Rheydt (Nordrhein-Westfalen)

Südlich der alten Stadt Mönchengladbach schloss sich das Gebiet der früheren Stadt Rheydt an; im Zuge der Gebietsreform 1975 wurden Rheydt und Wickrath zur neuen Stadt Mönchengladbach vereinigt. Im Stadtteil Rheydt leben derzeit ca. 13.000 Einwohner.

hist. Landkarte, um 1620 (Abb. Gigas/Ritz, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Die ersten Ansiedlungen von Juden in Rheydt sind Ende des 16.Jahrhunderts belegt; allerdings haben in den folgenden Jahrhunderten nur sehr wenige jüdische Familien hier gelebt; ihren Lebensunterhalt verdienten sie meist als Metzger und Händler. Anfang des 19.Jahrhunderts gehörten die Rheydter Juden zur größeren jüdischen Gemeinschaft in Odenkirchen, wo zu dieser Zeit auch eine Synagoge bestand. Ab Mitte der 1850er Jahre wurden die Rheydter Juden der neu gebildeten Kreissynagogengemeinde Mönchengladbach zugeordnet; obwohl nicht eigenständig, ließen die Rheydter Juden - sie lebten zumeist in bescheidenen Verhältnissen - ein eigenes Synagogengebäude errichten; der Bau war durch eine regional durchgeführte Kollekte und auch staatliche Unterstützung finanziert worden. Im Sommer 1876 wurde das neue Synagogengebäude an der Ecke Wilhelm-Strater-Straße/Luisenstraße eingeweiht; in einem Nebenraum befand sich eine Mikwe.

Vergrößerte Ansicht des angeklickten Bildes Rheydter Synagoge - hist. Aufnahme (aus: Sammlung Olaf Nöller)

Aus Anlass des 50jährigen Synagogenjubiläums wurde die Synagoge umgebaut und 1926 erneut feierlich eingeweiht. Ein kleiner Schultrakt war der Synagoge angeschlossen; dieser wurde 1900 durch ein größeres Gebäude mit Lehrerwohnung ersetzt. Ab der Jahrhundertwende wurde die jüdische Privatschule als ‚öffentliche Volksschule’ anerkannt; für deren Unterhaltung kam fortan die Kommune auf. 1901 besuchten diese etwa 60 Schüler. Die einklassige jüdische Schule litt Ende der 1920er Jahre an Schülermangel; Anfang der 1930er Jahre stieg die Schülerzahl erneut auf über 40 an, um dann immer mehr zu sinken. In Rheydt existierte auch ein jüdisches Mädchenheim - eine Art Haushaltsschule - und ein jüdisches Altersheim.

Ein jüdischer Friedhof ist in Rheydt seit den 1780er Jahren „Aufm Heydberg(am Ende der heutigen Watelerstr.) nachweisbar. Eine neue Begräbnisstätte an der Eifelstraße wurde seit den 1830er Jahren genutzt. Das Areal war vom damaligen Gemeindevorsteher Heinrich Stern erworben und später der Gemeinde übertragen worden. 1908 ließ Moses Stern auf eigene Kosten eine kleine Leichenhalle errichten, die in der Pogromnacht 1938 zerstört wurde.

1890 löste sich die Rheydter Judenschaft von der Kreissynagogengemeinde Mönchengladbach und wurde eigenständig; dabei war zu diesem Zeitpunkt die Zahl der Rheydter Juden bereits rückläufig. Um aber die Lebensfähigkeit der Rheydter Gemeinde zu stützen, wurden ihr die insgesamt knapp 40 jüdischen Familien aus Odenkirchen, Rheindahlen und Giesenkirchen-Schelsen als „Filialgemeinden“ zugeordnet.

Juden in Rheydt:

         --- 1808 ........................... 20 Juden,

    --- 1835 ..........................  53   “  ,

    --- 1846 ..........................  88   “  ,

    --- 1858 .......................... 127   “  ,

    --- 1867 .......................... 167   “  ,

    --- 1885 .......................... 263   “  ,

    --- 1890 .......................... 217   “  ,

    --- 1905 .......................... 313   “  ,

    --- 1913 .......................... 279   “   (0,6% d. Bevölk.),

    --- 1924 .......................... 300   “  ,

    --- 1933 .......................... 270   “  .*

* Die angeschlossenen Filialgemeinden in den Orten Odenkirchen, Rheindalen und Giesenkirchen-Schelsen besaßen weitere ca. 120 Personen.

Angaben aus: Günther Erckens, Juden in Mönchengladbach, Band 2, S. 32 und S. 43

Bildergebnis für rheydt Zentrum von Rheydt (hist. Postkarte)

    Geschäftsanzeigen Rheydter Kaufleute von 1868 bzw. 1898

Neben zwei größeren Textilunternehmen in jüdischem Besitz lebten die meisten Rheydter Juden vom Einzelhandel; ihre Geschäfte lagen größtenteils im Stadtkern. Bis Anfang der 1930er Jahre soll die jüdische Minderheit mit der christlichen Mehrheit völlig problemlos zusammengelebt haben; es bestanden viele Gemeinsamkeiten, die sich in Vereinsmitgliedschaften und gemeinsamen Feiern dokumentierten.

