Reichshofen (Elsass)

Kreise Hagenau und Weissenburg.png Das im Unterelsass ca. 15 Kilometer nordwestlich von Hagenau/Haguenau liegende Reichshofen ist das frz. Reichshoffen mit derzeit ca. 5.500 Einwohnern.

Die Wurzeln einer jüdischen Gemeinde in Reichshofen reichen bis in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges zurück. Auch die jüdische Bevölkerung war - nach einem Bericht des damals dort lebenden Ascher Lévy - von den Schrecken des Krieges schwer betroffen. Im Laufe des 18.Jahrhunderts verdoppelte sich die Zahl der in Reichshofen lebenden jüdischen Familien; ihren zahlenmäßigen Höchststand erreichte die israelitische Gemeinde Mitte des 19.Jahrhunderts mit mehr als 250 Angehörigen. Eine 1780 erbaute, 1862 durch Brand zerstörte Synagoge war bereits Anfang der 1850er Jahre durch einen Neubau im neomaurischen Stil abgelöst worden.

                   Überführung einer Thora in die Synagoge 1857 (hist. Stich)

     

Synagoge in Reichshofen (Aufn. Jean Daltroff, um 2000)            Portalinschrift (Aufn. B. Kukatzki, 2011)

In der Rundung des steinernen Portals ist die hebräische Inschrift zu finden: „Eine Frau, die den Ewigen fürchtet, die werde gerühmt“; darüber steht die Jahresangabe „(5)612" (= 1851/52)

Zu den gemeindlichen Einrichtungen gehörten neben einer Mikwe auch eine um 1840/1850 geschaffene Schule, die bis gegen Ende des Ersten Weltkriegs bestand. Gemeinsam mit den Juden aus Gundershofen legte die Reichshofener jüdische Gemeinde um 1800 einen Friedhof an.

Juden in Reichshofen:

        --- um 1730 .......................  20 jüdische Familien,

    --- um 1760 .......................  26     “       “    ,

    --- 1784 ..........................  39     “       “    (ca. 175 Pers.),

    --- 1802 ..........................  180 Juden (ca. 10% d. Bevölk.),

    --- 1810 ..........................  206   “  ,

    --- 1846 ..........................  250   “  ,

    --- 1866 ..........................  235   “  ,

    --- 1871 ..........................  243   “  ,

    --- 1905 ..........................  107   “  ,

    --- 1910 ..........................  131   “  ,

    --- 1936 ..........................   59   “  ,

    --- 1954 ..........................    4   “  .

Angaben aus: Michel Rothé/Max Warschawski, Les synagogues d’Alsace et lieur histoire, S. 42

Ab den 1870/1880er Jahren setzte eine Abwanderung ein, die die jüdische Gemeinde Reichshofens arg zusammenschmelzen ließ.

Mitte der 1930er Jahre wohnten nur noch ein Dutzend jüdischer Familien in Reichshofen. Die meisten von ihnen wurden nach 1940 von den Besatzungsbehörden deportiert. 1945 kehrte ein Teil der Überlebenden nach Reichshoffen zurück.

Während der Okkupationszeit war die Synagoge geplündert worden. Nach Kriegsende diente das Gebäude bis Anfang der 1960er Jahre wieder gottesdienstlichen Zwecken; das Haus befindet sich heute in Privatbesitz.

Das relativ große Friedhofsareal befindet sich heute in einem gepflegten Zustand.

  

       Taharahaus (Aufn. J. Hahn, 2004)       -        Blick auf ein älteres Gräberfeld (Aufn. aus: reichshoffen.free.fr)

Auf dem Friedhofsgelände erinnert ein Mahnmal an die jüdischen Opfer der NS-Zeit. In der umgebenden Mauer sind die Gebotstafeln der Gundershofener Synagoge eingefügt worden.

 

In Gundershofen (frz. Gundershoffen) bestand eine jüdische Gemeinde, deren Wurzeln in der Zeit des 18.Jahrhunderts liegen. Diese verfügte über alle notwendigen rituellen Einrichtungen, wie eine Synagoge (neu erbaut 1865), eine Schule, ein rituelles Bad und einen Friedhof, der gemeinsam mit der Nachbargemeinde Reichshofen genutzt wurde. Die Gemeinde gehörte zum Rabbinat Hagenau.

