Rheine (Nordrhein-Westfalen)

Datei:Rheine in ST.svg Rheine an der Ems mit derzeit ca. 75.000 Einwohnern ist die größte Stadt im Kreis Steinfurt (und zweitgrößte im Münsterland) – ca. 40 Kilometer nördlich von Münster gelegen (Karte TUBS, 2008, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Der älteste Beleg von der Existenz eines Juden in Rheine stammt aus den Jahren vor den Pestpogromen von 1348/1349. Weitere urkundliche Belege, in diesem Fall Geleitbriefe des Bischofs Franz von Waldeck, lassen sich erst wieder in der ersten Hälfte des 16.Jahrhunderts finden. 1560 erging die Anordnung, alle Juden nach Ablauf einer Frist aus dem gesamten Stift - also auch aus Rheine - auszuweisen.

Rheine – Ausschnitt aus einer Landkarte des Stifts Münster, um 1600 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Erst seit Ende des 17.Jahrhunderts sind dauerhafte Ansiedlungen von Juden in Rheine nachweisbar; als erster Jude erhielt im Jahre 1678 ein gewisser Salomon de Jung die Erlaubnis, sich mit seiner Familie in Rheine niederzulassen – gegen den Willen der Bürgerschaft. Geleitbriefe der Landesherrschaft garantierten einzelnen Familien ein Bleiberecht in der Stadt; ihre Behausungen lagen am Stadtrand. Im 18.Jahrhundert bestritten die Rheinenser Juden ihren Broterwerb mit kleinen Pfandleihen, Viehhandel und Fleischverkauf.

Ihre erste Betstube richteten die wenigen Juden Rheines um 1770 in einem Hinterhaus ein; etwa 20 Jahre später wurde in unmittelbarer Nähe (an der Thiestraße) ein Bethaus errichtet, das fast 100 Jahre lang der jüdischen Gemeinde als gottesdienstlicher Versammlungsort diente.

Aus dem ausgehenden 18.Jahrhundert liegen Aufzeichnungen des Rabbiners Selig Wolff vor. Er berichtete über das angespannte Verhältnis innerhalb der Gemeinde wie folgt: ... Am Sabbatmorgen gingen wir dann in die Synagoge, wo ich pflichtgemäß meinen Dienst verrichten sollte. Als aber die Thora aus dem Aron ha Kodesch geholt wurde und auf dem Almemor ausgerollt werden sollte, begann gleich der Lärm und Zank mit Scheltworten gegen den Parnes. Ich gebot Ruhe und Stillschweigen und ließ die Thora zunächst ungeöffnet. Von den drei unwissenden und aufgeblasenen Ruhestörern bat ich den Grund zu wissen, warum sie mit ihrem Geschrei den Sabbat entheiligten. ... Ich wurde zornig und gebot den anderen frommen Juden, die Ruhestörer der Gemeinde und Sabbatschänder aus der Synagoge zu stoßen, was dann befolgt wurde. Doch wurden dabei einige von ihnen mit Fäusten geschlagen, daß das Blut in die Synagoge floß. Ich ließ die Tür verschließen und begann den Gottesdienst der Ordnung nach durchzuführen. Durch den Schreck und das Spektakel war ich jedoch nicht in der Lage zu predigen und dankte für einen solchen Dienst, wo die Gemeinde nur aus Neid und Handelsmißgunst so in Streit lebt und Gott und seine Gebote verschmäht. ...

Bis 1885 gehörten die Rheinenser Juden zum Synagogenbezirk Burgsteinfurt; danach bildeten sie - gemeinsam mit Emsdetten, Mesum und Neuenkirchen - eine autonome Gemeinde. (Anm.: Ein erster Versuch, sich von Burgsteinfurt zu lösen, war 1868 gescheitert.)

Bauzeichnung - Vorder- u. Seitenansicht (Stadtarchiv)

1886/1887 ließ die neu konstituierte Gemeinde an der Ecke Neuenkirchener Straße/Salzbergener Straße eine Synagogenneubau errichten, der im Sommer 1887 durch den Kölner Rabbiner Dr. Abraham Frank eingeweiht wurde. Die Planungen dafür waren bereits jahrelang betrieben worden; denn das bislang benutzte Bethaus (Thiestraße) war zum einen – bedingt durch Sturmschäden – in einen baufälligen Zustand geraten und entsprach zum anderen nicht mehr den Anforderungen der inzwischen größer gewordene Gemeinde.

    Programm zur Synagogeneinweihung vom Juni 1887

Das neue Gotteshaus war ein repräsentatives, in maurischem Stil konstruiertes Gebäude mit einer Grundfläche von 13m x 16m; es wurde von einer zwiebelförmigen Zentralkuppel überwölbt. Anders als in traditionellen jüdischen Gotteshäusern gab es hier keine Frauenempore (die Frauen saßen an den Außenseiten des Betsaals); auch stand der Almemor nicht mehr in der Mitte des Raumes, sondern in unmittelbarer Nähe des Thorascheins.