Zwei Monate nach der NS-Machtübernahme wurde auch in Rheydt der Boykott jüdischer Geschäfte, Arzt- und Rechtsanwaltspraxen durchgeführt; uniformierte SA-Angehörige waren an den Eingängen der jüdischen Geschäfte postiert. 1935 nahmen die antijüdischen „Aktionen“ deutlich zu: SA-Angehörige schändeten den jüdischen Friedhof und waren an tätlichen Übergriffen auf Wohnungen und Geschäfte maßgeblich beteiligt.

In den frühen Morgenstunden des 10.November 1938 wurde auch in Rheydt die Synagoge „von unbekannten Tätern” in Brand gesteckt; sie brannte bis auf die Grundmauern nieder. Gottesdienste wurden danach in Räumen des Jüdischen Altersheims durchgeführt.

Anm.: Die Synagogenruine wurde im Mai 1939 auf Kosten der Synagogengemeinde abgerissen; die Trümmer wurden für Straßenbauzwecke verwendet. Das jüdische Schulgebäude wurde im Sommer 1943 durch Bomben zerstört.

Am Morgen des gleichen Tages drangen SA-Angehörige gewaltsam in jüdische Geschäfte und Wohnungen ein; dabei kam es zu größeren Sachbeschädigungen und Zerstörungen, auch auf dem jüdischen Friedhof. Die jüdische Volksschule - sie blieb unbeschädigt - musste vorübergehend ihren Unterricht einstellen. Einzelne jüdische Männer wurden inhaftiert. - Bis 1939/1940 waren alle jüdischen Unternehmen bzw. Geschäfte in Rheydt geschlossen bzw. „arisiert“ worden. Mit Kriegsbeginn verschärften sich die Lebensbedingungen der noch in Rheydt verbliebenen Juden: So wurden sie aus ihren bisherigen Wohnungen gedrängt und in „Judenhäuser“ eingewiesen. Im Oktober 1941 begannen auch für die noch in Rheydt lebenden jüdischen Bürger die Deportationen. Der erste Transport ging nach Theresienstadt, der zweite ins Ghetto Riga; Ende April 1942 gehörten auch Rheydter Juden einem Sammeltransport an, der die Opfer nach Izbica bei Lublin führte. Ende Juli 1942 wurden in einem Sammeltransport auch die fast 60 Insassen des jüdischen Altersheims von Rheydt nach Theresienstadt deportiert. Damit endete faktisch die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Rheydt.

 

          Denkmal (Aufn. aus: theo-hespers-stiftung.de)

An der Wilhelm-Strater-Straße in Rheydt erinnert seit 1988 ein Gedenkstein in Form einer Halbsäule an die während des Novemberpogroms 1938 zerstörte Synagoge; auf der granitenen Stele findet sich die folgende Inschrift:

Den verfolgten und ermordeten Jüdischen Bürgern unserer Stadt

zur Erinnerung an die am 10.November 1938 zerstörte Rheydter Synagoge.

Seit 1965 ist eine Straße in der Rheydter Innenstadt nach dem langjährigen Vorsteher der jüdischen Gemeinde, Moses Stern (1845-1931), benannt. Seit Ende der 1990er Jahre trägt eine Straße den Namen Clara-Grunwald-Weg. Die 1877 als Tochter eines jüdischen Kaufmanns in Rheydt geborene Clara Grunwald studierte in Berlin Pädagogik; auf ihre Initiative hin wurde hier die deutsche Montessori-Gesellschaft gegründet. 1943 wurde sie in Auschwitz-Birkenau ermordet.

Wie in den anderen Stadtteilen Mönchengladbachs erinnern auch in Rheydt sog. „Stolpersteine“ an ehemalige jüdische Bewohner.

Das fast 3.000 m² große Friedhofsgelände ist von einer hohen Backsteinmauer umgeben; das in mehrere Begräbnisfelder eingeteilte Areal verdeutlicht die mehrfach vorgenommenen Erweiterungen des Friedhofs.

 jüdischer Friedhof

Eingangstor zum jüdischen Friedhof (Aufn. aus: steinheim-institut.de) - Friedhofsgelände (Aufn. K. u. B. Limburg, 2010)

 

In Giesenkirchen (mit Schelsen) bildete sich eine kleine jüdische Gemeinde in der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts; um 1800 zählte diese etwa 60 Angehörige. In der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts waren die Juden Giesenkirchens zunächst Teil der Gemeinde von Mönchengladbach, ab 1890 dann der Gemeinde Rheydt angeschlossen. Ein eigenes Bethaus bestand schon Anfang des 19. Jahrhunderts; in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts suchten die Juden die Synagoge in Rheydt auf. In den 1930er Jahren lebte hier nur noch eine einzige Familie. Der jüdische Friedhof „Am Düvel“ im Stadtteil Giesenkirchen (an der Konstantinstraße) wurde von 1876 bis 1902 belegt; neun Grabsteine sind auf dem ca. 500 m² großen Gelände noch erhalten.

