Ovenhausen (Nordrhein-Westfalen)

Datei:Höxter in HX.svg Seit 1970 ist Ovenhausen ein Stadtteil von Höxter/Weser (Karte TUBS, 2008, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Jüdisches Leben in Ovenhausen lässt sich bereits im ausgehenden 17.Jahrhundert nachweisen; allerdings haben einzelne Familien zunächst wohl nicht dauerhaft hier gelebt. Erst im Laufe des 18.Jahrhunderts ließen sich Juden in nennenswerter Zahl im Dorf nieder. Nach 1800 besaß Ovenhausen eine relativ große Landgemeinde, deren Angehörige zumeist in recht ärmlichen Verhältnissen lebten. Ihren Unterhalt bestritten sie als Kleinhändler, Hausierer und Tagelöhner.

Der jüdischen Gemeinschaft - seit 1853 offiziell mit dem Status einer Synagogengemeinde - stand ein eigener Bet- und Versammlungsraum zur Verfügung, der zuletzt in der alten Dorfschule (Heiligenberg) untergebracht war. Dieses zunächst angemietete Gebäude mit dem Versammlungs- und Gebetsraum wurde 1871 käuflich erworben, der noch in den 1920er Jahren bestand.

  Ehem. Dorfschule/Synagoge (Aufn. aus: Landschaftsverband Westfalen-Lippe)

Die jüdischen Kinder besuchten die katholische Volksschule; religiöse Unterweisung erhielten sie von ihren Eltern. Ein kleiner Begräbnisplatz am Hang des Breitenberges - etwa zwei Kilometer abseits des Dorfes - war seit Anfang des 18.Jahrhunderts vorhanden.

Juden in Ovenhausen:

    --- 1796/97 ........................   7 jüdische Familien,

    --- 1809 ...........................   8     “        “   (ca. 50 Pers.),

    --- um 1850 .................... ca.  20     “        “   ,

    --- 1867 ...........................  57 Juden,

    --- 1885 ...........................  13   “  ,

    --- 1895 ...........................  24   “  ,

    --- 1910 ...........................  14   “  ,

    --- 1925 ...........................  14   “  .

Angaben aus: Hans Liedtke, Jüdische Familien in Overhausen, in: S. Baumeier/H. Stiewe (Hrg.), Die vergessenen Nachbarn. Juden auf dem Lande im östlichen Westfalen, S. 22

Wie überall in den dörflichen Gemeinden ging auch in Ovenhausen in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhundert die Zahl der jüdischen Familien infolge Abwanderung in die Städte deutlich zurück. Um 1900 lebten noch etwa 25 Juden in Ovenhausen; in den 1920er Jahren waren dann nur drei jüdische Familien hier ansässig.

Antisemitische Vorfälle waren seit Anfang der 1930er Jahre auch in Ovenhausen zu verzeichnen: so wurde 1930 der hiesige jüdische Friedhof geschändet und Jahre später von jüdischen Familien bewohnte Häuser mit NS-Parolen beschmiert.

Ende 1939 wurde die Kultusgemeinde Ovenhausen offiziell aufgelöst und die Gemeindeangehörigen der Kultusgemeinde Höxter zugewiesen.

1941/1942 wurden die letzten zwölf jüdischen Einwohner deportiert; keiner von ihnen hat überlebt.

 

Im Rahmen der Dorferneuerung wurde 1971 das Gebäude in der Heiligenbergstraße, in dem sich der Betraum befunden hatte, abgerissen.

Der relativ gut erhaltene Friedhof der Ovenhausener Juden liegt etwa zwei Kilometer abseits des Dorfes in einem Wäldchen an einem von der Straße nach Vörden abzweigenden Feldweg in Richtung Altenbergen; es sind noch neun Grabsteine auffindbar.

 Jüdischer Friedhof in Ovenhausen (Aufn. Bordfeld, aus: jacob-pins.de)

Die Gedenktafel in Ovenhausen  Seit 2002 erinnert ein Gedenkstein an der Kirchhofmauer - gegenüber dem Standort der einstigen Synagoge - an die einstigen jüdischen Dorfbewohner (Abb. aus: jacob-pins.de). Der Inschriftentext der Gedenktafel lautet:

Einen ewigen Namen gebe ich ihnen, der niemals ausgetilgt wird (Jes. 56,.5)

Gegen Vergessen und für Versöhnung

Zur Erinnerung an die Mitbürger/Mitbürgerinnen jüdischen Glaubens in Ovenhausen

1701/02             1941/42             2001/2002

Hier gegenüber befand sich das Bethaus (Synagoge) der jüdischen Gemeinde Ovenhausen.  

Das frühere Wohnhaus der jüdischen Familie Uhlmann - sie lebte hier bis 1941 - wurde vom Westfälischen Freilichtmuseum erworben und 2000 nach Detmold transloziert und dort sieben Jahre später als "Ausstellungsstück" eröffnet. Erbauer des recht unscheinbaren Hauses war der „Schutzjude“ Bernd Soistmann – seit 1808 nannte er sich Steilberg – gewesen; er war der Sohn des jüdischen Handelsmannes Soistmann Berend, der 1783 von einem Schuldner ermordet worden war. Dieser Kriminalfall bildete den historischen Hintergrund der von Annette von Droste-Hülshoff verfassten Novelle „Die Judenbuche“.