Synagoge Rheine (hist. Aufn., Stadtarchiv)

Bis 1933 besaß die Synagogengemeinde Rheine auch eine eigene Elementarschule; anfänglich wurde der Unterricht im Gebäude der alten Synagoge abgehalten, später zog die jüdische Schule in ein zweistöckiges Gebäude neben der neuen Synagoge in der Salzbergener Straße.

Der ältere jüdische Friedhof (erstmalig 1747 belegt) lag am Mühlentörchen, die 1839 neu angelegte Beerdigungsstätte an der Lingener Straße; diese wurde Anfang der 1920er Jahre durch ein größeres Areal ersetzt, das am Rodder Damm gelegen war. Dorthin wurden auch die letzten sechs verbliebenen Grabsteine des alten Friedhofs vom Mühlentörchen verbracht.

Juden in Rheine:

    --- um 1720 ..........................   2 jüdische Familien,

    --- 1763 .............................   7     “       “    ,

    --- um 1790 ..........................   9     “       “    ,

    --- 1817 .............................  14     “       “    ,

    --- 1843 .............................  46 Juden,

    --- 1869 ............................. 114   “  ,

    --- 1895 .............................  87   “  ,

    --- 1910 ............................. 139   “  ,

    --- 1927 ............................. 161   “  (in ca. 50 Familien),

    --- 1942 (Sept.) .....................   7   “  ,

             (Nov.) ......................   keine.

Angaben aus: Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Reg.bez. Münster, S. 383

Zu Beginn des 20.Jahrhunderts waren die Juden in Rheine weitestgehend in die kleinstädtische Gesellschaft integriert. Sie waren traditionell als Metzger und Viehhändler tätig; einige betrieben Textilgeschäfte.

Anfang der 1930er Jahre wurden auch in Rheine antisemitische Töne laut, wie der folgende Aufruf von 1932 beweist:

Deutsche Christen ! Rheiner Bürger ! ...

Deutsche christliche Arbeiter, Beamte und Mittelständler !   Helft und unterstützt Euch im Kampf gegen das jüdische internationaler Finanzkapital und begeht ein deutsches, christliches Weihnachtsfest ! ....

Kampfgemeinschaft für Handwerk, Handel und Gewerbe. NSDAP-Ortsgruppe Rheine

Der Boykott vom 1.April 1933 betraf die meisten jüdischen Familien in Rheine; die ‚Aktionen’ hatten hier schon am Vortage begonnen. Wenige Monate später wurde die jüdische Schule aufgelöst, das Gebäude danach vertraglich von der Synagogengemeinde auf die Stadt Rheine übertragen. Zahlreiche Familien flüchteten in die Niederlande, um dem zunehmenden Druck der NS-Behörden zu entgehen; allerdings gerieten dort die meisten 1940 in die Hände der deutschen Besatzungsmacht und wurden - über Westerbork – „nach dem Osten“ deportiert.

Die Gewaltmaßnahmen der einheimischen SA begannen in Rheine in der Nacht vom 9./10.November 1938 mit der Zerstörung der Synagoge; nachdem die Inneneinrichtung demoliert war, wurde das Gebäude angezündet; es brannte völlig aus; wenige Tage später wurde die Ruine abgerissen. Alle jüdischen Männer unter 50 Jahren wurden inhaftiert. An den gewalttätigen Ausschreitungen sollen mehr als 200 Einwohner Rheines beteiligt gewesen sein.

                   Im „Steinfurter Kreisblatt” vom 11. November 1938 hieß es in einem kurzen Artikel:

Rheine.   Wie ich ganzen deutschen Vaterlande hat sich auch in Rheine die Volkserregung über die feige jüdische Mordtat ... in spontanen Kundgebungen Luft gemacht. Gegen 3 Uhr nachts brannte die Synagoge. Die Kuppel stürzte gegen 4 Uhr ein. Gegen 6 Uhr war die Synagoge völlig niedergebrannt. Eine Volksmenge zog dann durch die Straßen zu den jüdischen Geschäften. Die Schaufensterscheiben wurden vollständig zertrümmert, ebenfalls die Fenster aller Wohnungen, in denen jüdische Familien wohnten.

          ausgebrannte Synagoge (hist. Aufn., Stadtarchiv)

Im Laufe des Frühjahrs 1939 wurden die Juden in Rheine in zwei „Judenhäusern“ zusammengelegt; ein Haus lag auf dem Thie, das andere in der Hindenburgstraße. Die letzten sieben noch in Rheine lebenden Juden wurden Anfang Oktober 1942 nach Theresienstadt deportiert; bereits Ende 1941/Anfang 1942 waren Rheinenser Juden nach Riga abtransportiert worden. Etwa 60 Rheinenser Juden wurden Opfer der Shoa, nur zwölf haben die NS-Zeit überlebt.