Friedhof (Limburg, Aufn. 2011, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)  Jüdischer Friedhof

Im Jahre 2002 wurde bei Sanierungsarbeiten eines Privathauses eine Thora-Rolle gefunden, die aus der Synagoge in Rheydt stammt und vermutlich von dort in Sicherheit gebracht wurde. Die beschädigte Schriftrolle hat jüngst einen Platz im Rheydter Museum gefunden.

 

In Rheindahlen (vor 1878 Dahlen) - 1921 wurde der Ort in die Stadt Mönchengladbach eingemeindet - lebten Juden über Jahrhunderte hinweg; erstmalig urkundlich erwähnt werden sie in Kellereirechnungen des Amtes Brüggen von 1626/1627. Als Filialgemeinde der Rheydter Synagogengemeinde gehörten ihr zu Beginn des 20.Jahrhunderts aber nur noch wenige Familien an. Neben einem Betraum verfügten die Rheindahlener Juden seit ca. 1895 auch über einen eigenes Begräbnisgelände an der Hardter Straße, das einen älteren Friedhof „Am Jüddeberg“ ablöste.

Anfang der 1930er Jahre lebten ca. 20 Bewohner mosaischen Glaubens in Rheindahlen; Aus- und Abwanderung führten zur völligen Auflösung der Gemeinde. Die letzten beiden jüdischen Bewohner wurden 1942 deportiert.

Der noch vorhandene jüdische Friedhof am nördlichen Ortsausgang an der Hardter Straße/Broicher Straße ist das einzige noch sichtbare Zeichen, das auf einstiges jüdisches Leben in Rheindahlen hinweist; auf dem ca. 400 m² großen Gelände sind noch ca. 20 Grabsteine vorhanden.

jüdischer FriedhofJüdischer Friedhof Rheindahlen (Aufn. 2011, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

[vgl.  Mönchengladbach, Odenkirchen und Wickrath (Nordrhein-Westfalen)]

 

Weitere Informationen:

Hans Hoff, Materialien zu Rheydt in den Jahren 1929 - 1945, in: "Rheydter Jahrbuch für Geschichte, Kunst und Heimatkunde", Band 10/1973

Ludwig Hügen, Jüdische Gemeinden am Niederrhein - ihre Geschichte, ihr Schicksal, Willich/Niederrhein 1985

Heribert Schüngeler, Widerstand und Verfolgung in Mönchengladbach und Rheydt 1933 - 1945, in: "Beiträge zur Geschichte der Stadt Mönchengladbach 9", 2.Aufl., Mönchengladbach 1977

Günther Erckens, Juden in Mönchengladbach, in: Beiträge zur Geschichte der Stadt Mönchengladbach, Band 2: Jüdisches Leben in den früheren Gemeinden M. Gladbach, Rheydt, Odenkirchen, Giesenkirchen-Schelsen, Rheindahlen, Wickrath und Wanlo (Beiträge zur Geschichte der Stadt Mönchengladbach 26), Mönchengladbach 1989, S. 9 – 191, S. 489 – 494 und S. 533 - 536 (Anmerkung: sehr detaillierte Darstellung)

Doris Sessinghaus-Reisch, Sie waren und sind unsere Nachbarn. Spuren jüdischen Lebens in Mönchengladbach - Katalog zur Ausstellung des Stadtarchivs Mönchengladbach im Haus Zoar, Mönchengladbach 1989

Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus - Eine Dokumentation I, Hrg. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1995, S. 600/601

Andrea Kaufmann, Juden in Mönchengladbach-Rheindahlen, in: "Rheindahlen Almanach", Mönchengladbach 1997, S. 1 - 39

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 461/462

Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Teil II: Regierungsbezirk Düsseldorf, J.P.Bachem Verlag, Köln 2000, S. 194 ff.

Edgar Rütten/Andrea Scholz, Die Geschichte der Rheindahlener Juden nach dem Ersten Weltkrieg, o.O. 2002

Edgar Rütten/Andrea Scholz, Juden in Mönchengladbach-Rheindalen, online abrufbar unter: http://home.arcor.de/edgar.ruetten/history/juden/inhalt.html (Anm.: mit detaillierten Angaben zu den ehemals hier lebenden jüdischen Familien)

RP (Red.), „Wir waren völlig sprachlos und stumm“ - Synagoge vor 79 Jahren in Rheydt angezündet, in: rponline.de vom 9.11.2017