 

Das Westfälische Freilichtmuseum in Detmold hat als Landesmuseum für Volkskunde hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte der ländlichen/kleinstädtischen Bevölkerung Westfalens zu dokumentieren und museal aufzubereiten. Dazu gehört auch die Darstellung der Wohn- und Alltagskultur der jüdischen Landbevölkerung. Mit dem früheren Wohnhaus der Familien Soistmann/Steilberg und Uhlmann in Ovenhausen (Krs. Höxter) besitzt das Freilichtmuseum seit 2000 eines der letzten fast unversehrt erhaltenen jüdischen Wohnhäuser Westfalens. Nach dessen Erwerb durch das Museum wurde das inzwischen marode Fachwerkgebäude – es stammt aus der Zeit um 1810 - zerlegt und ins ca. 50 Kilometer entfernte Detmold transloziert.

Das Haus war seit 1885 im Besitz des jüdischen Handelsmanns Levy Uhlmann. Dessen Sohn Norbert übernahm es später und lebte dort mit seiner Frau Lene, geb. Löwendorf, und der adoptierten Tochter Ilse (geb. 1931). Im Dezember 1941 wurde die dreiköpfige Familie Uhlmann - zusammen mit anderen jüdischen Familien aus Ostwestfalen – via Bielefeld - nach Riga deportiert, wo sich ihre Spuren verloren. Das "Uhlmann`sche Haus" wurde enteignet und an eine kinderreiche Familie im Ort verkauft. Nach 1945 war das Gebäude nur noch für wenige Jahre bewohnt; 1953 wurde es an Angehörige der Familie Uhlmann (sie waren in die USA emigriert) zurückerstattet; diese veräußerten es an einen Nachbarn in Ovenhausen, der es nur kurzzeitig nutzte; danach stand das Haus leer und diente jahrzehntelang als Lagerraum.

Haus Uhlmann unmittelbar vor der Translozierung (Aufn. 2000, aus: jacob-pins.de) 

Das Haus Uhlmann im Freilichtmuseum in Detmold  im Freilichtmuseum Detmold (Aufn. aus: jacob-pins.de)

 

Weitere Informationen:

Heinz Bertels, Die jüdische Gemeinde zu Ovenhausen 1702 - 1942, in: "Höxter-Corvey. Monatsheft des Heimat- und Verkehrsvereins", No. 11/1980, S. 5 - 9

Rudolf Muhs, Zur Geschichte der jüdischen Gemeinden und Synagogen im Raum Höxter-Warburg vor 1933, in: "Jahrbuch des Kreises Höxter 1988", S. 211 – 228

Horst-Dieter Krus, Mordsache Soistmann Berend. Zum historischen Hintergrund der Novelle ,Die Judenbuche‘ von Annette von Droste-Hülshoff, Münster/Aschendorff 1990 (Schriften der Droste-Gesellschaft XIX)

Gefion Apel (Red.), „Die vergessenen Nachbarn“ - Zur Vermittlung jüdischen Lebens auf dem Lande in Westfalen im Freilichtmuseum Detmold, in: „'Fundstücke' - Nachrichten und Beiträge zur Geschichte der Juden in Niedersachsen und Bremen", No. 5/2006, S. 25 - 29

Stefan Baumeier/Heinrich Stiewe (Hrg.), Die vergessenen Nachbarn. Juden auf dem Lande im östlichen Westfalen, in: "Schriften des Westfälischen Freilichtmuseums Detmold", Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2006, S. 19 - 99 (vier längere Aufsätze)

Gudrun Mitschke-Buchholz, Zwischen Nachbarschaft und Deportation. Erinnerungen an die Overhausener Jüdinnen und Juden, in: S.Baumeister/H.Stiewe (Hrg), Die vergessenen Nachbarn. Juden auf dem Lande im östlichen Westfalen, in: "Schriften des Westfälischen Freilichtmuseums Detmold", Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2006, S. 79 - 99

Heinrich Stiewe, Jüdische Wohn- und Alltagskultur im Freilichtmuseum. Zur Translozierung des Hauses Steilberg/Uhlmann aus Ovenhausen (Krs. Höxter) ins Westfälische Freilichtmuseum Detmold

Hans Liedtke erstellte eine umfangreiche Materialsammlung zur Geschichte der Juden in Ovenhausen (im Westfälischen Freilichtmuseum Detmold archiviert)

Gefion Apel (Red.), „Die vergessenen Nachbarn“ und ihr Bild im Freilichtmuseum, "Freilichtmagazin Detmold", 5/2007 (betr. Haus Ullmann aus Ovenhausen)

Hubertus Michels (Red.), Die Translozierung des Hauses Uhlmann ins Detmolder Freilichtmuseum, Freilichtmagazin Detmold 5/2007 (mit Bildmaterialien)

LWL-Medienzentrum/LWL-Freilichtmuseum Detmold (Hrg.), Brief an eine verlorene Freundin (Ilse Uhlmann), Lehr-DVD 2010

Fritz Ostkämper (Red.), Juden in Ovenhausen (online abrufbar unter: jacob-pins.de - 2015)

Fritz Ostkämper (Red.), Die Viehhändler Dillenberg – Ovenhausen, Höxter und Fürstenau (online abrufbar unter: jacob-pins.de - 2015)

Fritz Ostkämper (Red.), Die Familie Uhlmann in Ovenhausen (online abrufbar unter: jacob-pins.de - 2016)

Svenja Ludwig (Red.), Warum kein Schild zum jüdischen Friedhof in Ovenhausen führt, in: „NW – Neue Westfälische“ vom 21.4.2021