pogromnacht, in: Focus-Online vom 9.8.2018

N.N. (Red.), Gedenken an Schicksale jüdischer Familien. Zur Erinnerung gibt es 13 neue „Stolpersteine“, in: Saarbrücker Zeitung“ vom 18.10.2018