Vor der Sonderstrafkammer des Landgerichts Münster fand im April 1948 der Prozess gegen ehemalige Rheinenser SA-Angehörige statt, die am Pogrom von 1938 aktiv beteiligt gewesen waren. Gegen 25 Männer wurde Anklage erhoben; davon wurden 16 mit Haftstrafen belegt.

 

Ein 1950 im alten Rathaus angebrachtes Mosaik, das 1999 durch zwei Tafeln mit den Namen der Rheinenser Holocaust-Opfer ergänzt wurde, hält die Erinnerung an die frühere jüdische Gemeinde wach.

File:Gedenkstein für die 1938 zerstörte Synagoge.jpgSeit 1961 erinnert ein Gedenkstein am einstigen Standort der Synagoge an die ehemalige jüdische Gemeinde in Rheine (Abb. M. Wolbeck, 2018, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0); unter einer stilisierten Menora ist der folgende Text eingemeißelt:

Und das Ort Gottes währet ewiglich. Jes. 40,6

Zur Erinnerung an die Synagoge der jüdischen Gemeinde Rheine,

die im Zuge der nationalsozialistischen Verfolgung vernichtet wurde.

Erbaut 1887 - Zerstört 9.11.1938

Auch auf dem Gelände des ehemaligen (neuen) jüdischen Friedhofs (Lingener Straße) - hier findet man noch ca. 65 Grabsteine - steht auch ein Gedenkstein, der den jüdischen NS-Opfern aus Rheine gewidmet ist.

       Aufn. M.Wolbeck, 2018, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

Der von 1924 bis 1941 belegte jüngere israelitische Friedhof am Rodder Damm weist heute sieben Grabsteine auf.

Auf Initiative von Schüler/innen des Emsland-Gymnasiums wurden 2004 die ersten sog. „Stolpersteine“ verlegt; inzwischen sind es mehr als 60 Steine, die an das Schicksal jüdischer Bewohner und derjenigen erinnern, die Opfer der NS-Herrschaft geworden sind (Stand 2020).

 Datei:Rheine-Stolperstein-Ludwigstraße14.jpgDatei:Rheine-Stolperstein-Ludwigstraße14-2.jpg

verlegt für Angehörige der Fam. Joselewitsch, Ludwigstr. (Aufn. G. Sporkmann, 2010, aus: wiki-de.genealogy.net)

 

Weitere Informationen:

Anton Führer, Geschichte der Stadt Rheine, 2. Aufl., Rheine 1974

Gertrud Althoff, Die jüdischen Friedhöfe in Rheine. Geschichte und religiöse Vorstellungen der Synagogengemeinde Rheine unter besonderer Berücksichtigung der Grabsteininschriften, Examensarbeit im Fach Kathol. Theologie, Rheine 1983 (Manuskript im Stadtarchiv Rheine)

Gertrud Althoff, Die Rassenideologie der Nationalsozialisten und ihre Auswirkungen auf die Rheinenser Juden, in: "Rheine, gestern - heute - morgen", 1985, Heft 3, S. 114 - 150

Gertrud Althoff, Die Geschichte der Juden in Rheine. Von den Anfängen bis zu ihrer Vernichtung, in: "Rheine, gestern - heute - morgen. Zeitschrift für den Raum Rheine 1988", Ausgabe 22, Heft 3, S. 1 - 116

Gertrud Althoff, “Ihr Andenken uns zum Segen. Jüdische Grabsteine aus Rheine”. Fotoausstellung in der Stadtsparkasse Rheine, 1995

Günter Birkmann/Hartmut Stratmann, Bedenke vor wem du stehst - 300 Synagogen und ihre Geschichte in Westfalen und Lippe, Klartext Verlag, Essen 1998, S. 238 - 241

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 458/459

Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen. Reg.bezirk Münster, J.P.Bachem Verlag, Köln 2002, S. 382 - 391

Willi Feld, Die Geschichte der Juden im Kreis Steinfurt, in: Steinfurter Hefte 13 ‘Geschichte des Judentums im Kreis Steinfurt’, Steinfurt

Willi Feld, Synagogen im Kreis Steinfurt. Geschichte - Zerstörung - Gedenken, Hrg. vom Landrat des Kreises Steinfurt, 2004, S. 47 - 55

Gertrud Althoff, Stadtführer zu Orten ehemaligen jüdischen Lebens in Rheine mit kurzem Überblick über die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Rheine, Münster/Westfalen 2005

Gertrud Althoff (Bearb.), Rheine, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Münster, Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen XLV, Ardey-Verlag, München 2008, S. 606 - 620

Gertrud Althoff, Die drei jüdischen Friedhöfe in Rheine, überarb. Ausg. von 2003, Selbstverlag Rheine 2013

Jüdisches Leben in Rheine: Synagoge Rheine, in: R(h)eine Geschichte. Ein Projekt – viele Geschichten, online abrufbar unter: rheinegeschichte.wordpress.com

Klaus Dierkes (Red.), „Stolperstein erinnert an Kurt Reinhaus, in: „Emsdettener Volkszeitung“ vom 21.11.2017