Juden in Gundershofen:

        --- um 1785 .......................   8 jüdische Familien,

    --- 1807 ..........................  63 Juden,

    --- 1846 ..........................  69   “  ,

    --- 1861 ..........................  83   “  ,

    --- 1871 ..........................  64   “  ,

    --- 1910 ..........................  61   “  ,

    --- 1936 ..........................  20   “  .

Angaben aus: Michel Rothé/Max Warschawski, Les synagogues d’Alsace et lieur histoire, S. 42

Gegen Mitte der 1930er Jahre lebten nur noch wenige jüdische Familien im Ort. Diejenigen, die in den folgenden Jahren Gundershofen nicht verlassen konnten, wurden unter der deutschen Okkupation nach Südfrankreich deportiert. 

                 Synagogengebäude in Gundershoffen (Aufn. Rothé, um 1985)

http://www.alemannia-judaica.de/images/Alsace%202/Gundershoffen%20Cimetiere%20116.jpg Die Gebotstafeln der Synagoge haben einen Platz an der Friedhofsmauer gefunden (Aufn. J. Hahn, 2004).

 

Im nahen Niederbronn bzw. Niederbrunnen (frz. Niederbronn-les-Bains) gab es seit dem 18. Jahrhundert auch eine jüdische Gemeinde. Gegen Mitte des 19.Jahrhunderts erreichte die Gemeinde mit ca. 340 Angehörigen ihren personellen Höchststand. In den Jahrzehnten nach 1870 ging deren Zahl deutlich zurück. Seit den 1830er Jahren gab es im Ort eine Synagoge. Das 1869 neu eingeweihte Synagogengebäude - es war im neoromanischen Stil erstellt worden - wurde im Zweiten Weltkrieg beschädigt.

Die am Ort befindliche jüdische Elementarschule wurde wenige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg geschlossen.

Verstorbene wurden auf dem jüdischen Friedhof in Oberbronn (Oberbrunnen) begraben.

Juden in Niederbronn:

        --- um 1765 ......................   26 jüdische Familien,

    --- 1789 .........................   29   “         “    ,

    --- 1807 .........................  174 Juden,

    --- 1846 .........................  336   “  ,

    --- 1861 .........................  296   “  ,

    --- 1910 .........................  131   “  ,

    --- 1936 .........................   82   “  .

Angaben aus: Michel Rothé/Max Warschawski, Les synagogues d’Alsace et lieur histoire

             Anzeige aus dem Jahre 1933

In den 1930er Jahren zählte die Gemeinde etwa 80 Angehörige, die zumeist 1940/1941 nach Südfrankreich vertrieben und teilweise „in den Osten“ deportiert wurden. Etwa 20 Juden aus Niederbronn wurden Opfer der „Endlösung“.

Mitte der 1960er Jahre lebten etwa 35 Juden in Niederbronn-les-Bains. Das Synagogengebäude ging um 1990 in den Besitz der katholischen Kirchengemeinde über, die hier ihr Gemeindezentrum einrichtete.

 Niederbronn 13.JPG L'ancienne synagogue (Niederbronn-les-Bains) (35505095463).jpg

Ehem. Synagoge (Aufn. R.Hammann, 2015 und J.P.Dalbéra, 2017, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 4.0 bzw. CC BY 2.0)

Weitere Informationen:

Ginsburger (Hrg.), Manuskript von Ascher Lévy (1593 - 1635), o.O. 1913

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 888

Reichshoffen, in: alemannia-judaica.de 

Gundershoffen, in: alemannia-judaica.de

Niederbronn-le-Bains, in: alemannia-judaica.de

Michel Rothé/Max Warschawski, Les synagogues d’Alsace et lieur histoire, Jerusalem 1992

Jean Daltroff, La route du judaïsme en Alsace, 2. Aufl. Bernardswiller 2010, S. 50