Reichmannsdorf (Oberfranken/Bayern)

Datei:Schlüsselfeld in BA.svg Reichmannsdorf mit seinen derzeit ca. 800 Einwohnern ist heute ein Ortsteil von Schlüsselfeld - südwestlich von Bamberg gelegen (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Die Wurzeln der kleinen jüdischen Landgemeinde im Dorf Reichmannsdorf liegen im 18.Jahrhundert; deren Angehörige standen unter dem Schutz der Freiherren von Schrottenberg. Die jüdischen Familien lebten überwiegend vom Vieh- und Schnittwarenhandel; auch einige Handwerke wurden von ihnen ausgeübt.

An gemeindlichen Einrichtungen verfügte die hiesige Dorfjudenschaft über eine vermutlich um 1700 erbaute Synagoge und eine Mikwe; die rituellen Aufgaben wurden von einem von der Gemeinde angestellten Lehrer ausgeübt, der zugleich als Vorsänger und Schächter tätig war.

 

Stellenausschreibungen aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 31.Dez. 1879 und 1.Juni 1885

Aus einer Beschreibung der Synagoge durch den damaligen Rentamtsverwalter der Gutsherrschaft 1824:... Dasselbe ist ein zweistöckiges Haus, mit der Vorderseite gegen Mittag gerichtet. Der untere Stock enthält neben dem Hausplatze Stube, Küche und Kammer und ist von der Judenfamilie Joseph Neuman bewohnt. Der mittlere Stock, zu dem eine hölzerne Stiege führt, besteht aus zwei Abteilungen, und einem kleinen Verschlag, von welchem aus der obere Boden betreten wird. Die eine Abteilung des mittleren Stocks beiläufig 8 Schuh in der Breite und 18 Schuh in der Länge, ist für die Weihe Schule eingerichtet, und von der anderen durch eine Riegelwand getrennt, in welcher 8 Gitter von Holz angebracht sind, durch welche die Einsicht in die größere Abteilung gestattet ist. An dieser Wand sind acht Sitze angebracht, diesen gegenüber an der anderen Wand wieder 4 und bei dem Eingang hinter der Türe wieder zwei Sitze. Die Deputierten der Judenschaft bemerkten, wiederholt, dass dies ihre Weiberschule sei. Die zweite Abteilung des mittleren Stock ist 21 Schuh lang, und beiläufig 16 Schuh breit. In diesem Gemache ist die Synagoge eingerichtet, denn es befindet sich in derselben an der Hauptwand gegen Morgen in deren Mitte ein Behältnis von Holz, mit zwei Türen, worin sich das Allerheiligste aufbewahrt befindet. Diesem gegenüber in der Mitte ist ein Altar aufgerichtet und in dem übrigen Raume dieses Gemaches sind die Stände für die männlichen Mitglieder der hiesigen Judenschaft, an welchen sie ihr Gebet verrichten, aufgestellt, so wie es in jeder Judenschule gebräuchlich ist.

Eine vorübergehende Schließung der Synagoge (1824) konnte wenige Jahre später rückgängig gemacht werden, nachdem sich die Gemeinde bereit erklärt hatte, an das neu eingerichtete Bezirksrabbinat Burgebrach Beiträge zu entrichten. Das zunächst im Besitze der Gutsherrschaft stehende Synagogengebäude gehörte ab 1842 der Gemeinde.
Zunächst wurden verstorbene Gemeindeangehörige auf dem jüdischen Friedhof in Mühlhausen beerdigt. Ab etwa 1840 stand ein eigenes Gelände am nördlichen Dorfrande (am Sambachergrund) zur Verfügung.

Ab den 1820er Jahren gehörte die Gemeinde dem Bezirksrabbinat Burgebrach an.

Juden in Reichmannsdorf:

    --- 1809 ........................ 39 Juden (ca. 10% d. Dorfbev.),

    --- 1824 ........................ 67   “   (ca. 14% d. Dorfbev.),

    --- 1840 ........................ 63   “ ,

    --- 1852 ........................ 59   “  ,

               --- 1867 ........................ 60   “  ,

    --- 1875 ........................ 53   “  ,

--- 1890 ........................ 24   “  ,

    --- 1900 ........................ 19   “  ,

    --- 1910 ........................  9   “  ,

--- 1933 ........................  2   “  .

Angaben aus: Reichmannsdorf, in: alemannia-judaica.de

Kurz nach 1900 wurde die jüdische Gemeinde Reichmannsdorf aufgelöst, die verbliebenen Juden der Gemeinde Burgebrach zugeteilt.

Das Synagogengebäude wurde verkauft und fortan zu Wohnzwecken genutzt. 1939 lebte nur noch ein einziges jüdisches Ehepaar am Ort, nämlich Sigmund Hirnheimer und Frau (Inhaber des am Ort betriebenen Kaufhauses). 

Von den in Reichmannsdorf ansässigen bzw. längere Zeit lebenden jüdischen Bewohnern wurden zehn Opfer der „Endlösung“.

 

Der jüdische Friedhof mit seinem mit einer Bruchsteinmauer umgebenen ca. 700 m² großen Areal - auf diesem stehen heute noch ca. 30 z.T. stark verwitterte Grabsteine - wurde bis wenige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg genutzt.

 

Jüdischer Friedhof (beide Aufn. Jan Eric Loebe, 2011, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

 

In Aschbach, einem anderen Stadtteil Schlüsselfelds, gab es eine relativ große jüdische Gemeinde. [vgl. Aschbach (Bayern)]

 

Weitere Informationen:

Klaus Guth (Hrg.), Jüdische Landgemeinden in Oberfranken 1800-1942. Ein historisch-topographisches Handbuch, in: "Landjudentum in Oberfranken - Geschichte und Volkskultur", Bamberg 1988, S. 294/295

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern - Eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 234

Reichmannsdorf, in: alemannia-judaica.de

Michael Trüger, Der jüdische Friedhof in Reichmannsdorf, in: "Der Landesverband der Israelit. Kultusgemeinden in Bayern", 15. Jg., No. 83/Sept. 2000, S. 23

Johann Fleischmann, Mesusa 2. Spuren jüdischer Vergangenheit an Aisch, Aurach, Ebrach und Seebach. Mühlhausen 2000, S. 195 – 204 (Emigration von Sigmund und Hannchen Hirnheimer)

Johann Fleischmann (Hrg.), Mesusa 3 - Spuren jüdischer Vergangenheit in Aisch, Aurach und Seebrach. Die jüdischen Friedhöfe von Zeckern, Walsdorf, Aschbach, Uehlfeld, Mühlhausen, Lisberg, Burghaslach und Reichmannsdorf, Mühlhausen 2002, S. 345 - 364